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MARLER Zeitung vom 18.04.2007: Kindheit im Nationalsozialismus Euthanasie - Tino Hemmanns Rückblick hat Norbert Kühne aus Marl tief bewegt Geschichte. "Der unwerte Schatz" - nur wenige Bücher haben mich in den letzten Jahrzehnten so beeindruckt, wie diese Erzählung über eine Kindheit im Nationalsozialismus. Der Autor hat zehn Jahre recherchiert und aus den Informationen über die Kindereuthanasie im Osten Deutschlands eine fiktive Biografie über "Hugo Hassel" geschrieben. Hugos Vater prügelt exzessiv. Seine Mutter lässt das Kind in entscheidenden Momenten im Stich - familiäre Solidarität ist ein Fremdwort für sie. Mit konsequentem Erzählduktus wird die Verlassenheit dieses Kindes herausgearbeitet. Die beiden älteren Schwestern des Jungen blasen ins Horn der Mehrheitsfraktion der Familie. Hugo Hassel ist ein verlassenes Kind - allein in dieser Welt, in der es auf kurze oder lange Sicht keinerlei Vertrauen in ihn und seine Fähigkeiten gibt. Der Makel, nicht ganz richtig im Kopf zu sein - vermutlich die Folge der Prügel des Vaters - haftet dem Kind zusätzlich an. Hugo verhält sich in alltäglichen Situationen, als hätte er einen Zwillingsbruder neben sich - den er vor der Geburt schon verloren hat. Daraus entsehen zwar witzige Szenen, aber es ist nicht das Zeugnis für einen Knaben, wie ihn die braunen Schergen gerne haben möchten. Trotz der Fürsprache verschiedener Menschen, die dem Kind im Verlauf seines kurzen Lebens begegnen, gerät der intelligente Knabe immer mehr in die Maschinerie der faschistischen Kindervernichtung. Den ostdeutschen Lesern werden die Orte vertraut sein, die man mit der Euthanasie in Verbindung bringt. Das Konzept des Autors und die erzählerische Realisierung sind ergreifend. Die dokumentarische Linie wird in diesen Erzählfluss sehr geschickt eingewoben: Man erfährt an verschiedenen Stationen der Biografie konkrete Details der Kriegsverbrechen Hitlers und seiner Feldzüge gegen die europäischen Nachbarn ebenso wie die Einzelheiten zu sportlichen Ereignissen in Deutschland. Der Leser kann gut nachvollziehen, auf welchem geschichtlichen Hintergrund Hugo gerade leidet. Das Ende ist bedrückend. Das schuldet der Autor der Wahrheit und der Menschlichkeit. Diese Erzählung könnte als Buch verstanden werden, das für Kinder dieser Welt geschrieben - aber an Erwachsene gerichtet wird: schließt nicht die Augen, wenn Schwache hilfebedürftige Menschen von Ideologen und Verbrechern bedrängt werden. Dem Autor ist eine Erzählung gelungen, die kein Leser jemals vergessen wird. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||