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"Erik! Der Mülleimer ist voll!" Der dicke, große, immer etwas verwahrlost aussehende Freund von Eriks Mutter, spielte stets den Erzieher im Haus. Christian Lohmann, der nun seit einem Jahr zusammen mit Monika Bästlein und ihren vier Kindern lebte, stand wie ein Fels in der Wohnzimmertür.
Widerwillig erhob sich der neunjährige Junge vom Fußboden, ließ den Fernseher nicht aus den Augen. "Muss das jetzt noch sein?"
Auch Eriks Mutter legte dem großen Mann eine Hand auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: "Du weißt, was der Mann von der Polizei gesagt hat ..."
Nachdem Monika Bästlein ihren Ehemann nach einem kurzen, schweren Krebsleiden verloren hatte, fand sie Christian, einen Bauarbeiter, der die finanziell angeschlagene Familie wenigstens ein klein wenig in die Spur brachte und der vierfachen Mutter etwas Mut zusprach.
"Mäuschen, es ist seine Aufgabe. Das Haus ist vorn abgeschlossen und die Tonnen stehen hinten auf dem Hof. Du kannst ja am Fenster gucken und aufpassen."
Die kleine, magere Frau nickte. "Na, komm, Erik. In zwei Minuten bist du wieder oben, dann gibt es Abendbrot."
Erik hatte einen ziemlich abgetragenen Jogginganzug von Bayern München an, sein ganzer Stolz, auch wenn der aus einer Kleidersammlung stammte. In Pantoffeln schlich er zur Küche, bekam noch einen kleinen, freundschaftlichen Klaps von seinem neuen Papa mit, den er ganz gut leiden konnte, auch wenn der ziemlich streng war. Trotzdem konnte er sich sein "Immer ich, und nie die Mädchen" nicht ersparen. Erik hatte drei ältere Schwestern und kaum einen Grund, sich wie ein verwöhntes Nesthäkchen zu fühlen.
Der Junge hob den Mülleimer aus dem Treteimer, öffnete die Wohnungstür, nahm einen kleinen Schlüssel vom Haken und machte draußen auf dem Treppenabsatz Licht. Mutter Bästlein wohnte mit ihren vier Kindern und dem neuen Ersatzvater im dritten Stockwerk eines großen, unsanierten Hauses in der Georg-Schumann-Straße im Leipziger Stadtteil Gohlis. Erik ging zwei Querstraßen weiter in die Schule. Er besuchte die zweite Klasse zum zweiten Mal. Vor anderthalb Jahren starb Eriks Vater und nahm dem Jungen jede Lust und Konzentration am Lernen. Selbst Erik war damit einverstanden, die Klasse zu wiederholen. Außerdem war er ein Maikind, also einer der Jüngsten seines Jahrgangs in der Schule. Seit sich Christian um die Familie kümmerte, fing sich Erik Bästlein wieder, nun gehörte er zum besseren Mittelfeld der neuen Klasse.
Stufe für Stufe lief Erik hinunter. Als er unten ankam, ging das Licht im Treppenhaus schon wieder aus.
Erik öffnete die große schwere Tür zum Hof, auf dem Fußballspielen verboten war, was ihn und die Jungen der Nachbarschaft jedoch nur wenig davon abhalten konnte, es trotzdem zu tun.
Auf dem Hinterhof war es kalt, es stürmte ein wenig, Regentropfen platschten Erik ins Gesicht. Die Pflastersteine auf dem Hof trieb es aus dem Boden, nach jedem Winter sah es schlimmer aus. Die Lampe auf dem Hof brannte nicht. Christian hatte sie schon oft gewechselt. Erik nannte den Stiefvater Christian, auch wenn die Mutter darum gebeten hatte, der Junge möge doch Vati sagen.
Eriks Hände zitterten, die Kälte fuhr sofort unter den dünnen Jogginganzug. Der Junge versuchte das Schloss zu öffnen, das gemeinsam mit einer Kette den stinkenden Inhalt der Tonne sicherte, so, dass nicht noch mehr dazu kam.
"Kommst du klar?" Christian war oben am Fenster, der kleine Schlüssel fiel Erik vor Schreck aus den Händen. Er schob sich mit einer Hand die langen schwarzen Haare aus der Stirn und bückte sich nach dem Schlüssel. Dabei glitt der rechte Fuß aus dem Pantoffel, der Strumpf war sofort nass. "Ist die Birne schon wieder im Arsch?", rief es von oben.
"Ja", erklang die hohe Stimme des Jungen, der mit seinem Fuß den Pantoffel suchte. "Ich komm schon klar." Endlich war das Schloss offen. Erik hob schnell den Deckel hoch, zog die Einkaufstüte mit dem Müll aus dem Eimer und warf sie in die fast leere Tonne. Deckel zu, und wieder das Geduldsspiel mit dem Schloss.
Geschafft! Der Junge schnappte sich den leeren Eimer, öffnete wieder die schwere Hoftür und betrat den Flur, der vorn zur Straße führte.
Es war unglaublich dunkel. Erik fühlte an der Wand nach dem Lichtschalter und drückte darauf. Sein Herz stockte, es blieb dunkel.
"Frau Bästlein, wir wollen keine Panik verbreiten, aber es könnte durchaus sein ..., dass heißt, Ihr Sohn passt genau in das Profil der bisher entführten Kinder. Nur deshalb sind wir hier, wir wünschen, dass Sie Erik nicht allein, sondern immer in Begleitung lassen, könnten Sie das arrangieren? Wir wären auch bereit, jemanden dafür abzustellen ..."
"Was ..., was macht der denn mit den Jungen? Ist das so ein perverses Schwein ...?"
"Dazu können wir nichts sagen. Wir wissen nur, dass jemand die Jungen entführt hat und reden nun mit allen Eltern von in Frage kommenden Kindern. Als reine Präventivmaßnahme, Vorbeugung verstehen Sie?"
Erik hatte gelauscht, als der Polizist mit seiner Mutter an der Tür gesprochen hatte.
"Hier ist eine Nummer, wenn Sie irgendetwas Auffälliges feststellen, rufen Sie bitte an. Wenn Sie Hilfe benötigen: Bitte hier anrufen. - Bitte unterschreiben Sie hier, dass ich bei Ihnen war, einen Zettel behalten Sie, da steht noch mal alles drauf, was ich Ihnen bereits erzählt habe. Ganz ruhig bleiben und auf den Jungen aufpassen, so, wie Sie es sonst bestimmt auch immer tun. Und sagen Sie dem Kind eindringlich, dass es unter keinen Umständen mit einer fremden Person mitgehen darf."
Mama hatte genickt, immer wieder genickt. Sie war wie immer gerade beim Wäschewaschen. Und sie hatte Angst gehabt, große Angst. Erik sah es ihr an. Die gleiche Angst, die Mama hatte, als Papa zum letzten Mal operiert wurde.

Eine warme, große Hand legte sich auf Eriks Schulter, so plötzlich, dass der Junge kurz aufschrie. Dann sah er einen Taschenlampenkegel leuchten. Erik schloss für einen Moment die Augen, der Eimer war ihm aus der Hand gefallen.
"Ganz ruhig, ich bin's doch nur. Die Batterie ist auch fast alle, hat wohl wieder jemand angelassen." Christian hob den leeren Eimer vom Boden auf. "Das ganze Treppenhauslicht ist durchgeknallt. Und wir kommen nicht an den Sicherungskasten ran. - Na los, Junge, gehen wir hoch. Vor mir musst du nun wirklich keine Angst haben."
Erik griff nach Christians Hand. Im gleichen Moment rutschte dem Jungen die sonst kräftige Hand des Stiefvaters aus den Fingern, ein dumpfer Schlag war dem vorausgegangen und ein tiefes Stöhnen, das Christian von sich gab. Die Taschenlampe fiel klirrend auf den Betonboden und erlosch augenblicklich, eine schattenhafte Gestalt griff Erik vor den Mund und mit dem anderen Arm um den Körper.
Erik konnte nur einen kurzen, schrillen Laut von sich geben, den niemand hörte. Er zappelte wie wild, doch derjenige, der Christian niedergeschlagen hatte, war sehr stark. Eine Sekunde später erstickte ein beißender Geruch den Atem des Jungen. Sein ohnmächtiger Körper wurde zur Haustür getragen, die nicht mehr abgeschlossen war. Ganz dicht davor stand ein Fahrzeug, mit geöffneten Hecktüren. Der Junge wurde hineingeworfen, Sekunden später setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Die rechte, hintere Tür stand offen, war seitlich fixiert. Das Auto fuhr nur wenige Straßen weiter, dann bog es in einen verlassen wirkenden Garagenhof ein, rangierte rückwärts in eine offene Garage, kurz darauf schloss sich das Tor von innen.
Es regnete noch immer, in ganz feinen Tropfen. Die Stadt wirkte etwas verschlafen, lag in einem kalten, nebligen Dunst.
Zehn Minuten waren vergangen, bis Erika Bästlein die Treppe hinunter stieg. Sie hatte ein Feuerzeug in der Hand, von Zeit zu Zeit ließ sie die kleine Flamme aufflammen, so dass die Schatten des Geländers an den Wänden zappelten. Die neununddreißigjährige Frau hatte Angst, ihre Hände zitterten wie Espenlaub, für jede Stufe, die sie hinabstieg, brauchte sie neue Überzeugung.
Erika Bästlein schrie - laut und schrill - als sie ihren regungslosen Freund auf dem Boden liegen sah, daneben den Schatten des leeren Mülleimers. Die große Haustür stand weit geöffnet.
Endlich kamen auch andere Hausbewohner zu Hilfe, die mühsam die Mutter zu beruhigen suchten, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Jemand rief die Polizei und den Rettungswagen.
Auf dem Fußweg vor der Haustür lagen Eriks im Nieselregen aufgeweichten Pantoffeln.

Kurze Zeit später wurde der Straßenabschnitt der Georg-Schumann-Straße im Leipziger Norden in blaues Licht getaucht.
Erst gegen 24 Uhr konnte ein Protokoll aufgenommen werden. Christian Lohmann wurde mit einer Kopfverletzung ins St.Georg-Krankenhaus gebracht. Nun erst kam heraus, dass der Täter es wieder auf einen Neunjährigen mit dem Namen Erik abgesehen hatte. Ein Beamter informierte die Kollegen der Kriminalpolizeiinspektion Leipzig, in der Dimitroffstraße - kurz KPI.
Zehn Minuten später ging es rund. Das LKA und die SoKo ERIK wurden informiert, fast jeder einsatzbereite Polizist war auf den Beinen, Peter Minkwitz, der in der Nacht die Fäden der SoKo in den Händen hielt, löste sofort eine Großfahndung aus.
Erfolglos. Von dem entführten Jungen, dem Täter und dem Fahrzeug fehlte jede Spur. Selbst der Gegenstand, mit dem der Täter Christian Lohmann zu Boden geschlagen hatte, war verschwunden.
Kommissar Minkwitz erhielt in den Morgenstunden einen Anruf von Kriminaldirektor Dr. Schubarth, der nunmehr das sächsische LKA in Dresden um massive Hilfe gebeten hatte. Die verstärkten die Leipziger mit Leuten aus der Abteilung Ermittlungsunterstützung. Außerdem liefen in einem Dezernat in Dresden sämtliche Hinweise zusammen, die das LKA in Sachen Kinderpornografie in Erfahrung bringen konnte. Letztendlich wies das Dresdner Präsidialbüro des LKA's an, alle Untersuchungen die den Fall ERIK betrafen, vorzuziehen und schnellstmöglich zu bearbeiten. In den sieben Fachbereichen des kriminalwissenschaftlich-technischen Instituts arbeitete man fieberhaft an der Auswertung der Spuren, die Schillers Gruppe bisher gefunden hatte.
Nach dem neuen dreisten Entführungsfall, konnten jedoch keine bedeutsamen Hinweise gefunden werden. Man wurde sich nun bewusst, dass der Täter auch eine brutale Vorgehensweise in Kauf nahm, um an seine Opfer heranzukommen.


Hinrich wollte den eigenen Ohren nicht glauben.
Es war kurz vor sechs Uhr am Morgen, er saß am Frühstückstisch, seine Frau mit grämen Blick ihm gegenüber.
"Und hier das Neuste mit L.E.", klang es leise aus dem Radio. Hinrich berührte den Lautstärkenregler ein paar Mal. "Ein Kinderentführer hält die Stadt Leipzig und ganz Sachsen weiterhin in Atem. Am gestrigen Abend schlug er erneut in Leipzigs Norden zu. Und wieder ist es ein Neunjähriger mit dem Vornamen Erik, der spurlos verschwunden ist. Der Vater des kleinen Eriks wurde bei der Tat brutal zu Boden geschlagen. Neuste Informationen von meinem Kollegen Klaus Reutemeyer aus dem Polizeipräsidium. - Klaus, gibt es überhaupt etwas zu berichten oder tappt die Polizei noch immer völlig im Dunklen?"
"Ich befinde mich hier im Presseraum, bisher konnte ich nicht viel in Erfahrung bringen. Die bisher gefundenen Spuren - ein Sprecher redete von einer mageren Ausbeute - werden derzeit in Dresden untersucht. Man wolle auch den so genannten genetischen Fingerabdruck des Täters entschlüsseln, was durchaus noch Stunden oder Tage dauern könnte. Das Landeskriminalamt Dresden hat nochmals die Eltern aller Kinder aufgefordert, diese möglichst wenig unbeobachtet zu lassen. Dass der Täter es nur auf Jungen mit dem Namen Erik abgesehen hat, ist wahrscheinlich, jedoch nicht sicher. In der Nikolaikirche werden am frühen Morgen einige hundert Menschen zu einem Morgengebet für die entführten Jungen erwartet. Was aus den Kindern wurde, ist noch nicht bekannt, die Suchgruppen werden ebenfalls in Kürze ausrücken, es sollen wohl mittlerweile über 5.000 Mann sein, die in und um Leipzig nach den verlorenen Jungen suchen sollen ..."
Kriminaloberkommissar Hinrich biss appetitlos in ein aufgebackenes Brötchen. "Ich werd verrückt."
"Holger, ich weiß nicht ... Warum haben die gerade dir diese Last aufgelegt? Du bist nicht mehr der Jüngste." Hinrichs Ehefrau goss ihrem Mann Kaffee nach. Wie im Trance legte der Kommissar vier Stückchen Zucker in die Tasse.
"Zu alt? - Nein, nein ... Jeder würde sich an diesem Fall aufreiben, egal, ob alt oder jung. Jeder." Plötzlich stand Hinrich auf und schrie: "Was ist das nur für ein Mensch, der so was tut? Gottverflucht, was ist das nur für einer?"
Frau Hinrich schwieg zunächst erschrocken. Dann versuchte sie ihren Mann zu beruhigen. "Setz dich, iss dein Frühstück, dann fährst du ins Präsidium, ganz ruhig. - Was das für ein Mensch ist?" Sie stand auf und legte ihre Hände auf die Schultern ihres Mannes. "Das wird sich zeigen, wenn ihr wisst, was er mit den Kindern tut. Vielleicht ist es einer, der es euch beweisen will, einer, der euch nur an der Nase herumführt. Vielleicht ist es auch ein kranker Mensch, einer, der das Schlimmste tut. Niemand kann das wissen, außer dieser Kerl selbst. - Jedenfalls ist der von hier, aus unserer Stadt. Der kennt sich viel zu gut hier aus."
"Nein, nein", erwiderte Hinrich mit vollem Mund. "Wenn einer die aktuellen Daten unserer Einwohner hat, dann braucht der nur einen Stadtplan oder so ein neumodisches Navigationssystem. Mehr nicht. Mein Gefühl sagt mir, der ist nicht von hier."
"Dein Gefühl? - Kann dir dein Gefühl auch sagen, wer das ist und wo er die armen Jungen versteckt hat, falls sie noch leben ...?"
Hinrich schaute erstaunt auf. "Falls?" Seine Handflächen legten sich vor das Gesicht, als wollte er sich dahinter verstecken. "Ja. Falls."
Zwanzig Minuten später ging Hinrich aus dem Haus und fuhr mit dem geliehenen Wagen los.
Es hatte zu regnen aufgehört, doch dieser Mittwoch versprach nichts Gutes. Dicke Wolken zogen rasch am Himmel dahin, als wollten sie neuen Regen nach Leipzig bringen.


Hinrich fuhr direkt in die Körnerstraße, die Hamburgerin abzuholen. Die saß noch beim morgendlichen Frühstücksbüfett.
Am Eingang stand ein Hotelangestellter, Hinrich zeigte kurz seinen Ausweis. "Muss mit meiner Kollegin reden."
"Sind Sie Gast?"
"Haben Sie schon mal was von der SoKo ERIK gehört?", stellte Hinrich eine Gegenfrage.
"Die ganze Stadt redet davon."
"Sehn'se, junger Mann, und ich leite die."
"Oh Entschuldigung", der junge Mann führte Hinrich zum Tisch der Kommissarin. "Darf ich Ihnen etwas bringen, Kaffee vielleicht?"
"Ja, bitte, gern ... - Morgen, Hanni", wendete sich Hinrich an die Kollegin.
"Na, ausgeschlafen, Brummbär?"
Hinrich atmete tief aus. "Weißt du's schon?"
Die Polterer schüttelte ein wenig den Kopf. "Wat weeß ik?"
"Nummer vier. Gestern Abend, kurz nach Acht. Der Stiefvater hat auf den Jungen aufgepasst. Niedergeschlagen und verletzt. Der Junge heißt Erik, ist Neun. - Wir haben so allmählich ein ernsthaftes Problem."
"Spuren?"
"Keine Ahnung. Scheinbar nicht, hab's gerade im Radio gehört."
Hanni Polterer wischte sich mit einer Stoffserviette über die Lippen. "Lass dich nicht aus dem Konzept bringen. Vielleicht will der das. Und hör nicht auf die Medien."
Hinrich rührte unruhig in der Kaffeetasse, die ihm der junge Hotelangestellte gebracht hat. "Ich lass die fünf restlichen Eriks rund um die Uhr bewachen. Sollen die vom LKA organisieren."
"Na komm, gehen wir zurück in die Hölle", meinte die Kommissarin und warf ihre Serviette auf den Teller. "Der Appetit ist mir soeben vergangen."
Hinrich bedankte sich noch für den Kaffee, dann fuhren beide Kriminalisten in den Stützpunkt der Kripo in die Dimitroffstraße.
Dort wurden sie von Peter Minkwitz abgefangen, der nach seinem Nachtdienst müde und zerfahren wirkte.
Als sie zu dritt das Büro betraten, stand frischer Kaffee auf dem Tisch. Faxgerät, Fernschreiber und Emaileingang von Kriminaloberkommissar Hinrich gähnten leer.
"Hat man uns von der Außenwelt abgeschnitten?", fragte Hinrich und legte seinen Mantel nach dem kurzen Rundgang ab.
Dafür übergab Minkwitz eine Klappe voller Protokolle. "Es ist schon merkwürdig. Ein einziger Anruf auf unserem Hinweistelefon, ansonsten nichts, keine Zeugen, keine Beobachter, keine Falschmeldungen. Trotz der umfangreichen Mitarbeit der Medien. Hier ..." Minkwitz legte Hinrich die aktuelle LVZ vor, daneben die Bildzeitung. Beide Titelseiten zeigten die Großaufnahmen der vier Gesuchten, daneben umfangreiche Beschreibungen. Nur die Überschriften unterschieden sich. Auf der BILD prangerte ein "WO SIND UNSERE KINDER???". Im Text ging es um die Mutmaßung, ob die vier Eriks noch am Leben waren. Ein Hochkochen der öffentlichen Angst wurde durch das Aufführen der letzten zwanzig Morde an Kindern in Deutschland unterstützt.
Die Volkszeitung führte eine ähnliche Liste auf, hatte neben den Fotos der Kinder auch deren Wohnhäuser fotografiert. "Wer steckt hinter der DNA?" lautete hier der Titel. Unter anderem stellte Ute Vogel die Frage, ob der genetische Fingerabdruck des Entführers und Kinderschänders überhaupt schon aufgenommen wurde. Anschließend ließ sie sich eifrig über die Quengeleien zwischen Politikern, Rechtstaat und Polizei aus. Viele Leute der Verbrechensbekämpfung in Deutschland forderten längst, dass der Genetische Fingerabdruck, sprich das Festhalten und Katalogisieren aller Deutschen eingeführt würde. Die Aufklärungsrate könnte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen.
"Na, in der Beziehung hat die Vogel ja Recht. Wir werden wieder ziemlich dumm dastehen, wenn der Täter nicht registriert ist", meinte Hinrich.
Hanni Polterer saß an Englers Schreibtisch. "Was war denn nun mit unserem vierten Opfer?" Die Frage schien an Minkwitz gerichtet. "Mit eigenen Worten, ohne Protokolle ..."
Minkwitz stand am Fenster und schaute müde hinaus. "Rabiat. Die Familie war informiert über die Gefahr und hat sich auch an alle Hinweise gehalten. - Hier, Monika Bästlein, Mutter von vier Kindern, drei Mädchen und der Junge. Vor zwei Jahren starb ihr Mann an Krebs, sie lebt jetzt mit Christian Lohmann zusammen, ein Vierundvierzigjähriger. Neunzehn Uhr, dreißig Minuten schaffte der Junge einen Mülleimer runter, der Hof war von der Straße nicht erreichbar. Nach allem, was wir bisher wissen, brach der Täter die Haustür auf, ging in den Keller, manipulierte das Licht im Treppenhaus und auf dem Hinterhof. Christian Lohmann hatte den Jungen zunächst von oben beobachtet, dann war er im Treppenhaus und bemerkte, dass das Licht nicht funktionierte. Mit einer Taschenlampe ging er hinunter, um dem Jungen hinaufzuhelfen. Sie waren zusammen, als der Täter den Mann mit einem stumpfen, schweren Gegenstand - von hinten - niederstreckte und anschließend den Jungen mitnahm. Er hat mit dem Heck seines Sprinters ganz dich an der Haustür gehalten. Als er den Jungen in sein Fahrzeug packte, verlor Erik noch im Hausflur die Hausschuhe. Unser Täter hatte es auf diesen Jungen abgesehen. Er war bewaffnet und hätte den Jungen vielleicht auch aus der Wohnung geholt."
"Und der Vater? Konnte der vernommen werden?"
Minkwitz nickte. "Leichte Gehirnerschütterung, hat absolut nichts gesehen, ist aber über den Berg. - Die Mutter kann einem schon leid tun. Sie musste in psychologische Behandlung."
"Sonst nichts? Keine Spuren?"
"Wir haben sofort jeden Mann draußen gehabt, drei Helikopter, alle stationären Kameras wurden geprüft. Nichts. Wir haben verschiedene Sprinter bereits zum fünften Mal kontrolliert. Die restlichen fünf Eriks des Jahrgangs 1996 werden rund um die Uhr bewacht, wir haben in der Stadt noch zwanzig aktive Straßensperren. Die Verkehrspolizei wurde erheblich mit BGS verstärkt, das LKA hat eine vierzig Mann starke Einsatzgruppe nach Leipzig gebracht, sitzen hier im Haus. Wir haben Kontrollposten an allen Zufahrtsstraßen und Autobahnen, wir haben sechzig Überwachungskameras stationiert, es ist alles in Bewegung. Fünftausend Mann suchen bei diesem Mistwetter in versteckten Ecken nach den Opfern. Was bitte in aller Welt, können wir noch tun? Das LKA arbeitet fieberhaft an der Entschlüsselung der DNA, man hat ein Täterprofil gefertigt, das auf so ziemlich jeden Mann zwischen dreißig und achtzig passt."
Ruhe, tiefe Ruhe im Büro. Hanni Polterer zündete sich eine Zigarette an.
"Ich dachte, das wäre hier verboten ...", meinte Minkwitz erstaunt, nachdem er sich etwas beruhigt hatte.
"Du kannst sie ja verpfeifen. - Also, entweder ist unser Täter unglaublich gewieft oder der hat einfach nur viel Glück." Holger Hinrich legte seine Stirn in Falten. Er vergriff sich bereits wieder an den Süßigkeitsvorräten. "Manchmal habe ich das Gefühl, es ist einer von uns." Erneut eine kurze Pause. "Und der eine Hinweis? Was war das?"
Minkwitz winkte ab. "Jemand hat einen Mann mit zwei Jungen gesehen. Der war mit seinen Kindern im Kino. Mehr nicht."
Hinrich blickte auf die Uhr. "Hat sich Engler gemeldet?"
Kommissar Minkwitz schüttelte den Kopf. "Nicht bei mir."
"Gut, wer hat jetzt Dienst?"
"Es sitzen zwanzig Mann im Bereitschaftsraum. Ich kann auch noch ein bisschen bleiben ..."
"Nein, nein, du musst ins Bett. Sag den Leuten von der Bereitschaft, egal, was sich tut, ich will sofort informiert werden. Wir nehmen nachher das Funkgerät mit, mein Handy ist immer an. Ich will alle Neuigkeiten sofort erfahren. Alle." Hinrich griff zu seinem Handy und drückte auf die Kurzwahltaste zwei.
Kurze Zeit später meldete sich Engler. Seine Stimme klang sehr munter.
"Wann bist du hier?", wollte Hinrich wissen.
"Zwanzig Minuten."
"Wo bist du jetzt?"
"Ich ... ähm."
"Gut, beeil dich."

Engler war unglaublich nervös. Doch im Verlauf des Abends beruhigte sich sein Puls. Er schwitzte, trank alkoholfreie Cocktails, obwohl es ihm ein wenig nach Alkohol lechzte.
Jutta Krahmann schaute ihn an, und nach und nach musste sich Toni Engler eingestehen, dass die Frau ihm gefiel und sympathisch war.
"Ist das ihr Traumberuf?", fragte sie, als das karibische, äußerst scharfe Essen serviert wurde.
Engler stocherte auf seinem Teller herum. Dann schüttelte er den Kopf. "Aus dem Leben gewachsen. Ich war ein Einzelkind. Wir fuhren in den Urlaub, an die Ostsee. Mit dem Trabbi. Da war ich vierzehn. Jemand warf Steine von einer Autobahnbrücke. Die Windschutzscheibe zerknallte. Der Jemand wurde nie gefunden. Wir überschlugen uns, mein Vater war querschnittsgelähmt, starb zwei Jahre später, meine Mutter wurde entstellt, mir passierte nichts, außer dass ich zwischen den Vordersitzen und der Rückbank eingeklemmt wurde. Das war der Grund."
Beide kauten auf dem scharfen Fisch herum.
Die junge Frau bemühte sich, den Kriminalassistenten von seinen Gedanken abzulenken. "Ich habe Angst, große Angst, seit das mit Erik passiert ist. Ich kann mich an der Kasse nicht mehr konzentrieren. Ich habe mich noch nie so allein gefühlt."
Engler spülte den Fisch hinunter und griff nach einer Serviette. "Hinrich, ich meine mein Chef, der hat eine gute Menschenkenntnis. - Da ist ein Gräte."
"Weil er Sie zu mir geschickt hat?"
Engler nickte und pulte die Gräte aus seinem Mund. "Hm. - Wir können ruhig DU sagen."
Jutta Krahmann hob ihr Glas an. "Jutta."
"Toni. - Das müssen wir bei Gelegenheit mit Alkohol nachholen. - Du arbeitest als Verkäuferin?"
"Hm. Im Konsum, ein Supermarkt in der Grassistraße."
"Dann musst du auch am Wochenende arbeiten?"
Die junge Frau nickte. "Ja, leider. Und ziemlich oft am Abend. Die Zeit fehlt mir mit meinem Jungen."
"Hat er Probleme, ich meine in der Schule?"
Ein Kopfschütteln. "Bisher nicht. Aber jetzt. Erik Schwarz ist sein Banknachbar, sein allerbester Freund. Das Ganze macht ihm schon zu schaffen. Und nicht nur ihm. - Wie ist das, gibt es schon etwas Neues, ähm ... Toni?"
Jetzt war Engler mit Kopfschütteln dran. "Leider nicht, morgen soll die DNA entschlüsselt sein. Das machen die Kollegen in Dresden, die vom LKA. Vielleicht sind wir dann klüger."
Jutta Krahmann wischte ihre ungeschminkten Lippen an der weißen Serviette ab. "Das hat gut geschmeckt. - Ich habe Angst, dass dieser Mensch Dinge tut, die er nicht tun würde, wenn er nicht in die Enge getrieben wird."
"Wir wissen nicht, was er tut, und was er noch tun wird. Vielleicht jagen wir bereits einen Mörder ..."
Der Frau traten Tränen in die Augen.
Engler griff sofort nach ihrer Hand und streichelte sie sanft. "Es war nicht so gemeint ... Das muss nicht sein, nur ... Ich meine nur ... Wir müssen mit allem rechnen. Auch mit dem Schlimmsten. Verstehst du mich?"
Sie nickte.
"Ich hoffe es, glaub mir, aus tiefstem Herzen, dass wir jeden der Jungen unversehrt finden, ich hoffe es." Nun war es an Engler, vom Thema abzulenken. "Mein Chef bedenkt so viele Dinge, die ich nie bemerken würde. Er ist absolut prädestiniert für den Fall. - Sie haben sich mit ihm unterhalten?"
"Der ... Hinrich ist so ein Vatertyp. Ich denke auch, der schafft das. - Und dieses Fräulein Zander, die Katrin, die zu Hause auf Florian aufpasst, wo hat er die aufgegabelt?"
"Eine Psychologin in Ausbildung. Das sind die Leute, die ich nicht beneide, aber sehr achte." Engler hielt das leeres Glas hoch und deutete der Bedienung hinterm Tresen an, dass er noch eins wünschte. Er hielt noch immer Jutta Krahmanns Hand. "Du gefällst mir", sagte er plötzlich, gerade so, als würde seine Stimme nicht dem Gehirn folgen. Unter normalen Umständen müsste man Engler schlagen, bevor er einen solchen Satz von sich gibt.
"Wie bitte?"
Toni Engler sah der jungen Frau lange in die Augen. "Du bist mir sehr sympathisch. Wirklich. - Wahrscheinlich bin ich mehr allein, als du. In den letzten fünfzehn Jahren habe ich mein Leben einzig und allein der Kripo gewidmet."
Jutta Krahmann lächelte und schüttelte ein wenig ihren Kopf. "Du hattest noch nie eine feste Partnerin?"
"Ich hatte noch nie eine Partnerin, weder fest, noch anders. Ich hatte einfach keine Zeit dazu."
"Dann würde dir wahrscheinlich jede Frau gefallen, mit der du länger als fünf Minuten zusammen bist." Sie lachte. Engler genoss es, ihre weißen Zähne zu sehen und die kleinen Lachfalten um den Mund.
Jetzt erst bemerkte der Assistent, dass er noch immer ihre Hand hielt. "Nicht jede ist wie du", meinte er schließlich. "Keine."

Gegen zweiundzwanzig Uhr schaute Jutta Krahmann erschrocken auf ihre Armbanduhr. "Mein Gott, um Zehn! - Wir müssen los. Wir können die arme Psychologin nicht ewig warten lassen."
Engler zahlte kurz darauf, beide liefen Hand in Hand zu Hinrichs BMW.
Auf dem Ring wurde das Fahrzeug, wie alle anderen, gestoppt. Der Assistent hielt seinen Ausweis hoch, als ein junger Mann vom Bundesgrenzschutz einen Blick in den Wagen warf. Schon wollte der Mann den BMW durch die Kontrolle winken, da wurde Engler bewusst, dass es eher ungewöhnlich war, dass der BGS Straßensperren in der Stadt errichtete.
"Hören Sie, Kollege, ich bin von der SoKo ERIK. Bin im Feierabend. Gibt es was Neues?"
Der Uniformierte kam wieder näher, zog eine Kopie aus seiner Innentasche. "Hier, können Sie behalten." Dann winkte er noch einmal.
Engler fuhr langsam weiter. In der Karl-Liebknecht-Straße wurde der schwarze BMW wieder gestoppt. Dort standen Kollegen, die Engler kannte. Er fuhr an die Seite, stieg aus und warf einen Blick auf den Zettel. Anschließend steckte er den Zettel wieder ein, stieg ins Auto und fuhr weiter. "Es kreisen Hubschrauber über der Stadt", sagte Engler zu seiner Beifahrerin.
"Was ist los?", fragte sie unruhig.
"Nummer Vier. Wieder ein Erik. Wieder neun Jahre. Gegen zwanzig Uhr, in der Schumannstraße in Gohlis entführt."
Jutta Krahmann griff sich an den Kopf. "Das ist doch völlig verrückt!"
"Trotzdem. Morgen früh, nicht jetzt. Ich bring dich nach Hause."
Katrin Zander saß vor dem kleinen Fernseher, der Ton war fast nicht zu hören. Sie schaltete das Gerät sofort aus, als sie das Klappern im Schloss hörte.
Noch während Jutta Krahmann die Jacke und die Straßenschuhe auszog, zog die Psychologin sich ihre an. "Ich geh dann jetzt. Floh schläft tief und fest. Ist ein ganz lieber. Unten ist auf? - Na dann tschüssi." Sekunden später war die junge Frau verschwunden.
Engler stand etwas unschlüssig im Flur, die Hände in den Taschen des langen Mantels. "Na, ich mach mich dann mal auch los. Wenn du willst, können wir ja telefonieren ..."
Noch bevor er aussprechen konnte, hatte Jutta Krahmann Englers Schultern ergriffen und ihre Lippen auf die seinen gedrückt. Der Kuss dauerte etwa fünf Minuten. Genau so schnell, wie er begann, wurde er von beendet. Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit ins Kinderzimmer, wo sie eine kleine Tischlampe zum Leuchten brachte. Florian lag auf dem Rücken, die Hände unter dem Hinterkopf, in festem Schlaf versunken.
Ein Weilchen betrachteten beide das Kind.
"Es gibt nichts schöneres in dieser Welt", stellte Jutta Krahmann flüsternd fest, dann löschte sie das Licht, zog Engler in ihr kleines Schlafzimmer und drückte ihn auf das schmale Bett.

"He, aufwachen!" Engler öffnete vorsichtig die Augen. Die Sechsundzwanzigjährige stand neben dem Bett, fertig angezogen und lächelnd. "Es ist gleich Sieben."
Engler stieg aus dem Bett und empfing ihre Blicke. Er war völlig nackt. Schnell zog er sich die Unterhose über und fiel dabei wieder auf das Bett zurück.
"Das Bad ist da", meinte Jutta Krahmann und wies auf die Tür. "Nimm die rote Zahnbürste, die ist unbenutzt."
Engler schnappte sich die Sachen und verschwand im Badezimmer. Als er sich selbst im Spiegel des spartanisch aber liebevoll eingerichteten Raumes erblickte, schüttelte er seinen Kopf.
Fünf Minuten später betrat Engler die Küche. Sein Kopf errötete. Florian saß am Tisch und grinste ihn an.
"Guten Morgen", meinte Engler und setzte sich neben den Jungen auf einen Hocker.
Mutter Krahmann saß gegenüber. "Du erinnerst dich an gestern Abend?", fragte sie ihren Sohn. "Das ist Toni von der Polizei, der nach Erik sucht."
"In deinem Bett?", fragte Florian und biss in seine Toastschnitte.
Engler schwieg lieber. Später, als er mit Jutta Krahmann Florian in die Schule brachte, war der blonde Junge von dem BMW begeistert.
Engler stieg vor der Schule aus und öffnete Florian die Tür. "Mach dir keine Sorgen, wir finden deinen Freund. Versprochen."
"Bist du jetzt öfters bei meiner Mama?", fragte Florian ganz direkt.
"Wenn deine Mama das gern möchte ..."
"Ich will es", meinte der Junge, gab seiner Mutter einen flüchtigen Kuss und rannte ins Schulhaus, wo die Klassenkameraden neugierig den großen BMW begutachteten.
Auf dem Weg zum Konsum-Supermarkt, von dem aus es nur noch ein Katzensprung zum K 1 war, flüsterte Jutta Krahmann: "Die Mama möchte das auch", und gab Engler einen innigen Kuss, als das Fahrzeug stand.
Der Assistent wartete bis Jutta Krahmann verschwunden war, dann setzte er seinen Wagen wieder in Bewegung.
Am Petersteinweg, wenige Straßen weiter, sah Engler einen weißen Mercedes "Sprinter" im Rückspiegel, der gerade aus einer Parklücke ausscherte und dabei den nachfolgenden Verkehr erheblich behinderte. Engler überlegte nicht lange, fuhr rechts ran, nahm das Blaulicht heraus, haftete es auf dem BMW-Dach fest, und lief die zwanzig Meter zu diesem weißen Sprinter zurück. Vorn zeigte die Ampel rot, alle mussten warten, auch der Sprinter.
Engler zückte seine Marke, baute sich neben der Fahrertür auf und griff nach dem Türöffner. Der Mercedes war alt und verrostet.
Fast im gleichen Moment öffnete der Fahrer ruckartig die Tür, dass Engler auf die Straße stürzte, und startete das Fahrzeug, um zu wenden. Der Assistent konnte sich gerade noch aufrappeln und durch einen Sprung zur Seite retten, sonst hätte der Mann ihn überrollt. Es war ein südländischer Typ, vielleicht dreißig, so viel konnte Engler erkennen, der sofort zu Hinrichs BMW rannte, einstieg, den Motor startete und mit quietschenden Reifen dem weißen Sprinter folgte, der durch die schmale Simsonstraße das Weite suchte. Engler berührte die Nummer Fünf seines Handys. Sofort hatte er einen Kollegen der Verkehrspolizei dran, mit dem er sich über die Freisprechanlage verständigen konnte.
"Verfolge weißen Sprinter, Kennzeichen Leipzig ... Bitte um Verstärkung. Position: Simsonstraße stadtauswärts ..." Immer wieder gab Engler seine Position durch. Kopfsteinpflaster. Er fuhr dicht hinter dem flüchtigen Fahrzeug, der Fahrer des Transporters überfuhr ohne zu Bremsen ein Stoppschild, er versuchte die Bundesstraße 95 Richtung Chemnitz zu erreichen.
Kurze Zeit später tauchte ein Helikopter auf, Engler sah im Rückspiegel zwei weitere Fahrzeuge mit Blaulicht, hörte die heulenden Sirenen.
Auf der zweistreifigen Bundesstraße versuchte Engler das Fluchtfahrzeug zu überholen, das deutlich weniger Power unter der Haube hatte. Der Fremde wollte den schwarzen BMW von der Straße zu drängen, endlich düste Engler rechts vorbei. Doch kaum versuchte er, den Flüchtigen ein wenig auszubremsen, da krachte der ihm in den hinteren rechten Kotflügel, der BMW triftete nach links weg, schlug kurz gegen die Mittelleitplanke und drehte sich auf der nassen Straße, sosehr Engler auch gegenlenkte. Die Airbags blieben zum Glück dort, wo sie hingehörten.
Unbeteiligte Fahrzeuge hielten rechts auf dem Standstreifen, der Transporter raste unvermindert weiter, die vordere Stoßstange rutsche Funken sprühend über den feuchten Asphalt. Der Sprinter wurde verfolgt von vier grünweißen Polizeifahrzeugen.
Engler lenkte den ramponierten BMW auf die Straße zurück und folgte der Kolonne. Er erhöhte die Geschwindigkeit, auch wenn der Motor merkwürdig röhrte.
"Wir haben vor der Ausfahrt Markkleeberg-West eine Straßensperre errichtet!", vernahm Engler die Stimme über seine Lautsprechanlage.
Der Assistent verminderte ein wenig die Geschwindigkeit, hielt einen angemessenen Abstand.
Bald sah er die Sperre aus mehreren Fahrzeugen, auf der Straße lagen Reifentöter, auch die anderen Polizeifahrzeuge verminderten ihre Geschwindigkeit, verbauten massiv den Fluchtweg.
Auf der Bundesstraße standen etliche Beamte, die Waffen im Anschlag.
Der Mercedesfahrer sah die Straßensperre, ging voll auf die Bremsen, sein Fahrzeug schlingerte auf der Straße, knallte nun selbst gegen die Leitplanke, geriet zurück auf die Bundesstraße, drehte sich mit quietschenden Reifen, dann stand der Sprinter. Wieder startete sein Fahrer, versuchte zu lenken. Beamte feuerten auf die Räder des Transporters. In der anderen Richtung standen ebenfalls Polizeifahrzeuge, hinter denen sich Beamte verschanzten, unter ihnen Engler, der zum ersten Mal im Leben die Handfeuerwaffe außerhalb der Schießhalle entsichert in der Hand hielt.
Nun endlich gab der Flüchtende auf, die Fahrertür öffnete sich, er stieg aus, mit erhobenen Armen. Sekunden später klickten die Handschellen.
Engler lief hinüber, auf den Kerl zu, griff ihm in den Pullover und zog ihn an sich heran.
"Hast du was mit den Kindesentführungen zu tun?", schrie Englers Stimme plötzlich so laut, wie der sie selbst noch nie gehört hatte.
Es war ein Südländer, wahrscheinlich ein Rumäne oder Kroate. Engler hatte bemerkt, dass seine Spucke den Mann beim Schreien im Gesicht getroffen hatte. Der Mann schüttelte seinen Kopf.
"Warum bist du dann abgehau'n?", wieder schrie Engler, doch seine Stimme klang nun heißer.
"Nix verstähen ...", raunte der Mann.
"Du verstehst mich ganz gut." Engler wischte sich Speichel aus dem Mundwinkel.
Ein uniformierter Beamter zog Engler mit sich und führte ihn zu jenem Fluchtfahrzeug. Man hatte den Laderaum geöffnet.
"Hier, Diebesgut, wahrscheinlich die Bande, die für die vielen Einbrüche in Einfamilienhäuser während der letzten Monate verantwortlich ist."
"Volltreffer!", rief ein anderer Beamter. "Wird mit Haftbefehl europaweit gesucht. Rauschgift, Diebstahl, Körperverletzung ... Das volle Programm."
Engler wischte sich erneut mit der Hand durch das Gesicht. Dann ging er zum BMW, holte das Handy heraus und rief Hinrich an.
"... tut mir leid, Chef, es hätte aber ohne Weiteres sein können, dass ..."
"Hauptsache, dir ist nichts passiert, Toni", Hinrich war weniger verärgert, als Engler angenommen hatte. "Der Wagen ist immerhin schon fünf Monate alt. -Natürlich hätte es sein können, dass der Kerl was mit unserer Sache zu tun hat, vielleicht ist es ja auch so. Die von der K 4 werden mir die Reparaturen bezahlen. Komm jetzt rein, trink einen Kaffee und hüte das Büro. Wir machen uns los, fahren ins Amt für Statistik und Wahlen. Wenn es geht, dann besuchen wir auch diese Frau Bästlein noch einmal, nur, falls es notwendig ist. - Ist mit deinem Termin gestern Abend alles klar gegangen?"
"Ja", antwortete Engler kurz und bündig. "Sehr klar."
"Gut, dann bin ich ja beruhigt. Wir haben das Funkgerät mit. Ich will über alles informiert werden, was wichtig ist. Verstanden, Toni? - Zur Dienstbesprechung sind wir zurück, wenn nicht, melde ich mich. Schreib deinen Bericht und füll einen Reparaturauftrag für den Wagen aus. - Bis dann."
"Alles klar, Herr Kommissar. Bis dann." Engler hustete. Der Puls beruhigte sich nur langsam. Das mistige Wetter, sein Ausraster eben ... Noch einmal warf Engler einen Blick auf den Mann, den er gerade gejagt hatte, gab den Kollegen seine Dienstnummer, nahm im ramponierten BMW platz und fuhr dann vorsichtig zurück ins Präsidium.
Unterwegs begegnete er den Fahrzeugen des Sondereinsatzkommandos, das etwas spät dran war.

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