Leseprobe: Wer bleibt Millionär?
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Mit einem elektronisch erzeugten "Bing" verschwanden IBAN und Zeitanzeige gleichzeitig von den Bildschirmen. Das war für den Showmaster das eindeutige Zeichen, um ihn von seinem Platz aufspringen und nochmals "Geld, Geld, Geld" ansingen zu lassen, während er um die linke Theke herumtänzelte und von seinen Kandidaten - einige waren erkennbar erblasst - angestarrt wurde. Der Quotenmann blieb neben Klaus van Boomerland stehen, stützte sich mit dem rechten Arm auf der Theke ab, legte das Kinn auf die goldene Hand, drückte den linken Arm in die Seite und gab ein provozierendes "Oje!" von sich, während die Fernsehzuschauer seine rechte, weinende Gesichtshälfte und daneben das fette Gesicht des kahlköpfigen Schauspielers sahen. Die mobile Kamera stand unmittelbar daneben, nur hin und wieder wurden die Kandidaten in der Frontalansicht, von der stationären Kamera aufgezeichnet, gezeigt.
"Klaus - Ich darf doch Klaus sagen? -, was denken Sie, wie viel Geld wird für Ihr Leben gespendet werden?" Da van Boomerland psychisch bedingt noch keine Antwort geben konnte, fragte der Quotenmann weiter: "Und vor allem interessiert uns: Wer wird spenden? Ihr kleiner Haussklave Francesco kommt ja kaum infrage. Der tröstet sich derweil mit anderen Kerlen."
Klaus van Boomerland blickte direkt in die Kamera. "Mein Anwalt. Er verwaltet mein Vermögen. Er wird es tun."
"Sie meinen ganz sicher den ehrenwerten Herrn Dr. Martin Siebenbrück? Von der Kanzlei Siebenbrück und Winter?" Der Showmaster schüttelte ein wenig den Maskenkopf, was die Pupillen rotieren ließ. "Ehrlich gesagt, mein lieber Klaus, da habe ich wenig Hoffnung. Ihr edler Herr Dr. Siebenbrück hat vor drei Jahren von Ihnen ein Testament erhalten, nachdem er dieses vehement gefordert hatte. Und darin steht - wenn mich nicht alles täuscht, dass Ihr Lebensgefährte dreißig Prozent und eine gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung von HIV-infizierten Kindern - kurz UHK gGmbH - siebzig Prozent aus Ihrem Nachlass erhält. Das ist beachtlich dumm, wenn auch sehr löblich von Ihnen."
Während ein frenetischer Beifall eingespielt wurde, nickte van Boomerland. Immer wieder wischte er sich mit den Fingern über den vom Schweiß glänzenden Schädel.
"Nun ist es aber so, dass ein gewisser Herr Dr. Martin Siebenbrück seit anderthalb Jahren geschäftsführender Gesellschafter der UHK gGmbH ist. Sollten Sie, mein lieber Klaus, ins Gras beißen müssen, wird Ihr Anwalt - und das befürchte ich tatsächlich - wenigstens achtzig bis neunzig Millionen Euro steuerfrei in die eigene Tasche schichten, anstatt damit armen aidskranken Kindern zu helfen." Der Quotenmann bewegte den Kopf zur Kamera, sodass seine Hakennase das Objektiv fast berührte. "Herr Dr. Martin Siebenbrück, schauen Sie uns etwa zu? Sind meine Vermutungen wahr?" Er kicherte. "Fernsehen ist so bescheuert. Keine wirkliche Kommunikation ist möglich. Ich kann Ihnen nicht mal den Hals umdrehen." Er wandte den Kopf wieder zu van Boomerland. "Ich bin mir da sehr sicher, Ihr Anwalt wird wohl keinen Cent überweisen. Vielleicht finden sich ein paar nette abtrünnige Staatsbürger, die das Haus Ihres Anwalts in Brand stecken?" Erneut bewegte sich der Kopf zur Kamera. "Nein, liebe radikale Kinderchen, tut das bloß nicht. Bleibt hübsch bei euren Ausländerwohnheimen. Denkt an das deutsche Persönlichkeitsrecht!" Abermals kicherte er. "Möglicherweise überweisen ja andere Menschen einen stattlichen Betrag für Klaus van Boomerland, der es später zurückzahlen kann, falls er bei ›Wer bleibt Millionär?‹ gewinnt!"
Rauschender Beifall wurde der Technik entlockt.
Der Quotenmann schritt währenddessen einen halben Meter weiter. "Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Kommen wir nun zu Dr. Carola Blauschner!" Der Beifall wurde etwas lauter, dann etwas leiser und verstummte schließlich. Stattdessen sang der Showmaster: "Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an … Unser Udo, Gott hab ihn selig." Er redete sogleich weiter. "Da hätte man Spaß dran haben können. Und nun diese exaltierte Show. Meine liebe Carola, man behauptet, Sie hätten ein Vermögen von knapp einundneunzig Millionen Euro. Stimmt das überhaupt oder habe ich mir die Falsche ins Studio geholt? Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass man im Osten so reich werden kann, es sei denn, man schöpft das Geld aus dem Sachsensumpf oder hat es bereits in Stasi-Zeiten eingelagert." Er kicherte übertrieben heftig.
Dr. Carola Blauschner versuchte ein zartes Lächeln in ihr gealtertes Gesicht zu zaubern. "Die Zahl stimmt", sagte sie lediglich.
"Das Leben ist doch merkwürdig." Der Quotenmann hielt erneut die weinende, rechte Hälfte seines Maskengesichts in die Kamera. "Die meisten Leute werden ihr gesamtes Leben lang vom Staat ausgebeutet. Sie stehen früh gerädert auf, kacken, putzen die Zähne, gehen den ganzen Tag rackern, werden abends mit medialer Unkultur berieselt, liegen schließlich im Bett und können nicht schlafen, weil das Geld nicht reicht. Sie stehen früh erneut gerädert auf, kacken, putzen die Zähne und gehen wieder den ganzen Tag rackern. Und wenn sie alt und senil sind und nicht mehr rackern können, dann steckt man sie in eine Anstalt mit der glorreichen Bezeichnung Seniorenheim, wo sie früh aufstehen, kacken, das Gebiss geschrubbt kriegen und dann den ganzen Tag von den Medien bekloppt gemacht werden. Und da gibt es eine Frau, die mittels solcher Vorfriedhofs-Zwischenlagerungs-stätten satte einundneunzig Millionen Euro hortet. Das ist eine Menge Zaster. - Haben Sie etwa auch einen bösen Anwalt, der ihren Tresor verwaltet?"
Kaum erkennbar bewegte die Blauschner ihren Kopf.
"Kommt eines Ihrer vier Kinder - die ja längst keine Kinder mehr sind - an das Geld? Der süße blondgelockte Jonathan, Ihr jüngstes Enkelkind, liebt Sie ja über alle Maßen, doch der kann nix überweisen, der kennt ja noch keine Zahlen, wird am Montag schließlich erst ein Jahr alt, der Süße. - Um meine Fragen zusammenzufassen: Glauben Sie, Sie können diese Runde überstehen?"
Das Gesicht der Blauschner wirkte aschfahl. "Sie werden mich nicht hängen lassen", hauchte sie und blickte hoffnungsvoll in die Kamera.
Urplötzlich lachte der Showmaster auf. "Das ist zwar eine durchaus gute Idee, aber aufhängen werden wir hier wahrscheinlich niemanden, es sei denn, unsere Kandidaten tun es selbst." Dann ging er weiter an der linken Theke entlang - während der obligatorische Applaus eingespielt wurde - und schien dabei Franz Schneidmann zu mustern.
Der zweiundfünfzigjährige Bauunternehmer und Immobilieneigentümer, dessen Haar im Scheinwerferlicht weiß schimmerte, wirkte unruhig und hilflos. Er betrachtete nicht das Clownsgesicht des Showmasters. Sein Blick ruhte auf den Waffen der Wachmänner, so als plane er einen Guerillakrieg, ohne zu wissen, an welcher Front er angreifen sollte.
"Hallo, Franzl …", rief der Showmaster, nachdem der Applaus verstummt war, und winkte wie ein Verrückter. "Franzl, hier bin ich!"
Schneidmann dachte nicht daran, dem Geiselnehmer einen Gefallen zu tun. Er zischte lediglich: "Idiot!" - laut genug, dass die Zuschauer es hören mussten.
"Ein Idiot ist derjenige, der reagiert, wenn er von einem Idioten als Idiot bezeichnet wird." Äußerst rasch sagte der Quotenmann barsch diesen Satz auf, was wie einstudiert wirkte. In einem schlechten bayerischen Dialekt murmelte er dann: "Mi b'schleicht dös unschöne G'fühl, als würd uns do Baufranzl bald verlassen. - Okay, okay, okay. Ich verstehe Ihren Gram durchaus, mein lieber Herr Schneidmann. Durchaus. Um es mit den Worten von Hans Sachs zu sagen: Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie sich momentan lieber um ihr kleines Gör und die weggefangenen Gastarbeiter kümmern würden?" Er blickte direkt in die mobile Kamera. "Sie sollten nichts Falsches über unseren Kandidaten denken, liebes Publikum, er vergöttert seinen Sohn Villads über alle Maßen." Er schaute zurück zu Schneidmann, dessen Mundwinkel beim Erklingen des Namens seines Sohnes hektisch zuckten, und fuhr dann fort: "Als wir ihn seiner vermeintlichen Freiheit beraubten, hatte er gerade vor, mit seinem zuckersüßen Söhnchen ins Kino zu gehen. Aber keine Angst, mein Lieber. Gegebenenfalls kümmern wir uns um den Kleinen." Er schaute zu seinem imaginären Publikum und änderte augenblicklich die Stimmlage. "Jedenfalls besitzt Franz Schneidmann ein Kapital von zirka einhundertzweiundzwanzig Millionen Euro. Und nun würde mich ganz ehrlich interessieren:", der Showmaster drehte sich abrupt zu seinem Kandidaten, "Was ist dem Immobilien- und Bau-Guru Franz Schneidmann wichtiger? Einhundertzweiundzwanzig Millionen Euro oder der kleine Villads?"
Vergebens wartete der merkwürdige Quotenmann auf eine Antwort. Schneidmann sagte kein Wort.

*

"Okay, please", unterbrach Matt Smith im BND-Hauptquartier in Berlin die Spannung, die der auf dem Hauptmonitor agierende Showmaster verursachte. "Where is the boy? Diese Villads?"
BND-Präsident Olaf Fahlzner, der unmittelbar hinter Smith in der zweiten Reihe stand, räusperte sich zunächst und grinste dabei. Scheinbar hatte er soeben den Ernst der Lage begriffen. "Bei seiner Mutter, vermute ich."
Smith bewegte sanft den Kopf und schaute über die Schulter, als würde hinter ihm ein sabberndes Alien schweben. "Bei seiner Mutter? Diese Showmaster lässt das Boy überwachen!" Fast etwas rüde wirkte der gestylte Amerikaner, zumal er jetzt die Zähne bleckte. "But maybe … Hören Sie nicht, dass die Showmaster droht dem Schneidmann? And the boy is with his mother! Oh my God!" Das letzte Wort verstand der BND-Chef ohne Dolmetscher: "Idiots!"
Fahlzner grinste übertrieben. Die Lage schien ernst. Er wurde von diesem Amerikaner vorgeführt! Rasch winkte er zwei Leute heran und gab, während Smith selbstbestätigend nickte, energisch seine Befehle: "Der Zeuge Villads Schneidmann wird ab sofort rund um die Uhr überwacht. Auffällige Personen sind festzunehmen! Und prüfen Sie, ob die Wohnung seiner Mutter verwanzt ist! Los doch! Was stehen Sie noch hier herum?"
Das Gesicht von Innenminister Volker Gellert verfärbte sich leicht. Er blickte Fahlzner an, gab mit einem raschen Ruck seines Kopfes einen Wink und beide bewegten sich unauffällig in den toten Winkel von Smiths Blickfeld. "Meine Leute überwachen Schneidmanns Familie längst", hauchte Gellert. "Gewissermaßen quasi wollte ich Smith mit dieser Information nicht belästigen."
Einen Moment lang zögerte der BND-Präsident. "Mich sollten Sie jederzeit belästigen, wenn Sie über Informationen verfügen, die unsere Millionäre betreffen. Verstanden?"
Gellert nickte. "Sicher."

*

Fedor Sorokin lauschte dem Fernseher. Bislang hatte der blinde Junge keine weitere Frage gestellt. Doch nun wiederholte er mehrmals das eine Wort: "Was?"
Der Auslöser dafür war, dass Konrad, der bislang nur auf dem Sofa lümmelte, plötzlich neben ihm saß und hektisch atmete.
Fedor schnalzte einige Male, dann schlug er seinem Freund auf die rechte Schulter. "Sag schon, Dicker! Was ist los?"
"Warte, verdammt!" Konrad stierte auf den Bildschirm und hoffte darauf, dass die Kamera wieder die Seitenwand links neben den Kandidatenplätzen einfangen würde.
"Konrad!" Dies war einer der wenigen Momente, in denen Fedor das fehlende Augenlicht hasste.
"Da!", rief Konrad plötzlich laut. "Aber …, aber …"
Sein Freund platzte fast vor Neugierde. "Verdammt, was denn?"
"Unmöglich", flüsterte Konrad aufgeregt und trank hektisch aus einer Cola-Flasche. Dann kam sein Mund ganz nah an Fedors linkes Ohr, sodass der blinde Junge den Atem seines Freundes spürte. Konrad flüsterte, als würde er befürchten, dass fremde Ohren mithören könnten: "Als ich noch in der Sprayer-Clique war, da hat Paul mal ein Graffiti gemacht. Ganz in schwarz mit leuchtend rotem Rand. Zwei Meter hoch. Wenigstens zwei Meter. Ein riesiges Anarchie-A aus Gefängnisgittern."
"Gefängnisgitter?", flüsterte Fedor ebenso.
"Na ja, die Struktur von dem ›A‹ war ein Gitter. Das sah richtig geil aus."
"Okay. Und was bitte hat das mit dieser irren Show zu tun?"
Konrad blickte wieder zum Bildschirm. "Es ist da an der Wand."
"Quatsch nicht."
"Ich seh' es doch! Die haben das ›A‹ nur mit weißer Farbe überstrichen. Und trotzdem sehe ich es."
In Fedors Kopf arbeiteten die Gedanken. "Und wo hat Paul das ›A‹ gesprüht?"
Konrad schwieg.
"Hallo!" Fedor tätschelte derb die Wange seines Freundes. "Wo, habe ich gefragt!"
"Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr. Es war Nacht und dunkel und … Außerdem ist das schon fast zwei Jahre her."
Fedor kannte das schlechte Gedächtnis von Konrad, was sich auch bei schulischen Anforderungen bemerkbar machte. Daher wunderte ihn diese Antwort nicht. "Dann ruf ihn an! Ruf Paul an und frag ihn!"
"Anrufen? Spinnst du? Den kann ich doch nicht so einfach …"
"Warum nicht? Oder frag ihn über WhatsApp oder …"
Konrad stöhnte. "Bist du blöd? Mensch, Fedor, den Paul haben die doch hopsgenommen."
"Wie - hopsgenommen?"
"Eingesperrt. Jugendstrafe. Ohne Bewährung. Der war doch schon neunzehn oder zwanzig, als sie ihn hinterm Hauptbahnhof erwischt haben. Da hat Paul einen ganzen Zug zu seinem Kunstwerk gemacht. Sah gar nicht schlecht aus. Nur die Bullen fanden es nicht schön."
"Waren noch andere dabei?" Fedor zappelte unruhig. Die Show schien zur Nebensache geworden zu sein. "Los, Alter, denk nach!"
So sehr Konrad sein Gedächtnis auch zu aktivieren versuchte, es kam nicht viel dabei heraus. "Zwei, drei, vielleicht. Aber die kenne ich nicht."
Fedor wartete nicht länger. Er suchte nach seinem Rucksack, zog den Laptop samt Zubehör heraus, drückte sich die Ohrhörer in die Ohren, schob das Mikrofon vor den Mund, verband die Braillezeile, die Computertexte in Blindenschrift ausgab, mit dem Laptop, nutzte das WLAN von Konrads Vater, dessen Schlüssel er längst geknackt hatte, und ging ins Internet. Dann arbeiteten seine Fingerkuppen fieberhaft. Konrad kannte längst die irrsinnige Geschwindigkeit, mit der Fedor an Rechnern arbeitete.
Zunächst gab Fedor in seiner Suchmaschine die Wörter "Paul", "Graffiti", "Leipzig" und "Hauptbahnhof" ein. Die ersten Suchergebnisse übersprang er, denn das waren erfahrungsgemäß Werbeanzeigen der Suchmaschine. Beim fünften Suchergebnis hielt er für den Bruchteil einer Sekunde inne und sprang dann auf die verlinkte Seite der einzigen großen Leipziger Tageszeitung. Dann lauschte er der computergenerierten Stimme: "[…] Bereits am ersten Verhandlungstag einigten sich Staatsanwaltschaft, Richter und Verteidiger auf eine zweieinhalbjährige Gefängnisstrafe nach Jugendstrafrecht für den neunzehnjährigen Paul Herder wegen schwerer Sachbeschädigung. Paul Herder ist bereits mehrmals vorbestraft, weil er im Großraum Leipzig wiederholt durch Graffiti-Schmierereien aufgefallen war. Zuletzt erstattete die Deutsche Bahn Anzeige, weil Herder einen nagelneuen Waggon verunstaltet hatte. Der Sachschaden im letzten Fall betrug mehr als 150.000 Euro. Das Urteil ist rechtskräftig. […]"
"Also Paul Herder …" Fedor tippte fleißig weiter.
"Was machst du da?", flüsterte Konrad, der den Laptopmonitor anstarrte und dessen Wangen sich vor Aufregung röteten.
"Nichts. Warte ab." Während Fedor recherchierte, erklärte er dennoch: "Das ist die Entscheidungssammlung vom Amts- und Landgericht Leipzig. Da kann man viele Urteile finden." Er lauschte. Erneut las ihm die Computerstimme vor.
"[…] wurde der verurteilte Jugendstraftäter Paul Herder zu seinem Haftantritt in die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen […]"
Bevor die Stimme ausreden konnte, hatte Fedor die Seite verlassen und wechselte zur Online-Telefonauskunft.
"Willst du etwa im Knast anrufen?" Konrad verdrehte die Augen. "Du bist doch völlig verrückt!"
"Warum nicht? Wir leben schließlich in einem demokratischen Land", erwiderte Fedor und verbesserte sich sogleich: "In einem annähernd demokratischen Land. - Ja, guten Tag. Mein Name ist Fedor Sorokin. Ich möchte bitte Paul Herder sprechen. - Wie, beim Fußball? Den gibt es auch im Kittchen? Wann ginge es denn? - Nein, ich bin kein Familienangehöriger. Ich muss einen Aufsatz schreiben. - Das Thema? Das Thema, also das lautet: Sind Graffitis eine Straftat oder Kunst. - Ja, in die achte Klasse. - Okay, dann rufe ich später wieder an. - Es sind nur ein paar Fragen … Ja, auf Wiederhören." Fedor tippte zielsicher auf die Esc-Taste, beendete damit die Verbindung und grinste. "Das Land ist demokratischer, als ich dachte. Die dürfen im Knast sogar Fußball spielen."
Nervös nippte Konrad an der Cola. "Du weißt aber schon, dass die Anrufe vom Geheimdienst mitgeschnitten werden?"
Fedor klappte den Laptop zu. "Konrad", sagte er wie ein Vater zu seinem vierjährigen Sohn, "du überschätzt den BND gewaltig. Und falls du auf die NSA anspielst, die haben definitiv kein Interesse an Paul Herder."



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