Neue Zeitung Budapest, 14. März 2008

Chronik vom Gastod eines Kindes im Dritten Reich

Es ist vielleicht keine Übertreibung zu behaupten, daß die literarische und historische Aufarbeitung des jüdischen Holocaust seit 1945 Tausende von Werken hervorgebracht hat. Im Gegensatz dazu nimmt sichdie Darstellung der Vernichtung von Sinti und Roma eher bescheiden aus. Noch weniger Aufmerksamkeit dürfte in den zurückliegenden dreiundsechzig Jahren die Kindereuthanasie erfahren haben. Der Leipziger Engelsdorfer Verlag hat nun Tino Hemmanns Roman "Der unwerte Schatz" vorgelegt. Chronik eines angekündigten Mordes, auch so könnte der Titel frei nach Gabriel García Márquez lauten. Einfühlsam und fast mit gespenstisch dokumentarischer Präzision spult Hemmann die wenigen Lebensjahre eines hochbegabten Kindes wie von einer Filmrolle ab. Am Ende der Lektüre stellt sich der Leser die bange Frage, ob eine so schreckliche Geschichte tatsächlich der Wahrheit entsprechen könnte. In einem Land, in dem der Tod ein Meister aus Deutschland ist, scheint schier alles vorstellbar zu sein. Nur mühsam kann die Phantasie Schritt halten mit der Wirklichkeit.
Der Roman vereint in sich mehrere Vorzüge. Zum einen dürfen wir eine gut geschriebene Geschichte lesen, die uns von der ersten bis zur letzten Seite in Atem hält, uns zusammen mit dem Kind leiden und hoffen läßt, die Katastrophe des Dramas möge nicht geschehen, obgleich wir alsbald schon wissen, daß sie ebenso unausweichlich wie in einer griechischen Tragödie eintreten wird. Zum anderen dürfen wir tiefe Einblicke in die Psyche eines hochbegabten und zweifellos psychisch kranken, unter günstigen Umständen indes durchaus heilbaren Kindes gewinnen sowie in das Verbrecherprofil gewissenloser Mediziner. Die wenigen, die sich gegen den Wahnsinn auflehnen, können gegen das Böse nichts ausrichten. Geschichtspessimismus und die Herrschaft des Bösen reichen sich die Hand. Herr Dr. von Rasch, ein kleiner, aber deshalb nicht minder gefährlicher, seine Chance, seiner bisher eher bescheidenen wissenschaftlichen Karriere einen wirksamen Schub zu verleihen, wenn es ihm gelänge, Hugo Hassels Gehirn labortechnisch zu untersuchen. Daß der psychisch gestörte Junge, der angesichts einer Kindheit, zu der brutale Mißhandlungen der Eltern zum Alltag gehören, eine zweite Persönlichkeit entwickelt, nicht geisteskrank ist, weiß der Doktor natürlich. Doch ebenso wie Graf Dracula das Blut von Jungfrauen braucht, um weiter existieren zu können, so kann und will der Doktor nicht mehr ohne das Gehirn Hugo Hassels leben. Daß Hugo mit seinem alter ego Fritz intensive Gespräche führt, ist natürlich nur als Hilferuf und Überlebensstrategie einer geschundenen Seele zu begreifen, nicht aber als organische Erkrankung. Die gepriesenen alten Griechen sollen ihre als Mißgeburten eingestuften Säuglinge von einem Felsen ins Meer geworfen haben. Platon propagiert in seiner Staatsidee Politeia sowohl die aktive als auch die passive Euthanasie. In der jüngeren Stoa wird Euthanasie stets dann gefordert, wenn physische und psychische Leiden vernunftgemäßes Bewußtsein und naturgemäßes sittliches Handeln bedrohen oder nicht mehr ermöglichen. Auch wenn die Kriege immer unmenschlicher werden, zeichnet sich die Neuzeit zum Glück doch durch ein Menschenbild aus, das jedem menschlichen Wesen die Unantastbarkeit seiner Würde garantiert. Aber selbst wenn sich einer der altgriechischen Auffassung theoretisch nicht verschließen sollte, dürfen wir uns dem Begriff vom unwerten Leben dennoch nicht unterordnen. Zu oft schon hat sich zufällig herausgestellt, daß ein Kind, wegen Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten in eine Hilfsschule abgeschoben, in Wirklichkeit den Hochbegabten zuzurechnen war.
Hugo Hassels Gastod wird im Roman durch das angedeutete Schicksal seines väterlichen Freundes, eines jüdischen Krämers, bereits vorweggenommen. Spätestens dann, als der Kaufmann, der Hugo lange Zeit die einzige Zufluchtstätte vor physischen und psychischen Mißhandlungen geboten hat, abgeholt und offensichtlich in ein Vernichtungslager verbracht wird, weiß der Leser, was Hugo und Fritz Hassel widerfahren wird.
Tino Hemmann gelingt mit seinem Roman ein beeindruckendes Gemälde des Naziterrors, das neben Imre Kertész´ Roman eines Schicksallosen zur Pflichtlektüre an den Schulen gehören sollte.

Hans-Henning Paetzke