[...]



Oliver blickte sich suchend um. Die letzte Stunde fiel aus. An jedem anderen Tag hätte er sich darüber gefreut. Doch an diesem Tag ...

Von Frankes Clique war noch niemand zu sehen. Eilig durchquerte Oliver das Treppenhaus der Schule und sprang über mehrere Stufen zum nächsten Absatz. Fast wäre er über den kleinen Jungen gefallen, der ihm unerwartet im Weg stand.

»Was machst denn du hier?«, raunte Oliver.

Elias schaute zu ihm hinauf. »Ich geh da nicht mehr hin«, flüsterte der Kleine und verzog seinen Mund.

Oliver zerrte Elias in den Raum zwischen den Flügeltüren und der Haustür der Schule. »Wie? Wohin willst du nicht mehr gehen?«

Der Sechsjährige weinte. »Die im Kindergarten sind alle blöd und gemein.«

Der größere Junge ging in die Hocke. »Dann geh zu einer Erzieherin und petze!«

»Ich will nicht. Kannst du mich nicht mitnehmen?«

»Ich soll dich ins Heim mitnehmen?« Oliver schüttelte den Kopf. »Das darf ich nicht. Ich müsste ja jetzt sogar selbst eine Stunde auf den Bus warten.«

»Und? Tust du’s?«

»’türlich nicht. Ich lauf meine Abkürzung durch den Wald.«

»Nimm mich doch mit!«, forderte Elias erneut. »Sonst sag ich’s.«

Oliver klemmte das Kinn des Kleinen zwischen seine Finger. »Hör zu, du kleiner Hosensch... – Niemandem wirst du was sagen!«

»Also nimmst du mich mit?«

Wieder aufrecht stehend blickte sich Oliver um. Er hörte Schritte auf der Treppe und laute Stimmen. »Gib mir deinen Ranzen!« Oliver nahm Elias den Ranzen vom Rücken, ergriff dessen linke Hand und zog ihn mit sich. »Los, schnell! Uns darf niemand sehen.«

Gegenüber der Schule stand ein schwarzes Fahrzeug mit laufendem Motor im Halteverbot. Ohne das Fahrzeug wahrzunehmen, flitzten beide Jungen die Straße entlang Richtung Hauptstraße, blieben nicht an der Fußgängerampel stehen, sondern rannten hinüber, als der Verkehrsstrom auf der Bundesstraße stockte. Auf der anderen Seite liefen sie durch einen schmalen Durchgang, einen Feldweg hinauf und dann in ein kleines Wäldchen. Dort hielt Oliver an, schaute sich um und holte tief Luft.

»Los, weiter!«, rief er. »Wir sind bald da.«

Das Kinderheim lag abseits des Ortes in einer überschaubaren Siedlung.

An einem Straßengraben am Waldrand warf Oliver Elias’ Schultasche auf die andere Seite, hob den Kleinen hoch und sprang mit ihm hinüber. Kurz darauf liefen sie ein Stückchen auf dem linken Randstreifen einer wenig befahrenen Landstraße.

Von hinten näherte sich ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit. Oliver blickte sich kurz um, sah nur, dass das Fahrzeug schwarz war und lief weiter.

Schnell hatte das Auto sie erreicht. Es bremste scharf. Sofort öffneten sich die beiden Türen auf der Fahrerseite. Bevor die Jungen etwas tun konnten, wurde es dunkel um sie herum. Sie konnten nicht verhindern, dass etwas, das sich wie ein Sack anfühlte, über ihre Köpfe gestülpt wurde. Beide versuchten, sich zu wehren, doch irgendwer zerrte sie in das Auto und die Türen knallten zu. Elias schrie, es folgte ein dumpfer Schlag, dann war Ruhe. Ein kräftiger Mann hielt auf der Rückbank Olivers Arme fest. Der Junge wollte sich aus dem Griff befreien, hatte jedoch keine Chance.

»Hör zu, Oliver Dreh«, sagte eine tiefe Stimme vom Fahrersitz. »Erinnerst du dich an deine letzte Nacht in Dresden?«

»Ich war noch nie in Dresden!«, schrie Oliver unter dem Sack, dann wurde ihm der Mund zugehalten.

»Doch, das warst du. Streite nicht mit uns, du ziehst ja doch den Kürzeren.« Die Stimme klang ruhig und gelassen.« Du hast in jener Nacht einen Laptop aus einem S-Klasse-Mercedes gestohlen. Und genau den möchten wir wiederhaben. Und zwar in demselben Zustand, wie er in Dresden war. Verstanden? Du wirst niemandem auch nur ein Wort sagen, schon gar nicht der Polizei. – Kennst du den Film ›48 Stunden‹ mit Nick Nolte und Eddie Murphy? Genau die gleiche Zeit geben wir dir. Tust du nicht, was wir sagen, stirbt dein kleiner Freund und kurz darauf werden wir dich finden. Und – das verspreche ich feierlich – du wirst das gleiche Schicksal erleiden wie die netten Tierchen in eurem süßen, kleinen Waisenhauszoo.«

Der Wagen ruckelte.

»Nimm diesen Zettel und pass gut darauf auf. Wenn du beschafft hast, was uns gehört, dann ruf uns an«, sagte die tiefe Stimme.

»Aber ich ...«, wollte Oliver erwidern, doch die Tür hatte sich bereits geöffnet. Während das Auto beschleunigte, wurde der Junge mit einem Tritt hinausgestoßen.

Mit den Handflächen versuchte Oliver, den Sturz abzufangen. Er überschlug sich und rutschte über das Kiesbett in den Straßengraben. Seine Hände brannten. Er riss sich den Sack vom Kopf, warf ihn von sich und kroch hinauf zur Straße. Das Auto war verschwunden. Ein leichter Wind drohte, den Zettel, den er eben noch in der Hand gehalten hatte, wegzuwehen. Der Junge kroch hinterher, fing das Stück Papier ein und steckte es in seine Gesäßtasche.

»Elias!«, wimmerte Oliver und tauchte erneut in den Straßengraben ab. Er hörte Sirenen, die rasch näher kamen. Einige Fahrzeuge rasten dicht an dem Jungen vorüber und bogen wenige Meter weiter in die Straße ein, die zum Heim führte. Es waren mehrere Einsatzwagen der Feuerwehr und ein Audi mit Blaulicht auf dem Dach.

Schwer atmend lag Oliver auf dem Rücken im Graben, dann kroch er erneut zur Straße, erhob sich und humpelte los. Er lief zunächst ein paar Meter in die falsche Richtung, blieb dann kopfschüttelnd stehen, machte kehrt und humpelte in Richtung des Heimes. Seine Handflächen waren aufgerissen, sie brannten und bluteten. Das echte, vernichtende Feuer jedoch war an einem anderen Ort.

Der Geruch von Qualm hing in der Luft.



*



»Brand unter Kontrolle! Wasser halt!« Der Nebel löste sich allmählich auf. Der schreckliche Brandgeruch blieb. Verkohlte Balken ließen nur noch erahnen, dass hier eine Stunde zuvor noch ein Stall gestanden hatte. Wie versteinert standen die Heimkinder auf der Terrasse der alten Villa. Conrad Kaufmann hielt den dreizehnjährigen Tom umschlungen, der sich loskämpfen und zum Stall rennen wollte. Toms rote Locken klebten an der Stirn, immer wieder stotterte der Junge: »Ka-ka-katze – Po-po-pony ...« Zwischendurch weinte und schniefte er.

Zwei Feuerwehrleute, gefolgt von einem kräftigen, älteren Herrn, untersuchten den Brandherd. Die ersten Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr rückten ab.

»Keine Frage: Brandstiftung«, sagte Kriminaloberkommissar Holger Hinrich und betrachtete die verkohlten Tierkadaver. »Den Benzinkanister haben wir schon gefunden.«

Einer der Feuerwehrmänner zog sich die dicken Handschuhe aus. »Kein Wunder, dass es sofort lichterloh gebrannt hat. Hier ist nichts mehr zu retten. Brandnester sind nicht vorhanden.«

Hinrich nickte und drehte sich um. Er sah den Heimleiter mit den Kindern auf der Terrasse der Villa stehen und lief zu ihnen hinüber.

»Können wir mal kurz?« Die Frage war an Conrad Kaufmann gerichtet. Mit der linken Hand fuhr der Kommissar unbewusst durch Toms wüsten Haarschopf. »Wenn ihr mir helft, dann helfe ich euch, dass wir denjenigen finden und bestrafen, der euch das angetan hat«, sagte er, zu den Kindern gewandt. »Und jetzt beruhigt euch erst mal.«

»A-a-a...«

»Ja, Tom«, meinte Kaufmann. »Sie sind tot, das kannst weder du noch kann ich es ändern. Aber wir werden einen bestimmt neuen Stall bauen können. Und bestimmt helfen uns die Sponsoren, dass wir bald wieder ein paar Tiere haben.«

Helga Funke tauchte auf, Oliver Dreh im Schlepptau, der die letzten verbrannten Balken der Scheune zusammenfallen sah.

Oliver betrachtete Hinrich andächtig. Dem fiel der Blick des Jungen sofort auf.

»Ich übernehme die Kinder und Sie den Kommissar«, legte Helga Funke fest. »Los, kommt mit, Kinder!« Sie ergriff Toms Hand und zog ihn einfach mit sich.

»Gehen wir in mein Büro.« Kaufmann lief vornweg, Hinrich folgte ihm. Oliver, der Helga Funke nicht gefolgt war, blieb unschlüssig vor dem Büro stehen.

»Haben Sie einen Verdacht, wer für diese Schweinerei verantwortlich sein könnte?«, fragte Hinrich den Heimleiter.

Dieser nickte. »Aber wirklich nur einen Anhaltspunkt, mehr nicht. Die Beweise müssten Sie ...« Lautstark meldete sich Kaufmanns Handy. Er blickte auf das Display. »Entschuldigen Sie. – Gemeinnützige GmbH Kinderheim Ma... Ja ... Hallo. Oh ... Das Nasenbein? ... Krankenhaus? Lore? Tut mir leid, aber ... Wie? Elias? Der muss doch im Kindergarten ... Was heißt hier vergessen? Ich ... Ich melde mich!« Kaufmann blickte sich suchend um und befahl: »Olli! Zu mir!« An den Kommissar gerichtet fuhr er fort: »Sorry, aber ein einziges Problem wäre deutlich unter dem Schnitt pro Stunde in diesem Irrenhaus.«

Oliver betrat zögernd das Büro und blieb vor Kaufmann stehen. Seine schmerzenden Hände hielt er hinter seinem Rücken versteckt.

»Wo ist Elias?«

Die Frage dröhnte in Olivers Ohren und hallte tausendfach wider. Der Junge zuckte mit den Schultern und blickte dabei zu dem fremden Mann.

Kaufmann zeigte auf den eigenen Mund. »Hast du das gerade gesehen? Meine Lippen haben sich bewegt. Sie haben dir eine Frage gestellt. Und ich will jetzt gleich, auf der Stelle, eine Antwort! Ich will, dass sich auch deine Lippen bewegen. Wo – verdammt noch mal – ist Elias?«

»Ich weiß es nicht!«, schrie Oliver. »Du bist doch Heimleiter! Woher soll ich das denn wissen? Du hast ihn doch zum Kindergarten gebracht!«

Kaufmann öffnete den Mund, doch Hinrich hielt ihn von weiteren Fragen ab. Der Heimleiter drückte Oliver mit den Schultern gegen die Wand neben seiner Bürotür. »Du rührst dich hier nicht weg. Verstanden?«

Respektvoll nickte der Junge.



*



Hinrich öffnete die Tür. »In Ordnung, Oliver Dreh. Komm rein!«

Ganze dreißig Minuten hatte Oliver gewartet. Susi hatte ihm ein trockenes Brötchen in die Hand gedrückt, weil er sich geweigert hatte, den Platz neben der Tür zu verlassen.

Nun schlich der Junge dem Kripomann hinterher. Seine Beine waren butterweich. Im Flur warf er noch einen Blick auf die große Bahnhofsuhr, deren Sekundenzeiger unablässig im Kreis marschierte. Oliver rechnete unbewusst im Kopf: Noch dreiundvierzig Stunden und vierzehn Minuten!

Im Büro des Heimleiters stand er verloren an der Tür.

»Herr Kaufmann, lassen Sie uns kurz allein?«

»Sicher.« Ein vorwurfsvoller Blick zu Oliver, dann räumte Brummer das Feld. Die Tür fiel derb ins Schloss.

Oliver sah auf die Schuhe des alten Kommissars. Der drückte mit einem Finger das Kinn des Jungen hoch, sagte zunächst nichts und schaute ihn lediglich mit tiefbohrenden Blicken an.

»Setz dich!«, meinte Hinrich schließlich und blieb selbst stehen. Er ging zum Fenster, sah lange Zeit hinaus. Dann wandte er sich wieder dem Kind zu. »Jemand hat dich gesehen, als du mit dem kleinen Elias Miller die Schule verlassen hast. Der Fehler, dass Elias aus dem Kindergarten geschlüpft war, lag ganz klar bei anderen. Und doch war Elias bei dir, als er heute das Schulgebäude verlassen hat.«

Der Junge zitterte. Sein Gesicht wurde leichenblass.

»Der Feuerteufel ...« Hinrich blickte Oliver tief in die Augen. »Was denkst du, wer das war?«

Olivers Schultern zuckten – einmal, zweimal.

»Herr Kaufmann hat was von einem Franke erzählt, achte Klasse, geht in deine Schule. Musste allerdings gerade heute mit Nasenbeinbruch ins Krankenhaus ...«

Olivers Gesicht hellte sich ein wenig auf. »Wenn Franke im Krankenhaus ist, dann kann er ja nicht ...«

»Mit einem gebrochenen Nasenbein bleibt man nicht ewig im Krankenhaus«, stellte der Kommissar fest. »Außerdem war von einer Clique die Rede. Denkst du nicht, es könnte sein, dass Franke die anderen seiner Clique zur Rache angestiftet hat? Immerhin war es ein Mädchen aus dem Heim, das seine Nase zerlegt hat. Und, wenn ich alles richtig verstanden habe, dann war es deshalb, weil Franke sich gegenüber dir und deiner Schultasche vergessen hat. Was meinst du, könnten die dahinterstecken?«

Wieder zuckte Oliver mit den Schultern. »Ich war das jedenfalls nicht. Nicht das mit der Nase und nicht das mit dem Feuer.« Er spürte ein heftiges Brennen im Gesicht, zweifellos war es jetzt knallrot.

»Aber du hast mit Elias das Schulhaus verlassen. Oder bestreitest du das? – Zeig mir mal deine Hände!«, forderte Hinrich plötzlich.

»Warum?«, fragte Oliver.

Der Kommissar hob den Jungen kurzerhand vom Stuhl und setzte ihn auf Kaufmanns Schreibtisch, so dass sich beide auf einer Höhe in die Augen sehen konnten. »Warum?« Hinrich blieb ernst. »Die Fragen, kleiner Hosenscheißer, die stelle ich. Ich bin nämlich von der Kripo. Und was dein Warum betrifft ... Bis ich die notwendigen Beweise habe, sind alle, die mir schuldig vorkommen, verdächtig. Ausnahmslos alle! Klar? – Und jetzt zeig mir deine Hände!«

Augenblicklich streckte Oliver die Arme aus und hielt dem Kommissar die Handrücken hin. Der drehte Olivers Hände um, damit er die Flächen sehen konnte.

»Und? Du weißt wirklich nichts?«

Der Junge hielt die Luft an, schwieg jedoch beharrlich.

»Ich finde Leute, die lügen, besonders verdächtig. Vor allem solche Dreikäsehochs, wie du einer bist.« Hinrich beugte sich nach vorn und roch an den Fingern. »Immerhin. Die riechen nach allem, nur nicht nach Benzin. Aber das beweist gar nichts. – Schau dir mal deine Hände genau an. Die können nämlich verdammt viel verraten.«

Oliver musterte den Beamten und anschließend die eigenen Hände. »Und was verraten Ihnen meine Hände so alles?«, flüsterte er.

»Hm ...« Hinrich zeigte auf die Schürfwunden an beiden Handballen. »Du bist vor nicht allzu langer Zeit auf einer Asphaltstraße gestürzt. Ziemlich derb, würde ich sagen. Die Knie sind auch lädiert. Und das hier«, er schob den rechten Ärmel von Olivers Sweatshirt etwas höher, »scheint mir eine verdammt frische Quetschwunde zu sein. Jemand hat dich massiv festgehalten. Die Kratzer hier beweisen, dass du dich gewehrt hast. Ganz besonders auffällig aber ist, dass deine Hände fürchterlich zittern. – Sicherlich wirst du mir gleich erklären, dass in der Schule ein Mädchen über dich hergefallen ist und du dich dagegen gewehrt hast. Nicht wahr?«

Oliver blickte in die Augen des Mannes, der ihm kein bisschen wie ein Polizist vorkam. Er schluckte. »Das war kein Mädchen. Das kommt durch eine ..., nur eine kleine Prügelei auf dem Schulhof.« Oliver spürte wieder das Brennen in seinem Gesicht.

Hinrich ließ die Hände des Kindes los. Dann setzte er sich neben dem Jungen auf den Schreibtisch. »Dein Herr Kaufmann hat mir erzählt, dass du in Dresden was Unschönes mit der Polizei erlebt hast.«

Wieder schaute Oliver auf die Schuhe des Kommissars, die in der Luft baumelten. Die Füße in diesen Schuhen mussten gewaltig sein! Er wischte die schwitzenden Hände an seinem schmutzigen gelben T-Shirt ab.

»Ich meine das, was der Polizist während deiner Festnahme gesagt hat. Ich werde ihn finden und zur Verantwortung ziehen. Conrad Kaufmann erhebt eine Amtsaufsichtsbeschwerde gegen den Bahnhofspolizisten. Er scheint dich ganz gut leiden zu können, dein Heimchef, trotz deiner gelegentlichen Irrflüge.«

Erneut senkte Oliver seinen Kopf. Noch einmal zuckten die Schultern.

»Gut. – Kennst du das Wortspiel mit dem Koffer? Einer sagt: Ich packe meinen Koffer und nehme mit ... – Er nennt ein Teil, das er mitnehmen will. Dann muss der zweite Mitspieler sagen, was schon im Koffer drin ist und was er zusätzlich mitnehmen will. Dann ist der nächste Mitspieler dran und so weiter. Kennst du das?«

Oliver nickte.

»Du kennst es. In Ordnung. Wir spielen jetzt auch ein Wortspiel. Nur geht das etwas anders. Ich stelle eine Frage, du antwortest nicht, denn das tust du ja so oder so nicht, sondern du stellst mir eine Gegenfrage. Dann stell ich wieder eine Frage und immer so weiter. Verstanden?« Hinrich rutschte näher an den Jungen heran. »Hallo! Verstanden?«

Oliver nickte erneut.

Hinrich dachte einen Moment lang nach. »Was denkst du, wer den Streichelzoo angezündet hat?« Er schaute hinunter zu dem Jungen.

Der überlegte kurz. »Was denken Sie denn?«

Der Kriminaloberkommissar lächelte. »Du hast es kapiert. Nun stelle ich wieder eine Frage. – Warum fragst du mich das?«

»Was sollte ich denn sonst fragen?«

Nun dachte Hinrich nach. »Warum hast du mich belogen?«

Oliver stockte. »Wobei soll ich Sie belogen haben?«

»Bei der Frage: Stecken Franke und Konsorten hinter dem Brandanschlag?«

»Woher soll ich das wissen?«, schoss die nächste Frage aus Oliver heraus.

»Vielleicht weiß ich, dass du es weißt? – Hat das Verschwinden von Elias etwas mit dem Brand zu tun?«

»Warum denken Sie das?« Olivers Mundwinkel zuckten. Seine Wangen färbten sich erneut rot.

»Willst du nicht darüber reden?«

Oliver zögerte. »Und wenn ich nicht darüber reden dürfte?«, flüsterte er.

Hinrich sprach ebenso leise: »Wäre vielleicht Elias’ Leben in Gefahr, wenn du mit mir darüber sprichst?«

Mit großen Augen und dunkelroten Wangen schaute Oliver den Kommissar an. »Woher wissen Sie das?«

Hinrich schlug dem Jungen leicht auf den Oberschenkel. »In Ordnung. Das Spiel ist vorbei. – Was musst du tun, damit sie Elias nichts tun?« Der Kommissar blickte dem Jungen aus nächster Nähe in die Augen. »Los, sag es mir! Niemand kann mithören.«

»Ich ... ich muss was finden«, flüsterte Oliver mit Tränen in den Augen. »Sie ... Die Polizei ... Sie dürfen wirklich nichts machen. Die Typen sind überall. Die werden Elias und mich umbringen, wenn sie erfahren, dass ich mit Ihnen ...«

»Hatte Elias etwas Besonderes bei sich?«

Der Junge legte die Stirn in Falten. »Wie meinen Sie das? Etwas Besonderes?«

»Einen Ring, eine Kette, einen ...«

Oliver unterbrach Hinrich. »Ja. Er hat immer seine Kette um. Die hat er von seinem Vater bekommen. Immer, wenn Elias geweint hat, dann hat er den Anhänger in die Hand genommen.«

»Wie sehen Kette und Anhänger aus?«

»Die Kette ist golden, ich weiß aber nicht, ob sie echt ist. Der Anhänger ist ein Legostein, also eigentlich sind es zwei Legosteine zusammen. Ein roter und ein blauer.«

Hinrich machte Notizen, verließ seinen Platz auf dem Schreibtisch und fuhr dem Jungen durch die dunklen Haare. »Wie viel Zeit haben sie dir gegeben?«

»Ich darf doch nicht darüber ...« Oliver sprang vom Tisch, stürzte aus dem Zimmer und rannte an Kaufmann vorbei zum Ausgang.

Lore, die in blauen Jeans und rotem T-Shirt am Ausgang stand, tröstete gerade den dreizehnjährigen rothaarigen Tom, der auf dem Boden saß und den Kopf zwischen seinen Armen hielt. Er weinte bitterlich und stammelte immerzu: »K-ka-ka-katze ... m-m-m-meine a-a-a-arme Ka-ka-katze ...«

Der Kommissar stand plötzlich im Flur, redete leise mit Kaufmann und blickte kurz zu Oliver. Eine Tür öffnete sich und Maria kam herein. Auch sie weinte. Die Psychologin Helga Funke folgte ihr mit ein paar Kindern und weiteren Erziehern. Im Haus roch es nach Qualm. Das Chaos war perfekt.

Oliver drückte die Klinke an der Haustür herunter. Sie war verschlossen. Er beugte sich zu Lores Ohr und flüsterte: »Hilfst du mir? Ich muss den Zwerg retten. Die Bullen dürfen nichts wissen, sonst sind wir beide tot – der Zwerg und ich.«

Helga Funke beriet sich mit Kaufmann, Hinrich schien nachzudenken.

Maria näherte sich Oliver, ihre Augen glänzten, als hätte sie Fieber.

Lore ergriff Olivers Kinn mit einem derben Griff. »Stimmt das?«, fragte sie und entdeckte die bejahende Antwort in Olivers Augen. »Wo?«

Der Junge quetschte ein »Dresden« heraus.

»Dresden? – Auch das noch. So eine Scheiße!« Lore ließ Oliver los, zog den immer noch weinenden Tom am T-Shirt hoch und schüttelte ihn, damit er zu sich kam. Dann erklärte sie: »Geh zu diesem Kommissar, Tom. Erzähl ihm von der Katze. Er kann dir helfen.«

»W-w-w-wirklich?«

»Ja doch! Nun mach schon! Du musst ihn richtig vollheulen!« Lore gab Tom einen Schubs.

Der lief schnurstracks auf die Erwachsenen zu und rief bereits unterwegs: »M-m-m-meine Ka-ha-ha-hatze ...«

Im gleichen Augenblick hebelte Lore mit dem linken Fuß den Riegel der Tür auf, drückte dagegen und stand kurz darauf im Freien, gefolgt von Maria, die mitgezogen wurde, und Oliver. Zu dritt schoben sie die Tür von draußen wieder zu.

Auf dem Hof stand ein roter Vito der Feuerwehr und vorn am Eingang der Audi A5 des Kommissars. Die drei Kinder rannten so schnell sie nur konnten zu Hinrichs Fahrzeug.

Lore öffnete die Fahrertür, entdeckte den Schlüssel im Zündschloss und bedeutete Maria und Oliver mit einem Kopfnicken, dass sie einsteigen sollten. Sekunden später heulte der Motor auf. Hinrich stand plötzlich in der Haustür und kam bedrohlich näher, Kaufmann folgte wild gestikulierend. Ein Feuerwehrmann kam angelaufen und rettete sich durch einen kühnen Sprung zur Seite. Der A5 rauschte mit durchdrehenden Rädern durch das offene Tor vom Hof. Schlamm und Löschwasser spritzten seitlich in die Höhe. Stimmen brüllten hinter dem Wagen her.

Eine Sekunde später lehnte Hinrich am Tor, fluchte und griff zum Handy.

»Chef? Holger hier. Ich brauch einen Hubschrauber. Schnell! Und ein SEK-Team abrufbereit.« Er schaute nach oben, als würde er bereits den Hubschrauber erwarten. »Nein, gottverdammt, ich habe keine Zeit, Anträge zu stellen! Das Leben eines sechsjährigen Kindes ist in akuter Gefahr! – Was? – Nein, ein Rettungswagen kann dem Kleinen nicht helfen. Ich habe doch laut und deutlich gesagt, was ich brauche! Und ortet meinen Dienstwagen!« Hinrich schlug mit einer Faust gegen die Tür des Feuerwehr-Mercedes und erntete böse Blicke des Feuerwehrmannes, der soeben der Audi-Motorhaube entkommen war.

[...]