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Kevin hörte die schweren Tritte. Grelles Licht blendete. Im Licht stand eine merkwürdige Figur. Allmählich wurden die Konturen klarer. Kevin wollte unter das Bett kriechen, doch eine starke Hand hielt ihn fest. Für einen Moment sah Kevin den unglaublich riesigen Außerirdischen in seinem Schutzanzug. Kein Schrei kam über die Lippen des Kindes. Dazu war es zu spät, denn die grobe Plastikhand legte sich über Kevins Gesicht, drückte seinen Kopf tief in die alte Matratze des Bettes. Kevin blieb die Luft weg. Im gleichen Augenblick spürte er einen Stich im Hals, eine Flüssigkeit verteilte sich brennend in seinem Körper. Die Hand ließ Kevins Kopf los. Hinter dem dunklen Glas des Helmes schauten unsichtbare Augen auf das Opfer.

Kevin sah, dass die fremde Gestalt eine Spritze in einem kleinen Koffer verschwinden ließ, diesen zuklappte und anschließend über die Treppe verschwand. Es wurde wieder dunkel.

Kevin griff sich an den Hals.

Er brannte nach der Injektion.



Regelmäßig warf jemand eine Plastikflasche mit Wasser hinunter, manchmal etwas Brot. Kevin musste häufig husten, bekam einen schrecklichen Schnupfen. Seine Gelenke schmerzten mehr und mehr, Fieber kam hinzu. Er fühlte sich schrecklich matt, verfiel in eine Lethargie, die selbst die Träume von ihm fernhielt. Nur selten vernahm der Junge ein Geräusch, das von oben kam.



15



Claudia Semmer lenkte auf den Parkplatz im Zentrum von Stadtklaven, einem Städtchen, viereinhalb Kilometer nördlich von Zellerau. Auf dem Parkplatz herrschte gähnende Leere. Wer ging schon in der Mittagshitze einkaufen? Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein silberner Transporter. Matti trottete der Mutter nach, ließ sich einen Euro für den Korb geben und holte den Einkaufswagen. Drinnen war es angenehm kühl.

»Tach«, meinten Matti und seine Mutter gleichzeitig.

Eine junge Frau an der Kasse lächelte freundlich.

»Darf ich mir ein Eis holen und draußen warten?« Matti sah die Mutter flehend an.

Ein Nein war bei dieser Hitze ausgeschlossen. »Zeig es der Frau an der Kasse.« Claudia Semmer lächelte ihrem Sohn zu. »Aber bleib in der Nähe!”

Schon rannte Matti zwischen den Regalen hindurch zur Tiefkühltruhe, suchte sich ein Eis heraus und lief zur Kasse. Er legte es auf das schwarze Band. »Meine Mutti bezahlt das gleich.« Matti beobachtete, wie die Verkäuferin das Eis einscannte und der Bondrucker einen Moment ratterte.

»Geht schon klar, lass es dir schmecken.«

»Danke.« Der Junge griff nach dem Eis, lief hinaus und setzte sich auf eine Mauer in den Schatten.

Währenddessen suchte Claudia Semmer zusammen, was im Haushalt benötigt wurde. Ein paar Minuten später, lagen die Waren auf dem schwarzen Band und die Kassiererin scannte sie nacheinander ein.

»Haben Sie Leergut mit?«

Claudia Semmer schüttelte den Kopf. Sie versuchte hinauszuschauen. Sie konnte Matti nicht sehen, die Fensterscheiben waren mit Werbeplakaten beklebt.

»Siebenunddreißig Euro und vierzig Cent bitte.« Die Kassiererin streckte ihre Hand aus.

Beim Bezahlen fiel Frau Semmer ein Eurostück aus der Hand und rollte unter die Verkleidung der Kasse. Es dauerte einige Momente, bis der Euro gefunden war. Mattis Mutter fuhr mit dem Einkaufswagen durch die großen Türen, die sich automatisch öffneten. Ihre Augen suchten den Parkplatz ab. »Matti?« Von ihrem Sohn war nichts zu sehen. Plötzlich ließ Claudia Semmer den Einkaufswagen los, der eine flache Rampe hinabrollte und an einer Kante zu stehen kam. »Matti!«, brüllte sie.

Ihr Gesicht wurde aschfahl, langsam ging die Frau in die Knie. Ihre Finger griffen nach dem zerlaufenen Eis, von dem der Junge nicht viel gegessen haben konnte. »Matti«, sagte sie flehend, dann sank sie zu Boden und blieb ohnmächtig liegen.

Erst zwanzig Minuten später fand ein älterer Mann die Bewusstlose, ging eilig in den Verkaufsraum und rief: »Schnell, rufen Sie den Rettungsdienst! Draußen liegt eine Frau!«



Am frühen Nachmittag tauchten verschiedene Fahrzeuge der Polizei auf. Der Bereich rund um die Verkaufseinrichtung in Stadtklaven wurde mit rotweißen Polizeibändern abgesperrt. Man versuchte Spuren zu sichern und befragte Anwohner, die Verkäuferin und den alten Mann.

Am Abend meldete sich der Tankwart einer privaten Tankstelle bei der Polizei. Er wies darauf hin, dass sich kurz vor dem Vorfall, der sich in Windeseile herumgesprochen hatte, ein silberner Mercedes-Transporter an der Tankstelle aufgehalten hatte. Ein Mann hätte zwei gekühlte Getränke-Büchsen und eine Packung Kaugummi gekauft. Sein Alter wurde auf Mitte vierzig geschätzt. Er trug einen dunklen Anzug und eine auffallend große Sonnenbrille.

Matti Semmer blieb verschwunden.

Nur seine Sandalen fand man an der Zufahrt des Aldiparkplatzes.



16



Görkes, Dorfstraße.

»Wo ist denn die Siebzehn?« Hinrich hatte angehalten und fragte eine ältere Frau, die im Vorgarten Blumen goss.

»Die Siebzehn?« Sie stellte Gießkanne auf den Boden. »Da vorn, wo die Fahne weht. Bei den Russen.«

»Russen?«

»Na, der Autohändler. Das sind Russen. – Lassen Sie sich nur nicht übers Ohr hauen. – Sieht doch noch gut aus, Ihr Auto, wollen Sie das verkaufen?«

Hinrich lachte. »Nee, nee, das ist Volkseigentum. Das darf ich nicht verkaufen. Und danke für die Hilfe.« Hinrich stieg ein und fuhr hundert Meter weiter.

»Kukin und Kukin – Gebrauchtwagenhandeler« stand auf dem Schild an der Umfriedung des Grundstücks. Verschiedene Fahrzeuge warteten auf dem Hof auf Käufer. Zettel mit der Aufschrift »Billig und gut« klebten innen auf den Frontscheiben.

Hinrich sah sich einen Renault 19 näher an, um den Verkäufer aus dem Schatten zu locken. Sein Plan ging auf.

Ein junger Mann näherte sich. »Wollen kaufen? Ist guter Preis. Gute Auto. Alles neu ist TÜV.«

Hinrich drehte sich um. »Nee, will nicht kaufen. Hab schon Auto. Will Fragen stellen.«

»Fragen?«

»Sind Sie Herr Kukin?« Hinrich hielt seine Polizeimarke hin und steckte sie wieder ein.

Der Mann nickte.

»Und welcher von beiden?«

»Ich Kukin Zwei. Die erste ist mein großer Bruder. – Was sind das für Fragen? Muss ich holen Anwalt?«

Hinrich lächelte. »Nein, nein. Ich ermittle in einem Fall, in dem wir die Besitzer von roten Kadett-Kombis aufsuchen müssen. Und einer davon ist bei Ihnen angemeldet.«

»Kadett? Krasnyj? Kadett ist Opel. Ist verkauft vor viele Zeit. Ist sehr alt Ihre Information. Ist gewesen in wesna, verstehen, nach Winter.«

»Im Frühling ...«

»Ja. Wesna. Sag ich.«

»Können Sie das beweisen? An wen ist das Fahrzeug verkauft worden?«

»Verstehe nicht. Muss holen Bruder. Moment bitte.« Der Mann drehte sich zu einem Blechcontainer um. »Serjoscha! Wobros, Problema!«

Die Tür des Verkaufscontainers öffnete sich, ein Hüne rückte seine Trainingshose und dann das Gemächt zurecht. »Schto?«, fragte er mit tiefer sibirischer Stimme.

Kukin Zwei sagte einige Dinge in Russisch, die Hinrich recht gut verstand. »Dieser Mann ist von der Polizei und will wissen, wem wir den alten, roten Kadett verkauft haben.«

Kukin Eins musterte Hinrich einige Momente, dann blickte er zur leeren Straße. »Kommen Sie bitte«, sagte er fast akzentfrei.

Hinrich folgte dem großgewachsenen Glatzkopf in den Verkaufscontainer.

»Setzen Sie sich, bitte schön. Möchten Sie etwas trinken? Ich habe Kaffee oder Wasser.«

Hinrich nahm Platz und lächelte. »Oh, gern, ja, etwas Wasser wäre mir sehr recht.«

Der Hüne nahm eine Wasserflasche aus einem altmodischen Kühlschrank, dann ein Glas aus einem Schrank und goss Hinrich ein. »Bitte schön. – Was hat er gemacht mit unserem Auto?«

»Eine Vermutung. Nur eine Routinekontrolle.«

»Es ist wegen des Kindes?« Der Russe klopfte auf eine Bildzeitung. »Nicht wahr? Was soll sonst passiert sein in der deutschen Taiga?«

Hinrich staunte. Er trank das wohltuende Wasser und stellte das Glas auf den Bürotisch. Währenddessen suchte Kukin Eins in den Akten. »Ja, es ist wegen des Kindes.«

»Ist ein komischer Mensch gewesen. Heinz Gottlob. Geboren am dritten August 1935. Wird in ein paar Tagen zweiundsiebzig. Wollte lange nicht bezahlen. Er hat das Auto nicht angemeldet. Er wohnt in Görkes. Manchmal fährt er mit dem Auto. Ich habe es gesehen. Sehr selten. – Da.« Er zeigte auf einen Kaufvertrag. »Am vierundzwanzigsten April, hat er unterschrieben. – Vielleicht ist ihre Spur richtig. Bitte sagen Sie keinem, was ich gesagt habe. Es ist nicht leicht für uns zu überleben.«

»Kein Wort, versprochen«, versicherte Hinrich. »Kann ich davon eine Kopie haben?«

Kukin nickte, schaltete ein Faxgerät an, stellte auf Kopiermodus und ließ das Blatt durchlaufen. »Wissen Sie, ich habe auch zwei Kinder. Es gibt viel Ärger wegen meiner Herkunft. Ich habe keine Heimat und die Kinder haben auch keine. Hier nicht und dort nicht. Verstehen Sie? Aber es geht so. Es wird immer weitergehen, auch wenn der Traum nicht Wirklichkeit wird. Aber, wenn so etwas mit meinen Kindern passiert, ich weiß nicht, was ich dann zu tun in der Lage wäre.«

Hinrich blickte auf die Kopie. »Dorfstraße 1. – Das ist in Richtung Zellerau, am Dorfausgang?«

»Ja. Ein altes, kaputtes, kleines Haus auf der linken Seite. Er wohnt dort mit seiner Schwester. Sie werden es nicht übersehen können. – Werden Sie eine Razzia machen?«

»Ich nicht.« Wieder lächelte Hinrich. »Wenn, dann tun das andere. Jedenfalls bedanke ich mich für die Kooperation.«