Li Ting hatte Besorgungen in Xining zu machen. Ich fragte ihn und Corner, ob Yitaitai und ich mitfahren durften, da wir noch einige Sachen für die Hochzeitsfeier benötigten. Corner hatte nichts dagegen, bestand aber darauf, dass wir den Hubschrauber nehmen sollten.
Ich war nun bald acht Monate in Shinkh und hatte die Siedlung nur selten verlassen. Umso gigantischer kam mir die Natur vor, als wir darüber hinweg glitten. Yitaitai hielt meine Hand fest. Sie flog nicht besonders gern. Dabei hatte man durch die Glaskuppel des Hubschraubers einen traumhaften Ausblick. Wälder und unglaubliche Felsen glitten unter uns dahin, der Schatten des Helikopters hüpfte über die Baumwipfel, verschwand in den Tälern, raste über riesige Mohnfelder.
»Es ist wie im Traum!«, rief ich Yitaitai zu.
Die nickte blass. Man sah ihr die Schwangerschaft allmählich an. Ihr schlanker Körper gab mit der kleinen Bauchkugel eine unmögliche Form ab, ihr Becken hatte sich kaum ausgedehnt.
Der Helikopter landete auf einem Bankgebäude, nicht, wie ich vermutet hatte, auf dem Flughafen.
»Ich habe hier zu tun!«, rief Li, während sich über uns noch die Rotorblätter drehten. Wir liefen zu einem Ausgang. Yitaitai wurde noch blasser. Das Haus war bestimmt einhundert Meter hoch und durch den Hubschrauber drückte es uns fast hinunter. Ich zog sie mit mir.
Im Aufzug atmete sie durch.
Li grinste. »Wir treffen uns vierzehn Uhr hier oben, lasst euch unten einen Passierschein geben und grüßt den Pförtner von Ted Corner.« Li stieg in der sechzehnten Etage aus, während wir mit dem Aufzug nach unten rauschten. Der Pförtner hatte schnell verstanden und wir bekamen unseren Schein, damit wir das Gebäude später wieder betreten durften.
Mit einem Taxi, dem ich das Fahren nicht zugetraut hätte, gelangten wir zu einem Kaufhaus. In der Eingangszone des Kaufhauses spielten die ökologischen Christen auf Panflöten und Gitarren. Wir blieben kurz stehen.
»Von Goshark Höhen sie sind. Dort auch ich auf Welt kommen«, meinte Yitaitai.
»Dein Deutsch wird immer besser.« Sie knuffte mir in den Rücken.
»Lügner!«
»Komm, wir wollen meine Firma mal so richtig schädigen!« Ich zog sie mit hinein, Teegeruch schlug uns entgegen, wie in jedem chinesischen Gebäude.
Wir fanden in der dritten Etage, in der sehr wenige Käufer waren, die teuren Anzüge und Kleider. Nachdem Yitaitai mit ihm gesprochen hatte, half uns ein Verkäufer bei der Auswahl. Er brachte mindesten fünf Kleider und fünf Anzüge in eine Kabine und bat uns hinein. Sorgfältig zog er von außen den Vorhang zu.
Wir waren von drei Seiten mit Spiegeln umgeben und begannen uns auszuziehen. Als Yitaitai in ihrem kleinen Höschen vor mir stand, konnte ich nicht anders, als den Bauch zu streicheln. Sie umarmte mich und knabberte an meinem Ohr. Ich hielt sie fest und wir standen eng beieinander. Ich küsste sie und meine Hände fuhren über ihren süßen Po. Ihre Hände arbeiteten sich auch vorwärts und uns wurde immer heißer.
»Du bist so süß«, hauchte ich in ihr Ohr und küsste ihre glühenden Wangen.
»Yangtsi süß und heiß«, hauchte sie zurück und drückte meine Unterhosen in die Kniekehlen. Als ich sie noch mehr streichelte, begann sie ein wenig zu keuchen und zu beben. Ich konnte nichts dagegen tun und achtete nur darauf, ihren Bauch nicht zu drücken. Wir liebten uns.
Kurz vor dem Höhepunkt drückte Yitaitai so gegen mich, dass ich einen Ausfallschritt nach hinten machen musste, um nicht umzufallen. Plötzlich standen wir, ineinander verliebt, halb vor der Umkleidekabine.
Der Verkäufer übte sich in chinesischer Zurückhaltung. Seine in weißen Handschuhen eingepackten Hände machten einige Auf- und Abbewegungen, was heißen sollte, wir könnten uns ruhig Zeit nehmen. Nachdem ich Yitaitai wieder in die Kabine gehoben hatte, rückte er ordentlich den Vorhang zurecht.
Yitaitai lächelte mich an, mit rotem Gesicht. Wie im Trance küsste sie mich noch einige Minuten, ich fühlte ihr Herz auf meiner Brust klopfen, bis ich kaum noch Luft bekam.
Dann probierten wir die Sachen an, fanden beide auch sofort etwas Passendes, wenngleich Yitaitais goldenes Cheongsam mächtig straff auf dem Bauch lag. Doch es schien ihr Spaß zu machen, den Bauch zu zeigen.
Als wir die Kabine verließen, blieb Yitaitai immer hinter mir, damit sie dem Verkäufer nicht mit den Augen begegnen musste. Ich zeigte dem jungen Mann, was wir erwerben wollten und reichte ihm meine Kreditkarte. Er zog lächelnd alles ab, dankte tausend Mal und erst recht, als ich zweihundert Yuan Trinkgeld gab. Er hätte fast mit der Stirn den Boden berührt, als er uns verabschiedete.
Yuan sind die Euros der Chinesen. Ihre Volkswährung heißt Renminbi, und es gab jene Yuan, die einhundert Jiaos zählten. Jiaos wurden von vielen auch Maos genannt, und die wurden dann von den noch kleineren Fen unterteilt. Zweihundert Yuan waren jedenfalls viel Geld. Dass er uns aber beim Sex zusehen durfte, war bestimmt ein unbezahlbares Erlebnis für ihn.
Yitaitai wollte schnell aus dem Kaufhaus hinaus. Sie war überschwänglich vor Glück. Sie tanzte um mich herum. »Das hübsch war«, sang sie.
»Hübsch bist du«, verbesserte ich, »Das eben war traumhaft geil.«
»Traumhaft geil?«
»So sagt man dazu.«
»Komm, ich zeigen dir!«, rief Yitaitai und zog mich mit. Wir hatten noch Zeit und deshalb ließ ich es geschehen. Sie zeigte mir ein herrliches Haus. Wir schlüpften durch den Eingang und gelangten über einen hohen, vornehmen Gang in einen Vorführraum.
»Ist das ein Schloss?«, fragte ich. »Ich dachte, es würde keine Monarchen im Kommunismus geben.«
»Das ist Theater in Stadt Xining. Jeden Abend große chinesische Darstellung. Weißt du?«
»Was weiß ich?«
»Und ist nichts kosten.«
»Du meinst, die machen hier Theater und verlangen kein Eintrittsgeld?«
»Nein, kein Geld. Ist chinopisches Theater. Ist auch traumhaft geil.«
Auf der Bühne verbogen sich gerade einige Chinesinnen ihren Körper. Zweifellos trainierten sie für den Abend. Yitaitai zog mich in einen der Polstersessel. Wir versanken darin. Sie umarmte mich und beobachtete mit glänzenden Augen die Mädchen, die mit lauten Stimmen und uriger chinesischer Musik über die Bühne huschten.
»Du wolltest gern zum Theater?«, fragte ich Yitaitai.
Sie sah mich mit glänzenden Augen an.
»Mein großer Wunsch das war. Dann zu Corner gekommen ich bin.«
Ich drückte sie ganz fest und ließ sie träumen. Irgendwann ging das Licht auf der Bühne aus und wir verließen leise das Städtische Theater von Xining.
Draußen war Yitaitai wieder ganz lustig. »Komm!«, rief sie und zog mich erneut mit sich. Ich hatte die ganze Zeit unsere Hochzeitssachen unter dem Arm. Zwei Straßen weiter stand ein riesiger Palast.
»Aber das ist ein Schloss!«, meinte ich.
Yitaitai sah mich an und schüttelte den Kopf. »Nein Dummkopf. (Dummkopf war das einzige deutsche Wort, das ihr Li beigebracht hatte.) Ist Xining City Circus. Nur chinopische Kunst. Kein Legionär. Ist beste Zirkus in Welt.«
»Hier wolltest du aber nicht auch anfangen?«, fragte ich.
»Du dumm!«, bekam ich zur Antwort. »Zirkus auch traumhaft geil.«
»Im Bett bist du manchmal wie eine Schlangenfrau«, rechtfertigte ich mich und blickte auf meine Armbanduhr. »Wir sollten zum Helikopter zurückkehren.« Ich rief nach einem Taxi.
Als wir mit dem Aufzug im Bankgebäude nach oben fuhren, küsste mich Yitaitai und sagte ganz ernst: »Tom, das heute mein bester Tag in Leben. Ganze Tag traumhaft geil. Ich dich liebe.«
»Ich dich liebe auch.« Die Aufzugtür öffnete sich und Li erwartete uns lächelnd.
Auf dem Weg über das Dach des Bankhochhauses, Yitaitai blickte stur geradeaus, fragte Li: »Und wie war euer Einkauf in Xining?«
Wie aus einem Mund antworteten Yitaitai und ich: »Traumhaft geil.« Diese Formulierung gehörte von nun an zum engen Wortschatz meiner zukünftigen Frau. Da es die deutsche Sprache war, die nur Li und ich in Shinkh verstanden, hinderte ich Yitaitai nicht daran, diese Worte zu nutzen.
Mit dem Helikopter flogen wir dem Sonnenuntergang entgegen. Yitaitai träumte in ihrem Sitz. Und ich ließ sie träumen.

Telefonklingeln, vormittags. Yitaitai hatte sich am Morgen vom Arzt untersuchen lassen, der sehr zufrieden mit ihr war.
»Ja, wer ist da?” So meldete ich mich gewöhnlich am Telefon.
Eine rauchige Stimme sprach am anderen Ende, in einem Englisch, wie es schlechter nicht sein konnte. »Sie nehmen meine Warnung nicht ernst. Sie haben wieder bei Yuan bestellt. Schöne Grüße an Mister Corner!« Ein Knirschen im Hörer verriet mir, dass dieser Kerl aufgelegt hatte.
Ich wählte sofort Corners Nummer. »Chee-Chuan hat sich gemeldet. Er hat etwas Ernsthaftes vor.«
»Beruhigen Sie sich, Tom, das ist ein Spinner!«
»Ein Spinner kommt nicht an meine Durchwahlnummer. Ein Spinner kennt nicht meine direkte E-Mail-Adresse.«
»Bleiben Sie ruhig! Tom, es geht nur um Spielzeug.«
»Das ist ja gerade das, was ich nicht verstehe!«, rief ich und legte auf. Dann wählte ich die Nummer von Yuan, dem Lieferanten in Lhasa. Dort verhandelte ich meistens mit Yuan selbst, der recht gut Englisch sprach. Nach einigen Mühen hatte ich ihn am Apparat.
»Ich grüße Sie, Yuan.«
»Hallo, Mistel Klamel. Ich Sie auch. Was kann ich tun fül Sie?« Yuan klang wie immer.
»Kennen sie einen Chee-Chuan?«, fragte ich.
»Ich kenne viele Chee-Chuan. Mein Fliseul, zwei Albeitel, mein Onkel ...«
»Yuan, machen sie keine Späße. Mir wird von einem Chee-Chuan gedroht, ich soll die Geschäftsbeziehungen mit ihnen abbrechen. Er droht mit Anschlägen.«
»Weil Sie von mil Spielzeug kaufen? Bestimmt ein Vellücktel, diesel Chee-Chuan. Mistel Klamel, niemand macht wegen Spielzeug etwas kaputt. Glauben Sie mil. Nul Kindel stleiten sich um Spielzeug.«
Es klang sehr überzeugend. Immerhin hatte er die gleiche Meinung zu dem Thema wie Corner. Ich beendete das Gespräch. Trotzdem erkundigte ich mich noch bei Jun Li, ob die Lieferung aus Yuan eingetroffen war.
»Sie können gern kommen und sich alles ansehen. Mister Corner hat sich auch gerade erkundigt.«
Ich machte mich auf den Weg in die Verpackungshalle. Draußen war es sehr kalt geworden. Und in einer Woche wollte ich Yitaitai heiraten. Li hatte alles organisiert, ein Bekannter würde die Trauung in Corners Haus durchführen und anschließend sollte dort ausgiebig gefeiert werden. Ich freute mich darauf und auch Yitaitai war überglücklich. Sie gab mir in jenen Tagen so viel Wärme und Herzlichkeit, dass ich mich manchmal fragte, ob ich sie verdient hätte. Ich liebte Yitaitai über alles. Die Heiratsanträge hatten wir bereits an das Standesamt in Xining geschickt.
Jun Li nahm mich in der Konfektion in Empfang. Mir fiel auf, dass überall deutlich mehr Wachpersonal stand als sonst. Corner schien die Drohungen doch ernster zu nehmen, als ich zunächst vermutet hatte.
»Kommen Sie, Mister Kramer.« Jun Li war immer sehr freundlich zu mir, zu seinen Arbeitern weniger. Ich folgte ihm durch die Konfektionshalle. Überall standen und saßen Chinesen in Arbeitskombis. Über große Rollenbänder kamen unzählige durchsichtige Kunststofftüten mit eingeschweißten Cornflakes aus der Abfüllhalle. Im Hintergrund stapelten sich Paletten mit fertigen bunten Schachteln. Die Kartons wurden von Hand gefaltet und zugeklebt, nachdem sie mit einer Tüte Cornflakes und dem dazugehörigen Spielzeug gefüllt waren, das man auch in kleine Plastikbeutel verpackt hatte.
»Das ist die Lieferung aus Lhasa.« Jun Li zeigte auf vier Kartons. Zwischen dem Füllmaterial fand ich kleine Tütchen mit silbernen Spritzgussfiguren. Elefanten, Schweine und andere Tiere. Die Kisten wurden von zwei uniformierten Wachleuten beaufsichtigt. »Diese Figuren werden gern geklaut«, rechtfertigte sich Jun Li. »In anderen Ländern haben sie einen hohen Tauschwert. Deshalb sind sie nur für ausgewählte Kunden.«
Ich nickte, nachdem ich eine Tüte wieder in den Karton gelegt hatte. »Es ist sehr merkwürdig. Was zahlen wir für so eine Lieferung?«
Jun Li zuckte mit den Schultern. »Das sollten Sie Corner fragen! Ich habe damit nichts zu tun.«
»Ich werde ihn fragen!« Ich musste mich nicht einmal zu ihm bemühen, denn er betrat gerade die Halle. Stolz ging er durch die Reihen der Arbeiter, die nun noch emsiger und lauter wirkten.
»Die Sache scheint Ihnen keine Ruhe zu lassen, Tom«, stellte Corner fest.
»Wie sollte sie das auch? Die Drohungen sind an mich gerichtet, da ich der Absender der Bestellungen bin. Wenn eine Gefahr existiert, dann für mich. Oder haben Sie Drohbriefe erhalten?«
Ted Corner lächelte verbissen. »Der Verrückte Absender hat sich mit mir noch nicht in Verbindung gesetzt.«
»Was kostet uns diese Lieferung?«
Mir fiel auf, dass Corner nach Ausreden suchte. Er ging garnicht auf meine Frage ein. »Wenn er es gewollt hätte, wäre die Lieferung nie in Shinkh angekommen.«
Ich setzte nach. »Mister Corner, was kostet diese Lieferung?«
»Sie stellen mir vielleicht Fragen«, entgegnete er und schien etwas nervös. »Ich schätze ... einhundertfünfzig Dollar.«
»Okay, hier scheint ja alles in Ordnung zu sein«, versuchte ich das Gespräch zu beenden. »Ich hab noch zu tun.« Ich drehte mich zum Gehen um.
Corner hielt mich an der Schulter fest. »Verlieren Sie nicht die Nerven, Kramer! Sie haben schon andere Dinge überstanden«, flüsterte er, damit es die Arbeiter nicht hören konnten.
»Noch verliere ich nicht die Nerven«, flüsterte ich zurück. Wir verließen die Halle und ich ging zurück in meine Unterkunft. Unterwegs gabelte ich Li Ting auf.
»Ich will mit dir reden!«, sagte ich. »Am besten jetzt gleich.«
In meiner Hütte setzte ich Wasser zum Kochen an.
»Was ist los, Tom?” Li nahm zwei Tassen aus einem Schrank, schüttete Kaffeegranulat in die Tassen und gab reichlich Zucker dazu. Er kannte sich gut bei mir aus.
Während ich das kochende Wasser in die Tassen goss, antwortete ich ihm: »Ich habe Corner gefragt, was dieses Zeug aus Lhasa gekostet hat.«
Li schlürfte, bestimmt verbrannte er sich die Zungenspitze. »Und?«
Ich rührte beständig in der braunen Brühe und pustete, dass mir der warme Kaffeedunst ins Gesicht schlug. »Er sagte: 150 Dollar.«
Li blickte mich an. »Ist das zu viel?«
»Zu viel? Er sprach von Dollar. Kein Lieferant in China wird in Dollar bezahlt. Rein gesetzlich würde das Probleme geben.«
»Vielleicht war es Zufall, dass er Dollar sagte.«
»Wann hat Corner mit Dollarnoten zu tun? Er ist seit Jahren in China. Li, ich sage dir, hier stinkt etwas gewaltig. Und Yuan, der Lieferant, belügt mich nach Strich und Faden. Ich habe ihn angerufen und gefühlt, dass er mich belügt. Ich weiß nicht, was mit der Lieferung noch mitkam. Vielleicht Waffen oder sonst was. Aber die Sache stinkt mächtig. Und was mich am meisten aufregt, ist, dass ich im Visier stehe und nicht etwa Corner. Ich denke, er hat das ganz geschickt gemacht.«
»Wir sollten Obacht geben – viel Obacht!«, meinte Li.
Wir schlürften beide unseren Kaffee, dann kam Yitaitai von ihrem Unterricht zurück. Ihr Bauch wurde zusehends dicker.

Am Abend im Bett, flüsterte Yitaitai: »Dein Tag nicht gut?« Ich streichelte ihren Bauch.
»Ich bin mir nicht sicher. Wie schätzt du Corner ein?«
»Hat mich gekauft und immer gut zu mir.«
»Ich meine, dein Gefühl ihm gegenüber, verstehst du?«
»Du musst das wissen?«, fragte sie, was heißen sollte, dass sie es mir nicht unbedingt sagen wollte.
»Erzähl es mir, Yitaitai, ich bin bald dein Mann. Du kannst mir vertrauen.«
»Ted immer gut. Ted einmal viel Whisky und gestunken und laut gewesen.« Yitaitai hielt inne.
Meine Hand lag still auf ihrem Bauch. »Er war besoffen, was hat er getan?«
»Ich sehr jung. Hat mir im Bett große Schmerzen gemacht. Hat gesprochen, ich die Konkubine, ich ihm gehören.«
»Wie alt warst du damals?«
»Zwölf. Ich noch sehr jung war. Große Schmerzen das. Geschrien ich habe laut. Er mich festgehalten und immer wieder hat gemacht mit mir.«
»Er hat dich vergewaltigt? Corner hat dich als Kind vergewaltigt?«
»Nein. Ich verkauft als Konkubine. Er am Tag nach der Nacht große Reue gezeigt und angefasst hat mich nie wieder. Gewesen immer gut dann.« Yitaitai hatte Tränen in den Augen. »Erst du glücklich gemacht hast mich, erst ich wieder Mann vertraut, als du warst.«
»Ich verstehe dich«, flüsterte ich. »Er konnte dir nicht widerstehen. Du hasst ihn und magst ihn. Ich verstehe das.« Meine Hand hatte etwas gefühlt. »He! Unser Kind bewegt sich!«, rief ich aufgeregt.
»Schon sehr oft sich bewegt, manchmal in einen Hügel im Bauch.« Yitaitai lachte wieder. Es schien für sie kein größeres Glück zu geben als dieses Kind.
Ich legte mein Ohr vorsichtig auf ihren Bauch, sie hielt den Atem an. Ich hörte ein Glucksen und Brodeln.
»Deine Brüste sind gewachsen«, stellte ich fest, nachdem ich sie sanft berührt hatte.

... da tc krank erbitte ich Kostenpunkt für 500 weitere Einheiten ... tk.
Diese Mail schickte ich ein paar Tage später an Yuan und erhielt noch am gleichen Tage von einer Mailadresse, die es nach dem Abruf nicht mehr gab eine Antwort:
250.000 USD ... ab 12. KW bestellbar ... y
Ich vernichtete alle Mails und löschte alle Adressen aus dem Rechner, die damit in Zusammenhang standen.
Nun konnte ich mir sicher sein, dass es sich nicht nur um Spielzeug handelte, wenn eine Lieferung aus Lhasa kam. Durch Li, der neben Yitaitai der einzige Mensch in Shinkh war, dem ich vertraute, ließ ich mir in Xining eine große Menge Bargeld vom Konto meiner Firma auszahlen. Li Ting brachte es mir und ich ließ ihn auskundschaften, wer die Lieferung aus Lhasa in Empfang genommen hatte. Auf den Empfangspapieren, die Li mir besorgte, fand ich das Signum von Jun Li, dem Produktionschef. Das half mir zunächst nicht weiter. Li musste noch jemanden finden, der die Übernahme gesehen hatte. Dieser Jemand fand sich in einem Sicherheitsmann mit Namen Ba. Dessen Gesicht konnte ich mir gut merken, obwohl er ein Chinese war. Er hatte eine riesige Hasenscharte auf der Oberlippe, die sein Gesicht entstellte und diesem Mann ein äußerst gefährliches Aussehen gab. Ba hatte noch einen großen Vorteil: Er war bestechlich. Also trafen wir uns an einem Abend mit ihm zum Essen bei Hong. Li brauchte ich dringend als Übersetzer und mein Freund war selbst daran interessiert, Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen.
»Sie sollten sich den Mund abwischen. Da liegt eine Serviette«, meinte ich ganz nebenbei, als wir saßen.
Li übersetzte. Ba runzelte die Stirn und nahm die Serviette in seine riesigen, nikotingelben Finger. Er musste wohl fühlen, dass sich darin ein ganzer Batzen Geld befand, denn er steckte das Paket sofort unauffällig in die Uniforminnentasche und blickte sich dabei absichernd um. Es kam nicht von ungefähr, dass wir wieder bei Hong saßen. Für Ba lohnte es sich, denn in der Serviette waren zweitausend Yuan.
»Sag ihm nicht, dass er sich von dem Geld mal eine Gesichtsoperation leisten sollte«, meinte ich zu Li und lächelte. Li grinste auch, und Ba, der kein Wort verstanden hatte, grinste ebenfalls. »Frag ihn, was noch in den Kisten war.«
Li fragte in chinesischer Sprache. Dann diskutierten sie ein Weilchen hin und her. Ich versuchte etwas von der Suppe, die Hong uns mit Schälchen hingestellt hatte und schob sie weit von mir, denn augenblicklich brannte mein Rachen und ich musste husten. Endlich wandte sich Li an mich.
»Ba sagt, in den Kisten war nichts anderes als die Tüten mit dem Spielzeug und das Füllmaterial. Mit der Lieferung ist nichts anderes mitgekommen.«
»Meinst du, er belügt uns?«, fragte ich ungläubig.
»Nein. Ich bin mir sicher, er sagt die Wahrheit. Aber pass auf: Ba wundert sich ein bisschen über den Umgang mit diesem Spielzeug. Er sagt, die Kiste wurde von einem privaten Lieferservice gebracht, in einem hochgesicherten Fahrzeug, wie es sonst nur zum Geldtransport genutzt wird. Er sagt, Corner und Jun Li haben die Lieferung persönlich entgegen genommen. Und sie haben zwei Mal das ganze Zeug gezählt, bevor sie den Empfang quittierten. Dann müssen die Kisten immer von zwei Mann bewacht werden, ebenso die Arbeiter während der Verpackung. Der Versand der Cornflakeskartons mit diesem Spielzeug erfolgt, jedenfalls bis zum Airport, mit dem Helikopter. Ist das nicht seltsam?«
»Es ist seltsam«, gab ich zu. »Wir reden hier schließlich über Cornflakes.«
»Man sagt oft: Der erste Schein trügt«, entgegnete Li. »Soll ich Ba entlassen?«
»Ja.« Wir drückten Ba beide die Hand und er war froh, gehen zu können, denn nach wie vor war außer uns und Hong kein Mensch in der Bar. Erst als Ba weg war, fuhr ich fort: »Was heißt, der erste Schein trügt?«
»Die Chinesen reden oft bildhaft, das habe ich dir schon erklärt. Konfuzius hat mal etwas gesagt, und nach dieser Weisheit schätze ich häufig Menschen ein. Und wenn du es dir genau überlegst, könnte man denken, Konfuzius hätte Ted Corner gekannt.«
»Und was war das für ein Spruch?«
»Geschickte Reden und eine gekünstelte Miene, das sind nur selten die Zeichen eines guten Menschen.«
Li schlürfte seine Rachenbrandsuppe und ich trank mein Tsingtao-Bier. Dann sahen wir uns an und sagten nichts. Hong brachte mir ein neues Bier, griff nach meiner Suppenschüssel und schüttelte fragend den Kopf, ich machte eine unmissverständliche Handbewegung und meinte: »Bring mir noch ein Tsingtao!«
Li beugte sich etwas über den Tisch. »Wir sollten auf jeden Fall vorsichtiger sein. Wenn es hier um größere Dinge geht, dann weiß man nie, wie Corner uns überwachen lässt. Jetzt, wo er weiß, dass du einen Verdacht hast.«
»Aber Hong kann doch kein Deutsch.«
»Vertrau nur den Menschen, von denen du genau weißt, dass sie auch dir vertrauen!«
»Ist der Spruch auch von Konfuzius?«
»Nein, von meinem Vater. So ein Spielzeug ...«, Li sah sich um, Hong hatte sich in seine qualmende Küche zurückgezogen. »So ein Spielzeug sieht aus wie ein Spielzeug.«
Ich blickte ihn vielfragend an.
»Wenn du in einem Blumentopf eine Bombe versteckst, ist es dann ein Blumentopf oder eine Bombe? Nehmen wir mal an, das Spielzeug ist nur eine hohle Hülle für einen wertvollen Inhalt, und nur durch den Anblick als Spielzeug erscheint es billig.« Li sah mich an, als forderte er, dass bei mir der Groschen rutschen sollte.
Endlich begriff auch ich. »Aber klar, wie konnte ich nur ... Überlege dir, diese Adressen, diese Empfänger ... Es sind fast immer Privatpersonen. Und wenn Corner mir erzählt, dass der und der eine Hotelkette betreibt, muss das noch lange nicht heißen, dass es die Hotelkette auch gibt!«
Hong brachte mir das Bier, während ich meine Rede für einen Moment unterbrach. »Wir sollten herausbekommen, was sie in diesem Spielzeug verstecken.«
»Das sollten wir nicht!«, gab Li zurück. »Auch ihr Deutschen habt Sprüche. Und einer besagt: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Es ist keine Kunst, das Richtige zu tun, es ist eine Kunst, das Richtige zu lassen. Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, einen Schutz aufzubauen. Du weißt nicht, wie ernst es dieser Typ meint, der mit Bomben gedroht hat. Kontrolliere deinen Raum, schau nach, ob Wanzen versteckt sind, beobachte Corner genau. Dass er die Wachen verstärkt hat, ist dir bestimmt auch schon aufgefallen.«
»Du hast ja Recht. Lass uns jetzt gehen!« Wir standen auf und grüßten Hong mit einer angedeuteten Verbeugung. Ich hatte von diesem Moment an keine Ruhe mehr.
Zudem sollte in wenigen Tagen die Hochzeit sein und Yitaitais Niederkunft würde in den nächsten vier Wochen erfolgen. Sie beobachtete mich genau und bemerkte meine innere Unruhe. Yitaitai tröstete mich auf ihre Art – ohne Worte und sehr liebevoll. Sie war eine gute Frau und würde eine gute Mutter werden.
Ted Corner begann ich dagegen zu hassen. Er benutzte mich als Handlanger für unsaubere Geschäfte.
Dann kam alles Schlag auf Schlag.