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Leipziger Internetzeitung (www.l-iz.de) vom 03.12.2007: Leipziger Nächte sind lang oder Wenn Kindheit zum täglichen Schrecken wird von Ralf Julke "Alltags-Horror" untertitelt der Leipziger Tino Hemmann seinen neuesten Roman. Das trifft es nicht ganz. Manchmal stapeln Autoren tief. Aber: Wo stellt man so ein Buch hin? Einfach so zu Krimis? Zu Horror? Auch wenn man ahnt: Das gehört nicht neben die gebastelten Histörchen der Wallace, King und Co. Denn keiner all dieser Hochgelobten hat je auch nur versucht, die brutale Welt der Erwachsenen aus der Sicht eines Kindes zu schreiben. Oder besser: zu entlarven. Auch wenn man anfangs nicht so recht weiß, wo man mit dem zehnjährigen Maximilian da eigentlich gelandet ist. Irgendwo in einer Stadt ohne Licht und Farbe. Leipzig als Kulisse. Aber um Leipzig geht es nicht wirklich. Auch Köln, München oder Berlin könnte so ein Schattenreich abgeben, so ein Zwischenreich, in dem alles wie leergefegt ist, keine Menschen, keine Veränderung. Nur dann und wann das Aufblitzen dramatischer Szenen, Todesfälle, die sich draußen in einer unerreichbaren Wirklichkeit abspielen. Ein Rätsel für den Jungen, der schreiend Nacht für Nacht oder Tag für Tag in seinem Bett erwacht und nur Stück für Stück zusammenfügen kann, was ihm geschah, was ihn in dieses seltsame Reich der Schatten brachte. Wo er Iwo begegnet, auch so einem Gestrandeten. In immer neuen Begegnungen und Gesprächen mit dem Älteren versucht Maximilian sich zu erinnern, ruft die Szenen wach, die sich nach und nach zu einer Geschichte verbinden. Und für sich wahrscheinlich eine der emotionalsten Erzählungen sind, die bislang jemand darüber geschrieben hat, wie sich Kinder fühlen, die ihren Vater verlieren und dann erleben müssen, dass sich die eigene kleine Welt in einen Alptraum verwandelt. In diesem Fall durch einen Schwiegervater, der sich als gewalttätig, unbeherrscht und grausam entpuppt. Was für viele Kinder in Deutschland wahrscheinlich eher eine Regel ist als eine Ausnahme. Auch wenn man das nicht gern wahrhaben will und lieber über Elterngeld diskutiert und vernachlässigte Kontrollpflichten in Jugendämtern. Auch wenn es bei Hemmann in diesem Buch nicht um Armut geht. Zumindest nicht finanzielle. Aber um emotionale schon. Und um den Schrecken, den Typen wie Conrad verbreiten. Echte Kerle, wie sie sich wahrscheinlich nennen würden, hart im Nehmen, Saufen und Austeilen. Vorbilder, denen auch der sächsische Kultusminister keine Kinder anvertrauen würde, wenn er sie einmal kennen lernen würde. Und bei denen er sich hüten würde, an sie zu appellieren, wenn es um die Bildung der Kinder geht. Jener Kinder nämlich, die immer die schlechten Karten ziehen. Und denen im heimischen Umfeld oft, viel zu oft die Vertrauensperson fehlt, bei der sie Schutz finden. Wenn dann auch noch das Unverständnis der Lehrer dazu kommt, die die Signale nicht verstehen und wieder die Eltern anrufen als Gerichtsinstanz für das "störrische Kind" - dann wird das junge Leben zum Ping-Pong-Spiel. Und das Kind ist der Ball. Dass Maximilian auch noch seinen Freund Leon verliert, weil auch dessen Eltern den leichteren Weg gehen, sorgt endgültig dafür dass der Junge mit seinen Problemen allein bleibt, auch bei seiner "Mami" keinen Schutz findet. Es ist eine genaue Geschichte, eine beklemmende Geschichte. Weil bei aller Phantastik bald klar ist: Da spiegelt sich eine Wirklichkeit, in der viele Leipziger Kinder tatsächlich aufwachsen. Eine Wirklichkeit, in der sich Hilflosigkeit in Gewalt verkehrt, in der "Familienbande" nur noch ein Etikett sind. Und in der staatliche Helfer oft tatsächlich die einzige Hilfe sind. Zuweilen auch Vereine wie Fairbund, die Kindern und Eltern ihren Beistand anbieten, das kleine bisschen Rückhalt, das die Betroffenen in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft oft nicht mehr finden. Die Hilfe reicht bei Weitem nicht für alle. Und immer wieder fallen Kinder durch das Hilferaster, werden zur Schlagzeile. Und die Schlagzeilen sind fett und rot: "Warum?" - Viele kleine Antworten stecken in den Geschichten von Tino Hemmann. Immer wieder macht er Kinder zu Helden seiner Bücher, betrachtet die Welt der Erwachsenen aus dem Blickwinkel der kleinen Abhängigen, die ratlos versuchen, alles richtig zu machen. Es ist wieder so ein Buch, das der keineswegs unwichtigen Frage nachgeht: Wie gehen wir mit unseren Kindern um? Wie kinderfreundlich sind wir tatsächlich? - Verpackt in eine Geschichte wie ein kleiner Kriminalroman, in dem die Lösung des "Falles" am Ende nicht so zu erwarten ist. Und das Happyend ist kein Happyend. Und man legt das Buch dann nicht zu Wallace und Co. Weil es da wirklich nicht hingehört. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||