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[...] Im Flimmern der Tottendorfer Abendsonne erkannte Schüssler Nette, die mit langen, freigelegten Beinen, mit weißen Turnschuhen, kurzem, engem Jeansrock und einer fast durchsichtigen, weißen Bluse das Gelände der LPG (T) Siebter Oktober verließ und langsam auf ihn zusteuerte. Über ihrer Schulter baumelte ein kleines Täschchen. Ihre Haare wehten ein wenig im vorgewitterlichen Wind, sie schwebte in Schüsslers Augen wie ein Engel auf Wolken, wenngleich es sich um Staubwolken handelte. Alles klar?, fragte Nette, Lass uns gehen, die Frau Spießer steht hinterm Vorhang und Opa beobachtet uns garantiert auch. Ist das weit? Nö, zehn Minuten. Bei euch sieht man so wenig Autos, stellte Detlef Schüssler fest. Die meisten Leute sterben, bevor ihre KFZ-Bestellung in Erfüllung geht. Deshalb. Schüssler stolperte und Nette reckte stolz die Brüstchen raus und grinste. Wo sind eigentlich deine Eltern?, fragte der Münchner. Die? Die sind drei Jahre in Mosambik. Die wollen dort in der Landwirtschaft helfen. Erst wollten sie mich mitnehmen, aber ich will mein Abi schaffen ... Mosambik? Ist das nicht in Afrika? Ich dachte immer, die Ostdeutschen dürften die DDR nicht verlassen. Quatsch. Ich war auch schon in Kiew und in Prag. Wir dürfen nur nicht in den Westen. Schade. Sonst könntest du mich mal in München besuchen. Vielleicht klappts ja, wenn ich in Rente bin. Rentner dürfen ja rüber. Und du ... Hast du ne Freundin drüben? Schüssler schüttelte den Kopf. Hab ich nicht. Ehrenwort. Wortlos gingen sie ein Weilchen nebeneinander her. Ich habe auch keinen festen Freund, meinte Nette plötzlich zu Schüsslers Erleichterung. Ich hatte mal einen, mit vierzehn. Meine Eltern bekamen die blanke Panik, weil der schon sechzehn war. Ich durfte gleich zum Frauenarzt und musste mir täglich die Kugel geben. Die Kugel? Pille. Aber der ist dann nach Marzahn gezogen, so ein Neubaughetto in Berlin. Und dann hab ich nie mehr was von ihm gehört. Und du, was machst du genau hier? Schüssler druckste etwas herum. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, so genau weiß ich das noch nicht. Meine Chefin bildet sich ein, dass die Mauer bald fällt, wegen der Demos in Leipzig und überall. Die handelt mit Immobilien. Ich soll versuchen, hier irgendwo Land zu kaufen, wo sie dann später Häuser und Gewerbegebiete bauen lassen kann. Ich dachte, dein Opa würde mir helfen ... Er kennt dich noch nicht genug. Außerdem sind zurzeit alle etwas verunsichert. Und niemals darfst du die Stasi vergessen. Auch in unserem Dorf gibt es einen Spitzel, wir wissen leider nicht, wer es ist. Außerdem wollen die Leute in Leipzig nicht, dass die Mauer fällt, die wollen nur, dass es wieder etwas demokratischer im Land zugeht und dass wir uns ein wenig mehr öffnen. Viele wollen den Westen nur mal sehen und nicht gleich dort bleiben. In der DDR sind wir sozial total abgesichert, keine Arbeitslosigkeit, eine Kinderfreundlichkeit, von der im Westen jeder träumt, es wird sich gegenseitig geholfen und so ... Auf jeden Fall geht es bei euch viel ruhiger zu. Es ist nicht nur die Ruhe, Detlef. Wenn ich mal ein Kind bekomme, was ich auch will nach dem Studium, dann werde ich in allen Belangen unterstützt, Krippenplatz, Kindergartenplatz, Wohnung und so weiter. Ist das bei euch drüben auch so? Nicht ganz. Ein Kind zu haben, ist Luxus im Westen, und ab drei Kindern zählt man schon fast zu den Asozialen. Meinst du, dein Opa würde mir helfen? Ich red mit ihm, Detlef. Wo die D-Mark ist, ist auch ein Weg. Plötzlich grinste Nette. Kennste den? Ein Ossi und ein Wessi laufen nebeneinander. Auf einmal schlägt der Blitz knapp neben dem Wessi ein, worauf der Ossi sagt: Na ... Ein Stück weiter schlägt der Blitz genau zwischen den beiden ein und der Ossi sagt wieder nur: Na ... Sie laufen weiter und plötzlich trifft der Blitz voll den Wessi. Sagt der Ossi: Na bitte, geht doch! Lustig, was? Nette grinste hämisch und Detlef Schüssler entdeckte ihre kleinen Grübchen auf den Wangen und verliebte sich sofort in diese. Schüssler konnte gar nicht richtig lachen. Er wollte kontern. Welches Schild berechtigt zum sofortigen Wenden auf der Autobahn? Willkommen in Sachsen! Ha, ha, ha ... Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist das andersrum! Aber wir haben auch eigene Witze. Apropos Pille: Weißt du, woraus bei uns die Antibabypille gemacht wird? Aus Terpentin und ATA! Terpentin macht den Pinsel weich und ATA das Becken rein. Beide liefen ein wenig rot an und lachten laut. Bis Schüssler fragte: Was ist ATA? Mein Gott, ein Scheuerpulver. Pass auf, einen hab ich noch, aber ein ganz harter. Du bist bestimmt eingeschnappt danach. Glaub ich nicht. Mal sehen. Ein Trabbi fährt auf der Autobahn. Da überholt ihn ein dicker Mercedes mit Westkennzeichen. Plötzlich kracht der Mercedes in den Straßengraben und bleibt auf dem Dach liegen. Der Trabbifahrer will helfen, aber er kann leider nur noch den Tod des Wessis feststellen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Also greift er zur Brieftasche des Wessis. Da tippt ihm ganz plötzlich jemand auf die Schulter. Ein Förster steht vor ihm und sagt: Eh, wenn du Westgeld brauchst, schieß dir gefälligst selber einen. Und? Ich bin nicht eingeschnappt! Ich fahr nicht Mercedes. Du bist aber ein Wessi! Na und du ... Schüssler wurde übermütig, griff Nette um die Taille und krabbelte ihre letzte Rippe. Nette drehte sich heraus, lief rückwärts vor Schüssler her und hielt seine Hände. Dann blieb sie schlagartig stehen und drückte ihm einen Knutscher auf die Lippen. Vielleicht sind nicht alle Wessis so schlimm ..., hauchte Nette. Komm, wir sind gleich da. Mittlerweile bevölkerten mehrere Jugendliche und einige Kinder die Straße. Manche saßen auf Simson-Mopeds und fast alle rauchten. Einige hatten Bierflaschen in der Hand. Modisch lagen alle zwei Jahrzehnte zurück, wenngleich einige der Jugendlichen über abgetragene Westklamotten verfügten. Ein Mädchen, vielleicht fünfzehn, mit Sachen, die anzüglicher wirkten, als wenn sie nackt auf der Straße stehen würde, mit bemalten roten Lippen und viel zu viel Farbe auf den Wangen, kam auf die beiden zu. Hei Nette, ist er das? Hm, antwortete Nette. Und du bist echt aus München? Ich dachte, ihr habt immer Lederhosen an? Die sehen doch so geil aus. Sie gab Detlef Schüssler die Hand und sah ihn mit glänzenden Augen an. Hier im Osten stellte Schüssler direkt eine Persönlichkeit dar. Das Mädchen wandte sich jedoch schon wieder einem anderen Jungen zu: He, Tommy, du alte BFC*-Sau, gibst du mir ne Cola aus? Klar doch, du Union-Tusse!** Schüssler bestaunte die Räumlichkeit von außen. Ein alter Stall, notdürftig ausgebaut, mit einem großen Schild über dem Tor: Clubhaus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Gab es hier im Osten überhaupt irgendetwas, das keine politische Bedeutung hatte? Nette zog ihn zum Tor. Dort stand ein Tisch und an dem Tisch saß ein langer, dürrer Junge mit Brille, der in einem blauen FDJ-Hemd steckte. Ihr zwei? Nette nickte. Das sind zwei Mark Eintritt zusammen und auf die Marke gibts noch ne Bockwurst und ein Getränk, hebt sie gut auf. Schüssler staunte. In München hatte er damals zwanzig Mark Eintritt gezahlt und ein Getränk unter zehn Mark gab es nicht. Er fummelte ein Zwei-D-Mark-Stück aus der Hosentasche und legte es auf den Porzellanteller. Langsam und klirrend rollte die Münze auf dem Teller unter den staunenden Augen des FDJ-Hemdträgers aus. Der nahm das Geldstück schnell vom Teller und ließ es in der Kasse, unten bei den Scheinen verschwinden, während er rot anlief. Dann holte er zwei Marken raus und gab sie den beiden. Nette hielt dem hageren Jungen ihren Handrücken hin. Zack, schon hatte sie einen Stempelabdruck drauf. Lass dich abstempeln!, meinte Nette. Schüssler hielt ebenfalls seine Hand hin. Ganz vorsichtig machte der Einlassdienst den Stempel drauf. Detlef Schüssler beäugte ihn. DISKO stand da in roten Buchstaben auf seinem Handrücken. War ja klar. Rot. Viel Spaß! Nach vier Schritten drehte sich Schüssler noch einmal um und beobachtete, dass der Junge das Westgeld aus der Kasse fummelte und in der FDJ-Hemd-Brusttasche verschwinden ließ. Jetzt erst begriff Schüssler. Wenn das mit dem Umtauschkurs 1:20 stimmte, dann hatte der gerade vierzig DDR-Mark verdient. Was solls ... In der Scheune brummten zwei Boxen, die auf einer hölzernen Bühne standen. Auf der Bühne gab es außerdem einen Tisch und auf dem Tisch standen nebeneinander zwei tschechische Tesla-Tonbandgeräte, deren Kabel in ein Mischpult führten, weiterhin ein Mikrofonkabel. Das Mischpult hing an einem gigantischen Röhrenverstärker, der wiederum mit den riesigen Boxen verbunden war. Und die Boxen brummten gefährlich. Müsste gleich losgehen, meinte Nette. Wenn die Musik läuft, dann können wir nur noch draußen miteinander reden. Na prima ... Nette hatte Schüsslers Hand nicht mehr losgelassen. Sie begrüßte immer mehr Mädchen, scheinbar kannten sich alle untereinander und der junge westdeutsche Immobilienmensch kam sich mehr und mehr vor wie im falschen Film. Aber niemand machte ihm eine Szene, keiner behandelte ihn fremdländisch. Nette zog Schüssler in den hinteren, dunklen Teil der Scheune, wo viele junge Leute an Stehtischen herumstanden. Der Boden bestand aus festgetretenem Lehm. Hier gibts Getränke, und daneben Bockwurst und Buletten, klärte Nette auf. Willst du Bier? Hm. Warte hier und rühr dich nicht weg, gib mir mal deine Eintrittskarte. Nette verschwand an der ersten Theke. n Bier und ne Rumcola. Gibts die auch auf die Karte? Ja, Nette, antwortete das Mädchen hinterm Schanktisch. Ist er das? Hm. Und? Ganz nett. Nee, wirklich. Frank, machst du uns zwei Würstchen?, rief Nette zu dem Mann am Bockwursttopf. Auf eine Pappe? Ja! Nette brachte alles zum Stehtisch. Hier wird aus der Flasche getrunken, sagte sie zu Schüssler, der noch etwas schamhaft umherblickte. Damit war das Gespräch zunächst beendet. Vorn fiepte das Mikro und ein Mann, Mitte dreißig, lief gemächlich über die Bühne. He Leute! Einige klatschten. Ich heiße euch mit sozialistischen Grüßen willkommen! Lassen wirs mal wieder heiß werden in Tottendorf, mit Ronnys Diskothek! Er schaltete das erste Tonband an und verließ die Bühne. Nun hatte er drei Stunden Pause. Das erste Stück war von Modern Talking und das zweite von Milli Vanilli. Sogleich wackelten die ersten Tänzer auf dem Lehmboden. Schüssler beobachtete kauend Nette, die mit leicht zuckenden Beinen noch immer Ausschau nach neuen Bekannten hielt. Zwei Glatzen kamen dicht am Tisch vorbei und bewegten sich auf die Theke zu. So etwas gab es im Osten also auch schon. Oder litten die unter Haarausfall? Jedenfalls sahen beide noch ziemlich jung aus. Nettes Gesicht versteinerte. Dann stellte sich ein anderes Paar mit an den Tisch und man versuchte trotz der lauten Musik, ein Gespräch zu führen. Na Nette, jetzt kannst du deine Bockwurst ja wieder essen, wo du nun einen Freund hast, schrie der Junge mit dem Flaumbart, der ein AC-DC-T-Shirt trug. Nette boxte ihm gegen die Schulter. Ha, ha, ha, lange nicht so gelacht! Und die kleinen Grübchen in ihrem Gesicht zeigten sich. Na gefällts dir bei uns?, fragte das andere Mädchen Schüssler und berührte dabei fast sein Ohr. Ganz nett, schrie Schüssler zurück und verschluckte sich am letzten Bockwurstzipfel. Er spülte eilig mit Bier nach. Wolln wir? Nettes Augen funkelten. Was?, fragte Schüssler. Tanzen. Schüssler nickte, wenngleich er etwas Muffengang vor einer Blamage hatte. Schnell trank er seine Flasche leer, dann nahm Nette ihn an die Hand und zog den jungen Wessi zwischen die sich verrenkenden Paare. Schüssler versuchte sich dem Stil anzupassen und hatte immer etwas Angst vorm nächsten Titel. Ein endloses Boney M-Medley folgte. Diese Musik hatte Schüssler seit Jahren nicht gehört. Er begann zu schwitzen, weil er sich mächtig abrackern musste. Nette hielt beim Tanzen ihre silberne Handtasche fest. Sie wusste, was die nächsten drei Titel auf dem Tonband waren. Es wurden immer die gleichen Lieder gespielt. Drei Titel, die Schüssler noch nie in seinem Leben gehört hatte und doch genoss. Denn kaum war Boney M verhallt, da verdunkelte sich das ohnehin sehr schmächtige Licht noch mehr und eine ruhige Rockballade ertönte. Das ist City, raunte Nette, schmiegte sich fest an Schüssler, rieb sich an ihm im Takt der leichten Gitarrenklänge, legte ihr Kinn auf seine Schultern und träumte ein wenig. Schüssler hoffte, dass dieses Stück nie zu Ende gehen würde und es lief auch ziemlich lange. Während der Pause zum nächsten Lied küsste Nette Schüsslers Wange, es konnte fast niemand sehen. Der Blaue Planet von Karat trübte die Stimmung nicht. Beim letzten Lied der ersten Schmuserunde spürte Nette die Erregung ihres Bundesrepublikaners, der beinahe gekommen wäre, weil sie mit dem Bein an IHM rieb. Bataillon damour ließ Detlef Schüssler fast explodieren. Irgendwie passte dieses Lied zur Gesamtsituation. Beide hingen aneinander wie Saugnäpfe an der Fensterscheibe. Doch die freundliche Liebesruhe wurde jäh unterbrochen. Das waren schöne Lieder ..., flüsterte Schüssler gerade noch und spürte die abklingende Erregung. Beim Sonderzug nach Pankow konnte man keinesfalls eng tanzen, zudem die beiden Glatzen nun wie angestochen durch die Scheune sprangen und laut mitsangen. Nette zeigte mit dem Kopf zum Getränkestand und Schüssler nickte. Was willst du?, fragte er das Mädchen. Rum-Cola! Schüssler kämpfte sich in die wartende Traube und blieb geduldig stehen, bis er dran war. Zwei Rum-Cola, bitte!, rief er. Das Mädchen hinter dem Tisch nahm eine bereits geöffnete Flasche mit braunem Rum, machte zwei Gläser zur Hälfte voll. Dann öffnete es eine Flasche auf der DISCO-COLA stand und goss die Gläser bis zum Rand voll. Drei Mark!, rief es und stellte Schüssler die Gläser an den Tischrand. Schüssler schaute in seine Geldbörse. Das Kleingeld war alle. Er zückte einen 5-DM-Schein, hielt ihn dem staunenden Mädchen hin und meinte: Ich komme nachher noch mal. Wechseln kannst du ja bestimmt nicht. Das Mädchen grinste und ließ den Schein in ihrer Kittelschürze verschwinden. Du kannst auch noch dreimal kommen! Her, mein ich! Ihr habt extra Cola für die Disko?, fragte Schüssler die Nette, als er an den Tisch zurückkam. Mann, Dettlef, bist du naiv, antwortete sie lächelnd. Die Getränke begannen bald zu wirken. Immer wieder tanzten beide wie ekstatisch miteinander. Und immer wieder schütteten sie sich Rum-Disco-Cola in den Hals. In der Scheune war es glühend heiß. Und dann war alles wie im Traum. Ein uniformierter, grüner Mann kam herein, erklomm die Bühne und augenblicklich wurde es still, die beiden Glatzen versteckten sich vorsorglich und der Mann, ein älterer Herr, nahm das Mikrophon zur Hand, pustete zweimal rein und sagte: Hallo, ist hier ein Herr Schüssler, Herr Detlef Schüssler? Bitte melden Sie sich bei mir. Alle außer Schüssler atmeten auf. Stasi?, flüsterte Schüssler zu Nette. Nee, ABV. Ist das was Ähnliches? Nette schüttelte den Kopf. Quatsch! Komm, gehen wir zu ihm. Ist besser. Schüssler schlich Nette hinterher und beide hatten Mühe, gerade zu laufen. Durch die Scheune dröhnte mittlerweile We will rock you und alle dröhnten kniend mit. Wir gehen besser raus, hier drin kriegt man ja Ohrensausen!, rief der ABVer. Sie sind wohl Herr Schüssler? Detlef Schüssler nickte und sein Traum kam zurück in die Erinnerung. Hoffentlich war das kein Alptraum, dann würde Erich Honecker in Kürze auftauchen! Aber der Mann hatte nicht mal eine Pistole. Die frische, Zigarettenqualm geschwängerte Luft vor der Scheune sorgte dafür, dass sowohl Schüssler, als auch seine Nette nur noch lallen konnten. Trotzdem versuchte Schüssler, eine gute Haltung zu bewahren. Die anderen Jugendlichen glotzten alle neugierig. Was gibts denn, Herr Fl... Fl... Fleischer?, fragte Nette. Der Schüssler muss mal mitkommen, in mein Büro. Ist wichtig. Der sogenannte ABV lief mit eiligen Schritten vornweg, Nette nahm Schüssler an die Hand und sie versuchten, dem ABV zu folgen. Der westdeutsche Immobilienvertreter sagte kein Wort. Er hatte einfach nur Angst. Angst, aus seinen schönsten Träumen gerissen zu werden, die gerade Wirklichkeit werden wollten. Es war deutlich kühler, und die Straße war nass und schlammig. Scheinbar hatte sich ein Gewitter auf Tottendorf ergossen, übertönt von der lauten Diskomusik. Bald standen sie vor einem Bauernhof, an dessen Hauptgebäude eine kleinere Tür war, neben der ein Schild prangerte: Abschnittsbevollmächtigter Willy Fleischer. Darunter der berühmte Ährenkranz mit Hammer und Zirkel darin. Na kommt mal rein, in die gute Stube, meinte der ABV und blickte auf seine Uhr. Genau in diesem Moment klingelte ein rotes Telefon, das auf dem Schreibtisch stand und Detlef ein wenig an die sechziger Jahre erinnerte. Na klappt doch, sprach Fleischer der ABV, nahm den Hörer von der Gabel und rief hinein: Abschnittsbevollmächtigter für Tottendorf, Fleischer am Apparat! Er lauschte kurz und gab den Hörer dann an Schüssler weiter. Für Sie, Herr Schüssler. In Tottendorf gab es nur ein Telefon. Detlef, sind Sie das endlich?, quäkte eine Stimme am anderen Ende. Ich dachte schon, Sie wären gefallen! Gefallen?, lallte Schüssler. Ach, grüß Gott, Frau Kannengießer-Tittenberg. Wie haben Sie denn das geschafft? In dieser Beziehung bin ich bissig, junger Mann. Klingen Sie besoffen oder ist das die Leitung? Bestimmt die Leitung. Gut, dass ich Sie endlich sprechen kann. Es läuft alles bestens, bin schon gut reingekommen. Aber ich brauche noch mindestens acht Wochen. Mindestens. Acht Wochen? Sind Sie wahnsinnig? Was kostet denn Ihre Unterkunft? Mit Vollverpflegung fünf DM pro Tag. Nun ... Die Tittenberg schluckte am anderen Ende tief. Da hatte sie ja mehr Strom, Wasser und Kaffeekosten, wenn der Schüssler im Büro weilte! Nun, in Ordnung. Aber ich will einen Lagebericht, wöchentlich! Verstanden? Das geht schon klar. Ich schicke Ihnen einen Brief. Aber irgendwie brauch ich auch Geld zum Überleben. Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Detlef. Aber Gnade Ihnen Gott, wenn Sie da drüben nur die Zeit totschlagen! Iwo, Frau Kannengießer-Tittenberg, selbst jetzt bin ich im Dienst, ich habe noch gearbeitet Annäherungsgespräch, wenn Sie verstehen, was ich meine. Na gut, dann leben Sie mal wohl, Schüssler, und lassen sie mir die ostdeutschen Mädels in Ruhe! Auf Wiederhören! Ja, ja, Frau Kannengießer-Tittenberg, Grüß Gott! Vorsichtig legte Schüssler den Hörer auf, um das Museumsstück nicht kaputt zu machen. Der ABV Fleischer hatte die Ohren gespitzt. Heißt die wirklich Kannengießer-Tittenberg?, stellte er nun endlich die brennende Frage. Die heißt nicht nur so, meinte Detlef Schüssler. Und alle drei lachten laut. Na ja, flüsterte der ABV geheimnisvoll. Normalerweise darf ich natürlich keine Gespräche aus dem Westen entgegennehmen. Aber da ich das einzige Telefon in Tottendorf habe, betrachten wirs mal als Ausnahme. Das ist ganz lieb von ihnen, Herr Fleischer, mischte sich nun Nette ein, die auf dem Schreibtisch Platz genommen hatte, weil es ihr furchtbar drehte. Dann gehen wir jetzt mal lieber. Danke auch, Herr Fleischer, verabschiedete sich Schüssler freundlich. Nun nahm er Nette unter den Arm und sie verließen gemeinsam das ABVer-Haus. Werd mal noch meine Runde drehen, meinte Fleischer. Ist ja gleich zehn, dann ist eh Schluss in der Disko. Was, zehn Uhr ist schon Schluss?, fragte Detlef Schüssler erstaunt. In München machen um diese Zeit die meisten Diskotheken erst auf. Wir sind hier eben nicht mal ein bisschen in München ..., raunte der ABV, verschloss die Tür hinter sich und murmelte noch ein: Na, gute Nacht dann. Schüssler schaute die Nette an, die völlig fertig und erschlafft in seinen Armen hing. Ich glaube, wir gehen auch heim, flüsterte der junge Mann und gab ihr einen Kuss auf die Wange. War ja auch mächtig viel Rum in der Disco-Cola. Und gemeinsam schwankten sie langsam durch Tottendorf, während von der Ferne die letzten dumpfen Töne aus dem Club der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft heranwehten. Die Luft war angenehm, der August 89 neigte sich dem Ende zu. Schüssler war etwas unsicher, was er tun sollte. Nette einfach nach Hause bringen und tschüss, und das wars? Oder sollte er sie zu mehr verführen und ihren Zustand ausnutzen? Eine sehr verzwickte Lage. Jetzt, wo sie sich an ihn kuschelte und fast im Laufen einschlief, kamen wieder diese harten Gefühle männlich-gesetzmäßiger Anatomie. Doch Nette machte es Schüssler leicht. Sie kam allmählich wieder zu sich. He, Detlef, ich zeig dir was, komm mit! Sie zog ihn über einen Trampelpfad zwischen zwei Zäunen hindurch in einen schmalen Waldsaum, dann weiter auf einem sandigen Weg, wo sie eine Pause machte und ihn lange küsste. Er streichelte ihren Po, fuhr unter ihre Bluse und berührte ganz sacht die Brüste. Und Nette genoss es. Bis sie ihn plötzlich von sich schob und rief: Fang mich! Sie lief in Schlängellinien den Waldweg entlang, bis das Kiefernwäldchen zu Ende war, dann einen kleinen Damm hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Und plötzlich standen beide am Ufer eines winzigen Sees, den Schüssler noch nicht entdeckt hatte. Wollen wir rein gehen?, fragte Nette und begann wieder mit Detlef zu kuscheln. Meinst du, dass das gut ist? Schüssler blickte sich um. So eine idyllische Ruhe hatte er noch nie in seinem Leben erlebt. Die Oberfläche des Sees glänzte glatt und ruhig, der Halbmond spiegelte sich deutlich darin. Schüssler schloss die Augen. Nette nahm ihm die Entscheidung ab und er ließ sich willenlos das T-Shirt vom Körper ziehen. Während sie mit den Zähnen seine Lippen und Ohrläppchen bearbeitete, öffnete sie ihm die Hose und er ihr die Bluse. Ein paar Minuten später standen beide in Unterhosen da. Er in seinen schwarzen Halbtangas und sie in ihren rosa kleinen Spitzenhöschen. Schüssler war kurz vor dem Endsieg. In dem Moment, als seine Hände in ihr Höschen fuhren und die heißen Pobacken berührten, ließ sie plötzlich von ihm ab. Oh Scheiße!, flüsterte sie. Ich hab doch schon einen drin! Was hast du?, stöhnte er und wollte es nicht glauben. Mann, meine Tage, hab ich total vergessen. Tut mir leid. So ein Mist aber auch, grade heut. Bist du mir jetzt sehr böse? Schüssler versuchte Nette anzulächeln. Böse? Weil du deine Tage hast? Nein, nie würde ich dir deshalb böse sein, es ist nur ..., ich bin jetzt ... Das seh ich selbst. Er kuckt ja schon oben aus deinem Tanga raus. Tut mir echt leid, Detlef. Jetzt muss ich ins Wasser, stöhnte Schüssler. Ich brauche ganz dringend die Abkühlung. Nicht nur du brauchst die. Nette kuschelte sich augenblicklich wieder ganz nah an Detlef ran, der sich logischerweise willenlos hingab, dann fuhr ihre linke Hand vorsichtig unter seinen Tanga, legte Schüsslers bestes Stück frei und begann äußerst sanft zu arbeiten. Es dauerte keine Minute, bis der Münchner Detlef Schüssler praktisch nackt in einem Wäldchen in der Nähe von Tottendorf im Bezirk Potsdam, mit leuchtenden Pobacken, direkt am Ufer eines kleinen Waldsees, den sozialistischen Boden mit seinen, damit verendenden Nachkommen bespritzte, dabei mit einem deutlichen Keuchen etwas in die Knie ging und sich schmusend an die Enkelin des hiesigen LPG-Vorsitzenden klammerte. [...] | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||