Erwachen


Jan wollte seinen rechten Arm heben. Er saß am rechten Fenster, gegen das in diesem Moment ein Zweig mit Blättern schlug. Sein Körper war wie gelähmt, nicht einmal ein Zucken war ihm möglich.
Gleißendes Licht blendete ihn. Er blickte hinab in eine kochende Wüstenlandschaft. Glühende Sanddünen zogen unendliche Linien bis zum Horizont. Schatten gab es keine in dieser Welt. Er versuchte vorsichtig seinen Kopf zu bewegen. Die Lähmung ließ nach. Rechts neben ihm hatte man einen weiteren Menschen an ein Holzkreuz genagelt.
"Andreas?"
Blut lief über Hände und Füße der Gekreuzigten. Jetzt erst spürte Jan die bestialischen Schmerzen in den eigenen Händen und Füßen.
Das Gesicht der Lehrerin tauchte auf. "Karfreitag wurde Jesus gekreuzigt", erklärten die Lippen der Frau. "Man hätte ihn auch erhängen können, doch der römische Statthalter Pontius Pilatus wollte, dass Jesus einen langen, qualvollen Tod sterben sollte." Einige der Schüler in der Klasse lachten höhnisch, obwohl die Lehrerin es nicht scherzhaft gemeint hatte.
"Hört auf zu lachen!", schrie sie. "Jemanden zu töten ist das Schlimmste, was ein Mensch tun kann! Ich hasse euch alle!"
Jans Blicke senkten sich, die Atemluft wurde knapp, er drohte zu ersticken. Unten, auf dem Boden, entdeckte er zwei sich nähernde Gestalten in grauen Gewändern. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er ihre Gesichter, erkannte Daniel und Erdem, die mit langen, kräftigen, hölzernen Latten bewaffnet waren. Damit schlugen sie auf Andreas' Beine ein, brachen sie so brachial, dass die zersplitterten Knochen die Haut durchbohrten und sie zerplatzen ließen. Andreas stöhnte nur ein einziges Mal, dann rutschte er in sich zusammen, gab keinen Ton mehr von sich, sein Atem erstarb. Er war leblos, tot.
In diesem Moment warf Daniel seinen Schlagstock weg, nahm die Kapuze vom Kopf und blickte zu Jan hinauf, der halbnackt am Kreuz hing und wie ein Schlosshund heulte.
"Deiner Lieblingsschwuchtel gönnen wir einen schnellen Tod!", rief er hinauf. "Dir Lügenzecke aber nicht! Nie hast du die Wahrheit gesagt!"
Daniels Gesicht transformierte sich mit schrecklichen Grimassen. Plötzlich schaute der sechzigjährige Arzt Peter Franken hinauf und brüllte ohrenbetäubend laut: "Schweig! - Schweig bis zu deinem Tod! Sterben wirst du - so oder so!"
"Warum nur hast du nicht die Wahrheit gesagt?", fragte die Lehrerin heulend. "Ich habe dich so sehr geliebt! Und du hast mich betrogen."
Jans Schmerzen wurden stärker, der Atem schwerer. Das eigene Körpergewicht erstickte ihn.
Vor seinen Augen wurde alles schwarz.
Todesstille herrschte.
Es war Karfreitag, der Tag des Kummers und der Trauer der Christen.

Zu Anbeginn war da lediglich dieses Rauschen. Es kam von sehr weither, von unendlich weither. Es wurde lauter, heftiger, dröhnte, als würden Millionen Pferde gleichzeitig in einigen Kilometern Entfernung unter hohlen Toren über Pflastersteinwege galoppieren. Staub stieg auf wie eine riesige Nebelwolke. Nur schemenhaft war ein teuflischer Reiter zu erkennen. Der drückte die Knie in die Seiten seines Pferdes und trug eine leuchtende Feuerkrone. Sein Pferd brach aus der Nebelwolke aus und hinterließ einen flammenden Schweif. Das Ufer eines Meeres erschien am Horizont, dessen Strand von Millionen farbenprächtiger Blumen gesäumt war. Dazwischen stand im wehenden, goldenen Gewand eine winkende und lächelnde Frau mit strahlend grünen Augen und feurigrotem Haar. Ihre Gesichtszüge waren die der Vanessa Franken. Zahlreiche nackte Mädchen entstiegen dem Wasser und begannen um die goldene Frau zu tänzeln und zu hüpfen. Sie wirkten alle sehr ähnlich, waren schlank und schön. Sie alle waren Sarah! Der brennende Reiter kam näher und näher, seine Pranken ergriffen Jan und schleiften ihn mit sich zum Strand, wo sie ihn einfach fallen ließen. Die Mädchen und die goldene Frau sprangen über den im Sand liegenden Körper des Jungen und stießen schrille Töne aus. Schließlich bildeten sie eine Gasse, durch die der brennende Reiter schritt, sich über Jan beugte und brüllte: "Bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt!"
Grelle Blitze zuckten vom Himmel herab, Donnerschläge ließen die Welt erzittern. Jan vergrub das Gesicht im glühenden Sand. Als er aufblickte, waren all die Gestalten um ihn herum verschwunden. Das Klappern der Pferdehufe ging ebenso schnell, wie es gekommen war, am Horizont der Wahrnehmung verloren. Vom Meer her näherte sich eine Flutwelle riesigen Ausmaßes. Als das Wasser über ihm zusammenschlug, nahm es ihm die Luft zum Atmen.
Bald darauf herrschte eine Stille, die stiller nicht sein konnte, wenn man durch den Weltraum schwebte.

Jan öffnete die Augen, überrascht, dass er in einem Bett lag und der zwölfjährige Lukas aus nächster Nähe in sein Gesicht blickte.
"Lukas? Ich habe erst von meiner eigenen Kreuzigung geträumt und dann vom Erlkönig", flüsterte Jan und lächelte unsicher. "Ist doch völlig verrückt, oder?"
Lukas Franken saß auf seinem Bett, hielt Jans rechte Hand mit beiden Händen fest und lächelte ebenfalls.
"Und, hast du ihn gespürt?", fragte der Zwölfjährige und beugte sich zu Jan hinunter, sodass sich beider Nasen fast berührten.
"Meinst du etwa den Tod?", hauchte Jan.
Lukas nickte. Im Lächeln erschienen seine Grübchen. "Genau. Den Tod! Hast du ihn gespürt? Mit all seiner hässlichen Kälte? Ist dir das Blut geronnen?"
Starr und ängstlich blickte Jan in die Augen des Lehrerinnensohnes. "Es war heiß. Und sie zerschlugen Andreas die Beine."
Plötzlich änderte sich die Mimik in Lukas' Gesicht. Mit den Fingerspitzen berührte er Jans Wangen. "Nicht ›sie‹", flüsterte er und hauchte in Jans linkes Ohr: "Er war es. Er. Der Erl-kö-nig!"
"Der Erlkönig?"
Lukas nahm wieder etwas Abstand ein und nickte zustimmend. "Genau. Der Erlkönig. Er war es. Er ganz allein. Hast du nicht sein Pferd gehört? Die schlagenden Hufe?"
"Sein Pferd?" Jans Augen heulten. "Ich weiß nicht, was du meinst, Lukas. Ich war an ein Kreuz genagelt."
Nun schwebte Lukas, die Arme ausgebreitet wie ein Vogel. "Lass mich in Ruhe mit deinem dummen Kreuz! Keiner will es verstehen. Er versprach doch, nur schöne Spiele zu spielen. Haben dir die Spiele gefallen? Ich glaube nicht. Nur ich wollte gegen den Erlkönig kämpfen. Du hast es nicht gewagt. Du bist der Verlierer, nicht etwa ich. Kapierst du das nicht? Willst du das nicht verstehen?" Lukas schlug auf dem Boden auf, zerplatzte in tausend winzige Bluttropfen.
Jan wollte schreien, doch kein einziger Laut drang aus seiner Kehle. Der glutrote Sonnenball näherte sich der Erde. Doch bevor die Sonne die Erde verbrennen konnte, schaltete jemand die Sonne aus.

Finsternis. Jans Blicke konnten die Dunkelheit nicht durchdringen. Lukas war verschwunden. Stattdessen näherten sich erneut die Pferde, das kreischende, schlagende und dröhnende Geräusch kam rasch auf ihn zu. Schon wollte Jan sich schützend die Fäuste vor den Kopf halten, doch es war ihm nicht möglich! Die Handgelenke waren mit Stricken an seiner Liegestatt festgezurrt.
Gegeneinanderschlagende Hufeisen tauchten über ihm auf, zuckende, grelle Blitze erhellten die Nacht. Die Pferde verwandelten sich dieses Mal in losen Sand, der auseinanderstob, verwirbelte und entgegen allen Gravitationsgesetzen nach oben wegrieselte.
Aus der sich erneut ausbreitenden Dunkelheit wurde ein schwarzer Umhang geformt, getragen von einem riesigen Körper! Dann schwebte der gesichtslose Reiter über Jan, in der Kapuze versteckte sich die Schwärze einer lieblosen Nacht. Aus den zerfetzten Ärmeln seines Umhangs schoben sich scharfe Adlerkrallen, die Jan zu packen versuchten. Eine Stimme kreischte wie die einer uralten Hexe: "Kannst mein Begehren du nicht versteh'n? Willst feiner Knabe du mit mir geh'n? Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!"
Jans Kopf schlug hin und her, den Körper selbst konnte er nicht bewegen. Die Spitzen der Krallen begannen sich in seine Augen zu bohren!
"Du bist nicht der Erlkönig! Verschwinde endlich aus meinem Leben!", brüllte der Junge. Im gleichen Augenblick drangen die Krallen tief in seinen Kopf, durchbohrten Augen und Schädel. Jan schrie wie am Spieß.

"Ganz ruhig, Jan. Alles ist gut." Jemand berührte die Stirn des Jungen, der nur zögernd die Augen öffnete. Es dauerte Minuten, bis der Fünfzehnjährige Einzelheiten seiner Umgebung erkannte.
Er selbst lag fast nackt auf einem Stahlbett, Hand- und Fußgelenke waren fixiert, machten ihn wehr- und bewegungslos.
Unmittelbar neben dem Bett saß Peter Franken und streichelte sanft den Körper des Jungen.
Der zuckte mit Armen und Beinen, doch konnte er unmöglich flüchten. "Lassen Sie mich in Ruhe!", wollte Jan brüllen, doch kein einziges Wort drang aus seiner Kehle.
"Was ist, fasst er dich an, hat Erlkönig dir ein Leids getan?" Es war die Stimme der Hexe! "Gewalt, Gewalt, Gewalt! Oh, wie böse …" Erneut wurden die liebkosenden Fingerkuppen des Doktors zu messerscharfen Krallen, schlitzten Jans Brust auf, der sein eigenes Herz schlagen und das rote, glänzende Blut spritzen sah.
Die unglaublichen Schmerzen ließen den Jungen abermals ohnmächtig werden.

"Ganz ruhig, Jan. Alles ist gut." Erneut berührte jemand die Stirn des Jungen, der wieder die Augen öffnete. Es dauerte Minuten, bis Jan seine Umgebung wahrnahm.
Er selbst lag auf einem Stahlbett, Hand- und Fußgelenke waren am Stahl fixiert, machten ihn zwar wehr- und bewegungslos, doch trug er nun seine schwarze Kleidung.
Unmittelbar neben dem Bett saß Vanessa Franken. Ihre rotblonden Haare schimmerten golden, die grünen Augen funkelten. Mit der rechten Hand wischte sie über Jans schwitzende Stirn. Auf dem Boden neben ihr lag ein schwarzer Kasten.
"Du hast geträumt", flüsterte die Lehrerin. "Wovon hast du geträumt?"
Jan starrte die Frau mit leeren Augen an. "Ich träume noch immer."
"Nein. Das tust du nicht." Vanessa Franken kniff Jan in den rechten Arm.
"Au!" Der Junge wollte den Arm bewegen, doch der war gleich zweimal am Bettgestell festgebunden. "Warum bin ich …?"
"Es waren vierundvierzig Jahre und fünf Monate, Jan. Jeder von euch war so gesichert."
Erneut schauten die scheinbar leblosen Augen des Jungen in das Gesicht der Lehrerin. "Wie meinen Sie das, vierundvierzig Jahre?"
"Kannst du dich nicht erinnern? Was ist das Letzte, an das du dich erinnerst?"
Minuten vergingen. Jan suchte in seinem Gehirn und fand nur Bruchstücke der vergangenen Träume.
"Kannst du dich an Lukas erinnern? Ich habe gehört, dass du seinen Namen gesagt hast." Die grünen Augen verschossen Blitze. "Sag bitte die Wahrheit!"
"Ein Zweig", flüsterte Jan.
"Ein Zweig?", fragte die Frau erstaunt und strich dem Jungen das Haar aus der Stirn. "Was für ein Zweig?"
"Ich erinnere mich an einen Zweig, der gegen die Autoscheibe schlug. Das ist das Letzte, an das ich mich erinnern kann." Jan erklärte sich nach einer langen Pause.
"Warum aber hast du ›Lukas‹ gesagt?"
"Es war doch nur ein verdammter Traum."
"Was ist in diesem Traum geschehen?"
"Lukas war hier. Er saß dort, wo Sie jetzt sitzen. Er sprach vom Tod und vom Erlkönig. Und ich habe ihn gesehen, den Erlkönig. Es war Ihr Vater!"
Ihre Daumen berührte Jans Lippen. "Weißt du, wo wir hier sind?" Sie fuhr mit der linken Hand unter Jans Hinterkopf und hob ihn ein wenig an.
Jan blickte um sich. Es war ein schmutziger Raum. Alles war mit Staub bedeckt. Die Lehrerin hatte eine alte Lampe dabei, wie Jan sie von den Eisenbahnern kannte. Er sah einen metallenen Ständer, zwei Meter vom Bett weggerückt, an dem ein leerer Beutel mit einem Schlauch und einer Kanüle hing. Er sah zwei Fenster, deren Glasscheiben zerstört waren, die man mit groben Brettern verschlossen hatte. Er sah einen braunen Belag. Er sah Wände, von denen sich Farbe und Tapeten lösten. Er sah fünf weitere Stahlbetten, allerdings ohne Matratzen und mit kaputten Stahlfedern, die zum Teil in Einzelstücken auf dem Boden lagen. Er sah zerstörte, schmale Holzschränke. Er sah mehrere ineinander verkeilte Hocker. Dann wanderte Jans Blick zu einem neben der Tür schief an einem Nagel hängenden Bilderrahmen. Darin befand sich ein sehr altes Bild. Auf diesem war ein kleiner Junge zu sehen, der eine blaue Jacke und ein blaues Cape trug, die Hände in den Jackentaschen vergrub, offenbar weil ihm kalt war, was daran lag, dass Winter herrschte. Im Hintergrund waren Bäume und Schnee zu sehen. Und verschiedene Tiere.
"Das Bild …"
"Ja?" Vanessa Franken schaute ebenfalls zu dem Bilderrahmen. "Der Junge darauf heißt Peter."
"Woher wissen Sie das?"
"Ich weiß es, weil das Bild ›Peter im Tierpark‹ heißt. Was ist damit?"
Jan sprach sehr langsam, als müsste er jedes seiner Worte neu erlernen. "Ich kenne das Bild."
"Woher kennst du es?" Sie schmuste unbewusst mit Jans rechter Hand.
Lange dachte der Junge nach. "Ich habe es genau so gesehen. Genau von hier. Ziemlich oft." Erneut schaute er sich im Zimmer um. "Unter den Fenstern haben Erdem und Daniel gelegen. Und dort, neben der Tür, Kevin. Lukas schlief hier", er schaute zu einem Bett an der Wand in unmittelbarer Nähe. "Und Andreas dahinter im Bett."
"Wann?"
Langsam ließ Jan seinen Blick schweifen, bis er das Gesicht seiner Lehrerin fixierte. "Es ist das Feriendomizil Schloss Timmerstein. Wir waren vor einem Jahr hier. Es war unsere Klassenfahrt."
Sie griff derb an Jans Kinn. Der Junge konnte sich unmöglich wehren. "Es war vor fast sechsundvierzig Jahren, Jan!" Ihre Stimme überschlug sich. "Du hast mehr als vierundvierzig Jahre verschlafen! Wir alle haben vierundvierzig Jahre verschlafen!" Dann schwieg sie, fuhr wieder mit dem Daumen über Jans Lippen und begann erneut, seine rechte Hand zu streicheln.
Etliche Minuten vergingen.
"Ich glaube Ihnen nicht, Frau Franken." Jans Stimme zerschlug die Ruhe.
"Du musst es nicht glauben. Du musst es lediglich begreifen, Jan. Nichts ist mehr, wie es war. - Du sagtest, Lukas war hier. Du sagtest, er saß dort, wo ich jetzt sitze. Und du sagtest, er sprach vom Tod und vom Erlkönig. Was ist noch in deinem Traum geschehen?"
"Ich erinnere mich nicht", log der Jugendliche. Das Gesicht von Peter Franken, dem Vater seiner Lehrerin, blitzte auf und verschwand sofort wieder.
Die Lehrerin lächelte. "Mein Lukas liegt im Nebenzimmer. Er ist noch im Zustand der Dämmerung. Ich habe ihn aber bereits vom PT-1-Tropf getrennt. Er wird bald aufwachen."
Jan stierte noch immer auf das Porträt dieses Jungen Peter, der plötzlich Lukas' Gesicht hatte. "Sie sind irre, Frau Franken. Nicht wahr?", flüsterte er.
Ein Kichern entfuhr Vanessa Franken. "Irre? Warum sollte ich irre sein?"
"Sie sind völlig irre. Sie reden sich ein, Lukas würde im Nebenzimmer liegen. Sie wissen genau, dass er dort nicht sein kann. Sie wollen mir erklären, ich hätte vierundvierzig Jahre lang geschlafen. Das ist Schwachsinn. Von wegen PT-1 und Hyposen-Sonstwas. Ihr Vater hat uns ein Schlafmittel verabreicht. Dann haben Sie uns hierhergebracht. So ist es doch?"
Das Kichern der Lehrerin erstarb. "Erstens: Selbstverständlich mussten wir euch in einen Traumzustand versetzen, sonst hättet ihr den Tiefschlaf niemals überstanden. Zweitens: Wenn du etwas über Lukas weißt, dann solltest du dein Wissen mit mir teilen. Und drittens: Schau dich um. Erinnerst du dich, wie es hier aussah? Damals während der Klassenfahrt? Schaut es jetzt so aus, als wäre im Feriendomizil Schloss Timmerstein ein Jahr vergangen, oder können es auch, um genau zu sein, vierundvierzig Jahre gewesen sein?"
Verunsichert wanderten Jans Blicke durch den Raum. Er schwieg.
Währenddessen griff seine Lehrerin zum Boden und hob den schwarzen Kasten auf. "Weißt du, was das hier ist?"
Jan schüttelte den Kopf.
"Bestimmt hast du im Physikunterricht geschlafen, als das dran war. Das ist ein Geigerzähler. Seine beiden Batterien waren eingeschweißt und haben noch etwas Energie. Mit ihm kann ich die Stärke der Alpha-, Beta- und Gammastrahlung messen. Ich habe ihn vom Institut für Strahlenschutz für die Schule ausgeliehen." Erneut kicherte sie. "Zurückgeben muss ich ihn wohl nicht mehr. Der Geigerzähler zeigt im Messbetrieb alle zwei Sekunden den aktuellen Strahlungswert sowie den Durchschnittswert der vergangenen Messungen in Millisievert pro Stunde an. Schau her!" Sie hielt Jan das Display vor die Augen. "Hier drinnen liegen wir bei fünfzehn Mikrosievert pro Stunde. Der Wert ist ziemlich gleichbleibend. Nach unseren Gesetzen - ich meine die von vor vierundvierzig Jahren - müssten alle Menschen aus dem betroffenen Gebiet umgesiedelt werden. Die absolute Höchstgrenze lag damals bei zehn Mikrosievert." Ihr Finger berührte mehrere Tasten. "Hier, schau dir das an. Die Messung habe ich außerhalb des Gebäudes gemacht. Was steht da?"
"Zweihundertsiebzehn?"
Sie drückte dem Jungen das Display gegen die Nase und erhob ihre Stimme. "Zweihundertsiebzehn Millisievert pro Jahr! Die höchste zulässige Jahresdosis für einen Menschen war in Deutschland auf zwanzig Millisievert begrenzt! Hast du eine Ahnung, was das bedeutet? Ein paar Tage da draußen - und wir sind alle tot!" Sie schaltete das Gerät ab und legte es auf den Boden zurück. "Damit niemand das Gebäude verlässt, bleibt ihr angebunden. Mein Vater hat uns genügend Büchsennahrung und Wasser dagelassen. Das Zeug ist alt, aber genießbar. Ich muss mich jetzt um die anderen kümmern."
"Sie können mir sonst was erzählen", fluchte Jan. "Wir sind alles Gewohnheitstiere. Wir werden uns auch daran gewöhnen."
Mit dem Geigerzähler verschwand auch die Lehrerin.
Jans Atem wurde heftiger. Er keuchte. Dann entfuhr ihm ein Brüllen.
Schließlich weinte der Junge wie ein kleines Kind.

*

Vanessa Frankens Brust bebte. Ihr Gemütszustand schwankte zwischen Zufriedenheit, weil ihr Experiment in Fahrt kam, und Angst, dass sie ihren Jugendlichen womöglich erheblichen seelischen Schaden zufügte.
Sie betrat den Raum, den sie zu ihrem Aufenthaltsraum erkoren hatte, ließ die Tür angelehnt und stellte die Funzel auf einen wackligen Tisch. Dann setzte sie sich auf das quietschende Bett. Auf den verrosteten und zum Teil losen Stahlfedern lag eine Matratze, auf die sie sich unter normalen Umständen niemals gelegt hätte.
Die Lehrerin erhob sich wieder, öffnete nach und nach jeden der Sperrholzschränke, so deren Türen noch intakt und nicht von Vandalen zertreten waren. In einem der Schränke lag zusammengeknüllt eine alte Decke, auf deren dunklem Grau in Schwarz der Schriftzug "Nationale Volksarmee" aufgedruckt oder gar eingewebt war. Sie schüttelte die Decke kräftig aus und legte sie über die Matratze. Behutsam zog sie die Decke glatt und lauschte in die Dunkelheit des Gebäudes.
Minutenlang sinnierte sie, sah Kinder durch den Flur des Feriendomizils Schloss Timmerstein rennen, lachend und jauchzend, einige mit Tischtennisschlägern in den Händen, manch Mädchen und Junge Hand in Hand. Sie beobachtete Jan, der eines der Mädchen sanft gegen eine Tür drückte und mit spitzen Lippen und ungekonnt dessen Gesicht küsste. Ein Hauch von Eifersucht stieg in ihr auf, denn Sarah, das Mädchen, zu dem Jan gerade eine sanfte Beziehung aufgebaut hatte, war viel jünger als sie. Nein, die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen. Und für die beiden Jugendlichen war sie unsichtbar. Erdem kam vorbeigeschlendert, grinsend und gut gelaunt. Sie sah die Umrisse einer Zigarettenschachtel in seiner Hosentasche, sagte jedoch kein Wort. Immerhin war Erdem erst vierzehn. Sollten die Kinder doch ihre Klassenfahrt genießen, jedes auf seine Weise. Bald würde es vorüber sein mit der jugendlichen Unbeschwertheit, mit der Suche nach neuen Empfindungen, Erfahrungen und Erkenntnissen. Der Alltag der Erwachsenen war durchsetzt von monotonen Wiederholungen eines vorgeschriebenen Tagesablaufs. Gesellschaftlich erzwungener Erfolg stand weit über dem Spaß, den das Lebens ebenfalls bieten konnte.
Die Traumgedanken der Lehrerin verloren sich in der Dunkelheit. Es herrschte Totenstille. Außer Jan schienen alle anderen noch zu schlafen.
Vanessa Franken griff nach der Funzel, stellte sie auf den Fußboden und setzte sich erneut auf das Bett. Sie langte in ihre Hosentasche und nahm die Zettel zur Hand, die ihr Jan unmittelbar vor dem Experiment überlassen hatte. Unschlüssig faltete sie die Zettel auseinander - ihr Format war DIN A5. In der jeweils oberen linken Ecke stand ein Stichwort, darunter mit Bleistift geschriebene Zeilen. Einer der Zettel war bis auf das Stichwort leer. Mehrmals drehte Vanessa Franken diesen Zettel um, als hoffte sie, er würde sich mit Jans Handschrift füllen. Das Stichwort bestand lediglich aus zwei Buchstaben: "LF". Sie steckte diesen Zettel zurück in die Hosentasche und betrachtete einen der anderen näher. Sein Stichwort lautete "Liebe".

Einmal fragte mich Andreas, was ich vom Liebemachen hielt. Diese Frage ließ mich intensiv über den Begriff "Liebe" nachdenken und recherchieren. Im Zuge dessen stellte ich fest, dass "Liebe" und "Liebe machen" zwei sehr unterschiedliche und doch zusammengehörige Dinge sind. "Liebe machen" heißt ganz kurz ausgedrückt "ficken", es sozusagen mit jemandem, den man liebt, zu treiben. Sexuell. Andererseits kann man auch ohne Liebe Liebe machen - absurd. Das nennt man "Vergewaltigung" oder es ist bezahlter Sex im Puff oder sonst wo mit Prostituierten. Prostituierte sind Menschen, die ihren Körper für Geld verkaufen, und andere machen dann mit diesem Körper, was sie wollen. In der Antike galten Sklaven zum Beispiel als Gegenstände ihrer Besitzer, die mit ihnen, egal wie alt sie waren, tun und lassen konnten, was sie wollten. Wenn die mit denen Liebe machten, dann bezweifle ich, dass tatsächlich Liebe im Spiel war. Den Begriff "Liebe" selbst würde ich mit "Hinneigung und Achtung gegenüber einem anderen Menschen, einem Gegenstand oder einem Zustand" übersetzen. Manche Männer lieben ihr Auto. Trotzdem würden sie damit wahrscheinlich keine Liebe machen, höchstens darin, und zwar auf der Rückbank. Andreas hat mir mal ein Dessous gezeigt, das fast durchsichtig und rosa war, sodass ich glatt hindurchsehen konnte. "Dessous" heißt so viel wie "Reizwäsche". Er sagte, er würde dieses Teil lieben. Daraufhin sagte ich, dass ihn viele Kerle lieben würden, wenn er das Teil anhätte, mich hingegen würde es nicht sonderlich reizen, es wirke einfach nur vulgär auf mich. "Vulgär" bedeutet "gewöhnlich" oder sogar "abstoßend". Das machte ihn traurig. Außer solchen Dingen kann man aber auch gewisse Zustände lieben. Kein Mensch treibt es mit seinem Vaterland, dem Frieden oder mit der Heimat. Trotzdem redet man von Liebe, wenn die Leute gern dort sind oder in Frieden leben können. Wichtig jedoch ist die Liebe zwischen den Menschen, die man auch "Partnerschaft" nennt. Ich denke, dass Freundschaft und Anerkennung Grundvoraussetzungen für Liebe sind. Insofern liebe ich Andreas auf gewisse Art und Weise. Es ist jedoch keineswegs eine sexuelle Zuneigung, wenigstens von meiner Seite aus. Bei meiner Lehrerin ist es wohl genau andersherum, wobei ich mir nicht sicher bin. Ehrlich gesagt bilde ich mir ein, dass ich sie liebe. Neben Freundschaft und Anerkennung taucht da noch ein dritter Punkt auf, den ich "Begehren" nennen will. Das ist eine Sache, die die Evolution jedem Tier mitgegeben hat. Auch da gibt es sehr verschiedene Arten des Begehrens. Manch ein Mensch verwechselt "Begehren" mit "Besitzen", was dann absolut nichts mehr mit Liebe zu tun hat. Ich hatte bereits mit einer solchen Person zu tun. Leider. Soll "Begehren" etwas mit Liebe zu tun haben, dann müssen "Achtung" und "Bewunderung" zu "Anerkennung" werden und in den Vordergrund rücken. Bei Sarah bin ich mir nie sicher gewesen, ob ich sie tatsächlich "begehre" oder ob ich manchmal über ein "Nehmen" nachdenke. Ich vermute, dass Sarah vor allem eine gute zwischenmenschliche Beziehung zwischen sich und mir aufbauen will. Zu welchem Zweck, konnte ich noch nicht herausfinden. Sollte sie mich doch begehren, dann wäre das auch keine unmittelbare Liebe, sondern, der Definition nach, eine "Verliebtheit".
Es gibt noch eine weitere Liebe, die nichts mit Begehren zu tun hat, die jedoch zwischen Menschen existiert. Das ist eine Art der Liebe, die ich nur vom Hörensagen kenne. Damit meine ich die Familienliebe. Die gab es in meiner Familie lediglich zwischen Opi Wanke-Nobi und mir. Und manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass es genau diese Liebe ist, die Frau Franken für mich empfindet. Eine Art der Liebe zu einem adoptierten Kind, das sie nie adoptiert hat. Dennoch könnte eine solche Liebe zu einem späteren Zeitpunkt in körperliches Begehren umschlagen. Ich hätte wahrscheinlich nichts dagegen.

Vanessa Franken ließ sich rücklings auf das Bett fallen und lachte. "Genau das ist es! Du hast mich durchschaut, Jan, obwohl du längst bemerkt haben müsstest, dass ich dich adoptiert habe."
Ganz plötzlich hielt sie inne, verstaute die Zettel wie einen Schatz in ihrer Hosentasche, eilte zur Tür und lauschte hinaus auf den Flur. Sarah! Das Mädchen hustete und röchelte.

*

Als Sarah Tschorn erwachte, hob sie den Kopf ein wenig an und übergab sich auf die eigene Brust. In ihrem Röcheln und Spucken rang sie nach Luft und begann zu heulen wie eine Furie. Man hatte sie am Bett festgebunden, die Fenster waren vernagelt und ließen kein Licht in den Raum. Vielleicht war draußen auch Nacht? Neben sich nahm sie den metallenen Ständer wahr.
Ihre Gedanken versuchten den Moment des Einschlafens zu begreifen. Sie sah das Medikament, das Dr. Franken ihr gegeben hatte. Und sie roch es.
Es stank.
"Hallo?", fragte sie leise, um sogleich zu brüllen: "Ist da jemand?"
Ihr Erbrochenes stank.
Sie lauschte. Schritte näherten sich. Die Tür wurde geöffnet und knirschte dabei, als befände sich Sarah in einem Horrorfilm.
"He, Mädchen! Alles ist gut!", sagte die vertraute Stimme der Lehrerin.
Eine Lampe flackerte. Vanessa Franken stand ganz plötzlich neben Sarahs Bett. Sie hielt eine alte Petroleumlampe hoch.
"Du hast dich übergeben? Das ist völlig normal, wenn man vierundvierzig Jahre lang nicht bei Bewusstsein war. Ich komme gleich und mach das weg."
"Gehen Sie nicht!", flehte das Mädchen. "Machen Sie mich los. Bitte."
"Nein, Sarah. Das werde ich nicht tun." Vanessa Franken verschwand.
Minuten später tauchte sie wieder auf, brachte neben der Lampe eine Schüssel mit Wasser, einen Lappen und ein Handtuch mit. Sie stellte erst die Funzel auf den Boden, dann die Schüssel.
"Nicht verstrahltes Wasser ist knapp", sprach sie. Sie säuberte Sarahs Jacke, knöpfte sie auf und kontrollierte, ob die Bluse auch in Mitleidenschaft gezogen worden war. Doch die war nur feucht. "Es muss etwas Schlimmes geschehen sein, während wir vierundvierzig Jahre lang geschlafen haben."
Sarahs Blick folgte den Handgriffen der Lehrerin. "Vierundvierzig Jahre? Was ist passiert? Warum bin ich angebunden?"
"Draußen ist alles radioaktiv kontaminiert. Verstrahlt. Es gab wahrscheinlich einen Atomkrieg. Ihr bleibt noch angebunden, bis ich sicher sein kann, dass ihr das Gebäude nicht verlasst."
"Sie können mir vertrauen. Das wissen Sie doch."
"Eben." Drei Sekunden lang hielt die Lehrerin inne, dann reinigte sie Sarah weiter. "Besser so?", fragte sie, nachdem sie das Mädchen mit derben Griffen abgetrocknet, Bluse und Jacke wieder zurechtgerückt hatte.
"Warum vertrauen Sie mir nicht? Wo sind wir hier überhaupt?"
"Erkennst du es nicht? Du hast schon einmal hier geschlafen. Vor vielen Jahren. Erinnerst du dich?"
"Ich war noch nie hier."
"Das war mal das Feriendomizil Schloss Timmerstein."
"Unsere Klassenfahrt? Waren wir hier? Es sah doch aber ganz anders aus. Damals."
"Vierundvierzig Jahre sind eine lange Zeit, Sarah." Vanessa Franken hielt die Petroleumlampe hoch. "Das ist sogar das Zimmer, in dem du damals geschlafen hast. Wenn du nicht gerade heimlich rauchen warst."
Sarah zögerte kurz. "Sie wissen davon?"
"Ich wäre eine schlechte Lehrerin, hätte ich das nicht mitbekommen. Das Rauchen, deine Umtrünke mit Daniel und deine Schmusestunden mit Jan."
"Sie haben aber nie gemeckert."
"Warum sollte ich? Auch ich war mal jung." Ein flüchtiges Lächeln erschien im Gesicht der Frau. "Kaum zu glauben, oder? Ich hatte nur Angst, ihr könntet einen Fehler machen. Jan und du." Sie strich dem Mädchen die Haare aus dem Gesicht. "Manchmal war ich sogar neidisch auf euch."
"Sie? - Es war eine schreckliche Klassenfahrt", sagte Sarah plötzlich.
"Warum?"
"Sie wissen schon."
Einige Momente starrte Vanessa Franken das Mädchen hypnotisierend an. Eine gespenstische Ruhe herrschte, die von einem dumpfen Poltern und einem gequälten Schrei unterbrochen wurde.
"Andreas ist aufgewacht." Noch einmal streichelte die Lehrerin das Haar des Mädchens. "Alles wird gut. Du wirst sehen, Kind."

*