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[...] In meiner Hütte setzte ich Wasser zum Kochen an. »Was ist los, Tom? Li nahm zwei Tassen aus einem Schrank, schüttete Kaffeegranulat in die Tassen und gab reichlich Zucker dazu. Er kannte sich gut bei mir aus. Während ich das kochende Wasser in die Tassen goss, antwortete ich ihm: »Ich habe Corner gefragt, was dieses Zeug aus Lhasa gekostet hat.« Li schlürfte, bestimmt verbrannte er sich die Zungenspitze. »Und?« Ich rührte beständig in der braunen Brühe und pustete, dass mir der warme Kaffeedunst ins Gesicht schlug. »Er sagte: 150 Dollar.« Li blickte mich an. »Ist das zu viel?« »Zu viel? Er sprach von Dollar. Kein Lieferant in China wird in Dollar bezahlt. Rein gesetzlich würde das Probleme geben.« »Vielleicht war es Zufall, dass er Dollar sagte.« »Wann hat Corner mit Dollarnoten zu tun? Er ist seit Jahren in China. Li, ich sage dir, hier stinkt etwas gewaltig. Und Yuan, der Lieferant, belügt mich nach Strich und Faden. Ich habe ihn angerufen und gefühlt, dass er mich belügt. Ich weiß nicht, was mit der Lieferung noch mitkam. Vielleicht Waffen oder sonst was. Aber die Sache stinkt mächtig. Und was mich am meisten aufregt, ist, dass ich im Visier stehe und nicht etwa Corner. Ich denke, er hat das ganz geschickt gemacht.« »Wir sollten Obacht geben viel Obacht!«, meinte Li. Wir schlürften beide unseren Kaffee, dann kam Yitaitai von ihrem Unterricht zurück. Ihr Bauch wurde zusehends dicker. Am Abend im Bett, flüsterte Yitaitai: »Dein Tag nicht gut?« Ich streichelte ihren Bauch. »Ich bin mir nicht sicher. Wie schätzt du Corner ein?« »Hat mich gekauft und immer gut zu mir.« »Ich meine, dein Gefühl ihm gegenüber, verstehst du?« »Du musst das wissen?«, fragte sie, was heißen sollte, dass sie es mir nicht unbedingt sagen wollte. »Erzähl es mir, Yitaitai, ich bin bald dein Mann. Du kannst mir vertrauen.« »Ted immer gut. Ted einmal viel Whisky und gestunken und laut gewesen.« Yitaitai hielt inne. Meine Hand lag still auf ihrem Bauch. »Er war besoffen, was hat er getan?« »Ich sehr jung. Hat mir im Bett große Schmerzen gemacht. Hat gesprochen, ich die Konkubine, ich ihm gehören.« »Wie alt warst du damals?« »Zwölf. Ich noch sehr jung war. Große Schmerzen das. Geschrien ich habe laut. Er mich festgehalten und immer wieder hat gemacht mit mir.« »Er hat dich vergewaltigt? Corner hat dich als Kind vergewaltigt?« »Nein. Ich verkauft als Konkubine. Er am Tag nach der Nacht große Reue gezeigt und angefasst hat mich nie wieder. Gewesen immer gut dann.« Yitaitai hatte Tränen in den Augen. »Erst du glücklich gemacht hast mich, erst ich wieder Mann vertraut, als du warst.« »Ich verstehe dich«, flüsterte ich. »Er konnte dir nicht widerstehen. Du hasst ihn und magst ihn. Ich verstehe das.« Meine Hand hatte etwas gefühlt. »He! Unser Kind bewegt sich!«, rief ich aufgeregt. »Schon sehr oft sich bewegt, manchmal in einen Hügel im Bauch.« Yitaitai lachte wieder. Es schien für sie kein größeres Glück zu geben als dieses Kind. Ich legte mein Ohr vorsichtig auf ihren Bauch, sie hielt den Atem an. Ich hörte ein Glucksen und Brodeln. »Deine Brüste sind gewachsen«, stellte ich fest, nachdem ich sie sanft berührt hatte. ... da tc krank erbitte ich Kostenpunkt für 500 weitere Einheiten ... tk. Diese Mail schickte ich ein paar Tage später an Yuan und erhielt noch am gleichen Tage von einer Mailadresse, die es nach dem Abruf nicht mehr gab eine Antwort: 250.000 USD ... ab 12. KW bestellbar ... y Ich vernichtete alle Mails und löschte alle Adressen aus dem Rechner, die damit in Zusammenhang standen. Nun konnte ich mir sicher sein, dass es sich nicht nur um Spielzeug handelte, wenn eine Lieferung aus Lhasa kam. Durch Li, der neben Yitaitai der einzige Mensch in Shinkh war, dem ich vertraute, ließ ich mir in Xining eine große Menge Bargeld vom Konto meiner Firma auszahlen. Li Ting brachte es mir und ich ließ ihn auskundschaften, wer die Lieferung aus Lhasa in Empfang genommen hatte. Auf den Empfangspapieren, die Li mir besorgte, fand ich das Signum von Jun Li, dem Produktionschef. Das half mir zunächst nicht weiter. Li musste noch jemanden finden, der die Übernahme gesehen hatte. Dieser Jemand fand sich in einem Sicherheitsmann mit Namen Ba. Dessen Gesicht konnte ich mir gut merken, obwohl er ein Chinese war. Er hatte eine riesige Hasenscharte auf der Oberlippe, die sein Gesicht entstellte und diesem Mann ein äußerst gefährliches Aussehen gab. Ba hatte noch einen großen Vorteil: Er war bestechlich. Also trafen wir uns an einem Abend mit ihm zum Essen bei Hong. Li brauchte ich dringend als Übersetzer und mein Freund war selbst daran interessiert, Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen. »Sie sollten sich den Mund abwischen. Da liegt eine Serviette«, meinte ich ganz nebenbei, als wir saßen. Li übersetzte. Ba runzelte die Stirn und nahm die Serviette in seine riesigen, nikotingelben Finger. Er musste wohl fühlen, dass sich darin ein ganzer Batzen Geld befand, denn er steckte das Paket sofort unauffällig in die Uniforminnentasche und blickte sich dabei absichernd um. Es kam nicht von ungefähr, dass wir wieder bei Hong saßen. Für Ba lohnte es sich, denn in der Serviette waren zweitausend Yuan. »Sag ihm nicht, dass er sich von dem Geld mal eine Gesichtsoperation leisten sollte«, meinte ich zu Li und lächelte. Li grinste auch, und Ba, der kein Wort verstanden hatte, grinste ebenfalls. »Frag ihn, was noch in den Kisten war.« Li fragte in chinesischer Sprache. Dann diskutierten sie ein Weilchen hin und her. Ich versuchte etwas von der Suppe, die Hong uns mit Schälchen hingestellt hatte und schob sie weit von mir, denn augenblicklich brannte mein Rachen und ich musste husten. Endlich wandte sich Li an mich. »Ba sagt, in den Kisten war nichts anderes als die Tüten mit dem Spielzeug und das Füllmaterial. Mit der Lieferung ist nichts anderes mitgekommen.« »Meinst du, er belügt uns?«, fragte ich ungläubig. »Nein. Ich bin mir sicher, er sagt die Wahrheit. Aber pass auf: Ba wundert sich ein bisschen über den Umgang mit diesem Spielzeug. Er sagt, die Kiste wurde von einem privaten Lieferservice gebracht, in einem hochgesicherten Fahrzeug, wie es sonst nur zum Geldtransport genutzt wird. Er sagt, Corner und Jun Li haben die Lieferung persönlich entgegen genommen. Und sie haben zwei Mal das ganze Zeug gezählt, bevor sie den Empfang quittierten. Dann müssen die Kisten immer von zwei Mann bewacht werden, ebenso die Arbeiter während der Verpackung. Der Versand der Cornflakeskartons mit diesem Spielzeug erfolgt, jedenfalls bis zum Airport, mit dem Helikopter. Ist das nicht seltsam?« »Es ist seltsam«, gab ich zu. »Wir reden hier schließlich über Cornflakes.« »Man sagt oft: Der erste Schein trügt«, entgegnete Li. »Soll ich Ba entlassen?« »Ja.« Wir drückten Ba beide die Hand und er war froh, gehen zu können, denn nach wie vor war außer uns und Hong kein Mensch in der Bar. Erst als Ba weg war, fuhr ich fort: »Was heißt, der erste Schein trügt?« »Die Chinesen reden oft bildhaft, das habe ich dir schon erklärt. Konfuzius hat mal etwas gesagt, und nach dieser Weisheit schätze ich häufig Menschen ein. Und wenn du es dir genau überlegst, könnte man denken, Konfuzius hätte Ted Corner gekannt.« »Und was war das für ein Spruch?« »Geschickte Reden und eine gekünstelte Miene, das sind nur selten die Zeichen eines guten Menschen.« Li schlürfte seine Rachenbrandsuppe und ich trank mein Tsingtao-Bier. Dann sahen wir uns an und sagten nichts. Hong brachte mir ein neues Bier, griff nach meiner Suppenschüssel und schüttelte fragend den Kopf, ich machte eine unmissverständliche Handbewegung und meinte: »Bring mir noch ein Tsingtao!« Li beugte sich etwas über den Tisch. »Wir sollten auf jeden Fall vorsichtiger sein. Wenn es hier um größere Dinge geht, dann weiß man nie, wie Corner uns überwachen lässt. Jetzt, wo er weiß, dass du einen Verdacht hast.« »Aber Hong kann doch kein Deutsch.« »Vertrau nur den Menschen, von denen du genau weißt, dass sie auch dir vertrauen!« »Ist der Spruch auch von Konfuzius?« »Nein, von meinem Vater. So ein Spielzeug ...«, Li sah sich um, Hong hatte sich in seine qualmende Küche zurückgezogen. »So ein Spielzeug sieht aus wie ein Spielzeug.« Ich blickte ihn vielfragend an. »Wenn du in einem Blumentopf eine Bombe versteckst, ist es dann ein Blumentopf oder eine Bombe? Nehmen wir mal an, das Spielzeug ist nur eine hohle Hülle für einen wertvollen Inhalt, und nur durch den Anblick als Spielzeug erscheint es billig.« Li sah mich an, als forderte er, dass bei mir der Groschen rutschen sollte. Endlich begriff auch ich. »Aber klar, wie konnte ich nur ... Überlege dir, diese Adressen, diese Empfänger ... Es sind fast immer Privatpersonen. Und wenn Corner mir erzählt, dass der und der eine Hotelkette betreibt, muss das noch lange nicht heißen, dass es die Hotelkette auch gibt!« Hong brachte mir das Bier, während ich meine Rede für einen Moment unterbrach. »Wir sollten herausbekommen, was sie in diesem Spielzeug verstecken.« »Das sollten wir nicht!«, gab Li zurück. »Auch ihr Deutschen habt Sprüche. Und einer besagt: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Es ist keine Kunst, das Richtige zu tun, es ist eine Kunst, das Richtige zu lassen. Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, einen Schutz aufzubauen. Du weißt nicht, wie ernst es dieser Typ meint, der mit Bomben gedroht hat. Kontrolliere deinen Raum, schau nach, ob Wanzen versteckt sind, beobachte Corner genau. Dass er die Wachen verstärkt hat, ist dir bestimmt auch schon aufgefallen.« »Du hast ja Recht. Lass uns jetzt gehen!« Wir standen auf und grüßten Hong mit einer angedeuteten Verbeugung. Ich hatte von diesem Moment an keine Ruhe mehr. Zudem sollte in wenigen Tagen die Hochzeit sein und Yitaitais Niederkunft würde in den nächsten vier Wochen erfolgen. Sie beobachtete mich genau und bemerkte meine innere Unruhe. Yitaitai tröstete mich auf ihre Art ohne Worte und sehr liebevoll. Sie war eine gute Frau und würde eine gute Mutter werden. Ted Corner begann ich dagegen zu hassen. Er benutzte mich als Handlanger für unsaubere Geschäfte. Dann kam alles Schlag auf Schlag. »Kontrollieren Sie die Lieferung an Dr. Schmidt. Er sagt, sie wäre seit einer Woche überfällig. Lassen Sie die Sendung verfolgen, Tom. Ich will wissen, wo unsere Pakete stecken. Informieren Sie mich sofort, Tom!« Ich sah schon überall Geister und glaubte, dass Ted Corners Stimme am anderen Ende des Telefons zitterte. Es war noch früh am Morgen. Ich kontrollierte am Computer die Sendung an diesen Dr. Schmidt. So, wie ich es mir dachte, war es auch. Es handelte sich um eine Spezialsendung von fünfzig Paketen Cornflakes, davon waren zehn Pakete mit unserem Lieblingsspielzeug bestückt. Es war der Tag, nach dem Offenbarungsgespräch mit Li in Hongs Kneipe. Ich ließ die Sendung verfolgen und stellte fest, dass sie zwar im Hamburger Hafen, aber nicht in Frankfurt, Wiesenblumenstraße 67, angekommen war, wo sie hingehörte und wo dieser Dr. Schmidt darauf wartete. Verbissen wollte ich nun ebenfalls wissen, wo die Säge klemmte. So rief ich den Kontaktmann im Hamburger Hafen an. Der verwies mich an den Zoll. Da erreichte ich eine Dame mit dem Namen Herrenhausen. »Wie ist Ihr Name?«, fragte sie ganz nett. »Kramer, Tom Kramer. Hören Sie, ich rufe aus China an, das kostet viel Geld. Können Sie mir sagen, was mit dieser Lieferung ist, Frau Herrenhausen?« »Fräulein«, antwortete sie. »Und ich kann Ihnen sagen, was mit dieser Lieferung ist. Sie wurde vom Zoll beschlagnahmt und befindet sich zurzeit in den Händen der Kriminalpolizei, Rauschgiftdezernat. Da muss schon etwas Ernstes vorliegen, Tom Kramer.« »Aber Fräulein Herrenhausen, es geht hier um Cornflakes«, klärte ich auf. »Wenn es nur um Cornflakes gehen würde, hätte sich unser Zollamt damit befasst und nicht die Kripo. Wollen Sie noch etwas wissen, Tom Kramer? Denken Sie daran, Sie rufen aus China an, das kostet viel Geld.« Obwohl ich mir fast eingemacht hätte, fand ich sie irgendwie sympathisch. »Sie haben ja Recht. Auf Wiederhören«, beendete ich das Gespräch. »Auf Wiederhören, Tom Kramer.« Sie legte als erste auf. Ich drückte nur die Taste Gespräch-Ende und wählte über Kurzwahl Corners Nummer. Der erste Rufton klang noch nach, als ich schon seine Stimme hörte. »Tom?« Ich gab mir alle Mühe, meine Stimme nicht schadenfroh klingen zu lassen. »Die Sendung wird gerade in Hamburg von der deutschen Kripo auseinander genommen.« »Sind Sie sich sicher? Mit wem haben Sie gesprochen, Tom?« Ich hörte einen schockierten Unterton aus seinen Worten. »Fräulein Herrenhausen, vom Hamburger Zollamt. Wollen Sie ihre Nummer?« »Nein!« Seine Stimme versuchte ihre alte geschickte Redensart zurückzufinden. »Okay, Tom, wer weiß, was die gefunden haben. Vielleicht darf man zur Zeit keine Cornflakes aus China nach Deutschland exportieren.« »Ja. Wer weiß das schon«, sagte ich, scheinbar gelangweilt. »Kein Problem, Corner.« Ich legte den Hörer auf. Über mein Handy rief ich Li auf dessen Handy an. »Li, ich bitte dich, Corner zu beobachten, falls er sein Haus verlässt. Sag es mir, wenn irgendwas ist.« »Okay, Tom. Ich melde mich.« Yitaitai hatte zugehört, aber wahrscheinlich nichts verstanden. »Etwas ist?« »Eine Sendung Cornflakes ist nicht dort angekommen, wo sie hingehört«, beruhigte ich mein Mädchen. Sie hatte ein weites, langes Kleid an und ihr Bauch ragte weit heraus. »Es wird ein Prachtbursche«, meinte ich und streichelte die Wölbung. »Ein Mädchen es wird«, antwortete Yitaitai lächelnd. »Sagen, ein Prachtmädchen. Ich zu lernen gehen jetzt.« Sie küsste mich auf die Wangen, ich hielt kurz ihre warmen Hände, dann ging sie ein letztes Mal zum Unterricht. Sie hatte Corner versprochen, dass sie ihr Studium fortsetzen würde, wenn mit dem Kind alles im Reinen wäre. Ich stand in der offenen Tür und sah ihr nach, bis sie mir, wie jeden Morgen, noch einmal gewunken hatte und dann hinter einer Baracke auf dem Weg zu Corners Haus verschwand. Ich schloss die Tür. Sekunden später klingelte mein Handy. »Tom? Hier ist Li. Er hat das Haus jetzt verlassen und geht mit Jun Li und zwei Wachleuten in Richtung Landeplatz. Ich denke, er wird mit dem Helikopter wegfliegen.« »Ist Yitaitai zum Unterricht gegangen?« »Ja, gerade an mir vorbei. Sie ist rund geworden, dein Mädel. Wird bestimmt ein Prachtbursche.« »Li? Es wird ein Mädchen. Sie hat es mir im Vorbeigehen gesagt. Welche Namen gibt man Mädchen in China?« »Modern sind Namen mit zwei Buchstaben, wie Li zum Beispiel.« »Ich dachte Li ist ein Jungenname?« »Das nimmt man in China nicht so genau. Corner ist mit Jun Li in den Helikopter gestiegen. Die Wachleute lässt er hier. Sie fliegen jetzt weg. Was ist eigentlich los?« »Das erzähle ich dir später.« Ich machte das Handy aus. Cramer besuchte jetzt sicherlich irgendwelche hohen Kontaktleute in China, um sich aus der Sache mit der deutschen Kripo herauszuwinden. Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte und setzte mich an den Rechner, um chinesische Mädchennamen im Internet zu finden, was nicht einfach war, da ich die chinesischen Seiten nicht lesen konnte. Es gab jede Menge Namen. Da, De, Bo, Bi, Li ... Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass man damit ein Kind bestrafen sollte. Eine gewaltige Detonation riss mich plötzlich vom Stuhl! Die Luft vibrierte, das Fenster flog samt Rahmen aus der Wand. Die Tür folgte und traf mich im Genick. Ich ging zu Boden. Schmerzerfüllt kniete ich kurze Zeit später im Zimmer und zitterte. Durch alle Öffnungen der Hütte drang Qualm, Dreck und Staub. Ich hörte Lärm, Stimmen schrien, ein Krachen, Schüsse ... Ich schob die Holztür von meinem Rücken, erhob mich langsam und stolperte mehrmals, als ich aus der Hütte lief. Draußen sah ich fast nichts. In meiner Nähe schlugen Patronen pfeifend ins Holz. Fast gebückt lief ich los, eine innere Stimme führte mich zu Corners Haus, bekanntlich der einzige Steinbau. Yitaitai war dort! Ich rannte Li, meinem Freund, in die Arme. Sein schmerzverzerrtes Gesicht verriet mir Schlimmes, eine Wunde an seiner Stirn blutete stark, er hielt sich mit der blutverschmierten Hand das rechte Ohr zu. Ich musste ihn stehen lassen in seinem Schmerz. Langsam legte sich der Dreck, die Staubwolken wurden durchlässiger, Wachleute rannten unorganisiert durch Shinkh, immer mehr Verletzte lagen am Boden, vielleicht auch Tote. Yitaitai, mein Kind ... durchfuhr es mich erneut. Dort, wo sich jetzt die Umrisse von Corners Haus hätten abheben müssen, war nichts als Dreck und Rauch zu sehen. Ich näherte mich, Hong stand schreiend vor seiner Bar, aus der riesige Flammen schlugen. Ich stand vor dem, was einst Corners Haus war. Und begann zu schreien. »Nein!« Es musste die Stimme eines Wahnsinnigen sein. »Nein!!« Kaum ein Stein stand noch auf dem anderen. Dort, wo einst der Haupteingang des Gebäudes war, lag die zerfetzte Leiche des japanischen Leibwächters. Ich begann, über Steine und Holzbalken zu klettern, als würde ich daran glauben, dass jemand dieses Inferno überlebt haben konnte. Ich schrie: »Yitaitai! Sag was, mein Mädchen! Sag was! Yitiatai! Das können sie nicht ...« Ein verrutschendes Brett brachte mich zu Fall, eine Hand griff nach meiner Schulter, ich sah Lis mitleidiges Gesicht. »Nein!«, schrie ich wieder. »Ich weiß, dass sie lebt! Lass mich los!« Ich rappelte mich hoch, nahm zerbrochene Steine und warf sie weg, nahm den nächsten und warf ihn weg, nahm wieder einen ... Ich weiß nicht, ob es Minuten oder Stunden waren, bis mich zwei Wachleute von dem Trümmerberg zerrten und in meine Hütte brachten. Auch Li war da, er hatte einen weißen Verband auf dem Kopf, sein rechtes Ohr war halb abgerissen. »Tom ...«, er goss mir ein ganzes Glas voll Whisky. »Du kannst nichts mehr für sie tun.« Ich nahm das Whiskyglas, trank es aus und warf es durch das Türloch nach draußen. »Li, vielleicht ein Hohlraum, vielleicht ...« »Es gibt keine Wunder, Tom.« Li saß auf meinem Bett. »Es gibt keine Wunder. Das war eine Rakete, vielleicht eine Panzerfaust, aus dem Helikopter gefeuert. Aus Corners Helikopter gefeuert. Ich habe ihn genau beobachtet.« »Was sagst du?« »Corner hat seine Spuren verwischt. Deshalb musste sie sterben.« Li vermied es, Yitaitais Namen zu verwenden. »Ich hab sie eben noch gedrückt! Sie hat mich gerade noch geküsst. Sie bekommt ein Kind von mir!« Ich begann zu heulen, der Schmerz zerriss mich. Li begann damit, die Tür auszubessern, hängte sie irgendwie wieder ein und brachte auch wieder ein Blatt Papier, auf dem mein Name stand, mit Reißzwecken an. Ich glaube, er tat es nur, um überhaupt etwas zu tun. Er nagelte Holzbretter vor das Fenster und kehrte die Glassplitter aus dem Raum. Ich saß regungslos auf meinem Stuhl. Endlich stand ich auf, zitternd nahm ich die Whiskyflasche aus dem Regal und trank, das Zeug lief durch meine Kehle wie Wasser, dann zündete ich mir eine Zigarette an, nahm mein Handy und wählte die Nummer meines Chefs in Deutschland. Seine Sekretärin war dran, die vom Ende des Ganges. »Tom hier ...«, lallte ich. »Gib mir den Dicken!« »Moment, Tom, ich verbinde.« »Ja?«, fragte die Stimme meines Chefs. »Hier ist Tom Kramer, hol mich hier raus!«, wieder liefen mir Tränen über die Wangen, vermischten sich am Hals mit Schweiß und Whisky. »Tut mir Leid, ich kenne keinen Tom Kramer. Sie müssen sich irren.« Er hatte bereits aufgelegt. Ich drückte die Wahlwiederholung. Wieder war die Sekretärin dran. »Tom«, flüsterte sie ins Telefon. »Hörst du? Ich weiß nicht, ob der Dicke mithört. Dieser Bush war wieder hier, wir dürfen keinen Kontakt mehr mit dir haben, Tom. Man hat dich aus der Firma gelöscht. Tom, es tut mir Leid, du musst dir allein helfen. Wenn du mich nicht in Gefahr bringen willst, ruf bitte nicht mehr hier an. Verstehst du Tom?« Wenigstens klang ihre Stimme aufrichtig. »Okay, ich verstehe dich!« Die Verbindung wurde getrennt. Ich zitterte am ganzen Körper, trank noch mal vom Whisky und ließ mich auf mein Bett fallen. Irgendwann schlief ich ein. Der Traum brachte mir Yitaitais Gesicht zurück, ihr Lachen, ihren Körper, ihren Bauch mit meinem Kind darin, dann sah ich Flammen, sah sie sterben. Schweißgebadet wachte ich auf. Es war noch dunkel, doch der Morgen würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ich nahm eine Zigarette und trat hinaus ins Freie. Es war sehr ruhig, zu ruhig für diese Nacht. An den Trümmern von Corners Haus machte sich niemand zu schaffen. Keine Lebensretter oder Suchhunde waren am Werk, wie ich es in der Tagesschau nach Erdbeben gesehen hatte. Ein paar chinesische Volkssoldaten rannten herum, schwerbewaffnet, hatten wahrscheinlich die Kontrolle über das Lager übernommen. Meine Beine trugen mich zur Konfektionshalle, die nicht mehr bewacht wurde. Ich schlich mich hinein, wollte dieses obskure Spielzeug finden, das eine Mitschuld an Yitaitais Tod hatte. Ich konnte es nicht finden. Corner und Jun Li hatten ganze Arbeit geleistet. Ich schlich mich zurück. Unterwegs sprach mich ein hochdekorierter chinesischer Soldat an. Ich zuckte mit den Schultern und fragte, ob er englisch könnte, worauf er mit den Schultern zuckte. Li tauchte auf, als hätte er mich beobachtet. »Was ist los?«, fragte er. »Ich weiß es nicht, der Soldat will was von mir, doch er versteht mich nicht.« Li bot sich als Übersetzer an. »Er spricht Tibetisch und ein bisschen Mandarin (Chinesisch). Wahrscheinlich hättest du ihn auch nicht verstanden, wenn du Pu tong hua könntest.« So nannten die Chinesen ihre Sprache, dass wusste selbst ich. »Und, was will er?« »Er fragt, wer hier die Verantwortung hat. Man hatte ihm erzählt, dass du jetzt der höchste Vertreter des Konzerns bist.« »Dann sag ihm, man hat mir eben gekündigt.« »Was hat man?« Li blickte mich ungläubig an. »Ich habe gerade mit meinem Chef in Deutschland gesprochen. Er kennt mich nicht mehr. Dieser Frank Bush, das amerikanische Schwein, hat dafür gesorgt.« Li sagte etwas zu dem Soldaten, einem Offizier der chinesischen Volksarmee, der Shinkh nun unter seiner Kontrolle hatte. »Sag ihm, dass Ted Corner diese Fabrik zerstört hat. Sag ihm, sie sollen Corner finden und festnehmen. Sag ihm, Corner hat viele chinesische Helden getötet. Sag ihm das!« Li sprach mit dem Offizier, der nickte und verschwand. Li zog mich mit sich, ich fand mich in meiner Hütte wieder. »Was kostet es, Corner ausfindig zu machen und zu töten?«, fragte ich Li ganz direkt. »Er wird nicht mehr in China sein.« »Das sollte ich auch längst nicht mehr sein. Wie kommen wir jetzt nach Xining?« »Keine Ahnung. Ich werde sehen, ob sich was machen lässt. Komm jetzt zur Ruhe, leg dich noch mal hin!« Li drückte mich zu meinem Bett, das ohne Yitaitai leer und hässlich wirkte. Wieder setzte er sich auf den Bettrand. »Du wolltest sehen, was sie in diesem Spielzeug versteckt haben?« »Sie haben alles verschwinden lassen. Alles. Wir werden nie erfahren, worum es ging.« »Es ging um Opium. Dieses Spielzeug war hermetisch verschlossen, deshalb konnten Suchhunde beim Zoll nie etwas finden. Mit jeder Lieferung brachte Corner mehrere Kilogramm reines Opium ins Ausland. Dieser Bush und wer weiß, wer noch alle stecken dahinter, vielleicht auch dein dicker Chef in Deutschland. Das Zeug wächst in China ganz offiziell auf den Mohnfeldern. Yuan hat es ihnen verkauft und dieser Chee-Chuan wollte den Lieferanten aus Lhasa aus dem Geschäft drängen. Dich haben sie ausgenutzt, weil sie einen Strohmann benötigten. Wer hat die Bestellungen ausgelöst? Wer hat den Versand ins Ausland unterschrieben? Mach dir selbst Gedanken darüber, Tom. Einer muss immer das Opfer sein.« Li stand auf. Von dem Morgen, der draußen graute, merkte ich nichts, denn nachdem er die Tür von außen geschlossen hatte, drang kein Licht mehr in mein Zimmer. Wieder dachte ich an meine Yitaitai. [...] | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||