Leseprobe: Auf Wiedersehen, Bastard! (Proshchay, ublyudok!) 2 Die Stimmen von Moskau
Moskau 16. April

Sorokin und Komsomolzev waren bestens ausgestattet. Zur Verständigung trugen sie Ohrhörer und winzige Mikros und waren zudem mit Pistolen bewaffnet. Bobrow folgte, ohne einen Ton von sich zu geben.
"Du machst nur, was wir dir sagen!"
Kasakow meldete sich über Funk. Er überwachte die Aktion von der FSB-Zentrale aus. "Leute", sagte er, "das wird verdammt heiß. Fast die gesamte Abteilung URPO ist ausgerückt. Mit allem Drum und Dran."
"Ist mein Junge dabei?", fragte Sorokin.
"Ich habe Fedor nicht entdeckt. Schestakow führt jedenfalls das Rudel an und die Nowikowa ist auch dabei. Sie sind mit achtzehn Fahrzeugen in den Krieg gezogen."
"Überwachst du die Metrokameras?", fragte Komsomolzev.
"Aber natürlich. Die Stationen Krasnopresnenskaya und Barrikadnaya. Und meine Signale sagen mir, dass sie das in der Krasnopresnenskaya auch tun."
"Irgendwas Auffälliges?"
"Noch nicht. Aber gleich bestimmt. Die Kolonne müsste jeden Moment an der Station Krasnopresnenskaya ankommen."
"Okay. Wir steigen jetzt in die Nummer 7 ein. Kontaktiere Jerchow und sag ihm, dass wir nicht in der Krasnopresnenskaya, sondern in der 120 Meter entfernten Barrikadnaya ankommen. Sie sollen mit dem Jungen in südlicher Richtung vor der ersten Tür des zweiten Waggons stehen und ihn einsteigen lassen. Im Gegenzug lassen wir Bobrow aussteigen."
"Okay." Die Verbindung wurde unterbrochen.
Die U-Bahn der Linie 7 fuhr pünktlich ein, der Bahnsteig war überfüllt. Sorokin schob Bobrow vor sich her und betrat noch vor Komsomolzev den Waggon. Auch Komsomolzev hatte sich bis zum letzten Moment umgeschaut. Die Bahn fuhr an. Nur zwei Stationen lagen zwischen dieser und der Metrostation Barrikadnaya. Dort würden sich die braune Kreis-Linie Nummer 5, die rings um das Zentrum Moskaus führte, und die fliederfarbene Tagansko-Krasnopresnens-kaya-Linie Nummer 7 kreuzen. Das kleine Team war im Norden an der Station Begovaya eingestiegen. Der Waggon war überfüllt. Bobrow liefen Rinnsale von Schweiß über die Schläfen und Sorokin verschaffte ihm mit seinen kräftigen Armen einen Platz zum Atmen. "Ganz ruhig", sagte er und lauschte, denn Kasakow meldete sich über Funk.
"Ich habe Jerchow die Nachricht überbracht. Die Kolonne stürmt momentan rüber in die Station Barrikadnaya und riegelt dort alles ab. Mächtiges Chaos herrscht da. Oben rangieren ihre Fahrzeuge, unten ihre Leute."
"Was ist mit Fedor? Hast du meinen Jungen gesehen?" Auch Sorokin schwitzte.
"Negativ. Ich glaube, sie verarschen uns."
Komsomolzev mischte sich ein. "Vielleicht bringen sie ihn erst im letzten Moment."
"In Höhe des zweiten Waggons stehen jetzt nur noch FSB-Leute. Sie haben die Zivilisten verdrängt. Der Junge ist nicht dabei."
Die Metro hielt. Erneut schauten sich Komsomolzev und Sorokin um, blickten durch die Fenster hinaus auf den Bahnsteig der Station, die nach der Straße des Jahres 1905 benannt worden war.
"Noch immer nichts. Da kommt auch kein Fedor mehr", erklang die Stimme Kasakows. "Sie haben eine Bahn aus der Gegenrichtung vor der Station stoppen lassen und drängen nach wie vor die letzten Zivilisten aus der Barrikadnaya raus. Das ist ein Fake, glaubt mir, die wollen euch abschlachten. Wenn ihr mich fragt ..."
"Sei still!", fuhr Komsomolzev dazwischen. "Wo hält sich Jerchow momentan auf?"
"Er hat Termine im Kreml und fliegt gegen 12 Uhr mit dem Präsidenten nach Nischni Nowgorod, um irgendeine Messe zu eröffnen."
"Was ist mit Fedor?", fragte Sorokin erneut und schaute auf die Uhr. 8:07 Uhr.
"Nicht die kleinste Spur von ihm. Es sind jetzt keine Zivilisten mehr in der Station Barrikadnaya. Die FSB-Leute entsichern ihre Waffen und treffen Absprachen. Sie nehmen eine Doppellinie ein. Ihr solltet besser nicht in der Bahn sein!" Kasakows Stimme klang äußerst beunruhigt. "Wirklich nicht!"
Der Wagenzug näherte sich bereits der Station Barrikadnaya.
"Aljoscha, siehst du den Jungen?", fragte jetzt Komsomolzev.
"Negativ", antwortete Kasakow sogleich.
"Okay." Komsomolzev zog seine Waffe, entsicherte sie, hob den Arm und gab einen Schuss durch die Waggondecke ab. "Verhaltet euch ruhig!", brüllte er und hielt mit der linken Hand seine Polizeimarke vor die erschrockenen Gesichter. "Und macht gefälligst Platz!" Dann raunte er Sorokin an: "Schnell, zum Cockpit!"
Die Ameise sorgte für den freien Weg, ohne Bobrow auch nur einen Moment lang loszulassen. Die letzte Tür öffnete er gewaltsam mit einem Fußtritt. Ein Uniformierter saß am Steuer der U-Bahn und hob sofort die Hände.
Noch ein letztes Mal fragte Komsomolzev: "Aljoscha, ist Fedor zu sehen?"
"Definitiv nicht."
Er wendete sich an den Fahrer: "Okay. Wir lassen die Station Barrikadnaya heute aus. Du wirst so schnell durch die Station fahren, wie es nur geht, sonst wird dein Zug wie ein Sieb aussehen. Verstanden? Die Typen, die dort warten, verstehen keinen Spaß."
"Das geht aber nicht", erklärte der Alte. "Wenn das Signal auf ›Halt‹ steht, werden wir automatisch gestoppt."
"Dann rede mit deinen Leuten. Sag, der Geheimdienst hat deinen Zug gekapert und dieser wird durchfahren. Und zwar mit höchstem Tempo!"
Der Mann war leichenblass und nickte. Während er das Tempo der Bahn erhöhte, sprach er mit seiner Streckenüberwachung. "Sie sagen, sie hätten den Befehl, den Wagenzug zu stoppen", sagte schließlich seine trockene Stimme.
Sorokin nahm dem völlig fertigen Mann das Sprechgerät aus der Hand. "Mit wem rede ich?"
"Wer ist da?"
"Hier ist Anatolij Sorokin. Teilen Sie Ihrem liebenswerten Oberst Daniel Leonidowitsch Schestakow mit, dass er seinen Teil der Vereinbarung nicht erfüllt hat. Wenn unser Signal nicht auf ›freie Fahrt‹ steht, sprenge ich die gesamte Bahn in der Station Barrikadnaya in die Luft. Und damit auch seine ganze verdammte Abteilung. Das ist mein letztes Wort. Ende."
Zitternd übernahm der Fahrer wieder das Sprechgerät und steckte es in die Halterung. "Noch steht das Signal auf ›Halt‹", raunte er.
"Ist das die maximale Geschwindigkeit?", fragte Komsomolzev und klopfte dem Mann leicht auf die Schulter.
"Schneller geht nicht, sonst fliegen wir unmittelbar nach der Station aus den Schienen, wenn die Weiche kommt", raunte der Mann. "Wir erreichen die Station Barrikadnaya in dreißig Sekunden. Pünktlich 8:11 Uhr."
"Was ist mit dem Signal?"
"Es sagt: ›Halt‹."
Mit kreischenden Rädern fuhr die Metro in die Station ein. Schestakows Leute wichen von der Bahnsteigkante zurück.
"Die Strecke ist freigegeben!" Der Fahrer lachte sichtlich erleichtert auf. "So schnell bin ich noch nie durch diese Station gefahren!" Der Zug hatte die Station bereits hinter sich gelassen. "Bis zur Puschkinskaya sind wir jetzt ziemlich lange unterwegs."
Komsomolzev schaute Sorokin fragend an. Der nickte, dessen Gedanken erahnend.
"Gibt es auf diesem Abschnitt einen Kontrollschacht an die Oberfläche?"
"Einen? Jede Menge gibt es da. Am besten, ihr nehmt den am Patriarchenteich, da kommt ihr direkt in einem Wartungsraum in der Malaya Bronnaya Ulitsa raus."
"Okay." Sorokin nickte. "Bring uns so schnell es geht dorthin."
"Sicher, sicher", raunte der Mann. "Sie werden dann ganz bestimmt den Zug nicht in die Luft sprengen?"
"Wir haben doch gar nichts zum Sprengen dabei", antwortet Sorokin. "Absolut nichts."
"Es war also nur eine Finte?" Der Alte kicherte. "Es war also nur eine Finte. - Nu, vsjo khorosho, chto khorosho konchayetsya ..." Ein Deutscher hätte gesagt: "Ende gut - alles gut". "Jedenfalls müsst ihr rechts aussteigen und in den Rettungsschacht gehen. Alle Türen lassen sich von unten öffnen. Nur von oben nicht. Es gibt also kein Zurück in den Schacht." Er blickte auf seine Armbanduhr, die er neben den Bedieninstrumenten befestigt hatte. "In sechseinhalb Minuten sind wir da. Ich werde an der Stelle ganz langsam fahren."
*

Vierzehn Minuten später liefen die drei Männer bereits durch den Park, unmittelbar am Ufer des Patriarchenteiches entlang.
Ganz plötzlich schritt Sorokin auf eine Eiche zu und schlug heftig mit der rechten Faust gegen deren Rinde, was dem Baum allerdings wenig Schaden zufügen konnte. Dann drückte er die eigene Stirn auf seine Faust.
"Das war eine Kriegserklärung!", zischelte er. "Wenn meinem Fedor auch nur ein einziges Härchen gekrümmt wird, dann ... - Ich bin schuld an Fedors Verschwinden. Er hat mir vor dem Haus von Katie von dem Überwachungsfahrzeug erzählt. Ich wollte ihm nicht glauben. Also ist er losgerannt und wollte mit seinem Handy eine Tonaufnahme machen, um es mir zu beweisen. Ich ..."
Komsomolzev schlug seinem ungleich stärkeren Freund derb auf die linke Schulter. "Tolik, noch gibt es keinen Grund zum Verzweifeln. Vielleicht sollten wir die Medien einschalten, um Jerchow unter Druck zu setzen?"
Sorokin schaute auf. Seine Augen glänzten feucht. Genau das war bei seinen Augen nur höchst selten der Fall.
"Niemals! Damit gefährden wir nicht nur die Journalisten, sondern vor allem Fedor. Das ist der völlig falsche Weg, Sascha." Noch einmal schlug Sorokin gegen die Eiche, als hätte er vor, sie mit der bloßen Hand zu fällen. "Wir brauchen jemanden, der über Fedors Aufenthaltsort auspackt. Und wir müssen Jerchow etwas wegnehmen, was er unbedingt zurückhaben will. Das muss unser Lösungsansatz sein!"
Konstantin Bobrow betrachtete die Schuhspitzen seiner schwarzen Lackschuhe. "Man kommt an seine Goldmünzensammlung ran. Mit viel Mühe, meine ich."
Komsomolzev und Sorokin zeigten sich auf einmal sehr interessiert.
"Jerchows Haus steht in einem der sichersten Wohngebiete Moskaus", erklärte Komsomolzev. "Außerdem wird er seine Sammlung nicht auf dem Fußabtreter präsentieren."
"Nein. Wird er nicht. Er bewahrt sie in seinem Panic-Room auf. Und der wird bewacht und ist elektronisch gesichert. Aber ..."
"Aber?", fragten die beiden Zuhörer gleichzeitig, weil ihnen die Pause ein wenig zu lang wurde.
"Bewacht wird der Raum von Leuten wie mir. Und den Code kennt Olga Timurowna."
Komsomolzev blickte Sorokin fragend an. "Was ist, Tolik, wird uns Jerchows Frau behilflich sein?"
Der nickte. "Ja. Ich vermute, dass sie es tun wird. Sie war in der ›Weißen Rose‹ sehr vertrauenswürdig."
"Sag ruhig ›anzüglich‹. Okay. Versuchen wir es." Komsomolzev schaltete das Funkgerät ein und kontaktierte Alexej Borjenka Kasakow. "Aljoscha? Nimm den Transporter und hol uns nördlich des Patriarchenteiches ab." Dann reichte er Sorokin ein Handy. "Ruf die Jerchowa damit an. Die Nummer ist unter Position sechs gespeichert."
Sorokin nickte, nahm das Handy und wählte die Nummer. Er entfernte sich einige Schritte und hörte das Freizeichen.
Es war tatsächlich ihre Stimme, die er hörte. "Ja?"
"Ich bin es. Die Ameise. Der Mann von gestern ..."
Sie unterbrach sofort. "Mein Horny Rossii? Wie geht es meinen Jungs Kostja und Ignascha? Ich lass dir den Schwanz abhacken, wenn ihnen etwas zustößt, Süßer!"
"Ich kann Ihnen versichern, dass es beiden gut geht. Kostja ist hier bei mir und Ihr Sohn ist in Sicherheit. - Aber ... Der Plan ist nicht aufgegangen. Ihrem ehrenwerten Gatten scheint selbst Kostja völlig egal zu sein."
"Schade. Aber auch kein Wunder", hauchte sie. "Solch süße Fickärsche gibt es schließlich an jeder zweiten Ecke in unserer Stadt. - Und nun?"
"Hören Sie, Olga Timurowna, ich muss meinen Sohn finden. Und ich muss Ihren Gatten unter Druck setzen."
Sie lachte am anderen Ende. "Ich ahne es! Ihr wollt also seine Goldmünzen klauen? Da habt ihr mächtig dran zu schleppen. Seit der Finanzkrise hat mein lieber Boris Jewgenij Unmengen davon gehortet."
Kurzerhand fragte Sorokin: "Werden Sie uns behilflich sein?"
Die Jerchowa schwieg zunächst. "Es sind im Moment zwei Wachmänner hier. Sie stehen direkt am Eingang."
"Helfen Sie uns also?" Sorokin wartete auf eine Antwort. Doch die Jerchowa hatte bereits aufgelegt. Die Ameise ging zu Komsomolzev und reichte ihm das Handy. "Olga Timurowna wird euch helfen", sagte er.
"Euch? Wirst du nicht dabei sein, Tolik?" Komsomolzev schaute Sorokin fragend an.
Der schüttelte den Kopf. "Ihr seid zu dritt. Mehr Leute sind nicht notwendig für diese Aktion. Ich hole mir in der Zwischenzeit Schestakows Schatten, seine Olga Antonowna Nowikowa, und quetsche alles aus ihrem Gehirn heraus, was mit Fedors Verschwinden zu tun hat. Allein falle ich weniger auf."
"Ein Riese wie du fällt immer auf!", konterte Komsomolzev. "Du kannst nicht ins FSB-Quartier marschieren und ..."
"Warte, warte, Sascha. Die Nowikowa wird doch Schestakow das Mittagessen besorgen, oder? Er ist immerhin ihr Oberst."
"Falsch geraten. Die beiden essen immer in der Kantine, wenn sie in der Zentrale sind. Im Einsatz zehren sie nur von ihrer Liebe." Komsomolzev lachte spöttisch. Dann nahm er erneut Kontakt zu Kasakow auf. "Bist du schon unterwegs, Aljoscha?"
"Selbstverständlich. Ich komme nur nicht vorwärts in diesem Scheißverkehr!"
"Hast du eine Ahnung, wo sich Schestakow gerade aufhält?"
"Der ist mit allen Einheiten zur Station Puschkinskaya gedüst. Das ist der letzte Stand der Dinge. Ich bin in fünf Minuten da."
Die Blicke von Sorokin und Komsomolzev trafen sich. Die Ameise zeigte in südwestliche Richtung. "Die Puschkinskaya ist dort?"
Komsomolzev nickte. "Sind 500 Meter. Zuerst kommt die Station Tverskaya. Auf der anderen Straßenseite die Puschkinskaya. Die wirst du an Schestakows Truppenaufmarsch erkennen. Wir treffen uns sechzehn null null bei mir." Er schlug Sorokin erneut auf die Schulter. "Viel Glück, Riesenbaby."
"Dir auch, Sascha. Wir sehen uns."
Sekunden später war die Ameise verschwunden.

*

"Boris Jewgenij? Hier ist Oberst Schestakow. Unser Einsatz war leider nicht von Erfolg gekrönt. Sorokin ist uns durch die Lappen gegangen. Er hat mir persönlich gedroht, falls er seinen Sohn nicht zurückbekommt."
"Ich kann jetzt nichts tun, das Balg bleibt jedenfalls, wo es ist. Wir reden gegen 15 Uhr wieder miteinander, dann bin ich zurück in Moskau. Finden Sie Sorokin und die Wolkowa!"


Nähe Podol'sk 16. April

Eiskaltes Wasser stürzte über das "Balg", ließ es aus der Ohnmacht erwachen und seinen Mund nach Atemluft ringen. Seine Handflächen fuhren über den Boden. Fedor spürte grobe Fliesen mit vielen Rissen. Er war völlig nackt.
Als das Wasser von ihm geflossen war, brüllte die Stimme eines jungen Mannes: "Los, hoch mit dir, Bastard!"
Fedors Gesicht und das rechte Handgelenk schmerzten stark. Taumelnd stand er auf. Er wollte sich mit dem Klicksonar orientieren, doch das gelang ihm nicht, denn Zunge, Lippen und Wangen waren angeschwollen. Er sah die Faust nicht, die kurz darauf seinen Bauch traf, und er schlug mit den Kniescheiben auf den Fliesen auf.
"Du wirst tun, was ich dir befehle!", brüllte die Stimme. "Wolltest mich wohl töten mit diesem Scheißding? Das könnte dir so passen, Bastard!"
Fedors Lungen bettelten nach Luft. Er kniete auf dem Boden und röchelte. Im selben Moment traf ihn ein harter Schuhtritt von hinten zwischen die Beine. Der Junge krümmte sich auf den Fliesen, schrie vor Schmerzen und hielt die Hände zwischen die Beine. Noch einmal trat der Typ zu, dieses Mal in Fedors Seite.
"Mit mir legst du dich nie wieder an! Hast du verstanden? Sonst wirst du totgefickt! Versprochen!", brüllte die Stimme.
Fedor vergrub sich unter den eigenen Armen in Erwartung eines neuen Schlages.
"Steh auf! Sonst mach ich dir Beine!", kreischte es.
Der Junge konnte sich nicht erheben, die Schmerzen im Unterleib waren zu stark.
Der Fremde zerrte ihn ohne Rücksicht hoch und riss Fedor mit sich. Hinaus aus dem Waschraum in einen Flur. Fedor hörte das Raunen verschiedener Stimmen, die allesamt sehr jung klangen. Eine Tür wurde geöffnet, der Junge stieß mit den Zehen des linken Fußes gegen eine Schwelle, stolperte und wurde zudem von diesem Kerl, der ihn am linken Arm gepackt hatte, mit einem weiteren Fußtritt in den Allerwertesten in diesen Raum gestoßen.
Jammernd und nackt lag Fedor auf dem Fußboden und krümmte sich erneut. Er spürte, dass noch andere Personen anwesend waren.
"Zeigt dem Neuen, wo es langgeht!", brüllte der Schläger. "Ihr solltet kein Mitleid mit ihm haben. Er hat euch als Abschaum bezeichnet und ihr solltet besser abgeschlachtet werden, hat er gesagt."
Die Tür krachte zu und wurde von außen abgeschlossen. Der Typ, dessen Körpergeruch unvergesslich in Fedors Gehirn gespeichert war, hatte den Raum verlassen. Jemand näherte sich, verrieten ihm die Bodendielen. Fedor konnte die fremden Füße direkt vor der Nase riechen. Kurz darauf drückte eine Fußsohle auf Fedors Gesicht. Jedoch nicht so, dass es zusätzlichen Schmerz verursacht hätte.
"Hast du das wirklich über uns gesagt?", fragte eine Stimme. Sie schien einem Jungen zu gehören, der ungefähr in Fedors Alter war.
"Habe ich nicht", hauchte Fedor.
Der Fuß verschwand aus Fedors Gesicht. "Das will ich für dich gehofft haben. Sonst mach ich dich nämlich fertig. Das kannst du wissen. - Warum bist du hier?"
"Ich wurde entführt", flüsterte Fedor. Allmählich ließen die Schmerzen in seinem Unterleib nach.
Die Jungs belächelten Fedor, der die Anwesenheit von drei Kindern spürte.
"Quatsch nicht so blöd! Warum bist du wirklich hier? Und wie heißt du überhaupt?", fragte der, der nun wieder vor Fedors Kopf stand.
"Der Geheimdienst ließ mich entführen. Welche vom FSB." Fedor hob den Kopf ein wenig an. "Ich heiße Fedor Sorokin. Und dass ihr es wisst: Ich lebe in Leipzig, in Deutschland. Ich bin nur als Urlauber hier. Und ich werde bestimmt nicht lange hierbleiben. Wer war der Typ eben?"
Erneut lachten die Jungs. "Nun klar, du bist ein Germane. Das glaubst du doch selbst nicht! Das eben war jedenfalls der Pope. Einer von den Aufsehern. Er heißt Popow, aber alle nennen ihn den Popen. Du hast ihn ziemlich wütend gemacht. Was war das für ein Ding, mit dem du ihn angegriffen hast? Sie erzählen, er wäre durch den ganzen Flur geflogen, mit dem Kopf gegen eine Wand geknallt und hätte einen gewaltigen roten Fleck auf dem Wanst." Noch einmal erklang das Lachen. "Ich bin übrigens Danilo. Ich bin hier der Stubenälteste. Und deshalb musst du mir gehorchen. Und nun steh schon auf und zieh dich endlich an! Du nimmst das Bett in der Ecke, unter Piotr, unserem Hosenscheißer. Da regnet's manchmal in der Nacht, wenn Piotr zu viel getrunken hat." Erneut lachten alle.
Einer der Jungen schimpfte mit hoher Stimme: "Stimmt ja gar nicht. Ich habe schon seit vier Tagen nicht mehr ins Bett gepinkelt."
Fedor stützte sich mit den Armen ab und kniete nun auf dem Boden. Extrem schmerzte vor allem das rechte Handgelenk. "Mein Papa wird diesen Popen töten", raunte er. "Verlasst euch drauf. Langsam und schmerzvoll. Vielleicht tue ich es auch selbst."
"Ach so? Und wo ist dein allmächtiger Vater jetzt?", fragte eine dritte Stimme.
"Er wird mich finden, keine Angst. Papa war bei den Schwarzen Baretten und ist jetzt in einer deutschen Spezialeinheit." Fedor hielt die linke Hand nach oben zu Danilo. "Hilfst du mir hoch?"
"Vergiss es!" Danilo half nicht.
Fedor quälte sich auf und streckte gewohnheitsgemäß die Arme aus, um Hindernisse zu erfühlen. Seine rechte Hand schmerzte bestialisch. Die Scham, nackt zu sein, war bei ihm nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei einem sehenden pubertierenden Jungen.
"Wo sind meine Sachen?", fragte er auf Deutsch und dann nochmals auf Russisch.
Der vierzehnjährige Danilo, der neunjährige Piotr, dessen zwölfjähriger Bruder Lew und der meist schweigende dreizehnjährige Junge Mischa, die hier im Kinderheim - das den offiziellen Namen "Podol'sker Erziehungsheim für Kinder und Jugendliche ›Wladimir Iljitsch Lenin‹" trug und angeblich eng mit Makarenkos Lehren verbunden war - gemeinsam die kleine Stube bewohnten, erstarrten und beobachteten den außerordentlich merkwürdig auftretenden fremden Jungen.
"Was ist, ihr seid plötzlich so leise?", fragte Fedor, der nur den Atem der Jungs hörte. "Ja, verdammt, ich bin blind. Ich kann nichts sehen und ich kann nichts dafür, dass es so ist. Dafür kann ich aber ganz gut hören. Und jetzt höre ich gerade nichts von euch."
Danilo blickte den kleinsten Kameraden an und machte eine Kopfbewegung. Piotr griff nach Fedors rechter Hand. Der aber zuckte zurück und biss sich auf die Zähne, denn diese Hand schmerzte sehr. Er hielt dem kleinen Jungen seine linke Hand hin. "Bitte nimm die. Ich glaube fast, bei der anderen Hand ist irgendwas gebrochen."
"Ich heiße Piotr. Bist du wirklich blind? Kannst du denn gar nichts sehen? Woher weißt du dann, wann Tag oder Nacht ist?" Der Neunjährige führte Fedor durch den Raum. "Das Klappergestell ist unser Bett, du siehst es zwar nicht, aber du wirst es klappern hören. Du hast eine Decke, die immer ganz genau zusammengelegt sein muss. Wie du das machen sollst, ist mir aber ein Rätsel. Vielleicht helfe ich dir dabei. Am Tag dürfen wir nicht auf die Betten, nicht mal draufsetzen dürfen wir uns." Er hob Fedors linke Hand, bis die ein schmales Bord berührte. "Und hier sind zwei Regale. Das hier ist meins und das rechte ist deins."
"Das ist aber das linke!", rief Danilo dazwischen. "Wann merkst du dir endlich, was rechts und was links ist, Hosenscheißer?"
Piotr ließ Fedors Hand los und kratzte sich ausgiebig die kurzen, verwirbelten Haare. "Woher soll ich das denn wissen, wenn es immer hin und her wechselt?"
Die Jungs lachten spöttisch. "Klar doch, es wechselt ..."
"Da oben muss jedenfalls dein Waschzeug drauf liegen. Und unter dem Regal steht dein Hocker", erklärte der Kleinste weiter. "Der hat noch ein Fach unter dem Sitz. In der Nacht müssen da die Sachen liegen. Auch zusammengelegt. Die blöden Erzieher finden das aber nie gut genug. Außer Lana vielleicht. Unten drunter - unter den Sachen - müssen die Schuhe stehen, wenn du welche hast. Und bevor wir ins Bett dürfen, müssen wir auf unseren Hockern stehen und ..."
Danilo unterbrach ihn erneut. "He, Hosenscheißer, das kriegt er früh genug mit!"
Fedor beugte sich nach vorn und suchte mit der linken Hand unter dem Hocker. Er fand einige Sachen. "Das sind aber nicht meine", stellte Fedor jedoch sofort fest.
"Deine Sachen? Mann, wir kriegen welche aus der Lumpensammlung. Sei froh, wenn du überhaupt was anzuziehen hast." Zum ersten Mal hatte Lew, Piotrs älterer Bruder, gesprochen. "Ich musste mal wochenlang in Unterhosen und Gummistiefeln rumrennen. Das war vielleicht peinlich. Und mitten im arschkalten Winter! Außerdem kann es dir völlig egal sein, wie die Klamotten aussehen. Du siehst sie ja doch nicht."
"Warum lauft ihr nicht einfach weg?", fragte Fedor, während er die Kleidungsstücke ertastete und schließlich in eine weite Hose kroch und sich in ein enges T-Shirt zwängte.
"Sie fangen dich sofort wieder ein und dann setzt es Dresche", antwortete Danilo. "Komm, wir suchen dir ein Paar Schuhe."
Fedor hielt die rutschende Hose fest, die nur bis zur Mitte der Waden reichte. Er stand da und versuchte zu klicken. Allmählich gelang es ihm, wieder einige reflektierte Wellen zu empfangen. Er nahm die Umrisse des Zimmers wahr, entdeckte zwei Doppelstockbetten und ein einzelnes direkt neben der Tür. Es gab ein Fenster, die Regale und die Hocker. In der Mitte stand ein quadratischer Tisch. Das war alles.
Lew näherte sich. Er war kleiner als Danilo, aber deutlich größer als Piotr. "Du musst den Strick richtig festbinden." Er half Fedor, zog das Band an der Hose fest und machte erst einen Knoten und dann eine Schleife. "Sonst verlierst du sie. - Was machst du da Komisches?"
Vorsichtig streckte Fedor den linken Arm aus und berührte Lews Kopf. "Das ist mein Sonar. Damit kann ich ein bisschen sehen. So ähnlich wie die Fledermäuse."
Lew schüttelte Fedors Hand ab. "Lass das! Fass mich bloß nicht an!", schimpfte er. "Oder bist du etwa schwul?"
"Nein, ich glaube nicht, dass ich schwul bin", antwortete Fedor. "Wenn ich dich aber berühre, dann kann ich erfahren, wie du aussiehst. Das heißt nicht, dass ich was von dir will."
Mit zwei kleinen Schritten wich Lew zurück. Stattdessen kam Piotr, nahm Fedors linke Hand und führte sie an seine Wange. "Und, wie sehe ich aus?", fragte der Kleinste. "Siehst du mich jetzt?"
Fedor tastete ganz vorsichtig Piotrs Gesicht ab, schließlich dessen ganzen Kopf. "Du hast abstehende Ohren und eine kleine Nase. Du bist ziemlich dünn." Er schnüffelte an dem Junge und hustete absichtlich. "Und ich kann riechen, dass du tatsächlich manchmal einpinkelst."
Wieder lachten alle.
Draußen brüllte eine Stimme: "Raustreten zum Frühsport!" Ein Schlüssel klapperte an der Stubentür.
"Los jetzt!", forderte Danilo und griff nach Fedors linker Hand. "Gleich ist Frühsport und danach Frühstück. Du brauchst ein Paar Schuhe. Deine richtigen Schuhe hat sich der Pope gegriffen. Hab ich gesehen, die hatte er gestern noch nicht." Er zog Fedor aus dem Zimmer. Der Neuling klickte unablässig, erkannte einen Flur, von dem Türen in andere Zimmer führten. Überall waren Stimmen zu hören, die allesamt zu Jungen gehörten.
"Gibt es hier keine Mädchen?", fragte Fedor.
"Doch. Aber die sind im Haus zwei. Wir sehen die Weiber höchstens in der Schule."
"Schule?"
"Die ist nach dem Frühstück. Und nach der Schule ist Arbeiten angesagt."
"Arbeiten?"
"Ja. Immer müssen wir irgendwelches Zeug zusammenbauen. Sie nennen das Ausbildung. Aber in Wirklichkeit müssen wir für einen Sohn des Heimleiters schuften. Es ist sein Betrieb. - Warte mal." Danilo wühlte in einer Kiste, in der viele alte Schuhe lagen. Oft gab es aber nur einen einzelnen Schuh. Schließlich hatte er zwei ausgetretene Sandalen gefunden und drückte sie Fedor gegen den Bauch. "Probiere die."
Fedor zog die Schuhe an, nachdem er ihre Form ertastet hatte, Danilo half ihm mit den Schnallen. Der blinde Junge hörte Schritte und hob den Kopf. Wieder klickte er und seine Nasenflügel bewegten sich heftig. Die Schritte hielten unmittelbar vor ihm an.
"Erzieherin Dunja!", flüsterte Fedor erschrocken.
Die Erzieherin zerrte Danilo am Kragen. "Sag schon, ist der Neue wirklich blind?"
"Ja, Erzieherin Dunja", antwortete der Stubenälteste und blickte unablässig auf den Boden.
"Denkst du, er kommt tatsächlich aus Deutschland?"
"Ja, Erzieherin Dunja. Das denke ich."
Die Frau ließ Danilo los, griff an Fedors Kinn und hob seinen Kopf noch etwas höher. "Wie ist dein vollständiger Name?"
"Das wissen Sie doch längst. Ich heiße Fedor Sorokin", antwortete Fedor wahrheitsgemäß und zuckte zurück, denn die Frau schlug auf seine rechte Wange.
Während die Erzieherin davonschlich, raunte sie: "Fedor Sorokin! Dann haben wir uns wahrlich einen Teufel ins Haus geholt!"
"Die spinnt ja total", flüsterte Fedor.
Danilo blieb sehr ernst. "Gut, dass du das auch schon merkst. Was ist mit deiner Mutter?", flüsterte er auf dem Weg nach draußen.
"Sie wurde in Magnitogorsk umgebracht, als ich noch ein kleines Baby war."
"Also kennst du sie gar nicht?"
"Nein. Ich weiß nur, dass sie mich immer ›Zuckernäschen‹ genannt hat."
"Meine Mutter hat mich vor eine Kirchentür gelegt. Auf die obere Stufe der Blagoweschtschenski Sobor. Ein Tourist soll mich gefunden und drinnen abgegeben haben. Wie meine Mutter mich genannt hat, werde ich nie erfahren." Danilo winkte ab. "Aber was soll's. Geschehen ist geschehen."


Moskau 16. April

Sorokin hatte sich unter die Passanten gemischt und beobachtete die gegenüberliegende Straßenseite, von der man im Laufschritt die Metrostation Puschkinskaya erreichen konnte. Oberst Daniel Leonidowitsch Schestakow schien nicht jeden seiner Truppenteile für den zweiten Einsatz zu nutzen, denn am Straßenrand standen nur fünf Fahrzeuge, die eindeutig zum FSB-Team und zur Abteilung URPO gehörten.
Drei der Fahrzeuge waren unbesetzt, die Mannschaft hielt sich wahrscheinlich in der U-Bahn-Station auf. An einem Fahrzeug stand ein junger Mann in Zivil, jedoch mit einem Headset bewaffnet. Im ersten Fahrzeug, dem gleichen schwarzen Mercedes Vito, von dem aus die Wohnung von Jekaterina Ruslanowna Wolkowa observiert und mit dem wahrscheinlich Fedor entführt worden war, saß die männlich anmutende Olga Antonowna Nowikowa.
Sorokin überquerte die vielspurige Chaussee, näherte sich diesem Fahrzeug und beobachtete die Frau, die kräftig und wie eine Gewichtheberin eher mit männlichen Hormonen gefüttert wirkte. Sie saß, ohne mit den Wimpern zu zucken, auf dem Fahrersitz und musterte den Ausgang der Metro aus ihren Sehschlitzen, wie eine Raubkatze bereit zum Sprung!
Viel Zeit hatte die Ameise nicht zur Verfügung. Sie folgte einer jungen Frau, die dicht an der Beifahrertür des Vito vorübergehen würde. Als Sorokin die Tür erreicht hatte, entsicherte er seine Makarow, riss die Tür auf, sprang mit einem Satz hinein, zog die Tür sofort wieder zu und brüllte die Nowikowa an: "Fahr los! Sofort!", während er das Laufende der Pistole an ihren Hinterkopf hielt und sich duckte. Mit der rechten Hand riss Sorokin etliche Kabel aus dem Funkgerät des Fahrzeugs.
Die Nowikowa hatte noch immer nicht mit einer einzigen Wimper gezuckt. Sie startete den Wagen und mischte sich in den Moskauer Verkehr.
Sorokin blickte in den Rückspiegel. Ein schwarzer Transporter des Teams folgte. "Hängen Sie ihn ab!"
Der Vito erhöhte das Tempo und folgte der achtspurigen Straße Richtung Norden. Mehrfach bog die Nowikowa ab. Ein Parkeingang kam in Sorokins Sichtfeld.
"Fahren Sie in den Park!", befahl er kurz und trocken. Fast hob der Vito an einem Graben ab, er fing sich jedoch wieder. Die Nowikowa fuhr einen schmalen Waldweg entlang. Im Schutz vieler Büsche ließ Sorokin das Fahrzeug stoppen. Kaum stand es still, griff er nach dem rechten Arm der Frau, öffnete die Beifahrertür, zerrte sie mit hinaus und sie rannten sofort los. Sie näherten sich einer Brücke, die über ein schmales Gewässer führte. Sorokin zog die Frau mit sich, sie liefen und rutschten eine Schräge hinunter. Am Ufer, unter dem Brückenbogen, nahm Sorokin der Nowikowa die Waffe ab und gab ihr einen Stoß, so dass sie umfiel und vor ihm auf dem Boden saß. Er richtete die eigene entsicherte Waffe auf ihren Kopf. "Reden Sie! Wo ist mein Junge?"
Sie lachte auf. "Welchen Jungen meinen Sie?"
Ein trockener Haken mit der linken Faust folgte. Sorokin traf ihre rechte Schläfe. Dann griff er an ihre Anzugjacke und schüttelte die Frau. "Los, verdammt! Reden Sie, Olga Antonowna! Sie haben drei Sekunden!" Sorokins Laufmündung zitterte an ihrer Stirn. "Oder wollen Sie Ihr Leben tatsächlich für einen Idioten wie Jerchow hergeben? In dieser Angelegenheit verstehe ich keinen Spaß! Haben Sie das verstanden?"
Das Lachen war ganz plötzlich aus ihrem Gesicht gewichen. "Ich weiß nichts von einem Jungen", zischte sie. "Ich schwöre!"
"Okay. Es ist Ihre Entscheidung." Sorokin verzog das Gesicht. "Wenn es auch Ihre letzte ist." Dann zählte er rückwärts: "Drei ... zwei ... eins ..."
Ein Schuss löste sich aus der Makarow. Die Nowikowa zuckte kurz. Mehr tat sie nicht. Das Projektil schlug im Betonfuß der Brücke ein.
Sorokin tropfte Speichel aus dem Mund. "Reden Sie! Wo ist mein Kind?" In Ermangelung einer Antwort färbte sich Sorokins Gesicht dunkelrot. Er zerrte die kräftige Frau mit einem Arm hoch, ergriff von hinten ihren Hals und warf sie unmittelbar am Ufer in den Schlamm. Mit dem linken Knie hockte er auf ihrem Rücken und drückte das Gesicht des Mannsweibes in den wässrigen und stinkenden Uferschlamm. Nach vierzig Sekunden begannen sie mit ihren Armen und Beinen zu zappeln, doch Sorokin ließ nicht locker. Erst nach siebzig Sekunden riss er den Kopf an den Haaren aus dem Matsch. Die Nowikowa holte tief Luft, Schlamm troff aus ihrem Gesicht.
"Ist Ihnen was eingefallen?" Sorokin wartete die Antwort nicht ab, sondern tauchte das Gesicht erneut unter. Unmengen von Blassen blubberten aus der seichten Brühe.
Eine Minute später zerrte Sorokin die Frau herum. Sie lag auf dem Rücken und spuckte. Eine Hand der Ameise drückte ihr am Hals die Luft ab.
"Ich warte nicht mehr lange, Olga Antonowna. Als Nächstes folgt die letzte Runde. Wo ist mein Kind?"
"Fragen Sie den Oberst", röchelte sie. "Ich kenne den Informanten nicht."
"Wo habt ihr meinen Jungen versteckt?" Sorokin griff in die Haare der Frau und hielt ihren Kopf ein wenig hoch.
"Irgendwo im südlichen Moskau. Ich weiß es nicht."
"Rufen Sie Oberst Schestakow hierher! Er soll allein kommen. Jetzt, sofort!"
"Er wird keine Rücksicht auf meine Person nehmen. Ich kenne ihn nur zu gut."
Sorokin zögerte. "Warum tun Sie das für einen wie Boris Jewgenij Jerchow?" Wieder riss er an den Haaren der Frau.
"Sie haben keine Ahnung, Ameise. Die Sonderabteilung Upravlenije Razrabotki Prestupnykh Organizatsij infiltriert nicht nur kriminelle Organisationen."
"Was soll das heißen? Und woher kennen Sie meinen Codenamen?"
"Sie haben doch einen Kopf zum Denken. Oder verlernt man das Denken etwa in Deutschland? - Ich kann Oberst Schestakow nicht kontaktieren. Ich muss eine Reaktion von Boris Jewgenij Jerchow abwarten. Glauben Sie mir das oder töten Sie mich!"
"Verdammt! Sie sind doch angeblich mit Daniel Leonidowitsch verheiratet!", brüllte Sorokin.
"Verheiratet? Wenn überhaupt, dann liiert. Vielleicht bin ich aber auch das weniger, als Sie denken. Sie sollten sich jedoch dessen gewiss sein: Rufe ich den Oberst hierher, wird er Sie und mich auf der Stelle töten lassen. Egal ob der Park danach noch existiert oder nicht."
Sorokin ließ die Frau los und erhob sich. Bevor er etwas dagegen tun konnte, schnellten jedoch ihre Beine herum, klemmten seine ein und fällten mit einem Schlag den Riesen, der auf den Boden krachte. Den Bruchteil einer Sekunde später hielt die Nowikowa seine Waffe in der Hand, unmittelbar auf Sorokins Stirn gerichtet, klemmte den gewaltigen Ameisenkörper so ein, dass sich Sorokin keinen Millimeter bewegen konnte und lächelte aus einem schmutzigen Gesicht mit tiefen Lebensfurchen heraus den Besiegten an. Sie ballte die linke Hand zu einer Faust und schlug heftig zu. Einmal, zweimal, dreimal. Aus Sorokins Nase lief ein rotes dünnes Rinnsal.
"So, mein Lieber", raunte sie anschließend und tätschelte die rechte Wange der Ameise. "Jetzt sind wir quitt. Sie sind mir im Grunde genommen ganz sympathisch, Anatolij Sorokin, sonst wären Sie wahrscheinlich längst tot. Aber hören Sie mir gut zu: Ihr Junge wird nicht sterben. Da, wo er jetzt ist, wird er bestenfalls etwas abgehärtet. Nach seinem Abenteuer wird er definitiv begriffen haben, wie gut es ihm in Deutschland geht. Halten Sie also die Füße still, sonst schaden Sie ihm. Mitunter ist alles ganz anders, als man denkt." Ihre linke Hand nahm eine winzige Spritze aus der Jackentasche. Mit den Schneidezähnen entfernte sie eine Plastikabdeckung, dann stach sie in seinen Hals.
Jedes Licht um Sorkin verdunkelte sich.


Nähe Podol'sk 16. April

Erneut lag Fedor zusammengekrümmt in der engen Kammer.
Alles war gekommen, wie Danilo es angekündigt hatte. Er erinnerte sich: Zunächst mussten sie hinaus ins Freie laufen. Der Pope passte auf die Jungs auf. Sie sollten Runden auf dem Hof rennen, immer und immer wieder im Kreis. Der Erzieher brüllte währenddessen ununterbrochen. Fedor versuchte den Schritten des Stubenältesten zu folgen und stolperte oft im Lauf, denn der Boden war uneben und steinig. Dann aber fiel er über ein Bein des Popen und stürzte der Länge nach in den Dreck. Während sich Fedor aufrappeln wollte, donnerte die Stimme des Aufsehers: "Los, mach gefälligst zwanzig Liegestütze, Blindfisch! Nicht mal richtig laufen kannst du!"
Fedor drückte mit zusammengebissenen Zähnen die Liegestütze, wenngleich die Kräfte allmählich nachließen und er sich rechts mit dem Unterarm abstützen musste. Der Pope zählte laut mit und brüllte zwischendurch: "Ihr anderen lauft gefälligst weiter! - Und jetzt zwanzig Hockstrecksprünge, Bastard! Aber richtige!"
Erneut gehorchte der Junge. Doch immer, wenn er aus der Hocke mit gestreckten Armen nach oben sprang, traf ihn ein zwitschernder Stock vorn zwischen den Beinen. Nach dem zwanzigsten Hockstrecksprung ging er schließlich in die Knie, denn der Atem blieb ihm weg. Er spürte einen derben Schlag auf den Rücken und knallte auf den Boden.
"Los, Blindfisch, steh gefälligst auf!", brüllte der Pope und trat ihm in die Seite. "Hoch mit dir, du Dreckschwein!"
Fedor konnte nicht aufstehen. Der Tritt bescherte seinem Unterleib erneut starke Schmerzen.
Wieder trat der Aufseher heftig zu. "Zum letzten Mal: Hoch mit dir, elende Missgeburt!"
Mit einem Ruck rollte sich Fedor auf den Rücken. Er spürte und roch den Popen daraufhin unmittelbar über sich und hörte dessen Atem ganz in der Nähe seines Kopfes.
"Dich mach ich fertig, missgebildetes Arschloch! Du wirst dir wünschen, nie geboren zu sein!", brüllte der Pope und rotzte Fedor ins Gesicht.
Ganz plötzlich schoss Fedors Kopf hoch und traf mit voller Wucht die Nase des Popen, die dabei deutlich hörbar knirschte. Der Pope taumelte rückwärts, hielt sich die bluttriefende Nase und fluchte.
Mindestens dreißig Jungs näherten sich und bildeten einen Kreis um den Ort des Geschehens.
Vorsichtig erhob sich Fedor, um ein paar Schritte zurückzuweichen. Jedoch rauschte eine Faust auf ihn zu und traf tief in seinen Magen. Während Fedor zusammensank, traf ein Fußtritt sein Gesicht und warf ihn erneut zu Boden. Der Pope stürzte sich auf Fedor und schlug unablässig auf den Jungen ein. Wie tot lag Fedor da und wehrte sich nicht mehr.
Dann aber traf ein Blitzschlag den Popen, sein Schädel schien zu bersten, der Treffer ließ ihn ohnmächtig werden, sein Körper deckte Fedor zu, das Blut der beiden mischte sich.
Danilo hatte dem Erzieher mit einer von einem Zaun abgebrochenen Latte mit all seiner Kraft und riesiger Wut gegen den Hinterkopf geschlagen. Er ließ die Latte fallen und warf einen Blick in die Runde.
"Keiner hat was gesehen", flehte er. "Ihr habt alle nichts gesehen!", befahl er den meist jüngeren Kindern. "Los, Piotr, hol die Dunja!"

*

Sie hatten ihn notdürftig verarztet. Fedors rechte Hand schmerzte nun noch mehr, dazu das Gesicht, vor allem der Mund. Der Pope hatte ihm einen Eckzahn ausgeschlagen.
Fedor wusste nicht, was außerdem geschehen war und warum er noch lebte.
Dann aber hatten sie ihn wieder in das enge Kabuff gesperrt, in dem er bereits die letzten, scheinbar nächtlichen Stunden, verbracht hatte.
Hungergefühle überkamen den Jungen. Erneut war jedes Zeitgefühl von ihm gewichen. Wahrscheinlich war es noch immer dieser erste schreckliche Tag. Im Lenin-Heim herrschte derweil eine andächtige Stille, als hätten sich all die Kinder in Luft aufgelöst.
Fedor tastete seine Wunden ab. Die gesamte rechte Hand war dick angeschwollen, er konnte weder das Gelenk noch die Finger bewegen. Sein Kopf brummte quälend, die untere Lippe war aufgeplatzt und brannte. Ansonsten ging es halbwegs. Er lag auf dem harten Steinboden, fühlte nach den Füßen und war erstaunt. Er trug wieder seine eigenen Turnschuhe! - Aber warum?
Schritte näherten sich. Fedor wusste sofort, dass es die der Erzieherin Dunja waren.
Der Verschlag wurde geöffnet.
"Komm raus und benimm dich!"
Vorsichtig kroch Fedor hinaus auf den Flur und erhob sich. Dunja griff nach seinem rechten Handgelenk. Schmerzerfüllt schrie Fedor auf. "Bitte nicht! Es tut so weh."
"Hab dich nicht so!" Sie wechselte die Seite und zog den Jungen mit sich. "Daleye, vy durak!" Lauf, du Dummkopf!
Er wurde in ein Büro geführt, in dem es nach Zigarettenqualm roch. Jemand war anwesend. Die Tür wurde verschlossen.
"Setz dich!" Erzieherin Dunja drückte Fedor auf einen Stuhl. Sie selbst blieb in der Nähe stehen.
Fedor hielt sich das rechte Handgelenk. "Ich glaube, meine Hand ist gebrochen", hauchte er mit Tränen in den Augen.
"Es wird sich bald jemand darum kümmern." Die Stimme, die das sagte, gehörte zu einem Mann, den Fedor noch nicht kannte, der wahrscheinlich um die fünfzig Jahre alt und Raucher war, denn die Stimme war kratzig und trotzdem sehr bestimmend. "Wer bist du wirklich? - Sag uns die Wahrheit!"
"Sie wissen das doch längst." Gedanken zogen durch Fedors Kopf. Was sollte dieses plötzliche Verhör?
"Mich hat jemand angerufen." Schwester Dunja sprach jetzt wieder. "Ein gewisser Semjonow von der Internationalen Gesellschaft für Jugendfürsorge. Wer war das? Er hat sich nach dir erkundigt! Warum?"
Fedor schluckte und sagte nichts.
"Es gibt weder eine solche Gesellschaft noch diesen Namen in der Moskauer Jugendfürsorge. Wer hat sich nach dir erkundigt?" Nun fragte der fremde Mann eindringlich und mit harter Stimme.
"Wer sind Sie?", stellte Fedor eine Gegenfrage, was dem Herrn wohl gar nicht passte.
Er stand auf, näherte sich dem Jungen und blies ihm Qualm ins Gesicht. "Oboltus! Idiot! Soll ich meine Zigarette in deinem schönen Gesicht ausdrücken? - Antworte! Wer war dieser Anrufer?"
Der Junge hustete. "Bestimmt war es mein Vater."
"Wer ist dein Vater?"
Fedor zögerte die Antwort hinaus. "Wer soll er sein? Mein Papa eben." Und auf Deutsch sagte er: "Wahrscheinlich weiß Papa längst, dass ich hier bin. Er wird kommen und euch allen die Kehlen durchschneiden."
Der Mann griff nach Fedors lädiertem, rechtem Handgelenk und drückte derb zu. Der Junge brüllte auf, doch dieser Mann ließ nicht locker und drehte die Hand kräftig ein, so dass Fedor erneut dicke Tränen in die Augen schossen.
"Pridurok! Ich verstähen dir sehr wohl!", zischte er in gebrochener deutscher Sprache. "Also räde endlich, Missgeburt eines Faschisten!"
"Lassen Sie mich los!", brüllte Fedor, doch der Mann ließ nicht locker.
"Ich will alles wissen!" Er sprach auf Russisch weiter.
"Ich rede erst, wenn Sie mich loslassen!"
Der Mann ließ von Fedor ab und setzte sich wieder an den Schreibtisch, als wäre nichts gewesen. "Also? Ich höre!"
"Wir wollten doch nur eine Urlaubswoche in Moskau verbringen. Und dann passierte das mit dem Geheimdienst. Die haben unsere Bekannte belauscht. Und ich habe sie gehört. Und dann haben mich diese feigen Typen vom FSB mitgenommen und hierher gebracht. Mehr weiß ich auch nicht. Und mein Papa sucht mich überall." Fedor weinte gequält und wischte sich mit der linken Hand Tränen aus dem Gesicht.
"FSB?" Der Mann sprach laut, nicht mit Fedor, sondern mit der Erzieherin Dunja. "Frag Iwan, wer genau dahintersteckt, nicht dass wir einen Fehler machen." Er wandte sich wieder Fedor zu. "Hat dein Vater eine Telefonnummer?"
"Sie war in meinem Handy gespeichert. Und das haben bestimmt die Idioten vom FSB behalten."
"Wo ist dein Vater jetzt?", fragte der Mann. "Wo genau seid ihr abgestiegen?"
Erneut zögerte Fedor sekundenlang. Doch dann flüsterte er: "Bei Petja."
"Petja? Wer ist Petja?"
"Piotr Mitrofanowitsch Gussew. Ihm gehört ein kleines Hotel am Fili-Park."
Der Mann hatte sich wieder erhoben. "Sagst du auch die Wahrheit?"
Fedor zuckte zurück. Er spürte die heiße Zigarettenglut unmittelbar an seiner rechten Wange. "Ich schwöre. Es ist die Wahrheit."
Der Mann ließ von ihm ab und lief durch den Raum. "In Ordnung, Dunja, ich kümmere mich darum. Wann ist die Sprechstunde in der Klinik?"
"Die beginnt in einer Stunde."
"Lana soll mit ihm hingehen und gut auf ihn aufpassen. Vielleicht lohnt ja der Aufwand."
Die Erzieherin schloss die Tür auf und rief in den Flur: "Ruslan! Komm her, sofort!"