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Aus unserer Rubrik Archiv Leipziger Bücher: In den Mühlen der Mörder: Tino Hemmanns Der unwerte Schatz veröffentlicht von: Ralf Julke am Dienstag, 27. September 2005 Der 1. September 1939 war nicht nur der Tag des deutschen Überfalls auf Polen. Es war auch der Tag, an dem Adolf Hitler in einem Erlass das Töten unwerten Lebens erlaubte, umschrieben mit dem Euphemismus Gnadentod, in die Geschichtsbücher eingegangen durch den irreführenden Begriff Euthanasie. Kann man über so ein Thema überhaupt einen Roman schreiben? Der Leipziger Tino Hemmann hat es getan. Die Faktenlage allein beeindruckt kaum. 70.237 Personen verzeichnet die Abschlussbilanz der so genannten Euthanasieaktion T4, die Hitler mit seinem Erlass 1939 einleitete und die erst im September 1941 offiziell beendet wurde, gefunden von einem amerikanischen Offizier in einer Stahlkassette auf Schloss Hartheim. Dass die Aktion überhaupt offiziell beendet wurde, hat seine Ursache in den unüberhörbaren Protesten des Bischofs Clemens August Graf von Galen in Münster, der die Ermordung Unschuldiger von der Kanzel herab anprangerte. Dass die Morde mit dem 1. September 1941 tatsächlich aufhörten, ist eher fraglich. Dr. Horst Schumann, jener Arzt, der auf dem Sonnenstein in Pirna allein für die Tötung von 14.000 Menschen verantwortlich war, wurde anschließend KZ-Arzt in Auschwitz und konnte sein Wissen um effektive Tötung dort zur Perfektion ausfeilen. Der Mann ist beispielhaft für das, was verantwortliche Ärzte des Dritten Reiches nach Kriegsende tatsächlich an Verurteilungen zu erfahren haben (selbst der Brockhaus spricht von einer Verurteilung in zahlreichen Fällen). Sein Verfahren endete 1969 mit einer erklärten Verhandlungsunfähigkeit, ein Befund, der viele Prozesse gegen die Täter des nationalsozialistischen Regimes platzen ließ. Ein Grund auch dafür, dass die angeordnete Tötungsaktion, der nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 100.000 Menschen zum Opfer fielen, bis heute eher ein marginales Thema bei der Aufarbeitung der Geschichte des Nazi-Reiches ist. Ein erschreckendes Thema, denn hier waren Ärzte die Täter, jene Mitmenschen also, denen Leben und Gesundheit der Menschen eigentlich das oberste Gut sein sollten. Ein brisantes Thema auch deshalb, weil - mit scheinbar wissenschaftliche Akribie - erstmals daran gegangen wurde, Menschenleben zu taxieren, in wert und unwert zu unterscheiden. Und das Beachtenswerte dabei ist der klare wirtschaftliche Faktor, der hier zum Maßstab wurde: Waren die Menschen in der nazistischen Kriegswirtschaft einsetzbar oder nicht? Und: Wieviel Geld konnte man SPAREN, wenn man die teure Betreuung durch eine wirtschaftliche Tötung ersetzen konnte? - Menschenleben unter dem Diktat wirtschaftlicher Effizienz? Da erzähle mal keiner, mit der Niederlage des Regimes 1945 sei das Denken ihrer Akteure obsolet geworden! Das ist es bis heute nicht. Und das gibt der gegenwärtigen Euthanasie-Debatte auch einen historisch sehr brisanten Anstrich. Erledigt ist das Thema nicht. Welche Folgen es hat, wenn wieder scheinbar ganz kaufmännisches Kalkül entscheidet, welcher Mensch leben darf und welcher nicht, das kann nur einer schildern, der sich - wie Hemmann - hineinbegibt in das Denken und Fühlen eines Betroffenen. In diesem Fall des am Heiligabend 1931 geborene Hugo Hassel, der durch Schikane in frühester Kindheit eine multiple Persönlichkeit ausgebildet hat. Ein hellwacher Junge mit überdurchschnittlicher Auffassungsgabe, der aber gerade dadurch, dass er anders ist und in das platte Weltbild seines prügelwütigen Vaters nicht passt, für die Aussortierer, Rasse-Reinerhalter schnell zum Fall wird. Zu einem wissenschaftlichen noch dazu. Die Euthanasie-Gesetzgebung hat auch den Zugriffsmöglichkeiten gewisser Ärzte Tür und Tor geöffnet. Sie gab ihnen alle Möglichkeiten in die Hand, sich ihres Materials zu bemächtigen. Auch das spielt in der Geschichtsschreibung selten eine Rolle: Wie aus Menschen mit all ihren Lebensrechten in diesem Regime reine Bilanzgrößen wurden, wirtschaftlich verfügbare Einheiten, in Hugos Fall: ein zur Sektion bestimmtes Objekt. Und damit tatsächlich ein rechtloses Menschenwesen. Ist nur die Frage: Kann man das noch schildern? Ist das nicht in zahlreichen - auch guten Büchern, immer wieder und wieder versucht worden? - Hemmann kann es, denn er schildert Hugos Odyssee auch als eine Odyssee zu Menschen, die sich - in unterschiedlichster Weise - ein menschliches Herz bewahrt haben, noch mitfühlen können und dementsprechend handeln: ein Lehrer, ein Pfleger, ein Pfarrer. Auch das wird gern vergessen, dass deutscher Widerstand oft nur ein mutiger Versuch sein konnte, zu helfen, wo geholfen werden konnte, der Macht zu widerstehen, der knallharten Kälte jener, die mit Krieg und Mord ihre Geschäfte machten. Auch das ist ein selten bedachter Aspekt: Dass es eiskalte Geschäftemacher waren, die die Maschinerie des Dritten Reiches ölten und zu jener Perfektion vervollkommneten, die am Ende so erschreckend offen zu Tage lag. Eine Maschinerie übrigens, die kaum ein Entkommen zuließ. Vielleicht übertreibt man nicht, wenn man die Täter des Dritten Reiches als Manager des Todes beschreibt. Und wenn man - mit solch eindringlicher Menschlichkeit wie Hemmann in seinem Buch - davor warnt, Menschenleben wieder zu kalkulatorischen Größen in Wirtschaftsbilanzen zu machen. Selbst wenn es nur die Bilanzen geltungssüchtiger Forscher sind. Da gehören Menschen nicht hin. Genausowenig, wie wirtschaftliches Kalkül die Grundprämisse für eine menschliche Gesellschaft sein kann. So weit weg davon, genau wieder diesem Denken aufzusitzen, sind wir augenscheinlich nicht. Und so klein kann man die Frage gar nicht schreiben: WIE WICHTIG IST UNS JEDES EINZELNE MENSCHENLEBEN? Hugo Hassel hat zwar so nie gelebt. Hemmann hat ihn erfunden, um den blanken Zahlen in den Totenlisten ein Gesicht zu geben, das Gesicht eines Jungen, mit dem man sich gern einmal getroffen hätte - auf dem Bolzplatz, im Kartoffel-Camp. Er steht für eine Faszination, die kluge, wache, neugierige Mitmenschen auf andere auszuüben vermögen. Er steht auch für die ebenso große Frage: Hätte er heute eine Chance? Oder haben wir nicht - dummerweise - auch ein Schulsystem, das wieder einmal Effizienz und Lehrplantreue als wichtigste Ziele propagiert? - Es ist auch der Traum des Autors von einem wacheren Leben, einer unbändigen Neugier auf die Welt ringsum. Der Stachel der Nazi-Diktatur sitzt tief in dieser Gesellschaft. Mit allen Folgen. Auch mit der Folge, dem Andersartigen nach wie vor mit Misstrauen, Angst und Verschlossenheit zu begegnen. Hugos Geschichte ist keine vergangene Geschichte. Sein Kummer ist unter uns. Und sicher kann, wer das Buch liest, den Kummer teilen. Aus den USA und Polen wurde schon signalisiert, das Buch baldmöglichst zu übersetzen.
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