"Was suchst du hier? Verdammeleiter!" Der junge Knecht hatte Henrik am Ohr geschnappt und hielt ihn daran fest.
"Ich tu doch nichts Böses, Herr", flehte der Junge. "Ich such nur die Mikaela!"
"Die Mikaela? Was willst du von der Tochter des Bauern?"
"Nichts, Herr."
"Nichts? - Wenn du nichts von ihr willst, dann musst du sie auch nicht finden."
"Oh bitte, Herr! Es ist wichtig." Der Junge verzog das Gesicht.
Der Knecht ließ endlich Henriks Ohr los und lachte. "Was für helle Augen du hast. Ist Mikaela etwa in deine Augen verliebt?" Er steckte die Mistgabel mit einem kräftigen Ruck in den Haufen. "Ach, egal. - Los, komm mit!"
Henrik stolperte dem Knecht hinterher.
"Wie heißt du, Junge?", fragte der dabei.
"Henrik Henrikson, Herr."
Der Knecht blieb stehen und drehte sich grinsend um. Er wirkte noch sehr jung. "Herr? - Das hat noch nie jemand zu mir gesagt. Ich heiße Iver und gehöre dem Bauern."
"Du gehörst ihm?"
"Ja. Er hat mich vor Jahren gekauft, als ich arbeiten konnte. Neun oder zehn war ich da."
Henrik staunte. "Wo kommst du her, Iver? Wer hat dich verkauft?"
"Wer wohl? Meinst du, ich weiß nicht, dass du aus dem Waisenhaus bist?"
"Du warst nicht etwa auch dort?"
Iver klopfte Henrik auf die rechte Schulter. "So lange ich denken kann. Bis ich endlich verkauft wurde. Und seitdem diene ich dem Bauern."
"Und auch Mikaela?" Henrik konnte die Frage nicht zurückhalten. "Dienst du ihr auch?"
"Mikaela?" Iver verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Ein Luder ist das. Nichts als ein Luder. Der Bauer hat mich windelweich geprügelt, weil er sah, wie die Mikaela mich küsste. Dabei konnte ich gar nichts dafür. Ein Luder ist das, sag ich dir. Pass bloß auf bei der."
"Mikaela hat dich auch geküsst?"
"Auch?", wiederholte Iver erstaunt. Dann stiefelte er weiter. "Ich sag ja. Ein Luder ist das. - Warte hier."
Henrik blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete die Umgebung. Der Knecht verschwand im Haus und kam kurz darauf wieder.
Von drinnen war die schreiende Stimme der Bäuerin zu hören: "Iver, du altes Dreckschwein! Du hast dir die Galoschen nicht abgetreten! Na warte, du!"
"Bleib hier", flüsterte Iver, als er an Henrik vorüberging. "Das Luder kommt gleich." Dann verschwand er eilig hinter einem Stall.
Henrik beobachtete die Haustür. Endlich trat Mikaela hinaus und band sich gerade noch ein Kopftuch um. Sie griff die rechte Hand des Jungen und zog ihn mit sich. "Bist du verrückt? Am hellerlichten Tage hier aufzutauchen? Mein Herr Vater verprügelt dich nach Strich und Faden, wenn er uns beieinander sieht!" Im Hühnerstall angekommen, klatschte Mikaelas Hand in Henriks Gesicht.
"Was soll das? Warum haust du mich?", fragte der Junge erbost und stampfte mit dem Fuß auf, dass die Hühner schreiend davonliefen.
Das Mädchen streichelte die Wange, die es gerade geschlagen hatte. "Entschuldige. Ich war in Rage."
"Was ist Mikaela, küsst du eigentlich jeden?"
Sie fuhr mit einer Hand durch das Stroh und fand ein warmes Hühnerei. "Bist du extra gekommen, um mich das zu fragen?"
"Was ist mit Iver?", fragte Henrik. "Er wurde verkloppt, sagt er. Von deinem Vater, sagt er. Weil du ihn geknutscht hast, sagt er."
Sie spielte ein Lachen vor. "Iver ...", meinte sie spöttisch. "Ist der Herr etwa eifersüchtig auf Iver, den Stallburschen? Ich find es süß, wenn du eifersüchtig bist."
"Was ist eifersüchtig?", wollte Henrik wissen, denn dieses Wort kannte er nicht.
Mikaela hielt ihm das Ei vor die Augen. "Männer werden eifersüchtig, wenn sich ihre Geliebten mit anderen Kerlen abgeben."
"Du bist nicht meine Geliebte", legte der Junge fest, nahm das Ei und ließ es in der Tasche verschwinden.
"Da du jedes Mal rot wirst, wenn ich dich küsse, muss ich ja doch deine Geliebte sein!" Sie gab ihm einen Kuss auf die Lippen und Henriks Gesicht rötete sich zum Beweis. "Sag schon, warum bist du hier?"
"Der Mann aus Kristiania ist wieder da. Er hat den Herrenhausherrn angeschrien." Henrik spielte die Szene vor. "'Nichts hat sich geändert! Nichts!', hat er gerufen. Und wir brauchen dringend ein Mädchenkleid und ein Kopftuch und ..."
"Ein Mädchenkleid?", unterbrach sie ihn. "Was willst du mit einem Kleid? Willst du ein Mädchen sein?"
"Quatsch, ich doch nicht. Marten müssen wir verkleiden, damit er endlich aus dem Versteck kommen kann."
"Ihr wollt aus Marten ein Mädchen machen? Dann nehmt lieber ein Messer." Mikaela lachte, doch dann wurde sie wieder ernst. "Das war deine Idee, nicht wahr?"
Henrik nickte.
"So dumm ist das gar nicht. Ich weiß nicht, ob meine Mutter ein Kleid aufgehoben hat."
"Kannst du nicht nachsehen gehen? Bitte!"
Mikaela schüttelte den Kopf. "Du bringst mich noch in Teufels Küche. - Warte hier. Aber keinen Mucks!"
Der Junge lächelte, während sie verschwand. Dann holte er das Ei aus der Hosentasche, wischte es am Hemd ab, hob ein spitzes Steinchen auf und klopfte vorsichtig ein Loch hinein. Genussvoll saugte er das Ei leer und leckte sich die Lippen. "Was schaust du mich so an?", fragte Henrik ein Huhn, das aufgeplustert vor ihm auf einem Holzregal hockte. "Habe ich dein Kindchen verschluckt?" Er steckte dem Huhn die Zunge raus und suchte im Stroh, wo er zwei weitere Eier fand.
Bis Mikaela wieder auftauchte, hatte Henrik ganze zwölf Eier leergeschlürft. Gerade überlegte er, wohin er die weißen Schalen verschwinden lassen konnte, als ihn plötzlich einen derben Griff am Genick packte.
"Hab ich dich, Eierdieb, verdammter!", brüllte eine tiefe Stimme. Ein Stoß - und Henrik lag auf dem Boden, während die letzten Hühner mit lautem Gekreische flüchteten. "Eine bodenlose Frechheit ist das! Wahrscheinlich bis du einer von diesen elenden, verdammeleiten Raufern!"
Der Junge spürte einen derben Stiefel auf seiner Brust, der Bauer schien ihm die Rippen brechen zu wollen, doch er trat nicht allzu fest auf den Jungen. Henrik zappelte wie ein Maikäfer auf dem Rücken. "Bitte, Herr!", flehte er. "Ich bin kein Dieb. Ich hatte doch nur lange Weile. Und die Eier sind so lecker."
Der Bauer klemmte den Hals des Jungen mit einer zweizinkigen Gabel ein und nahm den Fuß von Henriks Körper. "Dann bist du kein Raufer? Einen habe ich beim Klauen erwischt und windelweich geprügelt."
Iver schob sich in den Hühnerstall, verweilte aber im Hintergrund. "Das ist Mikaelas Liebhaber", raunte er hämisch. "Er wartet hier auf seine Maid."
Zu allem Überfluss tauchte nun noch die Bäuerin auf. "Hat sich ein Fuchs bei uns eingeschlichen? Ah, und was für einer! Gut, dass du ihn gefangen hast, Klaus."
"Das ist kein Fuchs", stellte der Bauer fest. "Eher ein Hase, ein echter Angsthase! Füchse haben braune Augen, der aber hat silberne!"
Henrik fühlte sich schrecklich eingeengt. Mit beiden Händen hielt er die Zinken, versuchte den Kopf zu heben, doch blieb mit dem Hals daran stecken. "Ich bin bestimmt alles, Herr!", schimpfte er. "Aber kein Angsthase! Ich habe mich gewehrt dagegen, bei den Raufern mitzumachen!"
Die Stimme von Mikaelas Vater wurde ruhiger. "Sie wollten dich und du hast dich verweigert?"
"Ja doch, Herr!", rief Henrik gequält. "Und ich habe Marten das Leben gerettet."
"Wer - verflucht - ist Marten?", wollte die Bäuerin wissen.
"Ein Junge aus dem Waisenhaus. Der Herrenhausherr hat ihn erschlagen und ..."
" ... hat Marten bei lebendigem Leib beerdigt!", ertönte Mikaelas Stimme. Sofort ergriff sie den Stiel der zweizinkigen Gabel. "Papa, lass ihn in Ruhe!"
Bauer Klaus sah erst zu seinem Weib, dann zu Mikaela und schließlich zu dem Jungen, der noch immer auf dem Boden lag und zappelte, wie ein Maikäfer auf dem Rücken. "Das hast du wirklich getan?", fragte er und nahm nun endlich die Gabel hoch.
Henrik war frei. Mikaela hockte sich neben ihn und drückte seinen Kopf gegen ihre weiche Brust, auch wenn sich der Junge erneut wehrte. "Ja. Das hat er getan. Henrik ist der mutigste Junge, den ich kenne. Und heute kam er zu mir, damit ich ihm ein Mädchenkleid borge, so dass Marten sich verkleiden kann und der Herr Olson nicht merkt, dass Marten noch lebt."
"Herr Olson?", fragte Henrik erstaunt. "Ist das der Name des Herrenhausherrn?"
"Zu mir ist Ole Olson meist sehr freundlich, wenngleich er mich andauernd zu betrügen versucht", sagte Mikaelas Vater. "Immerhin ist er einer meiner besten Kunden. Aber er bezahlt für das, was ich euch liefere."
Henrik lachte gezwungen auf. "Uns? Das soll wohl ein Witz sein. Wir Kinder bekommen Schweinefutter! Und selbst davon nicht gerade viel. Das Brot und das Fleisch, das Sie ihm liefern, das fressen Olson, seine Alte und der Aufpasser Siegmund."
Der Bauer schwieg betreten, während Henrik hektisch atmete.
"Ist der nicht ein bisschen jung für dich?", fragte die Bäuerin ihre Tochter.
"Er ist doch nur mein Freund. Nichts anderes! Keiner sagt, dass wir morgen heiraten werden!", brüskierte sich Mikaela.
Nun setzte sich der Bauer auf die Hühnerbank, dass es knarrte. "Den Iver haben wir großgezogen, weil das Weib nicht mehr gebären kann. Damit ein Junge da ist für den Hof. Und wer weiß, was sonst aus ihm geworden wäre."
Henrik erhob sich, blieb aber in der hinteren Ecke neben Mikaela stehen. "Also gehört er Ihnen doch nicht?"
Lachend schüttelte der Bauer den Kopf. "Nein. Iver gehört nur sich selbst, auch wenn ich viel Geld für ihn zahlen musste. Ich hab's ihm eingeredet, damit er nicht gleich davonläuft. Aber ... was du da erzählst, da kommt einem ja das kalte Grauen. Solche Ganoven in der Nachbarschaft."
"Tun können wir doch nichts dagegen", warf die Bäuerin ein.
"Ach?" Mikaela stemmte die Fäuste in die Seite. "Man kann immer etwas tun."
"Jedenfalls hat er die Eier geklaut. Und dafür verdient er eine Tracht Prügel." Der Bauer erhob sich wieder und blickte Henrik an, als wollte er ihn durchbohren. "Raus mit euch anderen!" Er zeigte auf den Jungen. "Und du bleibst!"
"Bitte nicht, Vater!", forderte Mikaela.
"Raus!"
Kaum waren Bäuerin, Mikaela und Iver verschwunden - sie lauschten draußen natürlich - da schloss der Bauer die Tür und winkte Henrik an sich heran. Der zuckte zurück, als der Bauer seinen Kopf zwischen die Hände nahm. Doch Mikaelas Vater wollte Henrik nur leise ins Ohr flüstern: "Wenn ich in die Hände klatsche, dann schreist du! Verstanden? Und wenn wir dann rausgehen, reibst du dir den Hintern. Klar? Sie sollen wissen, dass ich Eierklau nicht durchgehen lasse. Und erwisch ich dich noch mal, dann setzt es tatsächlich was!"
Ein Aufatmen ging durch Henrik, der mit dem Schlimmsten gerechnet hatte. Nun klatschte der Bauer so laut es ging in die Hände. Und nach jedem Klatschen schrie der Junge: "Aua! Nicht doch! Au, das tut weh! Ich mach es bestimmt nie wieder, Herr! Au, bitte nicht! Bitte aufhören!" Dabei grinste er den Bauern an.
Schließlich war Schluss mit dem Theater, der Bauer ging zur Tür, öffnete sie mit einem Ruck, so dass Mikaela fast in den Hühnerstall gefallen wäre.
"Danke Herr", flüsterte Henrik, dann bekam er einen Stoß und wurde hinaus geschubst. Dort hielt er sich mit beiden Händen den Po und quetschte sich Tränen aus den Augen. Doch als Mikaela ihn entsetzt anschaute, war ein Lächeln um Henriks Lippen zu sehen.
"Ich bin bald wieder da!", rief das Mädchen, nahm Henrik an die Hand und rannte mit ihm über das Feld und dann in den Wald hinein.
Als sie weit genug vom Hof entfernt waren, blieb Mikaela stehen. "Was ist, hat es nicht wehgetan?"
Henrik lachte lauthals. "Was denkst du? Er hat mich nicht einmal berührt."
Sie musterte den Freund ein Weilchen. "Merkwürdig", meinte sie schließlich. "Jeden anderen hätte Vater ganz sicher verprügelt. Scheinbar hat er einen Narren an dir gefressen."
Langsam gingen sie weiter, kletterten über abgestorbene Bäume und Wurzelberge.
"Einen Narren gefressen? Und was meint er damit, dass das Weib nicht mehr gebären kann?", fragte Henrik.
Mikaela lief weiter, während sie sprach. "Vater hätte gern viel mehr Kinder gehabt. Aber irgendwie klappt es nicht mehr mit meiner Mutter. Ich bin ihr einziges Kind und werde es wohl auch bleiben. Er hat es in allen Stellagen probiert. Ich hab heimlich zugesehen."
"Was probiert? Was meinst du mit Stellagen?", wollte Henrik wissen.
Nun blieb Mikaela für einen Moment stehen. "Tust du nur so dumm oder bist du's?"
"Bitte erklär es mir. Ich weiß nicht, was du meinst!", bettelte der Junge.
Mikaela verzog das Gesicht. Dann hockte sie sich hin und zog Henrik mit hinunter. Sie blickte ihm direkt in die Augen. "Weißt du wirklich nicht wie Babys gemacht werden?"
Sacht schüttelte der Junge den Kopf. "Erklärst du's mir vielleicht?"
Erneut überlegte sie einen Moment. "Nein", sagte sie schließlich, erhob sich und lief weiter.
Henrik folgte ihr auf dem Fuß. "Warum nicht?"
"Darum!"
"Ist es dir etwa peinlich? Wer soll es mir sonst erklären?"
Mikaelas Ohren waren rot. "Später vielleicht."
Stolpernd holte Henrik das Mädchen ein. "Ich frag dich aber immer wieder."
Von nun an schwiegen sie, denn sie näherten sich bereits dem Baumversteck. Erst sahen sie sich um, dann kletterten beide eilig hinauf. Marten war allein oben.
"Wo ist Niels?", fragte Henrik sogleich.
"Er wollte was zu Essen besorgen", piepste Martens Stimme.
Ein wenig schämte sich Henrik, weil er die Eier allein ausgeschlürft hatte.
Mikaela drängte Henrik wieder hinaus. "Versteck dich unten, bis ich dich rufe", legte sie fest.
Widerwillig kletterte Henrik hinunter. "Ich schau nach Niels", flüsterte er noch, dann huschte er von Baum zu Baum.
Während Henrik seinen Freund suchte, half Mikaela Marten aus den Sachen und zog ihm das Kleid über. Dann flocht sie ihm aus den blonden, lockigen Haaren zwei feste Zöpfe und band ihm das Kopftuch um. Anschließend gab sie Marten noch einige wichtige Ratschläge.
"Wenn du pinkeln musst, dann tu es nie im Stehen, sonder hocke dich hin und heb das Kleid hoch, damit es nicht nass wird."
"Aber ... aber dann sehen die anderen doch meine heilige Makrele!", entrüstete sich Marten.
"Was sehen die?", fragte Mikaela erstaunt.
"Riecht manchmal wie Fisch und ist heilig. Meine heilige Makrele. Du weißt schon. Und dann wissen die doch, dass ich kein Mädchen bin."
Michaela kicherte. "So eine Bezeichnung von diesem Ding habe ich noch nie gehört." Sie wurde wieder ernst. "Du musst es geschickt machen. So riesig ist deine heilige Makrele ja nicht. - Und wenn es dich krabbelt, denk daran: Mädchen kratzen sich nicht zwischen den Beinen, höchstens am Bauch."
"Aber ... aber wenn es zwischen den Beinen krabbelt?"
"Dann musst du dich unauffällig kratzen. - Und Mädchen schlagen nicht mit der Faust zu. Sie knabbern die Nägel nicht ab, sondern sie nutzen sie als Waffe zum Kratzen und Kneifen."
"Aber ... aber meine sind doch abgeknabbert?"
"Dann achte drauf, dass sie wachsen. - Und Mädchen setzen sich nicht auf den Boden, sie knien sich hin."
"Aber ... aber wenn die Knie wehtun?"
"Dann setzt sich ein Mädchen irgendwo drauf, aber immer so, dass niemand unter den Rock schauen kann. - Hast du alles verstanden?"
"Hm ... Ich denke ja." Marten verzog das Gesicht. "Ist gar nicht so einfach, ein Mädchen zu sein."
"Pass auf, dass die Zöpfe immer schön zu sehen sind. - Wie heißt du?"
Diese Frage kam sehr überraschend für den Jungen. "Das weißt du doch: Marten."
Mikaela schlug dem Kleinen leicht gegen die Stirn. "Doofmann! Nicht Marten. MARTE. Jungs heißen Marten. Und Mädchen Marte. Verstanden?"
Marten nickte. Dann fand er Gefallen daran, mit den Zöpfen herumzukaspern. "Ich bin die Marte. Ich bin die Marte", sang er immer wieder.
Mikaela beobachtete ihn dabei und lachte. "Perfekt!", rief sie, fast etwas zu laut. "Ein richtiges Mädchen bist du jetzt. Das mit dem Messer können wir erstmal sein lassen."
Sogleich verging Marten die gute Laune. "Messer?", fragte er erschrocken. "Wolltest du mir die heilige Makrele etwa abschneiden?" Marten drückte beide Hände schützend in den Schritt.
Nun lachte das Mädchen. "Das war nur ein Spaß. Ich schneid dir deine winzige heilige Makrele bestimmt nicht ab."
Von unten war ein "Pssst!" zu hören. Mikaela beugte sich aus der Baumhöhle. Da standen Niels und Henrik.
"Was ist das für ein Krach?", fragte Henrik.
"Dreht euch um und macht die Augen zu!", forderte Mikaela.
"Warum?"
"Tut es einfach." Die beiden Jungs drehten sich um, während Mikaela aus der Höhle kroch, hinuntersprang und Marten anschließend auffing. Der stellte sich hinter Niels und Henrik, und flüsterte voller Spannung: "Jetzt könnt ihr gucken!"
Augenblicklich drehten sich die beiden um. Was sie sahen, verschlug ihnen die Sprache.
"Ach du liebe Scheiße. Du schaust ja wirklich wie ein Mädchen aus", stellte Niels fest.
"Und ich kratze und kneife auch wie eins", meinte Marten und kniff Niels grinsend in den Arm.
Henrik aber ging zu Mikaela und dankte ihr ausgiebig.
Später hockten sie wieder zu viert in der Baumhöhle. "Heute Nacht gehen wir ins Herrenhaus. Ich muss wissen, was da los ist. Die haben immer noch kein Brot verteilt, es gab gar nichts", erklärte Henrik.
Marten spielte wieder mit den Zöpfen. "Erzählst du jetzt weiter von deinem Abenteuer?", fragte er schließlich, und bald darauf redete erneut nur noch Henrik.
So verging der Abend und die Nacht kam. Es wurde kalt und der Hunger wurde stärker.