[...]
Paul schreckt auf.
Jemand schreit ins Zelt.
Paul will hinaus, stolpert über die Waffe an seinem Fuß. Er sucht mit den Händen nach den Schuhen. Als er sie endlich verschnürt hat und mit der Waffe vor das Zelt tritt, warten dort fünf Soldaten. Er stellt sich in die Reihe neben Haydar.
Ein Ausbilder gibt einen kurzen Befehl. Rücksicht auf die ringsum Schlafenden kennt er nicht.
Ungeschickt dreht sich Paul. Jeder trägt die Waffe anders. Ohne Gleichschritt folgt die kleine Gruppe dem Ausbilder. Sie verlässt die Basis.
Paul schaut zum Himmel. Er sieht die Sterne und fühlt die Kälte der Nacht.
Es geht aufwärts, Wege gibt es nicht, nur schmale Trampelpfade.
Die Füße in Pauls Schuhen werden allmählich schwer. Aus dem Nichts taucht ein Soldat auf, die Erleichterung über die Wachablösung steht ihm im Gesicht geschrieben. Einer der Neuankömmlinge verschwindet lautlos in der Dunkelheit, der abgelöste Soldat reiht sich ein. Paul schätzt ihn anhand seines Wuchses auf höchstens zehn Jahre.
Erneut ein endlos erscheinender Marsch, wieder eine Ablösung.
Paul atmet schwer, noch immer geht es bergauf. Vor der Gruppe schälen sich die Umrisse eines Gebirges aus der Dunkelheit. Der Deutsche dreht sich um. Von der Basis ist nichts zu sehen.
Der dritte Halt. Haydar verlässt ohne ein Wort die Reihe.
Paul zögert. Der Ausbilder schreit urplötzlich: „Du bist Haydar!“, und tritt Paul gegen den Knöchel. Seine Stimme hallt in den Bergen wieder. „Oder hast du das bereits vergessen?“
Paul begreift und folgt Haydar in die Dunkelheit. Er dreht sich um, doch die kleine Einheit ist bereits verschwunden. Und Haydar? Haydar ebenfalls.
Vorsichtig bewegt sich Paul durch dichtes Gestrüpp. „Haydar?“, flüstert er und lauscht.
Nichts.
Noch ein paar Schritte geht Paul vorwärts, dann fragt er wieder: „Haydar? – Wo bist du?“
Paul lauscht erneut. Kein Geräusch.
Plötzlich erhält er einen Schlag von hinten in die Kniekehlen und geht zu Boden. Er fühlt die harte Sohle eines Fußes in seinem Rücken.
„Haydar!“
„Du bist hilflos und irrst herum. Das wollte ich dir beweisen. Du bist kein Soldat!“
Paul ist sauer. „Was soll das, Haydar, ich hätte mich ernsthaft verletzen können.“
„Im Gras?“ Haydar lacht.
„Was machen wir hier?“
„Aufpassen. Wenn die Sonne über uns ist, werden wir abgelöst. – Folge mir!“
Paul versucht, dem Jungen geräuschlos zu folgen. Sie erreichen eine Grube, Haydar springt hinein. Er nimmt die Waffe von der Schulter und legt sie oben vor die Grube ins Gras, so, dass der Kolben von der Grube aus zu sehen ist. Dann setzt er sich und lehnt sich an eine Wand.
Der Deutsche versucht, dem Jungen nachzuahmen. Er kauert sich in die andere Ecke.
„Sag, musst du oft Wache schieben?“, fragt Paul und reibt sich die Kniekehlen.
„Zweimal pro Woche.“
Paul gähnt.
Haydar schweigt.
„Schläfst du, Haydar?“, fragt Paul nach einigen Minuten.
„Ich bete“, antwortet der Junge.
„Sagst du mir, wenn du damit fertig bist?“
„Vielleicht.“
Er erkennt den Jungen jetzt besser. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Haydars Lippen bewegen sich.
Paul erhebt sich und schaut über den Rand der Grube. Er fragt sich, welche Gefahr in diesem Niemandsland drohen könnte. Er atmet die saubere, frische Nachtluft in vollen Zügen. Allmählich weicht die Müdigkeit. Paul dreht sich um, lehnt mit dem Rücken an der Wand der Grube und beobachtet Haydar.

Paul schaute auf seine Armbanduhr. Zwei Stunden nach Mitternacht! Die Datumsanzeige war bereits auf den 20. März 2003 umgesprungen.
Was hatte ihn geweckt? – Ein dumpfes Rumoren war zu hören, dann die Schläge gegen die Tür.
„Sie müssen raus! Es geht los!“
Paul fuhr hoch, setzte sich auf den Bettrand, zog sein Jackett an, hängte sich die Kamera und den Journalistenausweis um den Hals, wollte das Licht anmachen – kein Strom. Plötzlich war er munter. Die Hände zitterten. Der Deutsche stellte fest, dass er – bis auf das Jackett – nackt war. Er suchte nach seiner Hose, sie hing über der Nachttischlampe, dann nach den Schuhen.
„Was ist, Boy?“, fragte eine Stimme hinter ihm.
Das Mädchen! Paul hatte es ganz vergessen. – „Du musst nach Hause, Lulu. Schnell! Es ist Krieg!“
„Krieg?“
„Ja, verdammt! Los, zieh dich an, Lulu, ich bringe dich nach Hause!“
„Warum ist Krieg?“
Als Paul in die Schuhe schlüpfen wollte, erschütterte eine gewaltige Detonation das Hotel im Zentrum Bagdads.
„So eine Scheiße, verfluchte Scheiße!“, schrie Paul auf Deutsch. Das Mädchen neben ihm schlüpfte in ihr schönes Kleid. „Komm jetzt endlich, Lulu!“
Im Hotel herrschte ein beängstigendes Chaos. Wieder schlug in der Nähe eine Rakete ein, Scherben zerbarsten. Vor dem Aufzug hatte sich eine Menschentraube gebildet. Paul zog das Mädchen mit sich, über die Feuertreppe gelangten sie schnell hinunter.
„George!“, schrie Paul.
Sein englischer Kollege war blass und schwieg.
„Das ist gegen die UN-Charta! Ein Präventivkrieg!“, setzte der Deutsche nach. „Das ist gegen die UN-Charta!“ Paul tropfte Speichel aus dem Mund. Er war wütend.
„Bin ich meine verfluchte Regierung?“ George drehte sich um und verschwand.
Paul zog das Mädchen aus dem Hotel. In der Stadt loderten Flammen. Häuser zitterten in einem gespenstig erscheinenden Licht.
Der Journalist schüttelte die Hand des Mädchens ab und riss die Kamera hoch. Klick ... klick ... klick ...
Ein Taxifahrer kauerte hinter seinem Fahrzeug.
„He, Taxi!“, schrie Paul.
„Ich fahre nicht! Es ist Krieg“, antwortete der Mann.
Paul griff in seine Jacketttasche und hielt eine handvoll irakischer Dinar in die Luft. „Oder gib mir die Schlüssel, ich kaufe dein Auto!“
Der Journalist ließ sich hinter den Wagen gleiten, zog das Mädchen hinunter auf den Boden. Er sah die Rakete kommen, die einen Straßenzug weiter einschlug.
„Ich habe große Angst, Boulos.“
Der Taxifahrer, ein älterer Mann, kroch durch die Wagentür in den alten Ford. „Schnell! Kommen Sie!“
Sekunden später jagte der Wagen durch die Saadoun Straße. Überall rannten Menschen umher, niemand war auf den längst angekündigten Luftschlag der Amerikaner vorbereitet.
„Wo wohnst du, Lulu?“, fragte Paul.
Das Mädchen hatte Angst zu antworten. „Sadr.“ Dies bedeutete, einmal durch die ganze Stadt zu fahren.
Weit kam das Taxi nicht.
In der Nähe des Regierungsviertels schlug eine Rakete auf der Straße ein, das Auto fuhr fast ungebremst gegen einen Betonpfeiler.
Paul krachte gegen die Frontscheibe, riss einen Arm zum Schutz vor das Kinn, das Mädchen wurde aus dem Wagen geschleudert. Der Fahrer hatte eine große Platzwunde in der Stirn, saß regungslos mit aufgerissenen Augen da, das Lenkrad hatte seine Rippen zerquetscht.
Paul prüfte mit einem Griff die Kamera, dann öffnete er die Beifahrertür mit kräftigen Tritten. Staub wirbelte durch die Luft. Paul taumelte zwar, doch er riss sofort die Kamera hoch. Eine verletzte Frau rannte schreiend mit einem ebenfalls verletzten Kind in den Armen durch die Straße. Klick ... Klick ... Klick
Der Deutsche schaute sich nach dem Mädchen um. „Lulu!“, rief er. Immer wieder: „Lulu! Wo bist du?“ Lulu blieb verschwunden.
Ringsumher schrie eine aufgebrachte Menge.
Paul sah, dass die Frau stürzte, das kleine Mädchen rollte über die Straße. Paul lief zu dem Kind, er fühlte, dass es nicht mehr zu retten war. Der Rücken des Kindes war aufgerissen, Organe hingen heraus. Zwei Iraker kümmerten sich um die Frau.
Paul lief durch die Straße. Eines der großen Einkaufshäuser war völlig zerstört, Betonteile hatten unzählige Menschen begraben. Einige Iraker liefen bereits mit geplünderten Waren durch die Stadt, Soldaten tauchten auf.
Ein Bus fuhr in Schlängellinien durch die Straße. Ein Reifen zerbarst mit lautem Knall. Ein Soldat, der wenige Meter von Paul entfernt stand, riss seine Waffe herum und eröffnete das Feuer. Rattattatt. Die Salven ließen die Scheiben des Busses zerspringen. Ein zweiter Soldat schlug den Schießenden mit seinem Gewehrkolben nieder, die letzte Salve hätte Paul fast niedergemäht. Ein Iraker, der sich hinter Paul um ein verletztes Kind kümmerte, sank lautlos in die Knie und fiel auf das Kind.
Klick ... klick ... klick.
Der Bus stand, ein Mann in Dienstuniform taumelte heraus, schrie heulend und fluchend, ohne gehört zu werden, und brach zusammen.
Paul rannte, von einer unbekannten Macht angetrieben, zu dem Bus. Klagende Stimmen drangen in seine Ohren. Zwischen den Bänken lagen schreiende oder verstummte Frauen, Männer und Kinder, auf dem Weg in den Urlaub oder aus dem Urlaub kommend. Und überall sah der Deutsche Blut.
Klick ... klick ...
Paul griff sich in die Haare, wurde zur Seite gestoßen, rannte auf die Straße und übergab sich. Instinktiv schützte er die Kamera.
Wieder trieb es Paul weiter, bis er in einer Nebenstraße kraftlos zu Boden ging. Hier erst spürte er die Schmerzen.
Noch immer detonierten Geschosse der Amerikaner in Bagdad.
Am Morgen erkannte Paul das gesamte Grauen.

„Die Bilder sind gut, aber wir können sie nicht veröffentlichen“, erklärte Pauls Vorgesetzter in Deutschland, ohne die Entscheidung zu begründen.
Mehr als 40.000 Zivilisten wurden getötet. Und 86 Journalisten.

„Woran denkst du gerade?“ Der Junge stellt eine Frage, und Paul ist erfreut darüber. Haydar steht neben ihm.
„An ein Mädchen“, antwortet Paul. „An ein sehr schönes Mädchen.“
Haydar grinst. „Ist das Mädchen deine Frau?“
Paul lächelt ebenfalls. „Das Mädchen war für eine Nacht in Bagdad meine Frau. Dann kam der Krieg.“
„Du liebst sie?“ Haydar grinst noch immer.
„Ich weiß nicht, mein Freund. Vielleicht waren es nur die männlichen Triebe, die mich zu ihr führten. Vielleicht war es tatsächlich Liebe.“
„Das Mädchen ..., war es schön?“
„Ja, Haydar. Es war ein wunderschönes Mädchen. Ich kannte es gut. Wir gingen zusammen aus. Abend für Abend. An jenem Abend kam es zum ersten Mal mit in mein Hotel. Es hatte ein betörendes Parfüm. Weißt du, was ein Parfüm ist?“
„Nein, Boulos.“
„Ein Parfüm macht, dass Frauen gut riechen. So gut, dass wir Männer ihnen nicht mehr widerstehen können. – Ich nannte sie Lulu, die Perle. Lulu, das war ihr Name. Sie war eine Perle, verstehst du? Eine duftende Perle.“
Haydar zögert zunächst, die Frage zu stellen. „Ist es schön, die Liebe einer Frau zu erfahren?“
Paul schaut zu den Sternen. „Was war dein schönstes Erlebnis bisher?“
„Ich durfte mit einem Hubschrauber fliegen.“
„Mit einem Hubschrauber? – Die Liebe einer Frau ist tausendfach schöner, als mit einem Hubschrauber zu fliegen. Glaub mir, Haydar. – Wohin bist du geflogen mit dem Hubschrauber?“
„Das darf ich dir nicht sagen. – Erzähl mir mehr über die Liebe und die Frauen.“
„Über die Frauen oder über Lulu?“
„Erzähl mir etwas über die Liebe.“
„Die Liebe?“
„Ja, die Liebe. Erzähl mir etwas über die Liebe, Boulos.“
„Du bist erst vierzehn.“
„Ich bin ...“
„... ein Kind! Das bist du! Wenn du etwas über die Liebe erfahren willst, musst du es später selbst herausfinden, Haydar. Die Liebe kann man nicht erklären. Nur eins weiß ich: Im Camp wirst du sie nicht finden. – Wohin bist du geflogen?“
„Ich weiß es nicht. Wir wurden abgeholt und landeten irgendwo.“
„Was habt ihr dort getan, irgendwo?“
Haydar setzt sich wieder auf den Boden der Grube, Paul dicht daneben.
„Darf man hier rauchen?“
„Wenn es der Ausbilder nicht merkt, darfst du rauchen. Es ist deine Sache, ob du rauchst. Pass nur auf, dass man die Glut nicht aus der Luft sehen kann.“
Paul zündet sich eine Zigarette an und versteckt sie in der hohlen Hand. Haydar beobachtet ihn dabei.
„Was habt ihr dort getan, irgendwo?“, fragt Paul erneut.
„Du fragst. Immerzu fragst du, Boulos. Immerzu. Ich will nicht darüber reden.“
Paul reibt sich den letzten Schlafsand aus den Augen. „Okay“, sagt er. „Du erzählst mir, was ihr dort getan habt. Dann erzähle ich dir etwas über die Liebe. Bist du einverstanden, Haydar? Ist das ein Deal?“
Haydar überlegt. Er überlegt sehr lange. Immer wieder schaut er Paul an, der seine Zigarette austritt und mit der Schuhspitze im Erdreich verschwinden lässt. Paul tut, als erwartet er keine Antwort.
Er beobachtet den Jungen sehr genau und sieht Haydars im Mondlicht glänzende Augen. Haydar ist aufgeregt. Er weiß, dass dieser Mann das andere Leben kennt, ein Leben, das Haydar bisher nicht kennen lernen durfte.
Paul bricht zuerst das Schweigen. „Du schaust mich an, wie ein Reh, nicht wie ein Löwe, mein Freund. – Gut, du willst, dass ich zuerst rede. Wenn du das willst, so werde ich es tun. – Mädchen sind nicht nur dazu da, Kinder zu gebären und Frauenarbeiten zu erledigen. Mädchen und Frauen erwarten, toleriert zu werden. Überall ist es so, in Europa, in Arabien, in Amerika, in Afrika. Wenn du ein Mädchen kennen lernst, toleriere es als Mensch, als Freund, als gleichberechtigten Partner. Dann wird das Mädchen dich lieb gewinnen. – Liebe ...“, Paul läuft ununterbrochen zwei Schritte hin und her. Die beiden Schritte, die das Versteck zulässt. „... Liebe ist das höchste Gefühl in einer Freundschaft. Liebe baut auf Vertrauen auf. Ist dieses Vertrauen sehr stark, so wollen sich die beiden Liebenden nicht mehr voneinander trennen. Sie küssen sich und erleben die körperliche Liebe. Sex. Ja, Sex nennt man das. Sie erleben die Erfahrung, Kinder zu zeugen.“
Haydar nickt. Er formt mit den Lippen eine Frage, die er nun stellt: „Was bedeutet to-le-rie-ren?“
„Es bedeutet, den anderen zu achten, ihn so zu nehmen, wie er ist, mit all seinen guten und schlechten Eigenschaften.“ Paul schaut zum Himmel. Was kann er diesem Kind zumuten? „Toleranz ist der Schlüssel, der unsere Menschheit leben oder sterben lässt“, sagt er.
Haydar denkt nach.
Paul erkennt dies. Daher erklärt er weiter: „Toleranz ist der Schlüssel unserer Menschheit. Es gäbe keine Kriege, tolerierten sich die Völker. – Was meinst du, Haydar, warum lebst du in diesem Camp? Warum lebst du nicht in deinem Dorf, bei deiner Familie? Warum wurde dein Bruder getötet?“
Der Junge zuckt mit den Schultern.
„Es gibt nur eine Antwort auf all diese Fragen: Weil Menschen andere Menschen nicht tolerieren. Der Glaube zum Beispiel. Was unterscheidet den Muslim, der an Allah glaubt, von dem Christen, der an Gott glaubt? – Nichts. Und doch tolerieren die einen nicht die anderen. Sie haben gar die gleichen heiligen Stätten! So nah sind sich die Religionen. Aber weil sie das gemeinsame Gebet nicht tolerieren, führen sie Krieg um diese Stätten. Araber tolerieren die Juden nicht und die Juden tolerieren die Araber nicht. Die Araber haben Ölquellen. Westliche Politiker tolerieren nicht, dass dieses Öl den Arabern gehören. Sie führen Krieg um die Ölquellen. Dafür hassen die Araber die westlichen Politiker. Sie wehren sich. Und weil die mächtigen Araber das Volk zum Kämpfen benötigen, rufen sie den heiligen Krieg aus. Weißt du, Ende der siebziger Jahre gab es drei Gesellschaften auf unserer Erde. Da waren die westlichen Länder, in denen die großen Wirtschaftsbosse regierten und die Politik bestimmten, da waren die Länder, die einen Weg der Macht des Volkes gehen wollten, die man kommunistisch nannte, und da waren die armen Entwicklungsländer. Natürlich tolerierten die westlichen Länder nicht den Weg der kommunistischen Länder, sie bekämpften sich gegenseitig mit allen Mitteln. – In Afghanistan kam die Demokratische Volkspartei an die Macht, die den Islam nicht mehr tolerierte und ebenso wenig die Anwesenheit der vorherigen Machthaber, die sich den kommunistischen Ländern anschloss, viel für die Bildung tat, das Land verteilte. Die unterdrückten Islamiten gründeten die ersten Kampfeinheiten der Mudschahidin, weil sie die neue Regierung nicht tolerierten. Auch die Taliban bewaffneten sich. Der kommunistische Regierungschef Taraki wurde ermordet, was die anderen kommunistischen Mächte nicht tolerierten, so dass die kommunistische Sowjetunion über Afghanistan herfiel. Keinesfalls konnten die westlichen Mächte diese Invasion tolerieren, so dass vor allem die Amerikaner die Gegner der sowjetischen Truppen – auch die Gruppen der Mudschahidin – unterstützten, die damals schon von Pakistan aus kämpften, aber sich auch untereinander nicht tolerierten und daher nie zu einer Einheit fanden. Nur in einem Punkt waren sich alle einig: Ein Mudschahidin befindet sich im Dschihad, und der Koran besagt, wer im Dschihad stirbt oder überlebt, dem werden all seine Sünden vergeben. – Nicht wahr, darüber weißt du auch Bescheid? – Als die Russen in Afghanistan waren, regierte in Pakistan der islamische Präsident Zia, der Angst hatte, die Sowjetunion könnte gemeinsam mit Indien – Hindus wurden keinesfalls toleriert – Pakistan überrollen und begann, die Mudschahidin zu unterstützen. Er hoffte, die Araber würden seine Freunde werden. Und er hoffte, die Amerikaner würden seine Freunde werden. So kam es denn auch, die Kriegskosten teilten sich Saudi-Arabien und die USA. – Während die Sowjetunion zehn Jahre lang Afghanistan zerstörte, zerbrach der Kommunismus weltweit, weil die Menschen in den kommunistischen Ländern nicht tolerieren konnten, dass in ihren Ländern mehr Geld für soziale Leistungen ausgegeben wurde und es daher nicht so viele schöne Dinge gab, wie in den westlichen Ländern. Die Russen rieben sich im Afghanistankrieg auf. Die Sowjetunion bestand aus vielen Republiken, von denen eine nach der anderen abtrünnig wurde und den westlichen Weg gehen wollte. Die Russen zogen sich aus Afghanistan zurück, sie verminten den Rückzugsweg, währenddessen die verschiedensten Gruppen versuchten, das Land zu erobern. Keiner tolerierte die Anwesenheit der anderen. Die Taliban kämpften von Pakistan aus um die Herrschaft über Afghanistan, verschiedene kleine Armeen der Mudschahidin zogen durch das Land, töteten und eroberten und verloren wieder. Letztendlich erkämpften sich die Talibankrieger die Übermacht. Da sie aber all diejenigen nicht tolerierten, die nicht strikt dem Islam zugehörig waren, gefiel dies dem Westen wiederum nicht, und Amerika begann damit die zu bekämpfen, die es zuvor unterstützt hatte: die Taliban. Leidtragende waren in all den Kriegen die einfachen Menschen in Afghanistan, Kinder, Frauen und Männer, die einfach nur leben wollten. – Und heute? Heute wird Afghanistan von fremden Mächten beherrscht. Viele Bauern leben vom Opium-Anbau, und die Taliban kämpfen nach wie vor unter Mullar Omar. In sämtlichen arabischen Staaten schlachten sich Sunniten und Schiiten gegenseitig ab. – Und warum das alles? – Weil keiner den anderen toleriert.“ Paul macht eine Redepause, denn Haydar ist völlig überfordert.
„Sunniten ... Schiiten ... Was ist das?“
„Du bist mir ein Moslem ... – Ich will versuchen dir den Unterschied zu erklären: Im Grunde genommen sind Sunniten und Schiiten Islamiten. Sie alle glauben an Allah und befolgen den Koran. Doch die Sunniten waren vor Hunderten von Jahren der Meinung, sie müssten von einem Kalifat geführt werden. Die Schiiten spalteten sich später ab, weil sie den gerade zuständigen Kalifen, den Botschafter Allahs auf Erden, nicht leiden konnten, und sahen das Imamat als ihre Führung an. Es war der Anfang der Spaltung der Moslems.“
„Und ich? Was bin ich?“
„Du bist ein Islamit. Du bist weder das eine noch das andere. Du glaubst an Mohammed, den ersten Kalifen, damals gab es noch keine Schiiten. Und die Kalifen sind die Vertreter Gottes auf der Erde. Es ist ihre Bestimmung.“
„Ich versteh dich nicht.“
„Das musst du nicht verstehen. Du lenkst vom Thema ab, Haydar. – Wen tolerierst du nicht? Gegen wen willst du kämpfen?“
Der Junge erhebt sich. Seine Stimme ist wütend und zu laut für die Nacht.
„Über die Liebe wolltest du reden, Boulos, über die Liebe! Stattdessen redest du über den Krieg und über Kalifen und stellst mir blöde Fragen!“
„Fragtest du nicht, was das Wort tolerieren bedeutet? War das nicht deine Frage? Ich habe dir geantwortet, mein Freund. Nicht mehr und nicht weniger. – Warum tolerierst du nicht? Wogegen willst du kämpfen? Sag es mir, mein Freund.“
Haydar steht direkt vor Paul, er schaut ihn grimmig an. Am liebsten möchte er wegrennen, doch die Grube ist klein, und hinaus darf er nicht.
„Du weißt es nicht, Haydar?“ Paul lächelt. „Du bildest dir ein, du kämpfst für die Gerechtigkeit. Das bildet sich jeder Soldat ein. Du redest dir ein, du tust das Richtige, denn du hast deinen Befehlshabern versprochen, das zu tun, was sie verlangen. Du redest dir ein, ein Mann zu sein, weil du eine Waffe trägst, obwohl du ein Kind bist. Du würdest mich töten, weil ich nicht dem Islam angehöre. Auch du kannst nicht tolerieren! Du bist ein Teil des Hasses, der zu Kriegen, zu Morden, zu Trauer und Gram führt! Du wirst dein Gewissen verlieren, dein Gewissen, wie all diese Männer, die letztendlich nicht für Allah, sondern für Geld töten. Söldner wirst du werden, ein Söldner, den Allah nicht einmal in die Nähe des Paradieses lassen würde! Ein Söldner, der für Geld tötet! – Du bist in Afghanistan geboren. Warum bist du nicht dort und hilfst deinem Vater, dass er ein Feld mit Getreide bestellt, um Brot zu backen, für dich, seinen Sohn? Warum bist du hier, Haydar, weil man dir jeden Tag etwas zum Trinken und Essen gibt, so dass du nicht verhungerst? Das ist dein Sold! Das Essen, das du hier bekommst, ist dein Söldnerlohn, Haydar! Fühlst du dich sicher im Schutz der Zelte? Willst du gegen die Amerikaner kämpfen? Willst du gegen die kämpfen, die den Amerikanern willig sind? Wo willst du kämpfen? Willst du im Westen Menschen töten, weil der Westen in Afghanistan ist und hilft, dass wieder Normalität einkehrt, nach fünfundzwanzig Jahren Krieg? Weil er hilft, dass Jungen wie du wieder Schuhe tragen und zur Schule gehen können? Was willst du wirklich? Sag mir, was du willst! Los, verdammt, sag es mir!“
Haydar sieht Paul noch immer zornig an. Er ist deutlich kleiner als sein Gegenüber. Paul sieht, dass Haydar wieder Tränen in den Augen hat.
Paul fühlt, das Ende seiner Rede erreicht zu haben. Ein letztes Mal provoziert er den Jungen: „Was willst du, Haydar, warum bist du nicht bei deinem Vater und hilfst ihm?“
Das Fass läuft über. Tränen rollen über Haydars Wangen, hinterlassen eine helle Spur auf der dunklen Haut.
Die Hände zu Fäusten geballt schlägt der Junge gegen Pauls Brust. „Was weißt du schon über meinen Vater? Was weißt du schon über meinen Vater? Was weißt du?“
„Nichts, Haydar. Nichts weiß ich. Genau deshalb stelle ich dir die Fragen!“
Haydar geht in die Hocke, klammert sich an Pauls Hosenbein. So wie ein kleiner Junge, flehend und ohnmächtig.
Paul setzt sich auf den Boden, greift nach Haydars Oberarmen und schüttelt den Körper des Jungen. Der ist gezwungen, Paul in die Augen zu sehen.
„Sag mir, was ich nicht weiß. Sag mir, was ich über deinen Vater nicht weiß. Sag es mir Haydar! Jetzt!“
Der Junge hält inne, sich zu wehren. Tränen sammeln sich an seinem Kinn. „Ich war noch so klein, und viele Jahre sind vergangen. Und doch träume ich jede Nacht davon.“ Haydars Stimme zittert, er schnieft und schluchzt, löst sich aus Pauls Griffen und wischt die Tränen weg. Dann rutscht er in die Ecke der Grube und zieht die Beine an die Brust heran. Er nimmt einen Stein auf und lässt ihn von einer Hand in die andere gleiten, während er redet.

„Elias!“
Der kleine Junge bewegte sich nicht. Er wollte schlafen.
„Elias, wach auf, mein Junge!“ Die Stimme der Mutter klang ängstlich.
Das Kind erwachte endlich. „Mama ...“ Es rieb sich die Augen und verzog den Mund, als wollte es weinen. Elias träumte von seinen Freunden. Der Rücken war nass. Er sprach das erste Wort seit dem Ereignis, das den Schockzustand auslöste.
„Nicht, Elias!“ Die Mutter hielt dem Jungen den Mund zu. „Ganz leise musst du sein.“ Sie erhob sich und versuchte, dem Kind auf seine wackligen Beine zu helfen. Dann nahm sie die Hand und zog es mit sich. „Du darfst jetzt nicht weinen.“
Elias sah, dass seine Schwestern noch schliefen.
Im hinteren Teil des Hauses, das aus einem Raum bestand, befand sich ein Fenster. Ein altes Fell hing davor. Die Mutter nahm das Fell ab und hob Elias hoch.
„Du musst dich verstecken, hinter dem Haus. Schnell, Elias.“ Sie gab dem Jungen einen Kuss auf die Wange und ließ ihn draußen, hinter dem Fenster, auf den Boden gleiten. „Schnell, Elias, versteck dich!“, flüsterte sie nochmals.
Elias streckte seine Arme nach der Mutter aus. „Mama! Nein.“
„Bitte Elias, versteck dich! Tu, was Mama dir sagt. Ich komm dich dann suchen. Schnell, Elias!“
Elias sah, dass die Mutter die Schwestern wecken wollte, doch der Vater kam ins Haus und rief die Mama. Elias sah, dass die Mutter drinnen das Fell vor das Fenster hängte, dann drehte er sich um und lief um das Haus herum.
Er beobachtete, dass seine Mutter ihren Kopf mit der schwarzen Burka bedeckt hatte. Elias hörte außerdem, dass Papa auf der Straße stand und mit den anderen Männern des Dorfes diskutierte.
Und er sah die toten Kinder in der Nähe des Brunnens liegen, Frauen knieten in der Dunkelheit und beteten.
Was hatte Mama so erschreckt? Das laute Brummen? Jetzt erst vernahm Elias bewusst die Motorgeräusche. Er lief taumelnd zu einem Gebüsch, dann sah er die Radpanzer am Dorfrand stehen. Männer in Uniformen kamen angelaufen, sie hielten Waffen in den Händen, die vorn Dolche hatten.
Die Dorfbewohner wurden von den sowjetischen Soldaten eingekreist. Die Frauen zeigten auf die toten Kinder. Sie weinten, fluchten und schrien alle gleichzeitig.
Zwei der sowjetischen BTR-60 Radpanzer näherten sich bedrohlich den Häusern.
Auch die Soldaten redeten laut in ihrer Sprache. Sie teilten sich auf und trieben die Dorfbewohner am Brunnen zusammen. Einer der Soldaten lief mit vorgehaltener Waffe auf das Haus von Elias Familie zu.
Der Junge kroch lautlos und so schnell es ging hinter das Haus. Vorsichtig stieg er auf einen Stein, der immer vor dem Fenster lag, damit er schnell durch das Fenster ins Haus klettern konnte, ohne den Eingang nutzen zu müssen. Er blickte zwischen Fell und Steinen ins Haus.
Der Soldat ließ eine Taschenlampe leuchten. Er sah Elias Schwestern schlafend liegen. Er machte die Taschenlampe an seinem Gürtel fest. Dann nahm er sein Gewehr in beide Hände, das Bajonett zeigte nach unten.
Elias biss sich auf die Zunge, als er sah, dass der Soldat immer wieder die Bajonettspitze in die Körper der Schwestern bohrte. Der Junge hörte keinen Schrei, keinen Schmerzlaut der Schwestern, er rutschte von seinem Stein und kroch auf allen Vieren durch das Gebüsch, bis er den Hügel erreichte, hinter dem seine Freunde die kleine Höhle entdeckt hatten. Er kroch in die Höhle und hielt sich die Ohren zu. Im gleichen Moment ratterten Maschinengewehre.
Elias weinte nicht. Er sah, dass die Umgebung in ein gespenstisch flackerndes Licht getaucht war. Er hörte das Knistern und Krachen eines Feuers und versuchte unter den Armen das Gesicht zu verstecken. Der Junge wagte es nicht, die Grube zu verlassen.
Auch nicht, als er die Radpanzer davonfahren hörte.
Auch nicht, als Qualm ihm die Luft nahm.
Auch nicht, als die Sonne über den Bergen aufging.
Auch nicht, als die Sonne wieder verschwand.

„Erst am Morgen danach kroch ich aus meinem Versteck.“ Haydar lässt den Stein zwischen die Füße fallen.
Paul fühlt, dass es Haydar wieder erlebt. „Was hast du gesehen, Haydar? Was haben sie getan?“
Der Junge flüstert. „Ich sehe, dass alle Häuser abgebrannt sind. Ich sehe, sie sind schwarz, die wenigen Mauern. Ich sehe den zerstörten Brunnen. Ich sehe keine Menschen, niemanden sehe ich.“ Haydars Hände zittern, doch sein Gesicht ist regungslos, als wäre er erfroren. „Ich krieche auf den Platz, ertaste mit den Händen meinen Weg. Meine Stimme ruft Mama, meine Stimme ruft Papa. Sie antworten beide nicht. Ich krieche dahin, wo die toten Kinder lagen, neben dem Brunnen, aber sie sind weg. Der Boden ringsum ist rot und braun. Der Brunnen ist nicht mehr, nur das Loch, das in den Boden führt. Ich greife nach dem Seil und ziehe daran, weil ich durstig bin. Großen Durst habe ich. Ich ziehe an dem Seil, der Eimer schürft am Brunnenrand entlang, das Seil ist ganz. Der Eimer ist schwer. Ich halte ihn in meinen Händen. Ich blicke hinein. Doch im Eimer ist kein Wasser. Ich knie auf dem Boden. Großen Durst habe ich. Langsam gieße ich auf den Boden, was im Eimer ist. Blut läuft heraus, das Blut meines Dorfes, das Blut meiner Mutter, das Blut meines Vaters, das Blut meiner Schwestern und meines Bruders. Das Blut meines Onkels, das Blut meiner Tanten. Ich greife hinein in den Eimer und betrachte meine Hand. Dann erst verstehe ich. Dann erst weiß ich, was im Brunnen ist. Dann erst beginne ich zu weinen. Ich weine, bis ich zusammenbreche, vor dem Brunnen, vor dem Grab meiner Familie. Dann erst bin ich kein Kind mehr.“ Haydars Augen glänzen.
Paul zündet sich erneut eine Zigarette an, setzt sich neben Haydar, legt einen Arm über dessen Schultern und drückt den Jungen an seinen Körper.
„Jetzt weißt du, warum ich meinem Vater nicht bei der Ernte helfen kann“, flüstert der Junge.
Dann redet er nicht mehr.
Haydar schweigt die ganze Nacht lang. Und Paul fragt nicht. Sie sitzen nur nebeneinander. Bis zum Mittag des nächsten Tages, bis die Sonne über beiden steht.
Dann erst nimmt Paul seinen Arm von Haydars Schultern, erhebt sich und schaut aus der Grube hinaus.
Er sieht die steinernen Halden, die Felsen und Berge ringsumher.
Er sieht die Ablösung den Hang hinaufkommen.
Darum reicht er Haydar seine Hand. „Komm, wir werden abgelöst.“
Haydar blickt zu Paul hinauf. Er steht auf, ohne Pauls Hand zu berühren, schwingt sich aus der Grube, hängt sich die Waffe um und stellt sich hinter ein Gebüsch.
Paul hört nur das leise plätschernde Geräusch. Auch er zieht sich aus der Grube und nimmt die Waffe auf.
Haydar schließt seine Hose und geht durch das Gebüsch. Paul folgt ihm.

In der Basis dürfen sie nicht schlafen. Beide beten nebeneinander, sehr lang ist das Gebet. Nach dem Gebet erhebt sich Haydar, ohne Paul eines Blickes zu würdigen.
Es gibt eine wässrige Suppe und Fladenbrot.
Paul ist müde. Er gähnt. Auch Haydar ist nicht sehr munter, doch steckt er die Wache besser weg.
Ein Ausbilder reißt die beiden aus ihren Gedanken.
Zaim beobachtet kopfschüttelnd Paul, der sich in die Gruppe einreihen muss. Im Laufschritt geht es durch das Camp, hinaus in die Berge, viele Kilometer bis in eine Schlucht. Dort sollen die Soldaten zwischen die Felsen klettern und die Schlucht bewachen. Niemand darf zu sehen sein.
Paul treten Tränen in die Augen. Seine Füße sind aufgerieben, er ist kraftlos. Er tut das, was Haydar tut. Er lässt sich hinter einem Felsen fallen und atmet tief ein und aus. Haydar legt seine Waffe an und richtet sie in die Schlucht. Paul kann sehen, dass das Visier von Haydars Waffe dem Ausbilder folgt, der mit prüfenden Blicken die Schlucht abgeht.
Als der Ausbilder zurück ist, hebt er eine Hand über den Kopf und bewegt sie hin und her.
Haydar erhebt sich und klettert schnell hinunter. Paul kommt als letzter bei der Gruppe an. Er quält sich. Zur Strafe muss er gemeinsam mit Haydar fünfzig Liegestütze machen, schon nach dem zwanzigsten brechen Paul die Arme weg. Seine rechte Wange liegt im Dreck, er sieht Haydar, der seine Liegestütze mit zusammengebissenen Zähnen beendet, er sieht die Schuhe des Ausbilders näher kommen und erwartet einen Tritt.
Doch der Mann lacht nur. Auch die anderen der Gruppe lachen. Ausgenommen Haydar. Der Junge schämt sich. Paul ist Haydar. Haydar ist Paul. Die Sonne brennt. Paul ist müde und durstig. Das nächste Mal, würde er sich bemühen, nicht der Letzte zu sein.
Es ist spät am Nachmittag. Der Ausbilder hält eine Rede. Anschließend kriecht Haydar ins Zelt, Paul hat kaum ein Wort von der Rede verstanden. Haydar ruht sich im Zelt nicht aus. Er holt schleunigst die Nachtdecke und tritt vor den Zelten an. Paul beeilt sich, auch er holt seine Decke. Im Zelt ist es heiß. Paul ist nicht der letzte Soldat, der wieder in der Linie steht. Letzter ist ein Mann, älter als Paul. Er wird nicht bestraft.
Die Soldaten rücken ab. Sie laufen in Doppelreihe und nicht im Gleichschritt. Sie gehen zum Brunnen. Paul zögert, bevor er aus dem herumgereichten Blechbecher Wasser trinkt. Er denkt an einen anderen Brunnen und an das Kind Elias. Trotzdem schlürft er das erfrischende Wasser.
Die Ausbildungseinheit ist nicht beendet. Wieder läuft die Gruppe hinaus. Nördlich des Lagers, auf einer schmalen Hochebene, werden die Decken abgelegt. Alle knien sich hin, wie zum Gebet, legen die Waffen vor sich auf die Decke. Paul macht, was die anderen tun.
Der Ausbilder schaut auf seine Uhr und gibt mit durchdringender Stimme ein Kommando.
Haydar nimmt seine Waffe auseinander, blitzschnell liegen die Einzelteile auf seiner Decke, dann erhebt er sich.
Der Ausbilder kontrolliert die Teile, dann nickt er Haydar zu.
Paul sieht, dass alle anderen hinter ihren Decken stehen. Sein Kopf rötet sich. Noch liegt seine Waffe im Ganzen vor ihm.
Der Ausbilder steht zwischen den beiden. Er schaut Paul an, dann Haydar. Er überlegt.
Bald gibt er Befehl, die Waffen zu montieren. Haydar bleibt an seiner Decke stehen und rührt sich nicht, als weiß er, was der Ausbilder von ihm verlangen wird.
Die anderen Soldaten stehen mit geschulterten Waffen hinter ihren Decken.
Der Ausbilder stellt sich wieder zwischen Haydar und Paul, sieht beide nicht an.
„Dreißig Sekunden“, sagt er schließlich, in den Himmel blickend. „Schaffst du es in dreißig Sekunden, dann rufe mich.“
Der Ausbilder dreht sich um, lässt alle außer Haydar und Paul antreten. Die Gruppe läuft zurück ins Lager. Der Muezzin ruft zum Abendgebet. Anschließend wird es Essen geben.
Haydars Gebet ist sehr kurz. Paul ringt mit den Händen.
„Es tut mir leid“, sagt er.
Haydar antwortet nicht. Er kniet vor den Teilen seiner Waffe. Stück für Stück setzt er sie zusammen. Nach wenigen Sekunden liegt die Waffe komplett vor ihm. Mit dem eingeführten vollen Magazin.
„Was? – Was tut dir leid, Boulos?“ Haydars Stimme klingt bissig.
„Das, was mit deiner Familie geschah.“ Paul setzt sich auf die Decke.
Haydar legt sich hin. Er ist müde. „Du bist der Einzige, der je davon erfahren hat“, flüstert der Junge. „Warum soll es dir Leid tun? Es ist nicht deine Familie.“
„Als ich dir von Lulu erzählte und davon, dass ich sie verlor, als die Amerikaner den Irak angriffen, es schien mir fast, als hättest du Mitleid gehabt. Du aber hast Lulu nie gekannt.“
„Es hat mir nicht Leid getan. Es hat mich nicht berührt. Lulu ist mir egal. Du bist mir egal. Es hat mir kein bisschen Leid getan! – Kannst du das nicht verstehen?“
„Du sprichst nicht die Worte, die du denkst, Haydar. Ich fühle es. Du versuchst zu ignorieren, was du in Wirklichkeit denkst. Das kann dir nicht gelingen. Ich weiß, dass ich dir nicht egal bin. – Woher nimmst du die Kraft und den Willen, nach diesem anstrengenden Tag durchzuhalten?“
Haydar legt sich auf die Seite und stützt den Kopf mit der Hand. Er antwortet auf Pauls Frage: „Ich bin nicht dein Freund! – Vielleicht bist du mehr Kind als ich, Boulos. Vielleicht ist es das?“
„Ja, vielleicht ist es das. Besser ist es, ein Leben lang Kind zu sein, als ein Leben ohne Kindheit zu führen. – Du schuldest mir noch eine Antwort. Wen tolerierst du nicht, Haydar? Gegen wen willst du kämpfen? Oder soll ich fragen, für wen du kämpfen willst?“
Der Junge setzt sich im Schneidersitz hin, keinen Meter von Paul entfernt. Er nimmt seine Waffe zur Hand und richtet die Mündung auf Paul. Er entsichert mit dem Daumen die Waffe und legt den Zeigefinger der rechten Hand an den Abzug.
„Glaubst du, Zaim wird mich bestrafen, wenn ich es tu?“ Haydar sieht Paul in die Augen.
Paul bleibt ruhig sitzen. „Nein, Haydar. Ich glaube fast, Zaim wird dich nicht bestrafen, wenn du mich tötest. Schieß ruhig, ich habe keine Angst vor dem Tod. Der Tod kommt zu jedem Menschen. Es wäre nur schade.“
Haydar rührt den Finger nicht. „Schade? Warum wäre es schade?“ Sein linkes Auge ist zugekniffen, die Waffe drückt gegen seine Wange.
Paul stellt eine weitere Frage. „Weißt du, Haydar, was ein Buch ist?“
„Der Koran ist ein Buch. Ich weiß, was ein Buch ist.“
„Zaim ist damit einverstanden, dass ich ein Buch schreibe. Ein Buch über dich, Haydar. Dieses Buch kann ich nicht schreiben, wenn du mich jetzt erschießt. Zaim hat erlaubt, dass ich bei dir bin. Deshalb habe ich diese Kleidung an. Deshalb trage ich eine Waffe, deshalb schlafe ich in deinem Zelt, deshalb wirst du bestraft, wenn ich etwas falsch mache oder zu langsam bin. Das ist der Grund. Ich habe von Zaim verlangt, dass ich ein Teil von dir bin. Erschießt du mich, erschießt du dich selbst. Selbstmörder dürfen nicht ins Paradies, wenn sie es nicht im Kampf tun.“
Haydar sichert seine Waffe und legt sie auf die Oberschenkel. „Dann werde ich warten, bis das Buch geschrieben ist. Wenn Zaim es so will. Später kann ich dich immer noch töten.“
Paul atmet unmerklich auf. „Warum hasst du mich, Haydar? Warum diese Missgunst?“
„Missgunst?“
„Ja. Warum hasst du mich so intensiv, Haydar? Du tolerierst mein Dasein nicht. Du kannst mich nicht leiden. Ich weiß nicht warum, ich habe dir nichts getan. Weshalb willst du mich töten?“
„Du bist ein schlechter Teil von mir, Boulos, ich wurde mehrfach bestraft. Sie haben mich ausgelacht. Du bist wie ein drückender Schuh, der mich behindert. Es ist besser für mich, wenn ich barfuß laufe.“
Paul spürte die Blasen an seinen Füßen. „Das kann ich gut nachempfinden. Ja, ich verstehe dich, mein Freund. Ich werde mich bemühen, ein passender Schuh zu werden. Doch dabei musst du mir helfen.“ Paul lächelt. „Was empfindest du für Zaim?“
„Zaim?“ Haydar denkt zurück, an die Zeit, da er Zaim das erste Mal traf. „Zaim war der erste Mensch in meinem Leben jenseits der Kindheit. Er hat mich in das neue Leben gerufen. Ich empfinde Zorn für ihn. Wäre Zaim nicht, würde ich jetzt im Paradies bei meiner Familie sein.“
„Also hat Zaim dich gefunden? Als du neben dem Brunnen lagst? War er es, der dich gerettet hat?“
„Er hat mich nicht gerettet, Boulos. Die Rettung wäre mein Tod gewesen. Er hat mich dazu verdammt, mein Leben zu leben. Ich könnte jetzt im Paradies sein.“
„Und er hat dich mitgenommen?“

Elias erwachte. Er spürte das Wasser, das über sein Gesicht lief.
Der kleine Junge lag am Boden, ein Mann drehte ihn unsanft auf den Rücken.
„Das Kind lebt“, sagte eine tiefe Stimme. „Es ist ein Junge.“
„Willst du dich damit belasten, Zaim?“, fragte eine andere Stimme. „Er ist ein verdammt kleiner Junge.“ Der Mann hält ein Messer in der Hand.
Zaim duldete keine Widerrede. „Er ist ein Landsmann! Wir nehmen ihn mit ins Camp. Aus winzigen Löwenkindern werden einst gefährlich kämpfende Löwen.“
„Waren das die Russen?“, fragte der Mann, der sein Messer wegsteckte.
„Ja. Es sind russische Fahrzeuge gewesen. Sie haben viel gelernt, diese Russen. Sie töten wie die Mudschahidin. Nur den kleinen Löwen haben sie übersehen.“ Zaim hob den Jungen hoch und legte ihn über die Schulter. Er ging zurück zu seinem Fahrzeug und setzte sich neben den Fahrer. Das Kind nahm er auf den Schoß.
Sie fuhren durch Berge und Schluchten. Irgendwann musste sich die Kolonne verstecken. Sowjetische Flugzeuge tauchten am Himmel auf.
Der Junge lag inzwischen auf der Rückbank des Jeeps. Er hatte nichts gegessen, nur getrunken.
„Du bist Haydar“, sagte Zaim und tippte dem Kind gegen die Brust, als er die geöffneten braunen Augen sah. „Haydar bist du. Und du wirst ein guter Mudschahidin. Dafür sorge ich. Bist du erst Mudschahidin, dann kannst du dich rächen für all das, was man deiner Familie angetan hat.“
Eine Gruppe der Einheit brachte den Jungen in Zaims Camp jenseits der pakistanischen Grenze.
Monatelang sprach das Kind kein Wort, alle glaubten, es wäre stumm.

Antworten
Haydar nimmt seine Waffe auf und kniet sich hin. „Dreißig Sekunden sind eine lange Zeit. Du wirst nur zehn Sekunden benötigen.“ Er redet wie ein Ausbilder.
„Wer hat dir die Zahlen beigebracht?“
„Zaim und die Ausbilder. – Wirst du es in zehn Sekunden schaffen? Du musst dir nur die Reihenfolge merken. Nimm deine Waffe und lege sie auf die Decke.“
Paul gehorchte.
„Es ist eine deutsche Waffe. Eine MP5. Das Kaliber ist neun Millimeter. Sie ist ein Rückstoßlader. Ich nehme sie jetzt auseinander, es sind gerade fünf Teile.“ Haydar baut die Waffe auseinander und erklärt: „Das Magazin. Es ist leicht gebogen, so hat man weniger Klemmer. Wir haben 15-Schuss-Magazine, es gibt auch größere mit dreißig Schuss. Die Abdeckung. Die Abzugeinrichtung. Die Visierung. Sie besteht aus einer drehbaren Lochkimmentrommel und einem Balkenkern mit Kornschutz. Du kannst hier die Entfernung einstellen, immer um 25 Meter bis auf 100 Meter. Hier hinten ist die Schulterstütze, die mit einem Bolzen gesichert ist. Es gibt auch welche mit festem Kolben. – Fertig. Wirst du es in zehn Sekunden schaffen?“
„Das werden wir sehen. Würdest du eine Schule besuchen, könnte man einen klugen Jungen aus dir machen, Haydar.“ Paul nimmt seine Waffe zur Hand und beginnt, sie zu demontieren. Haydar hilft ihm. Sie bauen die Waffe gemeinsam zusammen, dann demontiert sie Paul erneut. Anschließend soll er sie allein montieren.
„Leg sie hin“, sagt Haydar anschließend und erhebt sich. „Jetzt bau sie auseinander, Boulos. Schnell.“ Paul beeilt sich. Haydar zählt mit. Als Haydar bei fünfundzwanzig ist, liegen alle Teile auf der Decke.
Paul freut sich.
„Das war zu langsam. In zehn Sekunden musst du es schaffen!“, sagt Haydar.
„Du hättest mich doch besser erschießen sollen.“ Paul lächelt. Der Junge steht vor ihm und treibt ihn an. Bei der Montage verwechselt Paul die Reihenfolge.
Die nächste Demontage schafft er in dreiundzwanzig Sekunden.
„Zehn Sekunden!“, fordert Haydar. Der Junge steht breitbeinig da, mit ernstem Gesichtsausdruck.
„Okay, Rotznase, ich weiß nicht, warum ich mir das gefallen lasse.“ Paul baut die Waffe in aller Ruhe zusammen. „Du beantwortest meine Frage, dann werde ich es in zehn Sekunden schaffen.“
Der Junge blickt von oben auf den Deutschen herab. „Welche Frage?“
„Die Frage, die ich dir stellen werde, wenn ich es innerhalb der zehn Sekunden schaffe, diese verdammte Waffe in ihre Einzelteile zu zerlegen.“
Haydar denkt lange nach. „Gut“, sagt er schließlich. „Zehn Sekunden. Du wirst es ja doch nicht schaffen!“
Pauls Hände zittern ein wenig. Die MP5 liegt vor ihm auf der Decke. „Das war ein Versprechen, Haydar. Du musst meine Frage beantworten.“
„Los!“, schreit der Junge.
Paul greift zur Waffe.
„... aath... nau ... das!“
Als Haydar die Zehn ausgesprochen hat, schnellt Paul in die Höhe. „Fertig!“
„Wie ist deine Frage?“ Haydar steht noch immer breitbeinig da.
„Lass uns erst den Ausbilder holen. – Wie heißt dieser Ausbilder?“
„Moschtoba. Er heißt Moschtoba. – Geh und hol du ihn. – Warum stellst du mir nicht gleich die Frage?“
„Weil ich vergessen könnte, in welcher Reihenfolge ich dieses Gewehr auseinander nehmen muss.“
„Es ist kein Gewehr, Boulos. Es ist eine Maschinenpistole.“
„Klugscheißer!“, zischt Paul in seiner Muttersprache und will loslaufen.
„Warte, Boulos! Bau erst deine Waffe zusammen. Und nimm sie mit!“, fordert Haydar.
Schnell kniet sich Paul auf den Boden und setzt in wenigen Sekunden die Waffe zusammen.
„Warum fragst du mich nicht jetzt?“ Haydar steht noch immer breitbeinig da, die Hände auf dem Rücken.
„Ich bin müde und hungrig. Ich werde die Frage nicht vergessen.“
„Du wolltest mir unbedingt die Frage stellen, Boulos. Und jetzt tust du es nicht.“
„Später, Haydar. Keine Angst. Ich werde meine Frage nicht vergessen, mein Freund. Und du musst sie mir beantworten.“ Paul lacht, dann rennt er zum Camp. –
„Sag Moschtoba, Haydar ist nun bereit.“
Paul muss vor dem Zelt der Ausbilder warten. Moschtoba lässt sich viel Zeit. Dann endlich kommt er aus dem Zelt und schaut Paul ernst an.
„Solltest du mich umsonst von meinem Spiel weglocken, schneide ich dir die Kehle durch.“
„Du wirst keinen Grund haben, mir wehzutun, Moschtoba. Außerdem werde ich dich unschädlich gemacht haben, bevor du nur daran denken kannst, nach deinem Messer zu suchen.“
Moschtoba ist beeindruckt. Er erwidert nichts und rennt stattdessen los.
Der Deutsche rennt ihm hinterher. Der Ausbilder läuft absichtlich sehr schnell. Paul zwingt sich schneller zu sein. Er kommt gleichzeitig mit Moschtoba bei Haydar an.
Paul atmet tief durch.
Der Ausbilder stellt sich in respektabler Entfernung vor die Decke, er nimmt eine Uhr aus der Tasche.
Paul blickt für einen Moment zu dem Jungen. Haydar hält den Atem an. Der Deutsche versucht sich zu konzentrieren. Beide fixieren ihre Waffen so lange mit den Augen, bis der Ausbilder das Kommando gibt.
„Los!“
Nur Sekunden vergehen.
Fast gleichzeitig erheben sich Paul und Haydar. Die Einzelteile der Waffen liegen ordentlich auf den Decken.
„Bau die Waffe wieder zusammen“, sagt der Ausbilder zu Haydar. Auch Paul setzt schnell die Waffe zusammen. Er weiß, dass an Haydar gerichtete Befehle ihn betreffen.
Der Ausbilder nickt, ohne eine Regung zu zeigen.
Haydar rollt seine Decke zusammen. Auch das geht bei ihm sehr schnell.
Moschtoba rennt los, und die beiden Soldaten folgen ihm wortlos.
Im Camp sagt Moschtoba: „Geh etwas essen und leg dich hin, Haydar. Die lange Wache macht müde. Müde Kämpfer sind keine guten Kämpfer.“ Er dreht sich um und verschwindet wieder im Zelt der Ausbilder.
Haydar isst sein Fladenbrot wortlos, er trinkt das Wasser, dann geht er sich waschen. Paul kühlt seine Füße im kalten Wasser. Anschließend besucht der Deutsche die Grube. Er tut, was Haydar tut.
Als Haydar auf dem Donnerbalken und Paul neben ihm sitzt, flüstert der Junge: „Es waren nur acht Sekunden!“
„Ja, Haydar. Du hast nur acht Sekunden benötigt. Das war nicht schlecht. Moschtoba war beeindruckt.“
Haydar blickt Paul fragend an. Paul redet wie die Ausbilder.
Bevor Haydar schlafen geht, erledigt er sein Nachtgebet. Lang und ausgiebig.
Kurz darauf liegen beide im Zelt, Rücken an Rücken.
Paul ist froh, die Füße von den Schuhen befreit zu haben. Er fühlt die aufgeriebenen Blasen. Um seinen Fuß hat er den Riemen der Waffe gewunden.
Haydar ist zunächst still. Nach einigen Minuten dreht er sich zu Paul um und berührt mit dem Finger Pauls Rücken. „Wie ist nun deine Frage, Boulos?“
Paul antwortet nicht. Haydar hört das Schnarchen des Deutschen.
Der Junge schüttelt den Kopf, kriecht unter die Decke und schläft kurze Zeit später ein.

„Was hast du getan in Irgendwo, nachdem dich der Hubschrauber dahin brachte?“
Haydar sieht Paul lange Zeit an. Mit dieser Frage hat der Junge nicht gerechnet.
„Du hast zwölf Stunden Zeit, mir zu antworten, mein Freund.“ Paul hockt auf dem Boden der Grube, weitab vom Camp entfernt. Diese Wache beginnt in der Mittagszeit und wird gegen Mitternacht enden. Mit den Zeiten nehmen es die Ausbilder allerdings nicht sehr genau. Drei Tage sind vergangen. Er erlebte einige Ausbildungseinheiten, aber ebensoviel Leerlauf mit.
„Ich wollte dir die Frage erst heute stellen, da ich jetzt sicher bin, dass kein anderer deine Antwort aufnehmen und weitertragen kann“, rechtfertigt sich Paul.
Der Junge kratzt sich an der Wange. „Ich will nicht darüber reden, Boulos. Das habe ich dir schon gesagt.“
„Du hast versprochen, meine Frage zu beantworten, mein Freund.“
„Das ist deine Frage?“
„Ja, Haydar. Das ist sie.“
Der Junge steht auf Zehenspitzen und blickt durch das Visier seiner Waffe, die im Gras am Grubenrand liegt.
„Ich weiß, dass ich es versprochen habe.“ Mehr sagt er nicht.
Paul greift in die Hosentasche und nimmt die Zigarettenschachtel heraus. Sie sieht sehr mitgenommen aus. Er schaut hinein. „Das ist meine letzte Zigarette“, stellt Paul fest. „Auch das noch.“
„Dann wirst du heute nur noch diese eine Zigarette rauchen können.“ Haydar lächelt hämisch.
„Das stimmt, Haydar. Das stimmt. Ich werde sie jetzt rauchen, dann muss ich nicht den ganzen Tag darüber nachdenken, wann ich sie rauche.“ Paul zündet sich die Zigarette an. Während er raucht, wedelt er mit einer Hand den Qualm zur Seite. „Ist dir die Antwort eingefallen?“ Er lässt nicht locker. „Was geschah in Irgendwo?“
„Die Antwort muss mir nicht einfallen, Boulos. Ich kenne die Antwort sehr gut.“
„Aber du zögerst. Es ist dir unangenehm, mir meine Frage zu beantworten. Doch ich bestehe darauf, Haydar. Ich will die Antwort hören. Du hast es versprochen.“
Der Junge spuckt auf den Boden der Grube. Dann blickt er Paul an. Er steckt den Kopf aus der Grube und schaut in alle Richtungen. Nun lehnt er sich an die Grubenwand und lässt die Hände in den Hosentaschen verschwinden. Sein Mund öffnet sich ein wenig. Er will reden. Aber er wartet noch, setzt sich neben Paul auf den Boden. Der Junge schaut hinauf, sieht den Ast eines verkrüppelten Baumes und den bewölkten Himmel. Er kennt diesen Ast. Haydar hatte viele Stunden Zeit, ihn zu betrachten. Der Junge wartet, dass ihm wieder Blätter wachsen. Er schließt für wenige Momente die großen braunen Augen. Dann blickt er Paul wieder an.
„Wir waren sechs Mudschahidin. Zaim hat die Waffe eines jeden genau kontrolliert. Wir bekamen zusätzliche Magazine, und jeder von uns erhielt zwei Handgranaten. Zaim gab jedem die Hand. Vielleicht glaubte er, dass wir nicht zurückkehren würden.“ Haydar flüsterte. „Der Hubschrauber war im Tal gelandet. Wir mussten sehr schnell laufen. Es war Nacht. Hassan half mir hinein. Wir kauerten hinten auf dem Boden. Der Hubschrauber flog viele Kurven. Anfangs war mir schlecht, doch irgendwann gefiel mir das Auf und Ab. Ich begriff: Ich konnte fliegen wie ein Vogel! – Das war vor zwei Jahren.“

Haydar kauerte auf dem Boden des Helikopters. Er hielt sich an einer Schlaufe fest, die Maschinenpistole lag in seinem Schoß. Same, der Junge, der Haydar gegenüber saß, war nicht viel älter. Die anderen vier Mudschahidin waren erwachsen. Haydar kannte sie gut. Einen hatte er lange als Ausbilder zu fürchten gelernt. Sein Name war Hassan. Der schlug schnell mit der Faust zu, wenn ihm etwas nicht passte.
Der Hubschrauber flog merkwürdige Kurven. Vielleicht suchte er sich seinen Weg durch die Täler und Schluchten. Doch wohin?
Niemand sprach zuvor mit Haydar über den Einsatz.
„Komm zurück, Haydar“, sagte Zaim. „Allah wird dich begleiten. Heute wirst du beweisen, dass du ein Mann bist, Haydar. Komm zurück.“ Und er drückte Haydar fest an sich, wie er es seit Jahren nicht getan hatte.
„Wohin fliegen wir?“, fragte Haydar laut, um die Geräusche des Helikopters zu übertönen.
Hassan gebot dem Jungen zu schweigen. Haydar wagte es nicht, noch einmal zu fragen. Er schaute die ganze Zeit auf das Visier seiner Waffe, bis der Pilot das Kommando gab: „Fertig machen!“
„Steht alle auf!“, befahl Hassan. Er öffnete mit wenigen Handgriffen die Seitentür, die draußen krachend einrastete.
Haydar erhob sich, kroch durch den Gurt der Waffe, so dass er diese sicher auf dem Rücken trug, und sah hinaus. Er ahnte, dass der Helikopter noch etliche Meter über dem Boden schwebte. Im Sinkflug ging es hinab, bis Hassen brüllte: „Jetzt nacheinander abspringen und sofort in Deckung gehen!“
Einer der Männer verschwand durch die Luke in die Dunkelheit. Haydar sah den Boden nicht. Seine Hand verkrampfte sich am Griff neben der Luke, er spürte den Druck der Rotorblätter über dem Kopf.
„Spring endlich!“ Hassan löste Haydars Hand und gab ihm einen Stoß. Haydar fiel hinab und landete auf allen Vieren. Sein linker Arm schmerzte. Er kroch vorwärts, so schnell es ging, dass kein Nachfolgender auf ihn stürzen konnte. Der Junge bekam Dreck in die Augen. Er rieb sie so lange, bis Tränen die Staubkörner hinausspülten.
Eine Hand ergriff Haydars Hosensaum und zog ihn hoch. „Komm mit!“
Der Helikopter entfernte sich. Haydar sah ihn nicht, er vernahm nur das leiser werdende Geräusch. Er hielt sich den schmerzenden linken Unterarm.
Hassan sammelte die Leute um sich. „In einer Reihe! Wenn ich den Arm hebe, gehen sofort alle in Deckung! Nicht schießen ohne Befehl! Habt ihr gehört, es wird nicht ohne Befehl geschossen!“
Haydar lief als Zweiter in der Reihe hinter Hassan. Die Gruppe bewegte sich auf einem Feldweg vorwärts. Es war sehr dunkel. Haydar hatte starke Schmerzen im Arm. Die Waffe schlug ihm bei jedem Schritt in den Rücken.
Der Junge blickte zur Seite und versuchte zu erkennen, wohin der Helikopter die Gruppe gebracht hatte. Er sah unbestellte Felder und hin und wieder einen Baum. Der Weg war steinig und führte lange Zeit bergauf. Haydar atmete in kräftigen Zügen. Es stach ihm in der Seite, denn Hassans Schritte waren so schnell, dass der Junge fast rennen musste. Haydar spürte Sames Keuchen im Rücken. Dem zweiten Jungen der Gruppe schien es nicht besser zu ergehen.
Eine Anhöhe war erreicht. Hassan stoppte so plötzlich, dass Haydar ihm in die Fersen trat. Der Kommandeur sagte kein Wort. Er hob nur den Arm.
Sogleich sprang Haydar in einen Graben neben dem Weg. Same kam neben ihm zu liegen. Die Jungen sahen sich an, doch keiner wagte zu reden.
Minuten vergingen.
Hassan schien die Lage zu erkunden.
Haydar lag im kargen Gras am Rand eines Schlafmohnfeldes. Die Bauern dieser Gegend verdienten mit Rohopium ihr Geld.
Es war sehr ruhig, der Junge beobachtete die Sterne am Firmament. Fast wäre er eingeschlafen, so müde war er.
Aus dem Nichts erschien Hassan.
„Kommt näher!“, forderte er flüsternd.
Die sechs Mudschahidin hockten dicht beieinander.
„Hinter der Bergkuppe, auf der rechten Seite, befindet sich ein Gebäude. Unsere Aufgabe besteht darin, alle Menschen im Gebäude unschädlich zu machen. Keiner von uns darf in Gefangenschaft geraten. Nach dem Einsatz treffen wir uns genau hier. Haydar, Fauad, Hamid – ihr kommt mit mir. Wir umgehen das Gebäude und greifen von hinten an. Same und Omed, ihr postiert euch vor dem Gebäude. Es darf niemand entkommen. Vor dem Haus stehen zwei Fahrzeuge. Omed, eine Handgranate wird reichen. Das Feuer eröffnet meine Gruppe.“ Hassan machte eine Pause. „Habt ihr verstanden?“
Alle nickten.
Haydar fühlte plötzlich starke Magenschmerzen, seine Beine wurden weich.
Hassan erhob sich. Er stieg aus dem Graben, der zu den alten Karezzen des Bewässerungssystems gehörte, das in den Kriegen fast völlig zerstört wurde.
Haydar tat, was Hassan vormachte. Er nahm seine Waffe vom Rücken und hielt sie mit beiden Händen, dann lief er in leicht gebückter Haltung Hassan hinterher. Hinter dem Hügel trennten sich Same und Omed von den anderen. Haydar sah Sames leidenden Blick.
An einem leicht abfallenden Hang stand das Gebäude. Wenige Lichter waren zu sehen. Hassan ließ sich zu Boden gleiten. Haydar nahm seine Waffe am Gurt in die rechte Hand. Er bewegte sich hinter Hassan. Wenn er sich abstützte, um vorwärts zu kommen, schmerzte der linke Arm. Der Junge biss die Zähne zusammen. Obwohl die Nacht kalt war, begann er zu schwitzen.
Ein kleiner Hund kam angelaufen. Sein Bellen war eher ein Winseln. Fauad, der stärkste Mann der Gruppe, zückte sein Messer und erledigte das Tier.
Haydars Beine wurden weicher. Noch immer folgte er Hassan. Bis zum Haus blieben wenige Schritte.
Hassan gab Zeichen. Fauad sollte sich rechts halten, Hamid links. Haydar sollte bleiben, wo er war.
Hassan lief blitzschnell zum Haus. Er warf einen Blick in eines der schwach beleuchteten Fenster.
Dann kam er zurück zu Haydar und legte sich auf den Rücken neben den Jungen.
„Ich das linke, du das rechte Fenster!“
Hassan nahm eine Handgranate vom Gürtel. Haydar tat es ihm gleich.
Hassan zog mit den Schneidezähnen den Splint heraus, hielt den Sicherungsbügel mit den Fingern fest umschlossen und spuckte den Splint aus. Ebenso Haydar.
Die Stabhandgranaten waren nun scharf.
„Auf drei!“ Hassan drehte sich und ging in die Hocke.
Haydar folgte. Seine Finger umschlossen den Bügel und den Wurfstab der Granate. Der Junge fixierte das rechte, unbeleuchtete Fenster des Hauses.
„Eins ... zwei ... drei!“
Hassan warf seine Handgranate durch das linke Fenster. Haydar erhob sich ein wenig und warf seine mit aller Kraft in das rechte Fenster.
Ein dumpfes Geräusch und ein Aufschrei zerstörten die nächtliche Ruhe.
Im gleichen Moment fühlte sich Haydar an seinem Hosenbund ergriffen und einige Schritte mitgerissen. Hinter einer flachen Mauer riss Hassan den Jungen herunter.
Haydars Gesicht lag im Dreck, er schützte instinktiv den Kopf und öffnete den Mund wie im Training.
Im gleichen Augenblick zerriss eine betäubende Detonation die Luft.
„Hoch!“, rief Hassan. „Wir haben wenig Zeit!“
Vor dem Haus explodierte Omeds Handgranate, eines der Fahrzeuge brannte lichterloh und lag auf dem Dach.
Hassan rannte auf das linke Loch zu, das von Flammen beleuchtet war. Neben ihm stand Fauad. Beide schossen aus ihren Waffen, dann stiegen sie nacheinander durch das Fenster. Haydar stand an dem anderen Fenster, durch das er seine Handgranate geworfen hatte. Hier brannte es nicht. Von der Hauswand war ein Stück herausgebrochen. Er fühlte sich von Hamid hoch gehoben, der ihn einfach durch die Öffnung hob.
Haydar hielt die entsicherte Waffe vor sich. Er sah mehrere Menschen schemenhaft in der Dunkelheit und schoss, einen Schuss nach dem anderen. Erst Hamids Hand brachte seine Waffe zum Schweigen.
„Ist gut, Haydar. Sie sind längst tot.“
Hamid öffnete die Zimmertür. Haydar folgte ihm.
Rechts und links befanden sich zwei weitere Räume, die vom Hauptraum abgingen. Der Haupteingang stand offen, die Waffen von Same und Omed ratterten.
Ruhe kehrte ein.
Haydars Herz schien zu zerspringen. Ängstlich schaute er sich um.
Hassan kontrollierte den Raum, der links abging. Eine leere Küche.
Hamid blickte Haydar an. „Gib mir Feuerschutz!“ Er trat mit aller Kraft gegen die letzte Tür, hinter der sich Menschen in diesem Haus verstecken konnten. Haydar hielt die Waffe im Anschlag, Hamid drehte sich zur Seite, und Haydar stand plötzlich in diesem Raum und löste wieder einen Schuss nach dem anderen aus. Eine ausgeworfene Hülse blieb in seiner Schuhkrempe stecken und brannte sich in seine Haut.
Das Magazin war alle.
Hamid klopfte Haydar auf die Schulter.
Haydar konnte sich unmöglich bewegen. Durch das Licht aus dem großen Vorraum sah er drei Kinder in der Ecke liegen, in der sie sich – nach der Explosion der Handgranaten im Nebenraum – versteckt hatten. Haydars Maschinenpistole beendete ihr Leben in acht Sekunden. Sie waren jünger als Haydar. Zwei Jungen und ein Mädchen. Auf dem Boden, neben einem Kinderbett, lag ein Gummifußball.
Haydars Blick wanderte traumatisiert hin und her. Fußball ... Kinder ...
„Raus hier! – Schnell zum Treffpunkt!“ Hamid drehte sich um und verließ durch den großen Vorraum das Haus, dicht gefolgt von Fauad.
Der junge Löwe bewegte sich nicht.
„Es waren die Kinder unserer Feinde. Es waren unsere Feinde, Haydar. – Komm jetzt!“ Hassan war es, der umkehrte und sah, dass Haydars Blick auf dem Ball ruhte. Er wusste nicht, dass Haydar nicht den Raum sah und nicht den Ball. Er sah den abgerissenen Kopf von Karim. Haydar sah das entstellte Gesicht seines Bruders. Seit zehn Jahren sah er dieses Bild. Immer wieder dieses Bild. Am jedem Tag. In all den Nächten.
„Haydar!“ Hassan schlug Haydar mit der flachen Hand ins Gesicht. „Komm!“
Haydar erwachte.
„Nimm den Ball mit!“ Hassan sicherte Haydars Waffe und hängte sie dem Jungen über den Rücken.
Haydar schaute Hassan ungläubig an.
„Nimm den Ball mit, Haydar, hier wird er nicht gebraucht!“
Der Junge griff im Trance nach dem Ball. Er folgte schweigend dem Kommandeur, sie rannten über ein verkarstetes Feld den Hügel hinauf.
Alle waren anwesend, Same war kreidebleich im Gesicht. Er blickte staunend auf den Ball in Haydars Händen.
„Warum den Ball?“
Haydar starrt Paul an, ist erschrocken durch dessen plötzliche Frage. Er dreht sich um, stützt sich an der Grubenwand ab.
Es ist zu spät, Paul hat längst die Tränen in Haydars Augen gesehen.
„Es wird immer so sein, wenn du Teil dieser Einheit bist. Du bist ein Teil des Hasses, ein Teil der Angst, ein Teil des Todes. – Warum den Ball, Haydar? Warum hat Hassan verlangt, dass du den Ball mitnimmst?“
Der Junge löst die Trinkflasche von seinem Gürtel und nimmt einen kräftigen Schluck Wasser.
Dann erst zeigt er Paul sein Gesicht. „Ich habe mir den Arm gebrochen, bei meinem Sprung aus dem Hubschrauber. Er war lange geschient. Jetzt ist er wieder heil, siehst du, Boulos?“ Haydar hält die Waffe mit dem linken, ausgestreckten Arm. „Es geschah mit der gleichen Maschinenpistole.“
„Warum den Ball?“
„Für die Amerikaner.“
Paul kratzt sich am Kopf. „Amerikaner?“
„Wir mussten zu Fuß zurück. Siebzig Kilometer durch das Gebirge. Über einen Grenzpfad. Wir waren in Afghanistan, in dem Land, in dem mich meine Mutter zur Welt brachte.“
„Was erzählst du, mein Freund, was haben die Amerikaner mit dem Ball zu tun?“ Paul hockt noch immer in seiner Ecke. Er ist unruhig, denn die Zigaretten sind alle. Paul bildet sich ein, das Nikotin könnte ihm helfen, Haydars Worte zu erfassen. Er ist geschockt. „Warum der verdammte Ball?“
„Sie hätten uns fast erwischt. Doch Hassan war ein guter Kommandeur. Er wusste, was passieren würde. Darum sollte ich den Ball mitnehmen.“

Geistig abwesend setzte Haydar einen Fuß vor den anderen. Kilometer um Kilometer. Er hielt den Gummiball mit dem rechten Arm, den linken hatte er zur Entlastung in den Riemen der Waffe gesteckt.
Gerade durchquerte die Gruppe ein verlassenes Dorf, das aus zwei, weit voneinander entfernten Häusern bestand, da rief Hassan plötzlich: „Halt!“
Sogleich erwachten alle und blieben abrupt stehen.
„Haydar, Same, gebt mir eure Waffen und eure Jacken! Schnell!“
Haydar ließ den Ball fallen, riss die Waffe vom Rücken, Hamid nahm sie an sich. Dann zog Haydar die Jacke aus.
Es war Vormittag, die Sonne versteckte sich. Nun, da sie nicht mehr liefen, fror Haydar. Er trug ein dünnes Unterhemd über dem mageren Körper.
Same erging es noch schlechter, er hatte kein Hemd und stand mit freiem Oberkörper da.
Hassan zeigte auf ein Plateau. „Dort spielt ihr Fußball! Schnell! Lenkt sie ab!“
Er verschwand. Omed, Fauad und Hamid folgten ihm.
Same bückte sich und hob den Ball auf. Dann rannte er über die schmale Straße und kletterte auf das steinige Plateau.
Haydar drehte sich um. Er vernahm deutlich das Motorengeräusch. Wie konnte Hassan das Fahrzeug so zeitig gehört haben? Er kletterte zu Same. Die Jungen stellten sich einige Schritte voneinander entfernt auf. Same schoss den Ball zu Haydar, der die Straße beobachtete.
Ein Jeep näherte sich.
Haydar stoppte den Ball und klemmte ihn unter seinem Schuh ein. Er wusste von dem Blut, das an dem Gummiball war. Schließlich trug Haydar den Ball schon viele Kilometer.
„Spiel zu mir!“, rief Same aufgeregt. „Wir sollen Fußball spielen!“
Der Jeep kam um die Kurve und bremste.
Haydar spielte den Ball zu Same und hielt sich wieder den schmerzenden linken Arm. Er sah zwei Soldaten in richtigen Uniformen. Einer stieg aus dem Jeep, blickte um sich und hielt eine Waffe im Anschlag. Der andere blieb hinter dem Lenkrad des Jeeps sitzen.
„Hey!“, rief der Mann und winkte den beiden Jungen zu. Seine Haut war dunkelbraun, und er trug einen Stahlhelm.
Der Ball kam zu Haydar zurückgerollt. Der nahm den Ball auf und kletterte vom Plateau.
Same blieb oben stehen.
Der Soldat hielt die Waffe auf Haydar gerichtet. Nicht einen Moment ließ er den Jungen aus den Augen.
Haydar ging auf den Mann zu, er hielt den Ball mit beiden Armen fest an den Bauch gedrückt. Er zitterte.
„Hey!“, wiederholte der amerikanische Soldat. „What is your name?“
Haydar betrachtete den Mann mit großen Augen. Verstehen konnte er die englische Sprache nicht.
„Larka ... naam ...“, stammelte der Amerikaner.
Haydar begriff.
„Haydar. Naam Haydar.“
„Okay, Haydar.“ Der Mann suchte wieder nach Worten, die der Junge verstehen konnte. „Okay ... sapahi yahaan ... Haydar ... daykah?“ (Soldaten hier ... Haydar ... gesehen?)
„Sapahi?“ Haydar lachte. Dann zeigte er auf den Amerikaner. „Aap khud sapahi!“ (Du selbst bist ein Soldat!)
Der Amerikaner lachte nun ebenfalls. Dann wurde er wieder ernst. „No, no, no ... digar sapahi ...” (Nein, andere Soldaten ...)
Haydar schüttelte seinen Kopf.
Der Soldat überlegte. Er drehte sich zu seinem Kameraden um und rief für Haydar unverständliche Worte.
Same schrie vom Plateau: „Was wollen die, Haydar?“
„Er fragt, ob wir andere Soldaten gesehen hätten!“, rief Haydar zurück.
Der Amerikaner griff in die Brusttasche seiner Uniform. Haydar sah ihm interessiert zu. Kurz darauf hielt ihm der Mann etwas hin.
„Take the sweets! Ähm ... layna ... meetha!” (Nimm die Süßigkeiten!)
„Shukria“ (Danke), flüsterte Haydar errötend und steckte die kleine Packung Kaugummis in seine Hosentasche.
Der Ball fiel ihm dabei aus der Hand und rollte vor die Stiefel des Amerikaners, der ihn mit dem Stiefel stoppte.
Gleichzeitig sahen beide die blutigen Flecken, die der Ball nun offenbarte.
„Blood?“, rief der Amerikaner und riss seine Waffe hoch, jetzt wieder auf Haydar gerichtet.
Haydar ließ sich langsam auf die Knie fallen. Er imitierte ein glaubhaftes Weinen, vergrub sein Gesicht in den Händen, zeigte anschließend dem Soldaten die großen, braunen und feuchten Augen. „Ammi ... abbu ... bhai ... mot!” Haydar faltete die Hände. „... ammi ... mot ... abbu ... mot ... bhai ... mot!“ (Mama, Papa, Bruder ... tot!), stammelte er.
Der Amerikaner ließ Sekunden später die Waffe sinken. Er rollte den Ball bis vor die Füße des Jungen und fuhr Haydar mit einer Hand durch die Haare. „Mafi mangna, sorry my boy, mafi mangna. – Where? Kahan?“ (Entschuldigung, Junge. – Wo?)
Haydar zeigte auf das verlassene Haus, zweihundert Schritte entfernt, ebenfalls auf ein Plateau gebaut.
Der Soldat fuhr Haydar noch einmal über den Kopf. „Sorry, boy. Mafi mangna“, wiederholte er. Rückwärts ging er zum Jeep. „Alwidaah“, rief er traurig dem Jungen zu.
„Alwidaah“, flüsterte Haydar, drehte sich um und lief langsam zu Same zurück.
„Was hat er dir gegeben?“, war die erste Frage, die Same ihm stellte.
Haydar blieb vor dem Freund stehen. Er hatte beide Hände zu Fäusten geballt. Er blickte nicht zur Straße. Er zuckte zusammen, als wäre er selbst getroffen.
Kurze Salven ertönten.
Sofort war wieder Ruhe.
Haydar drehte sich nicht um.
„Wir haben die Amerikaner besiegt!“, rief Same erfreut und riss die Arme hoch. „Komm, Haydar!“
„Es waren nur zwei Amerikaner.“
Haydar zitterte. Er folgte Same. Der Gummiball blieb auf dem Plateau zurück. Der Wind trug ihn später auf die Straße, der Regen in eine unzugängliche Schlucht.

„Hassan hat mir ein Lob ausgesprochen. Ich hätte die beiden Soldaten in den Hinterhalt gelockt. Sie mussten ahnungslos zu Fuß an unseren Kämpfern vorbei. Als er mich fragte, wo meine tote Familie liegt, fiel mir nichts anderes ein, als auf das verlassene Haus zu zeigen. Sie waren sehr unvorsichtig, diese Amerikaner.“ Haydar sieht Paul nicht in die Augen. „Vier Schüsse haben gereicht.“
Paul stellt zunächst keine weitere Frage.
Der Junge schlägt mit der rechten Schuhspitze unablässig gegen die Wand der Grube.
Paul greift zum wiederholten Mal in seine Jackentasche, nimmt die leere Zigarettenschachtel heraus und stellt erneut fest, dass sie leer ist.
„Die beiden Soldaten wurden in diesem Haus versteckt. Wir fuhren viele Kilometer mit dem Jeep. Dann schoben wir den Jeep in einen Abgrund. Die letzten Kilometer ging es zu Fuß bis ins Camp. Zaim freute sich sehr, dass wir alle unversehrt, so schnell und erfolgreich zurückgekehrt waren.“
Ein Stein löst sich. Haydar hört auf, mit dem Fuß gegen die Grubenwand zu stoßen.
Er zieht sich hinauf und macht Anstalten, aus der Grube zu klettern.
„Wo willst du hin, Haydar?“ Paul sieht den Jungen nicht an, während er fragt.
„Ist deine Frage nicht beantwortet, Boulos?“
Nun schaut Paul zu dem Jungen, der oben vor der Grube kniet und zu ihm hinabblickt.
„Bist du zufrieden, Boulos? Ist deine Frage beantwortet?“, wiederholt Haydar.
„Ja, Haydar. Das ist sie. Diese eine Frage ist beantwortet. Zufrieden bin ich nicht. – Wo willst du hin?“
„Ich muss mal.“
Während er den Jungen nicht sehen kann, fährt sich Paul immer wieder mit einer Hand über den Kopf.
Haydar springt zurück in die Grube. Er setzt sich direkt neben Paul, so dass sie sich berühren. Er verschränkt die Arme, zieht die Knie an, legt die Arme darauf und beugt sich nach vorn, bis die Stirn seine Arme berührt.
Paul schaut nach oben. Es dämmert bereits, der Tag neigt sich dem Ende entgegen.
„Betest du für mich?“, flüsterte Haydar.
Für Paul kommt diese Frage unerwartet. „Ich denke, Mudschahidin kommen immer ins Paradies? Es heißt, sie sind Allah willkommen, auch wenn ihre Hände blutig sind. – Muss ich wirklich für dich beten, Haydar?“ Paul legt einen Arm um den Jungen. „Befindet sich ein Söldner im Dschihad? – Ob Allah den kleinen Söldner erhört, der um Einlass in das Paradies bettelt?“
„Du musst nicht für mich beten“, flüstert Haydar.
Paul atmet tief ein. „Doch. Ich werde es tun, Haydar. Ich werde für dich beten. Ob ich es muss oder nicht. Ich bete bestimmt für dich, mein Freund.“ Er klopft dem Jungen ganz leicht gegen die Schulter. „Vielleicht stimmt es ja, was über die Mudschahidin erzählt wird. Noch bist du ein Ghazi . Eines Tages wirst du ein Märtyrer sein, ein Schahid . Es heißt, die Mudschahidin bekommen von Allah einen besonders schönen Platz im Paradies zugeteilt.“
Minutenlanges Schweigen folgt.
„Meinst du, eines Tages wird das Gute siegen, Boulos?“, flüstert der Junge plötzlich.
„Das Gute wird immer siegen, Haydar. Denn die Sieger halten sich stets für die Guten. Das wirklich Gute wird erst siegen können, wenn es keine Menschen mehr gibt.“
Haydar hebt seinen Kopf. Er versucht, die Worte des Mannes zu begreifen.
Dann macht er die Beine lang und greift in seine rechte Hosentasche. Kurz darauf hält er die geschlossene Hand vor Pauls Gesicht.
„Nimm, Boulos!“
„Was ist das?“
„Nimm!“
„Sag bitte, Haydar.“
„Nimm es. – Bitte.“
Paul hält seine flache linke Hand unter die Haydars. Der Junge öffnet seine Hand und zieht sie zurück, erhebt sich ein wenig, kniet sich auf den Boden der Grube, beugt sich weit nach vorn, berührt mit der Stirn und mit den Handflächen den Boden. Lautlos betet er.
Paul schaut in seine Hand. Dort liegt eine geschlossene Packung Kaugummis „Fresh mint“.
Die Süßigkeiten, die Haydar als Elfjähriger von einem schwarzen, amerikanischen Soldaten geschenkt bekam.
Haydar trennt sich nun von dieser Last.
Fast eine Stunde vergeht, bis sich Haydar erhebt. Über dem Versteck herrscht tiefe Dunkelheit.
„Eine Antwort schuldest du mir noch, Haydar.“ Paul kaut Kaugummi, während er spricht. „Es passte dir nicht, dass du die Feinde getötet hast. Es passte dir nicht, dass du die Kinder der Feinde getötet hast. Und es passte dir nicht, dass die Amerikaner deinetwegen getötet wurden. So beantworte mir bitte die Frage: Wen tolerierst du nicht, Haydar? Gegen wen willst du kämpfen?“
Paul erntet einen hasserfüllten Blick. Der Junge schweigt.
Die restlichen Stunden der Wache wartet er umsonst auf eine Antwort.
Nur hin und wieder stöhnt Paul, weil er nicht rauchen kann. „Ich habe Söldner kennen gelernt, die kannten nur den Tod, das Geld und den Alkohol. Sie lebten nicht mehr, auch wenn sie es glaubten. Sie alle waren längst in der Hölle! – Sie wussten nicht, gegen wen sie kämpften. Sie töteten für Geld. Sie wurden dafür bezahlt zu töten. Mit Essen, Trinken und einer schäbigen Zeltplane für die Nacht. Einigen wenigen gab man Geld.“
Haydar tut, als ist er taub. Nur seine Wimpern zwinkern aufgeregt.
Wahrscheinlich ist es Mitternacht, weil die Ablösung endlich kommt.
Paul und Haydar reihen sich ein, laufen die bekannte Runde, essen im Camp trockene Fladen und trinken Tee.
Dann stehen sie vor ihrem Zelt.
„Warte, Boulos“, flüstert Haydar und hält den Deutschen fest, der seine Waffe ins Zelt wirft. „Ich wollte dir die ganze Zeit etwas geben.“ Der Junge greift in seine linke Hosentasche und hält Paul eine neue, volle Zigarettenschachtel hin. „Ich rauche nicht. Du kannst sie haben. Ich brauche sie nicht.“
Paul blickt den Jungen völlig entgeistert an. „Shukria, Haydar. – Du hattest sie die ganze Zeit bei dir? Während der gesamten Wache?“
„Ja, Boulos. Die ganze Zeit. Während der gesamten Wache. – Es machte mir Spaß, dich leiden zu sehen.“ Das erste Mal sieht Paul den Jungen aufrichtig lachen. „Du hättest dich jammern hören müssen. Deine Hände haben gezittert, wie die Hände einer alten Frau! Es hat mir Spaß gemacht, dich leiden zu sehen.“
Paul sieht den Jungen böse an. „Vielleicht habe ich aus einem ganz anderen Grund gezittert und gejammert, Haydar!“ Er nimmt die Schachtel an sich, setzt sich neben das Zelt und raucht eine Zigarette.
„So ein elender, kleiner Hosenscheißer ...“, flüstert Paul und betrachtet die Schachtel Zigaretten. Das Lachen des Kindes hallt in seinen Gedanken nach.
Später kriecht Paul ins Zelt, legt sich unter seine Decke und beobachtet den Jungen.
Der bewegt sich plötzlich, kommt mit den Lippen nah an Pauls Ohr heran und flüstert: „Ich kann sie nicht beantworten, deine letzte Frage. Es gibt keine Antwort, verstehst du? Es gibt kein gegen, es gibt nur ein für. Ich kann nur für etwas kämpfen. Und ich tu es bestimmt nicht für Geld!“
Haydar verschwindet wieder unter seiner Decke und dreht sich weg von Paul.
Es dauert fast bis zum Morgen, bis der Deutsche vom Schlaf übermannt wird, obwohl die Müdigkeit ihm arg zusetzt.
Umso quälender wirken die Schreie der Ausbilder, als die Mudschahidin geweckt werden.
Es ist Freitag. Paul wird viel schreiben müssen.

[...]