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Lizzy-online vom 12.05.2007: Kein Urlaub für Kommissar Holger Hinrich: Vogelgrippe
Es war im letzten Jahr. Da hechelten die Medien, die Verbraucherminister, Mediziner und selbsternannten Experten dem Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland hinterher. Über Rügens Strände schlurften seltsame Gestalten in Astronautenanzügen. Selbst in Sachsen wurde eine komplette Geflügelfarm gekeult. Angst ist ein gute Thema für eine aufgepeitschte Medien-Hysterie. Angst ist auch eine gute Nebelwand, hinter der kriminelle Machenschaften passieren können, und keiner merkt's. Außer Holger Hinrich, Kripochef aus Leipzig.
Er ist der Held im nunmehr dritten Krimi des Leipziger Autors und Verlegers Tino Hemmann um den eigenwilligen Chef des Leipziger Kommissariats K 1. "Nomenclatura. Leipzig in Angst" heißt der erste Band, "500 Stufen über Leipzig" der zweite. Im dritten nun verschlägt es den Leipziger Kriminalisten beim wohl verdienten Urlaub in ein kleines Nest in Mecklenburg-Vorpommern - mit urigem Gasthof, viel Landschaft und einem See. Aber wie das so ist mit diesen ganz speziellen Kommissaren: Sie riechen das Unheil, wenn es auch nur in ihre Nähe kommt. Und was mit den Verschwinden eines Jungen beginnt, entpuppt sich nach und nach als Schlimmeres als nur eine Kindesentführung.
Als dann der nächste Junge verschwindet, nimmt die Ermittlungsarbeit der Schweriner Sonderkommission an Fahrt auf und Hinrich ist - er kann nicht anders - mittendrin in den Ermittlungen, hilft den Kollegen aus Schwerin mit seiner Erfahrung. Und hat auch wieder den richtigen Riecher für die heiße Spur. Die diesmal nach Rostock führt und in eine seltsame Welt, in der andere Regeln gelten und auf einmal obskure Kräfte walten. Die einem irgendwie vertraut vorkommen, nicht nur aus Orwells "1984", sondern auch aus einer medialen Gegenwart, in der eigentümliche Innenminister immer neue Vorstöße unternehmen, um die Rechte der Staatsmacht auszuweiten. Wo es um "Terrorismus-Bekämpfung" geht und ähnlich schwammige Dinge.
Da ist gut vorstellbar, dass auch Seuchen wie die Vogelgrippe zu dunklem Staats-Aktionismus führen und so seltsamen Begegnungen der staatlichen Beamten mit ihresgleichen. Und auf einmal gelten die üblichen Werte nicht mehr, gibt es "höhere Werte", über die nicht geredet werden darf. Mitwisser werden beseitigt, Spuren verwischt. Natürlich ist auch das wieder nur ein Roman.
Aber er passt in die Zeit. Und so recht will auch der kritischste Leser nicht sagen: Nun geht der Hemmann aber zu weit. Nun unterstellt der modernen Demokratie die selben Machenschaften, die seinerzeit auch die Tausendjährigen umtrieb, dieselbe Skrupellosigkeit im Umgang mit Recht und Menschlichkeit. Nein, sagt sich der frustrierte Leser: Genau das ist der Punkt, an dem Hemmann Recht hat. Genau diese Skrupellosigkeit taucht auch heute immer wieder auf, genau diese Vorstellung von einem anderen Recht jenseits der "weichlichen westlichen Demokratie". Genau das traut man den Herren zu, die glauben, die Demokratie nur mit undemokratischen Mitteln schützen zu können.
Was natürlich in summa bedeutet: Für den Krimi-Autor Tino Hemmann gibt es Stoff und Themen in Hülle und Fülle. Und sein Holger Hinrich hat das Zeug zu einem nicht ganz unscheinbaren "Leipziger Wallander", ist auch nicht so märig wie die ganze Nachfolgerschaft des Kollegen Derrick. Und nicht so gnadenlos taff wie die Kollegen vom privaten Fernsehufer. Die Mischung macht's. Und genau in dieser Mischung wird das Grauen fassbar, das da lauert hinter den ach so verantwortungsvollen Mienen der Minister, die uns alle immer vor allem schützen müssen.
Ralf Julke
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