[...]
Behindertenwerkstatt, 16:00 Uhr. Behinderte Erwachsene werden von zwei Pflegern zu einem Bus geführt, der sie zurück nach Rösen bringt, so wie es der Bus an jedem Werktag tut. Es ist sehr windig. Die Pfleger helfen den Arbeitern in den Bus, der sich bald in Bewegung setzt.

Die Wachhabenden öffneten das Tor bereits, als der Bus um die Ecke bog und winkten dem Fahrer freundlich zu. Direkt hinter dem Bus fuhr ein alter XM, gesteuert von einem jungen Mann. Dieser Mann hatte kurzen Blickkontakt mit einem der Fahrgäste des Busses. Der Wachhabende forderte den Fahrer auf anzuhalten, was dieser sofort tat.
Heiko Brühl schnallte sich ab und stieg aus. "Hallo, allerseits." Er reichte dem Wachhabenden die Hand.
"Ach, du bist es Heiko. Was suchst du denn schon wieder hier?"
"Stress, wie immer. Ich muss nächste Woche meine Abschlussarbeit abgeben. Und mir fehlen immer noch ein paar Untersuchungsergebnisse. Ist Runge noch da?"
"Ja, ja! Der Herr Doktor ist stinkig. Sein Praktikant ist doch verschwunden."
"Die Welt ist ein Dorf!", rief Brühl und stieg wieder ein. Hinter ihm stand ein Krankenwagen der Samariter, der ebenfalls das Gelände befahren wollte. "Ich hab's in der Zeitung gelesen. Hoffentlich ist nichts passiert."
Heiko Brühl lenkte das Fahrzeug auf einen der Personalparkplätze, klingelte an der Pforte und wurde eingelassen. Er beeilte sich, hinauf zum Stationsarzt zu kommen.
"Tschuldigung, Dr. Runge, dass ich so reinplatze! Ich weiß, Sie haben keine Zeit. Aber ich stehe unter Druck. Ich muss meine Abschlussarbeit abgeben. Und ..."
"Wo die Schlüssel sind, weißt du. Zieh dir aber die vorgeschriebene Kleidung an." Ohne aufzusehen, mitteilte sich der Stationsarzt.
Brühl nahm die 208 vom Haken, eilte in den Umkleideraum und zog sich einen Kittel über.
An die Tür 208 klopfte er dreimal an, dann öffnete er das Schloss und trat ein.
"Es ist besser, wenn sie dich nicht in diesem meinem Zimmer sehen", flüsterte Sommer, der am Waschbecken stand und sich die Hände gründlich wusch.
"Wenn sie ihn ..."
Der Patient drehte sich ruckartig um. In seinen Augen waren Tränen. "Ich kann es mir nicht verzeihen. Ich hätte es nicht tun sollen. Er ist erst siebzehn. Niemand weiß, was geschehen ist."
"Ich werde hingehen", erklärte Brühl.
"Das wirst du nicht tun!", forderte Sommer laut. Zu laut. In diesem Moment klapperte es an der Tür.
Heiko Brühl öffnete eilig die Tasche, zerrte einen Hefter heraus, schlug ihn auf, nahm auf dem einzigen Stuhl im Raum platz und zog hektisch einen Kugelschreiber aus der Jackeninnentasche.
Sommer setzte sich, zum Waschbecken blickend auf die Bettkante, hob die Arme hoch und wippte gleichmäßig mit dem Oberkörper. Dabei sprach er laut im Rhythmus der Bewegung: "Sehnsuchtsvoll hinauf gerichtet ein letzter Augenblick! Schmerzvoll leidend sieht es schwarze Wolken vernebelndes Tageslicht ..." Die Tür öffnete sich. Ein älterer Pfleger trat ein.
"Geht das auch ein bisschen leiser?", forderte er, ohne Sommer anzusehen.
Brühl legte einen Finger über die Lippen und machte sich Notizen.
Lutz Sommer schrie aus voller Lunge: "Ha! - ein Kind! Gottlob nur ein Kind! Dem Sandkorn gleich geschmolzen und lautlos fragend: warum mir? Enteilt der Horizont einer Zukunft. Rot der verbrannte Granit, bitter das Blut von den Lippen tropft und aus dem Herzen schießt - entblößt - aus der Lunge auch ... Erschreckend das Kind aus dem Säbelrasseln entmenschlichter Horden die Antwort hörend: den Handschuh geworfen! Auf ins Duell! Gegen Leiber gebärender Frauen! Gegen spielende Wänste! Auf sie mit Gebrüll! Uns das Land! Wie auch immer! Macht keine Gefangenen!" Sommer ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Flüsternd, dabei mit den Armen rudernd beendete er die Rede: "Erlkönig Gott hingegen blickt hinab und haucht angesichts der leblosen Kinder heimtückische Worte: L'humanité vit toujours!" Der Patient kicherte ungehalten, hob den Oberkörper wieder an, saß jetzt mit geradem Rücken auf dem Bett, sah dem älteren Pfleger in die Augen, streckte ihm beide Fäuste entgegen und rief: "Sehend ist das im verheerenden Hagel flehende Kind! Die Macht aber ist blind!"
"Der spinnt ja total", gab der Pfleger sogleich von sich.
Sommer wippt gleichmäßig, schien die Worte nicht zu hören.
Brühl klappte den Hefter zu und lächelte den Kollegen an. "Nö, du! Ich find das faszinierend."
"Was soll an dem Gequatsche faszinierend sein?" Der Pfleger nahm die Mülltüte aus dem Nachtschrank und legte eine neue hinein.
"Wahrscheinlich hat er im Radio der Behindertenwerkstatt davon gehört, dass deutsche Soldaten zwei Kinder und ihre Mutter in Afghanistan erschossen haben. Wie es heißt, versehentlich. Jetzt verarbeitet er die Nachricht in einem Gedicht."
"Ein Gedicht soll das gewesen sein? Und all das hast du aus seinen Worten rausgehört?"
"Ja. Das habe ich. Immerhin, andere sagen gar nichts dazu." Absichtlich laut übertont verabschiedete sich Brühl von Sommer: "Ich geh dann mal wieder. Damit ich meine Arbeit beenden kann. Auf Wiedersehen Herr Sommer."

Steinbachstraße 17. Zweites Stockwerk. Zwei Kripobeamte eilen hinauf. Das Treppenhauslicht in der ersten Etage flackert. Die Stufen knarren und knirschen. Ein Beamter drückt lange den Klingelknopf, Der andere sichert. Verdeckte Waffen.

Eine fünfzigjährige Erscheinung öffnete die Tür. Sie war korpulent, trug jede Menge Lockenwickler und pinkfarbene Kittelschürze. In der Hand hielt sie eine Zigarette, und diese ausgerechnet dem ambitionierten Nichtraucher Hinrich direkt vor die Nase. "Was ist? Seid ihr Kunden?"
"Ja, genau! Wir sind Kunden", antwortete Hinrich sogleich.
Die Frau verdrehte die Augen ein wenig. "Die Jungs sind unten, im Keller."
"Danke. Wir finden uns zurecht", sagte Hinrich und schob Engler die Treppe hinunter, während die Dame ihnen einen Schwung Qualm nachschickte und dann geräuschvoll die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ.
"Kunden ...", flüsterte Hinrich. Unten, im dunklen feuchten Kellergang des Mehrfamilienhauses, zog er die Waffe heraus und öffnete eine erste Tür.
Beide standen in einem Vorraum, von dem es in die verschiedenen Keller führte. Unter einer der Türen drang Licht hervor. Gedämpfte Stimmen waren zu hören.
Eine Kopfbewegung von Hinrich reichte aus. Engler stellte sich an die Tür, Hinrich hielt die Waffe im Anschlag und entsicherte. Noch ein Nicken folgte. Der Assistent riss die Tür auf und ging in Deckung. Hinrich stand, mit vorgehaltener Waffe, einen Schritt im Kellerraum und nahm die Situation auf.
Vor ihm knieten drei junge Menschen. Auf dem Boden und in mehreren alten Holzregalen standen unzählige Navigationsgeräte und Autoradios.
"Hände hoch und keine falsche Bewegung! Aufstehen, los! Aber dalli!", rief Hinrich und blickte in zwei ängstliche und in ein stures Gesicht. Alle drei Jungs waren schlank und blond. Der Jüngste etwa zehn, der Älteste zwanzig, der Dritte in der Mitte. Der Kleinste streckte die Arme am höchsten, seine Jeans färbte sich im Schritt dunkelblau.
Engler betrat die Runde. Er durchsuchte die drei nach Waffen, fand aber nichts. "Gib den lieber her", sagte er, und nahm Lars Metzner einen Schraubenzieher aus der Hand. "Warum habt ihr das getan?", fragte Engler plötzlich und hielt das Kinn des Fünfzehnjährigen in der Hand.
"Lassen Sie meinen Bruder in Ruhe!", forderte der Große. "Das ist mein Geschäft. Ich hab die beiden da mit reingezogen. Wir leben davon. Wenn Sie unbedingt wollen, dann sperren Sie mich ein!" Er zog den Kleinsten an sich heran, als wollte er ihn vor Hinrichs Hand schützen.
"Ich meine nicht das geklaute Zeug! Verflucht noch mal! Stellt euch nicht blöder, als ihr seid! Ich rede von Sebastian, den ihr heute Nachmittag kaltblütig ermorden wolltet!"
Dem Zehnjährigen lief Urin über die Turnschuhe auf den Fußboden. Sein Bruder Lars wurde aschfahl im Gesicht. "Was sagen Sie?"
Hinrich ließ die Waffe sinken und sicherte. Mit einer Hand wischte er etliche Kleinteile von einer niedrigen Holzbank und schob sie mit dem Fuß zu den Brüdern. "Setzt euch!" Augenblicklich saßen die drei. Hinrich drängte Engler ein wenig zurück. "Wie macht ihr das mit dem Klauen?"
"Martin hat mit Autoradios angefangen. Als er vierzehn war, musste ich ran." Lars Metzner blickte zu seinem kleinen Bruder. "Und seit ich vierzehn bin ..."
" ... schickt ihr Rotznasen den Kleinen vor! Mein Gott. Was finanziert ihr damit? Ihr müsst doch Tausende verdienen!"
"Drei", flüsterte der Kleinste.
"Wie heißt du?"
"Domink Metzner."
"Was meinst du mit drei ?"
Martin, der große Bruder mischte sich ein. "Das ist heiße Ware. Wir bekommen drei Euro für die einfachen, manchmal zehn für die guten Geräte. Und das reicht, damit wir uns Essen und ein paar Klamotten besorgen können."
"Und eure Mutter?"
"Fragen Sie mal Peter Hartz. Der ihr Geld reicht für die Kippen. Und nicht mal für den Alkohol."
"Was habt ihr heute, um 15:20 Uhr getan?", fragte Hinrich mit barscher Stimme.
Der ältere der drei Brüder überlegte einen Moment lang. Dann flüsterte er: "Wir waren auf Tour."
"So, so. Auf Tour. Alle drei? Und wo?"
"Wir gehen immer zu dritt. Wegen der Rumänen."
"Rumänen? Welche Rumänen? Und wo wart ihr heute? Welche Teile habt ihr heute ausgebaut?"
Martin schluckte. Lars zeigte auf zwei Navigationsgeräte. "Den weißen Opel Astra mussten wir nicht mal aufbrechen. Die Beifahrerscheibe war unten und das Navi ist nichts wert. Das andre ist aus einer S-Klasse. S420. CDI Limousine. Geile Kiste, die mit langem Radabstand. Schwarz lackiert. Aus München. Beide standen zwischen Gottsched- und Zentralstraße."
"Geile Kiste. Wenn ich das schon höre." Hinrich holte das Handy aus der Tasche. "Ihr bleibt sitzen!" Nach der Wahl fragte er: "Ja, hier KOK Hinrich. Guten Abend. Eine Frage, Entschuldigung, dass ich beim Abendessen störe. Gab es heute Anzeigen zu gestohlenen Navigationsgeräten? Vier? Oh, sind die aber fleißig. Wo und wann? - Ja, die in der Gottschedstraße, was waren das für Fahrzeuge? - Schwarzer S420, ja verstanden. Schaden dreitausendachthundert Euro! Weißer Opel Astra, Schaden sechzig Euro! Uhrzeit? Zwischen 15 und 15:45 Uhr. Alles klar, danke, Herr Kollege. Guten Appetit noch." Hinrich packte das Handy weg. "Seid ihr denn wahnsinnig!", schrie er plötzlich. "Viertausend Euro Schaden habt ihr angerichtet! Für dreizehn Euro Profit! Ihr seid ja bekloppt! Ihr seid doch so was von bekloppt!" Er stieß den großen der drei Brüder an. "Warum versuchst du es nicht mal mit Arbeiten? Was hast du gelernt?"
"Kfz-Mechaniker. Die Bude ist pleite. Schon lange. Nach dreihundert Bewerbungen habe ich aufgehört. Ist schade um die Briefmarken. Und die Stadt verlass ich nicht, wegen den zweien hier."
Hinrich trommelte mit den Fingern auf die Werkbank. "Und was machen wir mit denen jetzt?", fragte er Engler. "Ein tolles Alibi haben die ja."
Engler ging wieder auf Lars Metzner zu, der ängstlich zusammenzuckte. "Wer sagt denn eigentlich, dass der dabei war? Hast du wieder ein Messer? Warum hast du das Messer mit in der Schule gehabt? Du bist fünfzehn, dich können wir verknacken!"
Hinrich drehte sich um. "Lass sie uns jetzt einfach erschießen und dann gehen wir."
Lars wurde noch blasser, während Dominik von der Bank rutschte und zu weinen anfing.
"Die Rumänenbande wollte uns beseitigen! Weil wir in ihrem Revier gewildert haben. Die haben richtige Waffen! Und er hatte nur das Messer!", schrie Martin und half seinem kleinen Bruder hoch.
"Wisst ihr denn, wer das ist, diese Rumänenbande?" Hinrichs Fingerkuppen klopften wieder auf der Werkbank.
"Die haben mich mal geschnappt. Und verprügelt", sagte der größte der Brüder, deutlich leiser. "Ich kenne ihr Versteck. Es sind mehr als zehn Typen, und die meisten sind Ausländer."
Stille kehrte ein. Nur hin und wieder war Dominiks Schluchzen zu hören.
Hinrich griff sich ans Kinn, nach einer Lösung suchend. Dann kauerte er sich vor die Jungs, der kleinste saß mit nasser Hose auf dem Schoß des Bruders und popelte aufgeregt. Der Kriminaloberkommissar nahm ihm die Hand aus dem Gesicht. "Pfui, das macht man nicht. Hör' zu: Das mit dem Erschießen war ein dummer Spaß von mir. Okay? Das würden wir nie tun. Wir sind nämlich die Guten." Er fuhr dem Jungen durch die strubbligen Haare. "Manchmal sage ich das, um solche Gören, wie ihr es seid, einzuschüchtern." Er erhob sich wieder, kratzte sich erneut am Kinn. "Was scheinbar gelungen ist. Ich schlage euch einen Deal vor. Ich kann euch aber versichern, so ein Angebot bekommt ihr nur einmal im Leben. Martin, was ist, verhandeln wir?"
Dem großen Bruder fuhr eine gewisse Erleichterung ins Gesicht. "Ja. Bitte. Wenn ich nur nicht ins Gefängnis muss."
"Das kann ich auf keinen Fall garantieren." Hinrich wandte sich an Engler. "Bring die beiden hoch. Es riecht unangenehm." Dann ergriff er blitzschnell mit beiden Händen jeweils das Kinn von Dominik und Lars. "Aber vorher sage ich euch noch was: Nie wieder, wirklich nie wieder, werdet ihr irgendein Auto aufbrechen! Nie wieder werdet ihr etwas nehmen, was nicht euch gehört. Auch bei uns gibt es Kollegen, die auf flüchtende Diebe schießen. Egal, wie groß oder klein die sind. Und ich habe absolut keine Lust, irgendwann eure zerschossenen Körper zu sehen, irgendwann davon zu hören, dass man eure Leichen obduziert und auseinander schneidet. Habt ihr das alle drei verstanden?"
Lars und Dominik nickten gleichzeitig. Hinrich machte eine seiner typischen Kopfbewegungen, dann brachte Engler die beiden kleineren Jungs hinauf.
Der Kriminaloberkommissar setzte sich auf die Bank neben Martin Metzner. "Du bist nicht auf den Kopf gefallen. Du machst mir im Grunde genommen einen ganz sympathischen Eindruck. Nimmst du Drogen?"
Metzner schüttelte den Kopf. "Nie."
"Wie war dein Zeugnis in der Lehre?"
"Das interessiert doch keinen."
"Ich habe dich gefragt, wie es war, nicht, wen es nicht interessiert."
"Mit gut bestanden, Tendenz zu sehr gut."
"Na bitte. Das war doch eine klare Aussage." Hinrich dachte kurz nach. "Okay. Wenn wir euch ohne Deal hochnehmen, dann bekommst du nach Paragraf 242 des Strafgesetzbuches wahrscheinlich knapp unter der Höchststrafe. Du musst vier oder fünf Jahre in den Knast und ein paar Tausend Euro berappen. Dein Bruder Lars wird eine Jugendstrafe erhalten, vielleicht auf Bewährung. Es kann aber auch sein, dass er nachträglich eingesperrt wird oder, dass er in eine geschlossene Unterkunft ins Jugendheim kommt. Der Kleine wird zwar nicht bestraft, aber wahrscheinlich von euch getrennt in einem Kinderheim aufwachsen. Im Vollzug wirst du es nicht einfach haben, du bist sensibel und hast dich nicht einen Moment gewehrt, als wir in Erscheinung traten. Im Knast sind zweifellos Männer, die auf so was wie dich warten." Hinrich ließ die Worte durch eine längere Pause wirken. "Variante zwei: Du stellst dich und kommst heute mit. Ich handle mit der Staatsanwaltschaft aus, dass du nicht flüchten wirst, sodass du nicht in Untersuchungshaft musst. Außerdem wirst du uns mitteilen, wo das Versteck dieser Rumänenbande ist. Der Deal wird die Staatsanwaltschaft davon überzeugen, dass du eine Bewährungsstrafe bekommst, also erstmal keinen Knast von innen siehst. Für junge Verurteilte gibt es Resozialisierungsprogramme in Sachsen. Ich zerschrote meine Autos oft berufsbedingt und kenne unsere Werkstätten ziemlich gut. Die Beziehung könnte dienlich sein, dir einen Job zu besorgen. Das tu ich aber nur, wenn du mir nicht in den Arsch trittst. Außerdem werde ich eine Betreuerin vom Sozialamt nach deiner Mutter schauen lassen. Vielleicht hilft das, die Familienpolitik der Metzners zu verbessern. Und morgen kommt eine Truppe, die ungestört euren Keller aufräumen wird." Erneut unterbrach Hinrich sich selbst. "Gibt es noch jemanden, der sich durch eure Diebstähle finanzieren lässt?"
"Nein, ich glaube nicht."
"Okay." Hinrich erhob sich mit einem Ruck und hielt Martin Metzner die Hand hin. "Aber ich warne dich: Du kannst jeden Deal brechen. Nur niemals einen, den du mit Kriminaloberkommissar Holger Hinrich geschlossen hast. Also überleg dir ganz genau, ob du mir deine schmutzige Hand gibst! Es gibt dann kein Zurück mehr."
Metzner erhob sich ebenfalls, sah dem Kommissar in die Augen, wischte sich die Hand am Hosenbein ab und schlug ein. "Abgemacht."
"Du hast mein Wort. Wenn dich die Leute im Präsidium doch mal in die Mangel nehmen, immer schön cool bleiben. Verstanden? Nicht dass es dir so geht, wie deinem kleinen Bruder. Bei einem Zehnjährigen lacht man noch darüber. Bei dir wäre es einfach nur peinlich, glaub mir."
Engler kam rein. "Okay. Erledigt. Deine Mutter schläft. Die hat ziemlich viel intus."
"So endet bei ihr jeder Tag", flüsterte der junge Mann.
Hinrich klopfte Martin auf die Schulter. "Nimm mir die Frage nicht übel. Einen Vater gibt es wohl nicht?"
"Ich kann mich noch an ihn erinnern. Lars weiß, dass es ihn gab. Und Dominik hat ihn nie gesehen. Er ist weit weg, wahrscheinlich in den Staaten. Von Unterhalt keine Spur."
Hinrich schüttelte den Kopf. "Okay, Martin. Gehen wir."
Am Fahrzeug ließ Hinrich den Jungen hinten einsteigen, Engler setzte sich ans Lenkrad. Der Kommissar warf die Türen von außen zu und zückte das Handy. "Ja, hier Hinrich. Ich will, dass jemand vom Jugendnotdienst in die Steinbachstraße 17 kommt. Zweites Stockwerk, Metzner heißt die Familie. Zwei Kinder, zehn und fünfzehn. Die Mutter ist im alkoholisierten Zustand. - Was? Ja, natürlich! Jetzt gleich sofort." Hinrich lächelte Engler zu, der endlich starten wollte. "Und noch etwas. Ich muss in einer Stunde im Präsidium mit Dr. Schubarth und mit einem Kollegen reden, der mit diesen Autoeinbruchgeschichten zu tun hat. - Das ist mir doch egal! Dann wecken Sie eben die Bande!" Er wandte sich an Engler, nachdem er die Fahrertür kurz geöffnet hatte: "Moment noch."
Hinrich ging ins Haus zurück, machte das Licht an und eilte die Stufen hinauf. Kaum hatte er geklingelt, da schaute Lars Metzner durch den Türschlitz, hinter ihm stand Dominik in Unterhosen.
"Ich bin's noch mal."
"Nehmen Sie unseren Martin jetzt mit?", fragte der Fünfzehnjährige. "Kommt er ins Gefängnis?"
"Ich muss ihn erst mal mitnehmen. Aber, wenn alles gut geht, habt ihr ihn bald wieder. Hört zu, ihr zwei: Es wird jemand vorbeikommen von der Kindernothilfe. Ich weiß nicht, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Die werden euch helfen. Und eurer Mutter auch. Also seid nett zu denen. Versprochen?"
Die beiden Jungs nickten.
"Gut. Die werden bald hier sein. Tschüss, ihr zwei. Und denkt daran, was ihr versprochen habt." Hinrich wollte bereits hinuntergehen, da hörte er Lars sagen:
"Das tut mir total Leid, was mit Sebastian passiert ist."
Hinrich blickte sich um und nickte dem Jungen erstaunt zu. "Es freut mich, dass du so denkst. Und, wie gesagt, benehmt euch."
Zurück beim BMW stieg er hinten ein und saß nun neben Martin Metzner.
"Wird Zeit, dass du wieder bei ihnen bist", raunte Hinrich und stieß Metzner in die Seite. "Die haben jetzt schon Sehnsucht nach dir."
"Wohin?", fragte Engler.
Hinrich warf Engler das Magazin auf den Schoß. "Na zu dir natürlich! Wohin willst du sonst?"
"Schiller ist zurück ins Labor gefahren. Winkler war auch mit bei mir."
"Dann kümmerst du dich jetzt um deine Frau. Verstanden?"

Hinrich, Schiller, Winkler und Schubarth sitzen am Abend in der Kripo-Zentrale. Winkler und Hinrich trinken Kaffee aus dem Automaten. Schweigen herrscht, denn Schubarth liest Schillers Bericht und sieht sich die Beweisstücke an, die in Folientüten aufbewahrt werden. Im gleichen Raum, in einer Ecke allein, sitzt ein Zwanzigjähriger.

"Und was sagt ihr dazu?", fragte der Chef schließlich, während er die Tüten auf den Tisch legte, so, dass er sie noch immer deutlich sehen konnte.
Schiller räusperte sich. "Sachlich gesehen möchte ich meinen, dass am Messer abgesehen vom Blut keine Spuren sind. Das Blut stammt definitiv von Sebastian Engler. Die Hunde haben die Spur an der Straße verloren. Wer auch immer das Messer an die Tür geheftet hat, war nicht per pedes da. Die Befragung der umliegenden Anwohner hat noch keine Hinweise ergeben, sie wird morgen Früh fortgesetzt. Das Messer stammt von der Firma Dick, ist ein so genanntes Blockmesser, 21 Zentimeter lang mit ergonomischem Griff. Es ist in erster Linie über den Fachverkauf erhältlich und wird vorwiegend in Fleischerei- und Schlachtbetrieben eingesetzt. Der Brief wurde auf einem Epson Stylus D92 gedruckt, einem weit verbreiteten Arbeitsplatz-Tinten-strahldrucker. Gedruckt wurde in schwarz, Schrift Arial, Schriftgröße 84. Dem Zustand der Tinte nach erfolgte der Druck am gleichen Tag. Am Papier sind Fingerspuren, die wir gerade auswerten, das Blatt ist ein 80-Gramm-Papier."
"Was ist mit den Zigarettenkippen?", fragte Schubarth. "Die vom Tatort."
"Das dauert. Bis wir den genetischen Code haben, vergehen noch dreißig Stunden. Mindestens."
"Hat jemand was von Englers Sohn gehört?", fragte Schubarth, als wäre die Frage rhetorisch gemeint.
"Der Kaffee schmeckt grässlich", stellte Hinrich fest. "Ich habe gerade mit der Ärztin gesprochen. Basti ist über dem Berg. Wir werden ihn bald vernehmen können. Definitiv können wir davon ausgehen, dass niemand die Messerattacke beobachtet hat. Englers Anfangsverdacht, dass ein paar Jungs aus der Schule darin verwickelt waren, hat sich nicht bestätigt. Das haben wir heute kontrolliert."
"So, so." Mehr sagte Schubarth nicht.
Kommissar Winkler hob eine Hand etwas an. "Aus meiner Sicht sollten wir die Drohung sehr ernst nehmen. Was ist mit dem da?" Der blondhaarige Vierzigjährige zeigte auf den jungen Mann, der unruhig auf einem Hocker saß.
"Über den muss ich anschließend mit unserem Chef allein sprechen." Hinrich lächelte.
"Ist er vertrauenswürdig, wir reden hier über ..."
Hinrich unterbrach Winkler ziemlich abrupt. "Jedenfalls ist er vertrauenswürdiger, als manch einer in unserem Revier. Woher sollten die Täter wissen, dass Engler mit der Kisslingsache zu tun hat, was er ja eigentlich gar nicht wirklich hatte, wenigstens bis heute?"
Schubarth erhob sich mit einem Ruck. "Na, na, Holger! Nicht gleich so, wenn ich bitten darf. Die Verhaftung im Hotel haben x Leute beobachtet, das K1-Personal steht im Internet und ..."
"Mein Gefühl sagt mir ..."
"Keine Gefühle, bitte. Auch wenn es der Sohn deines Kollegen ist. - Wer ist denn da?!", rief Schubarth, denn es hatte gegen die Tür geklopft. Die Zimmertür öffnete sich einen Spalt breit. "Kommen Sie rein, Hensel!"
Ein Beamter in Zivil trat ein. "Guten Abend."
Hinrich nickte ihm lächeln zu, Winkler nickte kurz, Schubarth setzte sich wieder und Schiller erhob sich.
"Ist erstmal alles geklärt?", fragte Schiller. "Dann würde ich mich gern zurückziehen. Ich habe wenig geschlafen, in letzter Zeit."
Schubarth nickte. "Was machen Sie morgen Früh?", fragte er Kommissar Winkler, während Schiller den Raum verließ.
"Um acht Uhr habe ich einen Zahnarzttermin, ich denke, dass ich gegen elf Uhr hier bin."
"Sie können gehen. Schönen Feierabend. Wenn Sie morgen im Dienst sind, nehmen Sie sofort Kontakt mit KOK Hinrich auf."
"Das mache ich. Gute Nacht." Auch Winkler verließ den Raum und schloss die Tür von draußen. Kommissar Hensel nahm Platz und einen Zettelblock aus der Tasche.
Hinrich stellte den leeren Plastikbecher auf den Tisch, sah Schubarth einen Moment lang an. "Minkwitz fährt morgen Früh in die Anstalt Rösen", sagte er schließlich. "Wir vermuten, dass hinter Kisslings Fall mehr steckt, als wir bisher annehmen, erst recht seit dem Attentat auf Sebastian Engler. Ich bekomme im Laufe des Vormittags Akten von einem älteren Fall, danach werde ich meine Entscheidung in Sachen Kissling bekannt geben. Ein Risiko werde ich nicht eingehen, erpressen lassen will ich mich ebenfalls nicht."
"Ich möchte immer informiert sein, Holger." Schubarth legte die Beine übereinander. "Was sagen wir der Presse?"
"Nichts."
"Okay. - Nun zu dem da." Schubarth zeigte auf Martin Metzner.
Hinrich erhob sich, ging zu dem jungen Mann. "Steh auf!" Er nahm dessen Stuhl an den Tisch. "Setz dich!"
Metzner saß nun zwischen Schubarth und Hensel.
"Dieser junge Mann heißt Lars Metzner. Er ist zwanzig, hat einen zehn- und einen fünfzehnjährigen Bruder, eine Alkoholikerin zur Mutter und mimt die Vaterrolle für seine Brüder. Gemeinsam wohnen sie in der Steinbachstraße 17. Mit seinen Brüdern hat Lars ein paar Autoeinbrüche vorgenommen, um mit den geklauten Navigationsgeräten und Autoradios, Essen und Kleidung für die Brüder und sich zu beschaffen, weil die Mutter ihre drei Söhne ungenügend versorgt. Am heutigen Nachmittag hat sich Martin mir und Engler gestellt, als wir der Familie einen routinemäßigen Besuch abstatteten. Durch die Einbrüche gerieten die drei Brüder ins Visier einer großen, internationalen Bande, die wohl auch Rumänenbande genannt wird. Da die ganze Geschichte fürchterlich stinkt und nicht direkt in meinen Bereich fällt, wollte ich, dass jemand Autoritäres dabei ist. Kommissar Hensel kann wahrscheinlich mehr über die Rumänenbande sagen." Hinrich schaute den Kommissar fragend an.
Der hustete kurz. "Selbstverständlich kann ich das. Dr. Schubarth ist ebenso involviert. Wir jagen die Bande seit fast zwei Jahren. Die verursachten Versicherungsschäden gehen in die Millionen. Dazu kommt die ungewöhnliche Gewaltbereitschaft einiger Bandenmitglieder. So im Februar, als es zu einem Schusswechsel im Parkhaus Marktgalerie kam, bei dem ein Wachbeamter schwer verletzt wurde. Was wissen Sie von dieser Bande?", richtete Hensel die Frage an Martin Metzner.
Der wollte gerade den Mund öffnen, als ihm Hinrich ins Wort fiel: "Du hältst die Klappe!" Lächelnd sprach Hinrich weiter. "Er weiß so viel über die Bande, dass es ausreichen dürfte, die ganze Truppe zu observieren und hochzunehmen."
"Das ist ja ..."
" ... interessant, nicht wahr?" Hinrich lächelte noch immer. "Bevor dieser junge Mann jedoch etwas sagen wird, möchte ich eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft, dass Martin sich weiterhin um seine Brüder kümmern darf. Die bei ihm verbliebene Ware kann von ihm aus sofort abgeholt werden und den rechtmäßigen Besitzern ..."
"Spar uns die Einzelheiten", forderte Schubarth. "Ihr habt beide, morgen 14:30 Uhr, einen Termin beim Staatsanwalt. Dort klärt ihr das. Und in einer Woche gehört die Existenz einer Rumänienbande in Leipzig der Vergangenheit an. Verstanden?"
"Verstanden." Alle erhoben sich.
Minuten später lief Martin Metzner zwischen Hinrich und Hensel die Treppe im Präsidium hinunter.
"Den Keller in der Steinbachstraße 17 könnt ihr morgen ausräumen. Unauffällig bitte", sagte Hinrich, ohne Hensel anzusehen. "Damit die große Bande nichts spitzkriegt."
"Das ist ein Ding. Steinbachstraße!" Hensel schüttelte den Kopf. "Ich wohne da ganz in der Nähe. Und ich habe nie was bemerkt. Das ist schon merkwürdig. Oder?"
Hinrich blieb auf der Stufe stehen. "Na, das trifft sich ja prima, Kollege. Dann können Sie Herrn Metzner direkt mitnehmen und zu Hause absetzen. Und Martin, du bis morgen pünktlich 14:15 Uhr hier, in meinem Büro, Zimmer Drei Null Acht. Klar?" Hinrich holte eine Visitenkarte aus dem Jackett. "Hier, ruf mich vormittags an, was die vom Notdienst gesagt haben. Und erzähl dem Kommissar Hensel noch nicht zu viel. Kripoleute sind unheimlich neugierig. Behalte deine Trümpfe noch bei dir."
Auf der Straße schaute Hinrich den beiden nach, später, im Auto rief er seine Frau an. "Schatz, ich komme jetzt gleich nach Hause. Ich fahre jetzt in der Zentrale los. Und ich brauche unbedingt ein Bad." Dann holte er noch einmal das Fandungsbild des Messerstechers aus der Jackett-Tasche, betrachtete es längere Zeit unter der Lampe im Innenraum des Fahrzeuges. Schließlich schüttelte den Kopf.

Hommels Haus. 20:21 Uhr. Im gesamten Haus brennt kein Licht. In einem fensterlosen Vorratsraum im Keller sitz ein junger Mann, an eine Wand gelehnt, die Arme ausgestreckt über dem Kopf, mit einem Kabel an einem starken Rohr, die Beine mit einem Seil gefesselt. Das Gesicht des Siebzehnjährigen wirkt entstellt, die Lippen sind aufgeplatzt, die Nase blutet.
Noch einmal trat Friedrich Hommel zu, traf den stöhnenden Neurot in der rechten Nierengegend.
"Rede endlich!", schrie Hommel, sich dessen bewusst, dass niemand den Jungen schreien hören konnte. "Wer sind deine Hintermänner?"
Neurot spuckte wieder Blut aus. Die Zunge fuhr durch den schmerzenden Mund, er fühlte den abgebrochenen Schneidezahn. Doch er schwieg.
Hommel griff nach einem Brecheisen, hob es hoch, als wollte er den Gefangenen erschlagen. "Ich hau dich tot! Rede, du verfluchtes Schwein! Was suchst du in meinem Haus?"
Der Krankenpfleger schloss die Augen. Er schrak zusammen, als das Stemmeisen auf die Fliesen knallte.
Es wurde dunkel und ruhig. Friedrich Hommel hatte den Raum verlassen. Neurot versuchte sich zu bewegen. Keine Chance, das Kabel an den Handgelenken schnürte ihm fast die Hände ab, an die Füße kam er nicht heran. Jetzt fühlte er die Schmerzen der gerade durchgestandenen Tortour. Er wusste nicht, ob er ein zweites Mal schweigen können würde. Eine Ewigkeit lang hatte der Mann ihn misshandelt.
[...]