Der Pakt mit den Terroristen





Baba berichtete auf der ROOKATOR sogleich von seinem Treffen mit einem Teil der Besatzung der EUROPANIA.

Nedal Nib überlegte nur einen kurzen Moment, dann lächelte er dem Sohnemann zufrieden zu. »Gut gemacht, mein Junge«, sprach er und fuhr Baba über den Kopf. »Als Belohnung darfst du den hier behalten.« In der Hand des Vaters sah der Zehnjährige einen modernen Letonator.

»Papa!«, rief er und griff zu. »Ein IKV27! – So einen hab ich mir schon immer gewünscht! Danke, Papa!«

Fidelia klopfte dem Jungen mit den Knöcheln ihrer Finger auf den Kopf. »Schon immer?«, fragte sie laut. »Die gibt es erst seit ein paar Wochen. Aber pass auf damit, nicht dass du ein Waisenkind aus dir machst!« Die Eltern lachten.

Keko kam brüllend angesaust: »Ich habe jetzt einen Scyter! Ätsch!« Er kniete in einer Schüssel, die über dem Boden schwebte und deren Schwerkraft-Assimilatoren über ein einfaches Lenkrad gesteuert wurden. Hin und wieder rauschte er natürlich einem der Besatzungsmitglieder in die Kniekehlen oder den Ikoniern zwischen den Tentakeln hindurch. Und manchmal krachte er gegen eine Wand, weil er die Schleusen verfehlte, wobei die Schüssel dann meist ohne ihn weiterflog. Am liebsten jagte Keko durch die langen, kreisförmig verlaufenden Flure des Kampfkreuzers. Und stets hörte man ihn brüllen: »Bahn frei – ich komme!«



*



Samuel Simon, Daana Fan und Emmanuel Tämmler erwarteten die Gesellschaft bereits auf der Brücke. Nur wenig Geduld mussten sie aufbringen, dann waren alle in der Kommandozentrale der EUROPANIA vereint. Komsomolzev berichtete von seinen Erlebnissen mit jenem gefundenen Thronario und dem Ikonierkind, wobei er nicht von allen verstanden wurde.

Schließlich aber schimpfte Aniratak: »Ich hatte die gesamte Zeit ein komisches Gefühl. Doch nun bin ich mir ganz sicher, dass dieser Junge keineswegs der Händler Baasolo war!«

»Dann aber er war wer wirklich?«, fragte der Kandare.

»Er heißt Baba«, erklärte eine Stimme, zu der noch die Figur fehlte. Im selben Moment bauten sich mehrere Hologramme auf. Mitten in der Zentrale erschienen drei leuchtende Figuren: die von Nedal Nib, die seines Weibes und die von Baba. »Und er hat euch geschickt hinters Licht geführt. Er hat viel gelernt, denn ich bin sein Vater.«

Einige der irdischen Wachen hoben sogleich die Waffen und entsicherten diese.

»Was soll der Überfall?«, rief Simon erbost.

Das Hologramm des Jungen Baba sprach: »Das ist kein Überfall. Ich hatte meinen Besuch angekündigt und wollte euch nicht ewig warten lassen.«

»Genug der Floskeln!«, forderte Nedal Nib. »Wer ist euer Anführer?«

»Anführer?«, fragte Hannsen erstaunt. »Ich bin der Kapitän dieses Schiffes, falls dir ein solcher Rang zusagt. – Jedenfalls hat uns dein Junge belogen!«

»Ihr solltet froh sein, dass ihr Baasolo nicht angetroffen habt«, erklärte Fidelias Hologramm. »Ich sprach mit ihm und heftete ihm eine kleine ikonische Wanze an. – Geht mit eurem Bildschirm auf Empfang der verschlüsselten Sendung aus der ROOKATOR!« Da sich keiner rührte, zischte sie: »Nun macht schon! Die Zeit wird knapp!«

Tämmler betätigte die entsprechenden Sensoren, ein wackelndes Bild baute sich auf dem Monitor auf. Kaum etwas war zu erkennen.

»Das Dunkle da, das ist der Rücken von Baasolo. Es ist nicht wichtig, wie er aussieht, wichtig ist das, was er sagt!«

Eine Stimme erklang, während es im Hintergrund kräftig rauschte. »... keineswegs, ich bin mir einhundertprozentig sicher. Die Führung der EUROPANIA will mich sprechen.«

»Das ist unmöglich! Die Flotte der Erde hat den Distrikt verlassen!«, rief eine andere Stimme.

»Dann erklärt mir, warum sie hier an Dock 24 vor Anker liegt?«

»Sie haben uns betrogen!«, zischte die andere Stimme. »Ich werde einen Kybernetic schicken, der unserer Regierung Meldung macht. Und du ... Halte sie auf, so lang es geht! – Universus Ende!«

In der Zentrale herrschte einen Moment lang Ruhe. »Das beweist nichts«, sagte Tämmler schließlich. »Um einen solchen Mitschnitt anzufertigen, benötige ich zwei Minuten.«

Nedal Nibs Hologramm stand ruhig mitten im Raum. »Ich weiß, dass es nichts beweist. Und ich weiß, dass ihr in einer verdammt verzwickten Lage steckt. Ihr wollt die Zwillinge auf Z’foh befreien, der Rat der Planeten will das verhindern. Die AMELIANIA ist auf dem Weg hierher. Und glaubt mir, lange braucht die nicht dazu. Ihr müsst jetzt und sofort entscheiden, wem ihr vertraut. Den allseits beliebten und stets aufrichtig ehrlichen Politikern des Rates, die eure Zwillinge in die Verbannung schickten. Oder aber einem der meistgesuchten angeblichen Terroristen in diesen Distrikten, der so ziemlich alles tut, was dem Rat schaden könnte. Ich, Nedal Nib, hasse den Rat zutiefst. Entscheidet euch jetzt, sofort, ansonsten bin ich verschwunden.« Er ließ eine kurze Redepause vergehen. »Und ... nur als Hinweis, ohne dass ich zu viel verraten möchte: Ein Ikonier namens Insaidia beauftragte mich vor kurzer Zeit, die kaiserlichen Zwillinge auf Z’foh zu töten. Als Zeichen seines Dankes überließ er mir den Ikonischen Kampfkreuzer. Was soll ich sagen, ich hab’s nicht übers Herz gebracht, den Kinderchen etwas anzutun. Im Grunde genommen stehen sie auf meiner Seite, denn auch sie sind Feinde des Rates. Und außerdem ... habe ich selbst Kinder und eine wunderbare Frau.« Sein Hologramm küsste das von Fidelia innig. Dann wandte sich Nedal Nib wieder der Besatzung der EUROPANIA zu. »Was ist, entscheidet ihr euch heute noch?«

»Die Zwillinge du totmachen willst?«, fragte Komsomolzev aufgebracht.

»Nicht doch, mein sprachbehinderter Riese«, antwortete Nedal Nib. »Du musst deine Ohren besser aufsperren. Ich sagte ›sollte‹ und nicht ›wollte‹.«

Komsomolzev war verblüfft und zu keiner Gegenreaktion fähig.

Daana Fan formte eine Frage, die sie schließlich stellte: »Angenommen, wir vertrauen dir, was müssen wir deiner Meinung nach tun?«

»Von meinen Plänen werde ich euch erst unterrichten, wenn ich weiß, dass ihr mir vertraut«, erwiderte Nedal Nib. »Ihr seid am Zug!«

Hannsen hatte kurzzeitigen Blickkontakt mit Daana Fan und Samuel Simon. »In Ordnung. Wir vertrauen dir. Und wir hoffen, dass deine Vorschläge unser Vertrauen wert sind.«

Sogleich lösten sich die Hologramme in Wohlgefallen auf. Nedal Nib erschien in persona, er hatte sich per IMT auf die EUROPANIA transportieren lassen. Lächelnd stand er auf der Brücke. »Eine vernunftbegabte Besatzung führt dieses Schiff. Gratulation. Nach meinen Berechnungen könnten in etwa vier Stunden unzählige Soldaten aus der AMELIANIA ebenso in diesem Schiff erscheinen, wie ich es gerade vorführte. Oder ...«, sein Lächeln blieb erhalten und gab dem vernarbten Gesicht einen ironisch wirkenden Schein, »oder aber sie pusten euer Schiff einfach weg.«

»Was sind deine Vorschläge? – Auch wir haben an die tausend Soldaten an Bord. Denk nicht, wir wären wehrlos!« Hannsen blieb äußerst ernst.

»Meine Vorschläge: Die EUROPANIA wird einen lustigen Zickzackkurs durch diesen Distrikt einschlagen, auf keinerlei Rufe antworten und versuchen, einen Abstand von über zwei Parsek zur AMELIANIA zu halten. Währenddessen werde ich mit einigen von euch den Planeten Z’foh besuchen und die Zwillinge holen. Dann treffen wir uns direkt am Übergang zum Ersten Distrikt, wo ich die Zwillinge und eure Leute auf die EUROPANIA transportieren lasse.« Scharfsinnig beobachtete er die Reaktionen. »Vielleicht werde ich euch gar zur Erde begleiten. Ich habe zu viele Feinde in diesen Distrikten, die das Leben meiner Frau und meiner Kinder gefährden. Ich werde mit meinem Weib beraten, ob es nicht an der Zeit sei, dass wir uns zur Ruhe setzen.«

»Eine Alternative zu deinem Vorschlag gibt es nicht?«, fragte Aniratak.

»Oh, doch, natürlich. Es gibt immer Alternativen. Eine wäre, ihr bleibt hier, fragt von mir aus den Spitzel Baasolo, ob er euch ein Tarnsystem beschaffen könnte, das ihr so oder so nicht bezahlen könnt, die AMELIANIA kommt und ... Ende. Alternative zwei: Ihr fliegt zurück zum Übergang, bettelt beim Synus um Durchlass und versteckt euch im Ersten Distrikt. Ich werde lustig durchs All fliegen und abwarten, ob sich jemand Gleichwertiges findet, der mein Dasein und das meiner Familie beendet.« Er lächelte tatsächlich noch immer. »Eine ausgesprochen unschöne Variante wäre: Ihr reist in den Ersten Distrikt, ich fliege zu den Zwillingen, bringe Insaidia ihre Köpfchen und weiß, dass er mich beim Rat der Planeten schützen wird. – Noch mehr Alternativen fallen mir im Moment nicht ein.«



*



Der Vizeregent der neuen Ikonischen Regierung stand unruhig am offenen Fenster seines Regierungs-Appartements und blickte hinaus. Zwischen heftigen Rauchschwaden bewegten sich Kolonnen von Arbeitsrobotern durch enge Gassen. Seine Residenz befand sich unweit eines gewaltigen Industriekomplexes. Er schloss das Fenster und blickte die alte Frau an, die hinter ihm stand und darauf wartete, dass Tokahn etwas sagen würde. Mehrmals setzte er an. »Unser Kontinent auf Rook ist von der Strahlung befreit«, flüsterte Tokahn schließlich.

Seine neue Partnerin ahnte, was der alte Mann vorhatte: »Dich hält es nicht auf Ikonia, nicht wahr?«

»Es gibt unzählige Gründe, diesen Planeten zu verlassen. Doch der Hauptgrund sind die ständigen Beleidigungen Insaidias. Ich werde das Amt des Vizeregenten niederlegen.«

»Ich weiß nicht, ob das sinnvoll ist, Tokahn. Als Vizeregent hast du immerhin einen gewissen Einfluss in der Ikonischen Regierung.«

»Wirst du mich begleiten?«, fragte Tokahn und sah der Ikonierin in die großen dunkelblauen Augen. »Ich will nicht allein sein. Ich will wieder auf Rook leben, so wie früher.«

»Schatz ...« Sie suchte nach Worten. »Egal wie lange du suchen wirst, nichts wird mehr sein wie früher.«

»Es ist nicht Rook allein ...«, flüsterte Tokahn nach einer kurzen Pause, in der sich beide mit ihren oberen Tentakeln umarmten.

»Ich habe längst bemerkt, dass dich noch etwas anderes beschäftigt. Und ich weiß, dass du an die Kinder denkst.«

Erstaunt blickte der Ikonier auf. »Du weißt es? Woher?«

»Deine Träume haben dich verraten, mein Liebster. Du redest in den Nächten mit Anna. So laut sprichst du, dass ich nicht ruhen kann.«

Sanft fuhren Tokahns Tentakel über die Stirn der Ikonierfrau. Er lächelte, um sofort wieder ernst zu werden. »Ich habe die ängstlichen Augen des Menschenkindes gesehen, am Ende der Ratsverhandlung. Ich sah, wie man sie betäubte. Ich sah regungslos zu, wie man sie entführte. Ich sah, wie man an ihrer statt die Hologramme in die kaiserliche Loge projizierte. Nichts habe ich getan, den wehrlosen Kindern zu helfen. Stets schäme ich mich für meine Tatenlosigkeit und die Abartigkeit unserer Politiker – egal ob Menschen oder Ikonier.«

»Du weißt, wo sie sind?«, flüsterte die Frau, nachdem sie sich im Raum umgesehen hatte, als befürchtete sie, Spitzel könnten mithören.

»Ja. Ich habe es in Erfahrung gebracht.«

Sie ließ von ihm ab und schüttelte sich leicht. »Bitte tu, was du tun musst, Tokahn. Ich will und werde dir nicht im Weg stehen. Sei dir gewiss, dass ich, solange ich lebe, hier auf dich warten werde, bereit, mit dir ein neues Leben auf Rook zu beginnen.«

Auch Tokahn schüttelte sich. »Ich danke dir, mein Schatz. Ich danke dir mit meinen beiden Herzen.« Dann wandte er sich ab und suchte verschiedene Dinge zusammen, die ihn begleiten sollten.



*



Schweigsam lehnte Komsomolzev an der Wand im Übergang des Hauptkorridors zur Kommandozentrale des Kampfkreuzers ROOKATOR. Er beobachtete den kleinen Jungen, der mit einer merkwürdigen Schüssel durch den Flur jagte. Keko lachte ihn jedes Mal an, wenn er vorbeiraste, und zeigte seinen fast zahnlosen Mund.

Ein Finger stach Komsomolzev in den Rücken. Der Kandare drehte sich um und musste nach unten schauen.

»Redest du nicht, weil du Angst hast, etwas Falsches zu sagen?«, fragte Baba.

Juri Komsomolzev schüttelte den Kopf. »Mein Junge, nicht richtig ist, was du denkst.«

»Hm.« Baba ging um ihn herum und betrachtete die großen Muskelpakete an Komsomolzevs Oberarmen. »Dann bist du vielleicht verliebt. Doch nicht etwa in meine Mutter?«

Ein Lachen konnte sich der stämmige Mann nicht verkneifen. Er hob den Jungen hoch und setzte ihn vor sich auf einen Kasten, der an der Wand befestigt war. »Baba, nein. Nicht deine Mutter es ist, die traurig mich macht. Auf der EUROPANIA geblieben ist die, die ich liebe. Das mich sehr traurig macht. Angst ich um sie habe«, flüsterte er.

Baba grinste. Auch ihm fehlten die Schneidezähne. »Soll ich dir was sagen?«

»Nicht sollen du musst, aber sagen du es kannst.«

»Ich hatte auch mal eine Freundin. Und als sie dann weg war, ging es mir wie dir jetzt.«

»Verlassen sie dich hat?«, fragte Komsomolzev.

Der Junge schüttelte den Kopf. »Nein, sie hat mich nicht verlassen. Aber ich sie.«

»Du sie?«

Baba nickte. »Weil ich sie verlassen musste. Wir waren nie für lange Zeit irgendwo. Außer damals, als ich so klein war wie Keko, da haben wir auf Rook gewohnt.«

»Warum ihr nicht geblieben seid auf Rook?«

»Das ist ’ne lange Geschichte.« Baba beugte sich nach vorn, hielt eine Hand an Komsomolzevs Ohr und flüsterte: »Papa war früher Politiker. Er war der Vizechef im DKPR.«

»DKPR?«, flüsterte der Kandare. »Das was ist?«

»Das war das Demokratische Komitee des Planeten Rook. Eine Mischung aus Ikoniern und Menschen, die von den anderen gewählt wurden und alle wichtigen Dinge entscheiden mussten. Irgendwann gab es eine Zeit, da passte es dem Rat der Planeten nicht, dass die beiden Rassen auf Rook so gut zusammenlebten. Das Komitee beschloss – nach Papas Antrag –, dass es seinen Abgesandten aus dem Rat der Planeten zurückziehen wollte. Kurz nach der Abstimmung detonierte ein Thronario mitten im Gremiums-Saal. Papas Gesicht wurde zerfetzt. Was aber viel, viel schlimmer war, dass alle Versammlungen des Komitees öffentlich abgehalten wurden. Und meine große Schwester hielt mich in den Armen; ich war noch ziemlich klein. Ein Metallstück hat ihr den Kopf abgerissen. Sie war damals so alt wie ich jetzt. Sie war sofort tot. Viele waren tot. Mir ist fast nichts passiert, bis auf ...« Baba zog den Träger seiner Hose über die Schulter, schob den Hemdsärmel nach oben und zeigte eine Narbe, die rings um den rechten Oberarm lief. »Sie haben ihn wieder drangenäht«, erklärte er. »Als Papas Gesicht geflickt war, nahm er Mama und mich und besorgte sich einen Raumgleiter, in dem wir von da an lebten. Hin und wieder hat Papa irgendwelche Aufträge ausgeführt, manchmal waren komische Typen bei uns. Und Mama wurde zu einer Kämpferin.«

Keko hielt neben den beiden an. »Zeigst du mir, wie ich so stark werde wie du?«, fragte er den großen Mann.

Mit einem Sprung landete Baba neben dem Brüderchen. Er klopfte ihm gegen die Schulter und sagte lachend: »Du bist doch schon so stark, Keko! Ich hab ja jetzt schon Angst vor dir!«

Der Kleine zischte wieder davon, nachdem er kurzzeitig die Zunge herausgestreckt hatte.

»Aber mir kannst du es zeigen. Papa sagt immer, meine Arme sind viel zu dünn.« Baba winkelte den Arm an und biss die Zähne zusammen.

Vorsichtig drückte Komsomolzevs Daumen auf den winzigen Muskelhügel. »Juri du mich nennen kannst. Begonnen ich habe damit, mich stark zu machen, so alt wie du es bist, ich war. Dein Raum, wo ist er?«

Baba ergriff Komsomolzevs Hand. »Komm mit, Juri, ich zeig ihn dir!«

Sie liefen durch den langen Flur, der Junge schlug mit der flachen Hand gegen einen Sensor und die Tür eines Raumes öffnete sich. Auf dem Boden lag viel Spielzeug herum.

»Das gehört alles Keko. Er lässt es überall fallen, bis Mama schimpft und ihn zwingt, alles aufzuräumen.« Der Junge zeigte auf ein dreidimensionales Bild. »Das habe ich gemalt«, erklärte er. »Ich male alles von Rook, an das ich mich noch erinnern kann.« Nacheinander zeigte er dem staunenden Komsomolzev verschiedene plastisch wirkende Bilder, zuletzt das Bild eines Kindes mit langen Haaren.

Dieses Bild nahm der Kandare in die Hände. »Du das bist?«, fragte er.

»Findest du, es sieht mir ähnlich?«, flüsterte Baba und betrachtete ebenfalls das Bild.

»Ganz bestimmt du das bist.«

»Das ist Mimi«, hauchte der Junge. »Sie war meine große Schwester.« Dann legte er das Bild unter die anderen. »Was muss ich tun für solche Muskeln?«, fragte er und drückte gegen die von Komsomolzev.

»Geduld du haben musst, Baba, sehr viel Geduld du haben musst. Nicht über Nacht du sie antrainieren kannst. Einen Plan ich mir gemacht habe. Jeden Abend ich es tue vor dem Schlafengehen. Verschieden sind die fünf Übungen: Liegestütz, mit Gewicht die Kniebeuge, auf dem Bauch das Rumpfheben, im Stehen das Rumpfbeugen und im Hängen das Armziehen. Anfangen du musst mit fünf. Sechs in der nächsten Woche, sieben in der Woche darauf und immer weiter so. Verstanden du mich hast?«

Baba nickte eifrig. »Klar doch, Juri. Fünf Übungen sind es, die du mir bestimmt noch zeigst. Die mach ich jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe. Diese Woche mach ich jede Übung fünf Mal, nächste Woche sechs Mal, dann sieben Mal. Und so weiter. Und wie gehen die Übungen?«

Geduldig führte Komsomolzev die Übungen vor und Baba versuchte, sie nachzumachen. Für die Armzüge fanden sie ein Leitungsrohr im Flur vor der Zimmertür. Selbstverständlich schaute Keko bald zu und versuchte, den Bruder nachzuahmen.

Während der Liegestütze fiel Baba der Letonator aus dem Halfter.

Komsomolzev nahm die Waffe in die Hand und schüttelte den Kopf. »Nicht ein Spielzeug für Kinder das ist. Dass du es haben musst, traurig es mich macht.«

»Papa hat ihn mir für Notfälle gekauft. Und zum Üben«, erklärte Baba und steckte den Letonator rasch weg.

Der Kandare wandte sich ab, um den Raum zu verlassen.

»Danke, dass du mir das gezeigt hast, Juri!«, rief Baba ihm nach. Komsomolzev lächelte.

In der Zentrale hatte sich nichts geändert. Während Tämmler und Aniratak die ikonische Technik bestaunten, erklärte Fidelia die Zeichen auf dem Bildschirm. »Das Signal, das die EUROPANIA sendet, macht sie für uns sichtbar. Gerade bewegt sich das Erdenschiff vom Planet Esdreivau weg und erhöht seine Geschwindigkeit. Also ist die AMELIANIA in der Nähe. Und auch deren Standort wird uns verraten, sie befindet sich genau – hier!« Ein blinkender Punkt unweit der EUROPANIA tauchte auf. »Noch ein Beweis, dass Baasolo ein Spitzel des Rates ist, denn dieses Signal stammt von jenem Sender, den ich ihm angeheftet habe. Wir bewegen uns hier«, sie zeigte mit einem Finger auf den Sektor, »und müssen in dieses Sternensystem. Z’foh ist der einzige Planet, der sich um einen Doppelstern dreht. Die beiden Sonnen haben sich vor Millionen Jahren aus diesem Sternensystem gelöst und bewegen sich auf einer riesigen Ellipse um den Kern des Systems. Die Universen bilden sich noch immer ein, niemand würde von der Existenz des Planeten wissen.«

»Wann wir dort sein werden?«, fragte Komsomolzev.

Fidelia schaute erstaunt den großen Mann von FV1 an. »Du bist ungeduldig? Wir werden Z’foh in zwanzig Stunden erreicht haben.« Sie setzte sich in einen der großen Ikoniersessel, der zur Steuerung gehörte.

Der Kandare stand ganz in der Nähe. Ohne Fidelia anzuschauen, flüsterte er: »Sehr leid es mir tut, was geschehen ist. Verstehen ich kann, was ihr tut.«

Die zum Teil mit einer Rüstung bekleidete Frau betrachtete den Hauptschirm, ohne etwas erkennen zu wollen. »Baba hat dir von Mimi erzählt?«

»Seine Schwester abgöttisch er liebt. Ein guter Junge er ist. Frieden er braucht und Ruhe. Ansässig werden ihr müsst. Eurer Rache ein Ende ihr bereiten solltet.«

Nedal Nib näherte sich, er hatte Komsomolzevs Worte gehört. Sein zerstörtes Gesicht zuckte nervös. »Die Rache beenden?«, fragte er. »Sie hat noch längst nicht angefangen, mein gigantischer Freund. Die gleichen Politiker, die für die Verbannung der Zwillinge verantwortlich sind, sind auch schuldig am Mord an unserer Tochter.«

»Wissen du es woher willst?«

Ganz dicht stand Nedal Nib vor dem Kandaren, so dass beide den Atem des jeweils anderen spürten. »Fast zehn Jahre habe ich versucht, in Insaidias Umfeld einzudringen. Es gelang mir nur, weil ich an seiner mörderischen Politik teilnahm und ein Bestandteil seiner Feldzüge wurde. Ich erkannte die Personen hinter Insaidia. Ein Verschwörerpack, das über Leichen geht, um die eigene Politik durchzusetzen. Gleichzeitig beherrscht Insaidia große Teile der militärischen Industrie der Distrikte, war Verbündeter von Admiral Alyta, ließ Kaiserin Amelia ermorden, als die ikonische Führung sie und ihren Sohn Sinep in Sicherheit bringen wollte, vernichtete General Kabalogs, ließ Kaiser Adam töten und wollte Gleiches mit den Zwillingen tun, weil seine Partner – um ihr Gesicht nicht zu verlieren – lediglich die Verbannung zuließen. Einer der Vertrauten von Insaidia ist Muscon, Berater der Präsidentin von Universus. Das gesamte Planetenabwehrsystem von Universus ist eine Farce.«

»Eine Farce es ist?«, fragte Komsomolzev erstaunt.

Tämmler und Aniratak standen mittlerweile in der Nähe und lauschten gespannt.

Fidelia erhob sich und lachte gekünstelt. »Nie hat es ein solches Abwehrsystem gegeben«, erklärte sie. »Doch gab es einen Vertrag der Universen mit Insaidia und damit auch mit Alyta. Die Gruppe um Insaidia und Präsidentin Norana belieferte Alytas Militärstandorte mit wichtigen Produkten. Durch ihren Verrat an Menschen und Ikoniern wollten sie nur eines: Profit. Ganz nebenbei stand die Vereinbarung, von der Alyta jedoch nichts wusste: die Synusier auszurotten, weil sie Angst vor deren Kräften hatten. Die fadenscheinige Regierungsbildung auf Ikonia verfolgte nur ein Ziel: Der Rat der Planeten musste im Umfeld Insaidias und Noranas neu gebildet werden, damit sie ihn unter ihrer Kontrolle hatten. Salomos und Tokahn wurden in der Regierung eingesetzt, weil sie als Märtyrer von Rook galten; auch über diese Männer wollte Insaidia uneingeschränkte Kontrolle, wie er sie längst über Graf Alucard besitzt, dessen Wut gegen Adam für seine Ziele ausgenutzt werden konnte. Der Rat der Planeten mit seinen unzähligen unbedarften Abgeordneten ist nichts weiter als ein Organ, das die abartigen Ideen von Insaidia ausführt, dessen Macht in den vergangenen Jahren mehr und mehr wuchs.«

»So das ist?«, fragte Komsomolzev.

»Ja. Um es in deine Worte zu fassen, mein großer durcheinander sprechender Freund: So das ist.« Fidelia nahm wieder Platz, während sie eine Hand von Nedal Nib festhielt.

»Das Konzept des Komitees auf Rook passte nicht in die Pläne eines Insaidias«, flüsterte der angebliche Terrorist. »Es sah Frieden vor. Es sah friedliche Produktion und friedlichen Handel mit allen Planeten vor. Deshalb wurde der Anschlag auf unsere Regierung verübt. Deshalb musste Mimi sterben!«

Alle anderen schwiegen betroffen.

»Insaidia verlangte von mir, die Flotte der Erde zu zerstören. Er verlangte von mir, dass bestimmte Bereiche von Tafla dem Boden gleichgemacht würden, in denen ausschließlich Unbeteiligte und für ihn und die Regierung von Universus unwichtige Zivilisten wohnten. Ich ahnte, was er bezweckte, und reichte den Auftrag durch. Eine Gruppe wahrer Terroristen, die für Geld alles tun würden und die mit ihrem Leben bezahlen mussten, denn Insaidia wollte keine Zeugen. Im Grunde genommen wollte er mich bei dieser Gelegenheit beseitigen. Wie erstaunt er doch war, als ich wieder vor ihm stand!« Nedal Nib schlug auf eine Konsole.

Baba betrat die Zentrale. Er trug den kleinen Bruder auf dem Arm. »Keko hat sich wehgetan. Er ist gegen eine Wand geknallt und hat jetzt eine Beule«, erklärte der Junge.

Aniratak nahm Keko aus den Armen seines Bruders und drückte die Fläche eines Fingerringes auf die Beule an der Stirn des kleinen Jungen, dem dicke Tränen in den Augen standen. Zugleich tröstete sie ihn.

»Dann«, fuhr Nedal Nib fort, »verlangte Insaidia von mir, die Zwillinge zu töten. Kinder! Zwei Kinder, die lediglich etwas anders sind als andere Kinder!« Er legte eine Hand auf Babas Kopf. »Diesen Befehl konnte ich nicht ausführen, auch wenn dadurch die Wahrheit auffliegen würde.«

Tämmler hüstelte und alle wandten sich zu ihm. »Anna hat gesehen, dass ihr Vater von Alucard und Insaidia ermordet und General Kabalogs hingerichtet wurde. Ich kenne die Zwillinge gut. Sie sind in meiner Umgebung aufgewachsen. Ich weiß, dass sie keine Ruhe geben werden, bis der Tod ihres Vaters gerächt ist.«

Komsomolzev nickte. »Ermordet wurde auch die Schwester von Daana Fan von diesem Verrückten«, meinte er. »Erst ruhig ihr Gemüt sein wird, wenn gerichtet ist der Mörder von Daana Por.«

Nedal Nib lief einen Halbkreis, dann stand er vor den Besatzungsmitgliedern der ROOKATOR. »Ich glaube, ich habe verstanden«, sprach er. »Holen wir die Zwillinge, für alles andere habt ihr meine Unterstützung!« Er reichte stellvertretend Komsomolzev die rechte Hand.

Der Kandare schlug ein. »Der Gerechtigkeit wir den Weg ebnen!«, rief er.

Alle klatschten beifällig mit den Händen. Auch Keko, der die Schmerzen vergessen hatte. Und Baba, der Komsomolzevs Hüfte umschlang und sich an den kräftigen Mann schmiegte.



*



»Sie folgen uns tatsächlich. Ich kann den Sensor orten, der Spitzel ist an Bord der AMELIANIA.« Samuel Simon betrachtete den Bildschirm.

»Welchen Kurs soll ich eingeben, wenn wir unser Ziel erreicht haben?«, fragte Hannsen.

Daana Fan lächelte. »Machen wir eine Kreuzfahrt durch den Distrikt. Lassen Sie einen Zufallsgenerator entscheiden, der die Gegend um Universus und die um Z’foh ausklammert. Mal sehen, wie viel Geduld sie haben.«

»In Ordnung.« Der Kapitän gab den Zufallskurs ein. Die EUROPANIA sollte das Sternensystem ihrem Volumen nach geordnet besuchen. Dann wandte er sich an den militärischen Leiter der Einheiten: »Hören Sie, junger Mann, ich will, dass sich unsere Soldaten in Bereitschaft befinden und jeden Raum und jeden Flur unseres Schiffes überwachen. Auch die visuelle Kontrolle soll verdoppelt werden. Anomalien im Umkreis von einem Parsek um unser Schiff werden sofort gemeldet und von einem Team ausgewertet. Alle Waffen in voller Bereitschaft! Ich will, dass nicht einmal ein Floh unbemerkt mein Schiff betreten kann. Verstanden?«

»Alles verstanden, Sir. Gestatten Sie, dass ich wegtrete?«

»Treten Sie! Treten Sie weg!« Hannsen nickte zufrieden. »Schade nur, dass wir mit der ROOKATOR nicht in Kontakt treten können.«



*



Stunden waren vergangen. Die EUROPANIA flog die ungewöhnlichsten Strecken durch den Distrikt. Hannsen hatte sich einige Zeit ausgeruht, dann wurde er plötzlich gerufen.

Sekunden später stand er in der Kommandozentrale. »Was gibt’s?«

»Wir werden gerufen«, erklärte Simon, der den Kapitän meist vertrat. »Von der AMELIANIA.«

»Wollen wir sie überraschen?« Hannsen grinste. Ein bösartiges Grinsen, das man ihm kaum zugetraut hätte. »Los, alle raus aus der Zentrale!«

Sogleich verließen alle die Kommandozentrale.

Nur Hannsen blieb zurück. Er nahm in seinem Sessel Platz und stellte die Verbindung her.

Eine Person blickte vom Hauptmonitor erstaunt in die Zentrale der EUROPANIA und sah einen gerade erwachenden einzelnen Mann. »Sie verstoßen gegen geltendes Recht und die Beschlüsse des Rates!«, rief diese Person.

Hannsen gähnte übertrieben. »Wer behauptet das?«, fragte er gelangweilt.

»Ich bin Muscon von Universus, Führer der AMELIANIA. Der Rat der Planeten hat beschlossen und angeordnet, dass ...«

»Welchen Rat meinst du, Muscon? Etwa jenen Rat, der die Erde ausgeschlossen hat, weil sie keine Anträge stellte und keine Beiträge zahlte? Meinst du diesen Rat?«

»Sie wissen genau, dass ich den Rat der Planeten meine!«, gab Muscon zurück.

»Wenn du diesen Rat meinst, mein lieber Muscon, dann muss ich dich enttäuschen. An die Beschlüsse eines Rates, aus dem die Erde ausgeschlossen wurde, muss sich ein Erdenmensch nicht halten, oder? Und außerdem, was stört es euch? Der Synus ließ mich nicht in den Ersten Distrikt ein. Ich bin allein hier und erkunde den Distrikt. Das darf ich doch wohl. Oder hat dein Rat der Planeten auch dagegen einen Beschluss gefasst?«

Muscon schwieg.

»Was ist, hat er das? – Wenn nicht, dann lass mich schlafen, ich habe noch eine lange Reise vor mir.« Hannsen gähnte erneut.

»Wir werden die EUROPANIA zerstören!«, offenbarte Muscon in diesem Moment.

Hannsen schloss die Augen. »Nein«, flüsterte er. »Das wirst du nicht.«

»Warum denkst du das?«

»Eine Schlussfolgerung, mein lieber Muscon. Du kannst mir folgen, du kannst dich über meine Existenz aufregen, aber du kannst mich und die EUROPANIA nicht zerstören. Es gibt Dinge, von denen weiß dein verräterisches Gehirn nichts. – Doch ich weiß diese Dinge. Und ich weiß, dass du die EUROPANIA nicht zerstören wirst.«

Muscon überlegte sekundenlang. Sein Kopf kam näher an den Überträger. »Was sind das für Dinge, von denen du weißt? – Nenne sie mir oder ich zerstöre die EUROPANIA!«

»Wie gesagt, du solltest es nicht tun. Weil sonst deine Ära und die deiner Präsidentin schlagartig beendet sind. Ich verrate dir nur eines, Muscon.« Hannsen flüsterte sehr leise. »Der Synus ist nicht begeistert davon, dass die Zwillinge verbannt wurden. Der Synus weiß, dass Insaidia, deine Präsidentin und natürlich du hinter dem Komplott stecken. Er sagte mir, dass er eure Gehirne zerplatzen lassen würde, falls mir oder dem Schiff etwas zustößt, bis dieses Schiff mit den Zwillingen den Übergang durchquert hat.« Hannsen öffnete die Augen und sprach normal weiter. »Jetzt habe ich dir bereits zu viel verraten, mein verräterischer Freund. – Und nun lass mich schlafen oder zerstöre mein Schiff. – Verbindung Ende!«

Als das Bild auf dem Monitor erloschen war, wischte sich Hannsen den Schweiß von der Stirn. Er tippte auf den Kommunikationssensor seines Overalls. »Ihr könnt wieder reinkommen!«



*



Allmählich baute sich die holografische Abbildung der Präsidentin im Zentrum des abgeschirmten Kommunikationsbereiches der AMELIANIA auf.

»Was ist so wichtig, dass du mich stören musst, Muscon?«, fragte Präsidentin Norana von Universus barsch.

Der Vertraute verbeugte sich. »Verzeiht, Präsidentin, es scheint mir wichtig, dass ich Euch spreche.«

»Komm zur Sache, Muscon!« Das Hologramm wanderte über das Podest.

»Ich hatte Kontakt zur EUROPANIA. Der Erdenmensch Hannsen behauptet, er sei allein auf dem Schiff.«

Norana lachte gekünstelt auf. »Allein? Ein einfacher Scan reicht, diese Aussage zu widerlegen!«

»Den Scan habe ich durchführen lassen, es sind mehr als tausend Lebewesen an Bord des Schiffes.«

»Na bitte! Er lügt!«

Erneut verbeugte sich Muscon. »Dass er in diesem Fall gelogen hat, ist mir durchaus bewusst, Präsidentin. In einem anderen Fall weiß ich nicht, ob er blufft oder die Wahrheit sagt. – Seht selbst!« Muscon machte sich an einem Monitor zu schaffen, den die Präsidentin mit düsterer Miene betrachtete, wobei der Bildschirm erstrahlte und Hannsen darauf zu sehen war, der gerade sagte: »Eine Schlussfolgerung, mein lieber Muscon. Du kannst mir folgen, du kannst dich über meine Existenz aufregen, aber du kannst mich und die EUROPANIA nicht zerstören. Es gibt Dinge, von denen weiß dein verräterisches Gehirn nichts. – Doch ich weiß diese Dinge. Und ich weiß, dass du die EUROPANIA nicht zerstören wirst.«

»Was sind das für Dinge, von denen du weißt? – Nenne sie mir oder ich zerstöre die EUROPANIA!«, fragte Muscons Stimme.

»Wie gesagt, du solltest es nicht tun. Weil sonst deine Ära und die deiner Präsidentin schlagartig beendet sind. Ich verrate dir nur eines, Muscon: Der Synus ist nicht begeistert davon, dass die Zwillinge verbannt wurden. Der Synus weiß, dass Insaidia, deine Präsidentin und natürlich du hinter dem Komplott stecken. Er sagte mir, dass er eure Gehirne zerplatzen lassen würde, falls mir oder dem Schiff etwas zustößt, bis dieses Schiff mit den Zwillingen den Übergang durchquert haben. Jetzt habe ich dir bereits zu viel verraten, mein verräterischer Freund. – Und nun lass mich schlafen oder zerstöre mein Schiff. – Verbindung Ende!«

Norana bewegte sich nicht mehr. Sie starrte lange Zeit den Monitor an.

»Was meint Ihr nun, Präsidentin?«, wagte Muscon zu fragen. »Foppt er? – Ich habe ein berechtigtes Interesse, mein Gehirn noch einige Zeit mit mir herumtragen zu wollen – wenn Ihr versteht, was ich meine.«

»Wohin fliegt die EUROPANIA?«

»Hannsen schaut sich verschiedene Sternensysteme an. Ein wirkliches Ziel konnten wir noch nicht erkennen. Die EUROPANIA hält sich nirgends auf.«

»Und sie fliegt auch nicht nach Z’foh?«

»Wir sind weit von Z’foh entfernt.«

Für einen Moment wandte sich Norana ab. »Ich melde mich. Ich muss mit meinen Leuten sprechen. Ende der Verbindung!«

»Vielen Dank, Präsidentin.« Muscon verbeugte sich, obwohl das Hologramm längst verschwunden war. »Ihr habt mich bestens informiert.«

Auf der Brücke befahl er dem diensthabenden Thronario, den Abstand beizubehalten und der EUROPANIA so unauffällig wie möglich zu folgen.



*



Ein dumpfer Knall war zu hören, dann vibrierte der Boden kurzzeitig. Bu ließ ein sehr tiefes Pfeifen erklingen. Er kroch zur Schleuse des Containers, der Anna und Malte seit Wochen als Wohnhaus diente.

»Was war das für eine Explosion? Was ist los, Bu?«, rief Anna und schaute hinaus.

Sogleich stand Malte neben der Schwester. »So merkwürdig hat er sich lange nicht verhalten«, flüsterte der Junge.

Bu lehnte sich an den Container, schob seinen schlanken Körper in die Höhe und ruderte mit den kurzen Vorderbeinen. Immer wieder ertönte das tiefe Pfeifen. In diesem Augenblick erklang ein lautes Krachen aus großer Entfernung, begleitet von kurzen, dumpfen Explosionen.

Hydraulische Geräusche zeugten davon, dass M.A.M.I. herbeieilte. »Was ist los, Kinder?«, fragte die Roboterfrau, deren Panzer im Sonnenlicht glänzte. »Ich nehme seismische Erschütterungen wahr. Die Umgebungstemperatur ist sprunghaft angestiegen.«

»Und Bu scheint etwas gewittert zu haben.« Anna streckte den Hals lang, konnte jedoch noch immer nichts erkennen.

Mit einer Hand kraulte Malte den Ypsinenhund zwischen den abstehenden Ohren. »Was ist los, Bu? – Schade, dass er nicht reden kann.«

Anna verdrehte die Augen. »Schade, dass du sprechen kannst. Seit wann können Tiere reden?«

M.A.M.I. trat gänzlich aus dem Container heraus. »Ich werde die Lage erkunden. Ihr bleibt hier!«

Mit offenen Mündern beobachteten die Kinder, was nun geschah. Die Roboterfrau knickte in den Knien ein, beugte sich nach vorn, fuhr die Arme deutlich aus, hob den Kopf und begann zu zischen. Staub und Blätter wirbelten auf, als sie vom Boden abhob, sich streckte und in die Höhe flog. Auch sie nutzte die Schwerkraftregulatoren, die von den Thronarios stammten.

»Ich war mir nie sicher, ob es wirklich funktioniert«, rief Malte.

Währenddessen drehte M.A.M.I. in beachtlicher Höhe ihre Kreise. Bald schon landete sie etwas ungeschickt in der Nähe des Containers, erhob sich und nahm wieder ihre normale Form an. M.A.M.I. sah die fragenden Augen der Zwillinge. Im Speichergehirn der Roboterfrau arbeitete es. Ihre Lüfter rauschten deutlich hörbar.

Ein gewaltiges Krachen erschütterte den Container, Kozabim kam herausgefahren. »Alles durcheinander! Was für eine Unordnung!«, plärrte er.

Bu versteckte sich hinter Malte.

»Was ist das, M.A.M.I.?«, versuchte Anna den Lärm durch lautes Schreien zu übertönen. »Was hast du gesehen?«

»Ich kann keine annehmbare Lösung unseres Problems finden. Wir müssen diesen kontinentalen Abschnitt Z’fohs sofort verlassen. Er ist tektonisch instabil und verkleinert sich rapide.«

Das Bersten von Stein und die Explosionen nahmen zu. Schwefeldampfwolken stiegen auf und hüllten die Umgebung des Containers in gelblichen Qualm. Dort, wo zuvor eine dichte Vegetation gewesen war, stand plötzlich eine Feuerwand.

Unruhig zappelten die Zwillinge, Malte nahm Bu auf den Arm. »Was ist los?«, brüllte Anna.

»Jo, jo. Schnell, wir müssen handeln! Kozabim! Schutzanzüge!« M.A.M.I. bewegte sich nun mit hoher Geschwindigkeit. Rasch suchte sie im Containerhaus einige Utensilien zusammen: Nahrungsrationen, Bekleidung für die Kinder und wichtige Instrumente. »Das muss reichen. Wir haben keine Zeit.«

Kozabim reichte Anna und Malte die Schutzanzüge. Der Junge setzte den Ypsinenhund auf den Boden und kroch in den Schutzanzug, der kurz darauf seinen ganzen Körper einhüllte. Anna strauchelte beim Ankleiden und wäre fast gestürzt. Malte half ihr. M.A.M.I. drückte den Kindern Tornister in die Hände, einen weiteren befestigte sie an Kozabim. Wieder machte sie sich zum Abflug bereit. »Anna, steig auf mich drauf und halte dich fest!«, zischte sie. Während das Mädchen sich auf den Rücken schwang und sich an M.A.M.I. klammerte, rief die Roboterfrau in das erneute Krachen hinein: »Alle anderen warten hier!«

Sogleich hob sie ab und schoss in die Höhe.

Malte stand zitternd neben Kozabim, der Bu in seinen Armen hielt. Kalt war es keineswegs. Im Gegenteil, die Umgebungstemperatur stieg rasch an. Bu hustete, die Dämpfe machten ihm schwer zu schaffen. Erneut krachte und polterte es. Keine einhundert Schritte entfernt bildete sich ein großer Riss im Boden, eine Scholle der Oberfläche brach weg und verschwand in der Tiefe. Lavafontänen spritzten weit hinauf, Klumpen stürzten vom Himmel und entzündeten alles Brennbare.

»Komm, Kozabim!« Malte hechtete zurück in den Container.

»Oh weh!«, brummte der Roboter. »Was geschieht hier? Ist das unser Ende?«

»Nicht doch, Kozabim«, brüllte der Junge. »M.A.M.I. wird uns retten. Ich weiß zwar nicht, wie sie dich tragen will, aber mich schafft sie bestimmt.«

»Du machst mir Mut!« Kozabims Kopfsegment drehte sich unablässig. »Was für ein Chaos. Oh, was für ein Chaos!«, plärrte er. »Ich bin für solche Extremsituationen nicht ausgelegt! Ich bin doch lediglich ein kybernetisches Objekt zur allgemeinen Betreuung interstellarer Missionen mit der Herstellungsbezeichnung 2022 K3 in der dritten Generation. Ich ...«

»Wir sind auf einer interstellaren Mission, Kozabim!«, rief Malte, der Bu in den Tornister steckte, so dass nur der Kopf des Ypsinenhundes herausschaute.

Der Krach wurde extremer, der Container vibrierte und schwankte. Durch die offene Tür sah Malte die Roboterfrau, die sich im Anflug befand und direkt vor dem Container landete.

»Ich weiß nicht, ob ich mehr Angst habe, hier zu verbrennen oder mit ihr zu fliegen!«, schrie Malte. Er drückte den Roboter und sprang hinaus. Bu pfiff aufgeregt im Tornister.

»Beeil dich! Die Zeit wird knapp.«

»Das sehe ich selbst, M.A.M.I.!« Malte kletterte sofort auf den Rücken der Roboterfrau, fühlte den Druck, der sich unter beiden aufbaute, und klammerte sich fest, so gut es nur ging. Zunächst schloss er die Augen, doch nach kurzer Zeit schlug er sie wieder auf.

Durch die Nebelschwaden musste er erkennen, dass von der kontinentalen Scholle fast nichts mehr übrig war. Die gesamte Gegend, in der sich einst die Höhle von Naoma befunden hatte, war – wie von der Lava gefressen – in der Tiefe verschwunden. Unablässig brachen an den Rändern Teile der Scholle ab, die mittlerweile klein und überschaubar geworden war. Glücklicherweise hatte sich der Standort des Containers im Zentrum der Scholle befunden, doch von oben schien es, als würde auch diese Stelle lichterloh brennen.

Bald darauf sah Malte nur noch den brodelnden Abgrund. M.A.M.I.s Geschwindigkeit war extrem hoch, allerdings musste sie etwas in die Tiefe gehen, da ansonsten die Schwerkraftabsorber versagt hätten. Bu gab keinen Ton mehr von sich.

Plötzlich erschien eine Felswand vor den Augen des Kindes. Während Malte die Augen schloss und brüllte, schoss M.A.M.I. hinauf. Es gab einen mächtigen Ruck, dann spürte der Junge Boden unter sich. Als ihm bewusst wurde, dass er auf der anderen Seite des Abgrundes gelandet war, flog M.A.M.I. bereits zurück.

Anna half dem Bruder auf, dessen Beine weich und wacklig waren. »Wir sind gerettet«, sagte das Mädchen und holte Bu aus Maltes Tornister. »Und Bu auch! – Ob M.A.M.I. Kozabim tragen kann?«

»Ich weiß nicht so recht.« Malte setzte sich ins Gras. Ihm war schwindelig. Sofort kletterte Bu auf seinen Schoß. »Doch wenn ich bedenke, dass Efzet uns beide tragen konnte und dass M.A.M.I. drei Thronarios in sich vereint, dann müsste sie es eigentlich schaffen.«



*



Tokahns Gleiter näherte sich Z’foh. Er flog getarnt und damit unsichtbar für all die anderen, die in der Nähe waren.

»Vizeregent! Wir begegnen einem Ikonischen Kampfkreuzer!«, meldete ein Thronario im Bug des Gleiters.

»Welcher ist es?«, fragte Tokahn und humpelte nach vorn.

»IKK-B13«, surrte das Thronario. »Doch seine Kennung stimmt nicht mit der Schiffsbezeichnung auf der Außenhülle überein.«

»Tatsächlich?« Tokahn schüttelte den Kopf. Den Schriftzug konnte er nun selbst entziffern: ROOKATOR. »Wer ist an Bord des Kampfkreuzers?«

»Insgesamt acht Lebewesen, Vizeregent.« Unschlüssig flog das Thronario hin und her. »Wir kommen dem Schiff bedenklich nahe. Es könnte uns trotz der Tarnung aufspüren.«

»Getarnt können wir nicht transportieren?«, fragte der alte Ikonier.

Der kleine fliegende Roboter schien eine Sekunde lang nachzudenken. »Wir könnten ein Spionagethronario über eine Luke ins All stoßen, ihn dort erfassen und dann in das fremde Schiff transportieren, Vizeregent.«

Lächelnd nickte Tokahn. »Du bist ein kluger, kleiner Kerl. Tu es sofort.«

»Wie Ihr befehligt, Vizeregent. ST1 ist im Schacht. Jetzt wird er hinauskatapultiert. Ich erfasse ST1. – Das Spionagethronario ist im Ikonischen Kampfkreuzer angekommen.«

»Folge ihm und verbinde mich mit unserem Thronario!« Stöhnend nahm Tokahn Platz. Auf dem Bildschirm blitzte ein Bild auf, das zunächst unscharf war, dann jedoch an Schärfe zunahm. Ein Raum war zu sehen. Das Spionagethronario bewegte sich durch diesen Aufenthaltsraum, hielt schließlich inne und scannte einen schlafenden Körper.

»Das ist ein menschliches Kind«, flüsterte Tokahn. »Und da ist noch eins! – Was ist das nur für ein merkwürdiges Schiff?« Er hielt kurz inne. »Das Thronario soll mir das Gesicht des größeren Kindes zeigen!«, verlangte der Ikonier und betrachtete kurz darauf das friedlich schlafende Gesicht eines Menschenjungen. »Ich kenne dieses Kind«, flüsterte der Alte. »Ich weiß nur nicht woher. Es ist schlimm, wenn man alt wird.« Er kratzte sich am Kopf. »Wie kommt ST1 nun aus diesem Raum heraus? Ich muss mehr wissen!«

»Ich transportiere ST1 über IMT in die Zentrale des Kampfkreuzers. Hoffentlich wird es nicht entdeckt«, meldete das Thronario, das neben Tokahn schwebte.

Das Bild auf dem Monitor flackerte für den Bruchteil einer Sekunde. Dann war ein anderes Gesicht zu sehen. Und dies aus nächster Nähe!

»Oh je!«, brummte das Thronario im Gleiter.

»Was das ist?«, fragte das fremde Gesicht. Eine riesige Hand näherte sich, der Monitor vor Tokahn wurde schwarz.



*



Komsomolzev hielt das Spionagethronario fest, das – gleich einem Insekt – unablässig in seiner hohlen Hand surrte. »Gefangen ich es habe!«, rief er.

»Tastet die Umgebung ab!«, zischte Fidelia dem Ikonier zu, der an der Steuerung des Kampfkreuzers hantierte. »Schnell! – Und weckt Nedal Nib und die Kinder! Irgendetwas ist in der Nähe!«

Das Wecken übernahm Aniratak, die auch Tämmler nicht vergaß. »Schnell!«, rief sie in jeden Raum.

Nedal Nib kleidete sich noch an, als er die Kommandozentrale betrat. »Was ist los?«

»Ein Eindringling!«, rief Fidelia.

»Ist die Umgebung gescannt?«

»Es sind keine Anomalien aufzuspüren!«, meldete der Ikonier.

Die Kinder und Emmanuel Tämmler kamen gähnend hinzu. Keko hängte sich an ein Bein der Mutter, Baba ließ sich in einen Sessel fallen. Er war barfüßig.

Nedal Nib zog einen Letonator aus dem Halfter und richtete ihn auf Komsomolzevs Faust. »Öffne die Hand. Es tut nicht weh!«

Der Kandare war davon nicht überzeugt. »Für dich ich hoffen es will«, flüsterte er.

Alle hielten die Luft an. Komsomolzev ließ das fremde Objekt frei, das Nedal Nib sogleich mit einem gebündelten Strahl aus dem Letonator in ein Kraftfeld bannte.

Sekunden später war das Mikrothronario in einem Analysefach eingesperrt.

»Typ ST«, flüsterte Nedal Nib. »Ein ikonisches Spionagethronario. Ziemlich neu und modern. – Jemand ist in der Nähe!«

»Jemand? Ein getarntes Schiff?«, fragte Tämmler, der sich im Sessel rekelte.

»Zweifellos.« Nedal Nib griff sich ans Kinn und dachte nach. »Schade, dass wir uns nicht tarnen können. Wenn es in unmittelbarer Nähe ist, dann gibt es aber eine Möglichkeit ... Haltet euch fest!« Der Mann stand breitbeinig vor der Steuerung und gab Befehle ein. Ein heulender Ton erklang, dann begann der gesamte Kreuzer zu rotieren. Die Triebwerke stießen große Mengen Abgase ins All, sie liefen auf Höchstleistung. Tämmler und Baba wurden aus den Sitzen gedrückt und rutschten auf dem Boden bis zur Wand der Kommandozentrale, die zu einer Zentrifuge wurde. Baba hing waagerecht am Bein der Mutter und brüllte – nicht aus Angst, sondern vor Vergnügen. Komsomolzev und Nedal Nib hielten einander fest.

Das Rotieren des Schiffes ließ schlagartig nach. Baba flog ein paar Meter durch den Raum, rollte sich jedoch geschickt ab. Einige Dinge schwebten noch umher, dann kehrte Ruhe ein.

»Scannen!«, forderte Nedal Nib. »Die Partikel, die wir durch unsere Bewegungen verwirbeln, könnten uns den Standort eines fremden Schiffes verraten!« Er betrachtete den Monitor. Dann zeigte er mit einem Finger darauf. »Hier ist es! Ein Gleiter, den Umrissen nach. Ich schieße einen kleinen Torpedo ... jetzt!«

Auf dem Monitor war eine winzige Explosion im All zu erkennen.

»Ich rufe den Gleiter in unserer Nähe. Wir haben euch entdeckt! Enttarnt euch in den nächsten zwanzig Sekunden, ansonsten vernichten wir euch!« Nedal Nib lächelte Fidelia an. »Neunzehn! Achtzehn! ...«

»Nicht schießen! Bitte!«, rief eine Stimme im Kommunikator. »Ich bin unbewaffnet! Ich enttarne mich ja bereits!«

»Sobald wir ihn sehen und erfassen können, transportiere ich den ganzen Gleiter in unseren Laderaum. Fidelia, geh runter und nimm den Riesen mit!«, befahl Nedal Nib. »Schnell!«

Fidelia und Komsomolzev verließen augenblicklich den Raum.

»Achtung, Transport erfolgt ... jetzt!«, rief der Chef der ROOKATOR. »Jungs, ihr bleibt hier!« Und schon rannte auch er aus der Kommandozentrale. Die Kinder, Aniratak und Tämmler folgten ihnen zum Laderaum. Nur der Ikonier blieb zurück und überwachte die Steuerung des austrudelnden Schiffes.



*



»Abgesandter! Eine verschlüsselte Nachricht von Universus.«

Insaidia hob den Kopf und ein Zucken durchfuhr sein Gesicht. »Status?«, fragte er.

»Die Übermittlung kommt vom Vorstand des Rates.«

»Ruhe scheint ein Fremdwort für die Menschen zu sein.« Insaidias Unwohlsein war im Ausbleiben einer Nachricht von Nedal Nib begründet. »In meinen Raum damit!«, befahl der Abgesandte und lief über einen Korridor in sein kleines Arbeitszimmer. Kaum hatte er es betreten, fuhr er ein Thronario an: »Komplette Absicherung! Sofort!«

»Euer Raum ist gesichert, Abgesandter. Soll ich jetzt die Verbindung aufbauen?«

»Was denn sonst? Selbstverständlich sollst du!« Insaidia lief unruhig hin und her.

Das holografische Abbild Noranas komplettierte sich noch, da fragte Insaidia bereits: »Was gibt es, Präsidentin? Ich habe zu tun!«

»Ich musste dich sprechen, Insaidia. Wir haben aus sicherer Quelle erfahren, dass der Synus uns töten wird, wenn der EUROPANIA oder den Zwillingen Schaden zugefügt wird.«

Sabbernd fluchte Insaidia: »Deine Worte kommen ohne Vernunft und Zusammenhang aus deinem menschlichen Mund! Es gibt keine sicheren Quellen. Die EUROPANIA ist im Ersten Distrikt, so hast du es verlauten lassen. Und wer genau soll getötet werden?«

Die Präsidentin fluchte: »Scheinbar ist heute wieder so ein Tag, an dem du nichts begreifen willst! Unser Informant ist Muscon. Ich vertraue ihm. Die EUROPANIA soll im Auftrag des Synus die Zwillinge zur Erde bringen, vorher darf sie den Distriktenübergang nicht durchqueren. Und mit ›uns‹ sind wir gemeint. Man will unsere Gehirne vernichten. Leider weiß ich nur zu gut, dass es funktioniert! Das Kind Anna war Hunderte Meter unter der Oberfläche von FV1, als es Alytas Hirn zerplatzen ließ. Prinz Sinep hat die Gehirne der Robomutanten über Distriktgrenzen hinweg gesteuert.«

Erneut sabberte Insaidia. »Den Ikoniergehirnen können sie keinen Schaden zufügen.«

»Sie haben es bisher nicht probiert!«

»Ich glaube diesem Schwachsinn nicht!« Einige Male drehte sich Insaidia um die eigene Achse und schritt schließlich auf das Hologramm zu. »Meines Erachtens könnte es sein, dass die Zwillinge längst nicht mehr leben. Und geschehen ist nichts.«

»Wie kommst du darauf, dass ...«

»Es spielt keine Rolle, wie ich darauf komme. Die AMELIANIA wäre gut beraten, das irdische Schiff ein für alle Mal zu zerstören. Du machst dich lächerlich, Präsidentin, wenn du den Informationen eines verängstigten Muscon Glauben schenkst!«

Äußerst ernst sah die Präsidentin den Abgeordneten der Ikonier an. »Ich denke, dass ich deine Meinung nicht teilen kann, Insaidia. Ich sehe eine ernste Gefahr für mein Leben. Bevor nicht all meine Bedenken ausgeräumt sind, werde ich nichts unternehmen. Und solltest du hinter meinem Rücken die Zwillinge vernichten wollen, dann betrachte ich das als einen Anschlag auf meine Existenz. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass du dir jede Rücksicht ersparst! – Norana Ende!«

Das Hologramm brach in sich zusammen und verschwand.

Mit wackelndem Kopf stand Insaidia im Raum. »Was kümmert mich das Schicksal dieser Frau«, sagte er zu sich selbst. »Einige Mitwisser weniger hat noch nie einer Mission geschadet.« Er näherte sich einer Konsole und berührte die Tasten mit seinen Tentakelfingern. Insaidia baute den Kontakt zu einem Thronario auf, das sich auf der AMELIANIA befand und das längst für seine Zwecke umprogrammiert und ihm hörig war.

Ein kurzes tonloses Gespräch folgte. Sabbernd unterbrach Insaidia die Verbindung.

Der Abgesandte Ikonias nahm einen Letonator zur Hand und richtete ihn auf das Thronario. »Du hast zu viel gesehen und gehört«, sagte er. Funken sprühten, der kleine Roboter flog eine kurze Strecke im Zickzack und krachte schließlich auf den Boden.

Nun verließ Insaidia den Raum und rief einen der Offiziere heran. »Macht meinen Katamaran fertig und unterstellt mir zwanzig Kampfthronarios!«

»Welches Ziel soll programmiert werden, Abgesandter?«, fragte der Offizier.

Insaidias Tentakel legten sich um dessen Hals. »Ich programmiere mein Ziel selbst!«, zischte er. »Ich dulde keine weiteren Fragen! – Informiere mich, wenn mein Schiff abflugbereit ist!«



*



Thomas Schmitts hatte sich zurückgezogen. Er arbeitete mit zwei weiteren Menschen von der Erde in einem Kontrollcenter der EUROPANIA.

An Schlaf dachte der korpulente Wissenschaftler schon lange nicht mehr. Immerzu sah man ihn mit einem Becher Kaffee in der Hand.

»Hier!« Er zeigte mit dem Finger auf eine Stelle des holografischen Modells der AMELIANIA. »Genau hier ist ihre Schwachstelle. Schon ein leichter Treffer würde das riesige Schiff taumeln lassen, ohne dass ihm ein existenzieller Schaden zugefügt würde. Hinter den vergleichsweise dünnen Außenbordwänden befindet sich die Zentrifuge für die künstliche Schwerkrafterzeugung. Wird sie beschädigt, wird Chaos auf der AMELIANIA herrschen. Um das Schiff zu vernichten, brauchen wir nicht den Sektor zwischen den Transportbehältern für die Halischen Gase zu beschießen, denn dort wird nur die Antimaterie gelagert. Die Kraftfelder, durch die die Antimaterie geschützt wird, werden wir hier nicht zerstören können.« Er lief auf die Gegenseite des Modells. »Aber hier! Ein leichter Treffer reicht, um die Schwerkraftgeneratoren zu zerstören. Die Antimaterie befreit sich ganz von selbst. Schon die Begegnung mit dem Halischen Gas wird genügend Energie erzeugen, um die gesamte AMELIANIA in eine Fackel zu verwandeln.« Er nickte, um das Gesagte zu bekräftigen. Anschließend betätigte er die entsprechenden Sensoren einer Tastatur, die mit dem Hauptspeicher des Computers verbunden war. »Unsere Leute in der Zielerfassung sollten sich auf diese Sektoren einstellen. – Ich rede mit Sigurd Hannsen, so dass auch er Bescheid weiß. – Was muss noch geklärt werden?«



*



Malte und Anna liefen unruhig hin und her. Sie befanden sich nahe dem Abgrund, in dem es brodelte und röchelte. Von weither war noch immer das tektonische Rumoren zu hören. Es schien, als wäre bereits sehr viel Zeit vergangen, seit M.A.M.I. davongeflogen war, um Kozabim zu retten.

»Ich glaube nicht, dass wir sie wiedersehen«, sagte Malte mit weinerlicher Stimme. »Was sollen wir nur tun, so ganz allein?«

Anna legte die Hände auf die Schultern des Jungen. »Bleib ruhig, Brüderchen. Immerhin sind wir in Sicherheit.«

Ein abartiges Heulen erklang. Bu erschrak und versteckte sich wieder im Tornister. Die Geschwister starrten sich an. Das Heulen wurde lauter, es kam vom Inneren der kontinentalen Scholle, auf der M.A.M.I. die Kinder abgeladen hatte.

»Was ...« Malte war regelrecht versteinert.

Anna hingegen ließ den Bruder los und zog ihren Letonator aus der Tasche. »Es klingt, als wären es Tiere«, flüsterte sie und lief einige Schritte vorwärts.

Malte hielt plötzlich das Plasmakatapult zwischen den Fingern. »So warte doch, Anna!«, rief er und folgte dem Mädchen.

Nebeneinander krochen die Kinder einen kleinen Hügel hinauf und blieben schließlich auf den Bäuchen liegen. Malte brachte nur ein Röcheln heraus.

»So viele sind das nicht«, flüsterte Anna. »Wir müssen still sein.«

Keine fünfzig Schritte entfernt näherten sich Hunderte merkwürdiger Tiere. Die Horde wirkte keineswegs friedlich. Lange spitze Zähne ragten aus ihren Mäulern, die Köpfe waren bullig und derb, die Tiere selbst waren schlank und groß. Sie hatten lange Beine und dunkelgraues Fell. Was Malte jedoch am meisten schockierte, war der Umstand, dass die Raubtiere sich unablässig näherten und allesamt zum Hügel starrten, auf dem die beiden Kinder lagen, deren Herzen verräterisch laut klopften.

»Es sind doch zu viele«, gab Malte endlich von sich. »Wenn sie uns einkreisen, dann ...«

»Lass uns zurück zum Krater gehen. Dann können sie wenigstens nicht von hinten kommen«, flüsterte Anna und begann, rückwärts zu kriechen.

Im selben Moment kam Bewegung in die Tierherde. Die Angreifer bildeten bereits einen Halbkreis und erhöhten das Tempo.

»Lauf!«, rief das Mädchen, erhob sich und rannte los.

Malte stürzte ihr nach, doch er stolperte und fiel auf den Boden. Schon hörte er das Zähnefletschen der wilden Tiere, ringsum heulte es ohrenbetäubend.

Anna kam zurück, half dem Jungen auf und eröffnete das Feuer auf die ersten Tiere. Rücken an Rücken standen die Kinder, sie fühlten sich vollständig eingekreist. Malte ließ die erste Plasmakugel aus dem Katapult. Mehrere der Tiere verbrannten oder wurden verletzt. Die anderen jedoch hatten sich bereits auf fünfzig Schritte genähert. Unablässig feuerten die Zwillinge und lichteten die Reihen der Angreifer. Doch immer mehr von ihnen rückten nach. Die ersten Raubtiere holten zu großen Sätzen aus und sprangen auf die Kinder zu, um mitten im Sprung getroffen zu werden.

Anna wusste nicht, ob das Heulen von Malte oder von den Tieren kam. »Du musst schneller schießen!«, schrie sie und schoss längst selbst im Dauerfeuer. Rücken an Rücken drehten sich die Kinder langsam im Kreis.

»Es werden nicht weniger!«, brüllte Malte. »Wir haben keine Chance!«