Tintenfisch

Die Buchstaben verschwammen vor Davids Augen zu einem schier unlesbaren Einheitsbrei. Und das passierte ausgerechnet bei einer Biologie-Leistungskurz-kontrolle während der ersten Stunde des wahnsinnig machenden Schultages! Zudem an einem Freitag, der schon gar nicht mehr offiziell zur Schulwoche zählen durfte. Die Regierung hatte lediglich das Gesetz noch nicht beschlossen, das Schule an Freitagen verbieten musste. Warum wohl sonst hießen die Freitage ausgerechnet Freitage und nicht etwa Büffel- oder Bioarbeitstage?
Rosi Königs Platz jedenfalls war leer. Früher, vor gefühlten ewigen Zeiten, da hatte Rosi unmittelbar neben David gesessen. Sie hatten sich friedlich eine einzige Schulbank geteilt. Die Trennung schien für den vierzehnjährigen Jungen bereits eine Unendlichkeit anzudauern. Dabei war Rosi erst vor zwei Wochen aus Neustadt weggezogen und schickte ihm jeden Abend einen Brief über das Internet. Doch welche Wertigkeit hatte ein Brief gegen den verdammten Trennungsschmerz? Alles Betteln und Bitten hatte David nicht geholfen. Frau König hatte angeblich eine neue Arbeit gefunden, weit, unglaublich weit weg von Neustadt, in einem völlig anderen Bundesland, von dem David bis dahin gar nicht gewusst hatte, dass es überhaupt existierte.
Wäre Rosi jetzt hier, hätte David einen Blick hinüberwagen können, um die eine oder andere richtige Antwort zu erhaschen. Rosi hatte immer alle Antworten gewusst. Doch Davids Prinzessin saß nicht mehr neben ihm, sie war nicht mehr in diesem Zimmer, nicht mehr in seiner Schule und nicht mehr in dieser Stadt! Wahrscheinlicht nicht einmal mehr auf dieser Welt! David wurde gemein allein gelassen. Ganz allein. – Und nun dieser oberblöde, unbegreifliche, unangekündigte Test!
Die Wörter der ersten Frage tanzten wild vor Davids Augen: »als ! Lebewesen die, Einzeller vier Nenne vorkommen können.«
Bedächtig hob David den linken Arm, während das federlose Ende des Füllfederhalters tief in seinem rechten Nasenloch pulte.
Frau Veronika Veilchenblau, die Biologielehrerin, die sich wohl als Einzige adrett fand, schwebte zu Davids Platz und fragte, als könnte sie keinem einzigen Schüler etwas zuleide tun: »Ja, David?«
»Ich versteh diese komische Frage nicht«, flüsterte David.
»Komische Frage?« Die Lehrerin bewegte den Kopf auf ihrem dünnen Hals erst nach rechts und dann nach links, als wäre er ein Kompass und ihre lange, spitze Nase die Nadel, die den Norden suchte. Dann gackerte ihre Suppenhühnerstimme auch schon los: »Nenne vier Lebewesen, die als Einzeller vorkommen können! – Was ist daran unklar? Das ist der Stoff der letzten Biologiestunde, David. Und die ist keine zwei Tage her.«
»Zwei Tage?«, flüsterte David. »Das sind immerhin 172.800 Sekunden! Und das ist eine verdammt lange Zeit.« Der Vierzehnjährige blinzelte. Vor seinen Augen bewegten sich erneut die Wörter auf dem Testblatt. Tatsächlich stand jetzt dort: »Nenne vier Lebewesen, die als Einzeller vorkommen können!« Und das war nur die erste der drei oberschwierigen Fragen.
»Du musst dich beeilen, David«, flüsterten die Lippen unter der Kompassnadel von Frau Veilchenblau. »Die Kurzkontrolle heißt nämlich Kurzkontrolle, weil sie verhältnismäßig kurz ist.«
»Dann machen wir eben eine Langkontrolle daraus.« Davids Zähne bissen aufgeregt auf die Füllfederhalterhülle.
Die Lehrerin schwebte davon.
Vor zwei Tagen? Null Erinnerung! Wahrscheinlich hatte David die ganze letzte Biostunde verträumt. An Einzeller konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. Nicht einmal an Zwei- oder Dreizeller.
Seine Augen huschten zu Frage zwei, während die Hülle des Füllfederhalters zwischen seinen Backenzähnen ein deutliches Knacksen von sich gab.
Frage zwei: »Wer hat den ersten Einzeller entdeckt?«
Puh. Ja, wer wohl? Frau Veronika Veilchenblau vielleicht? Diese dämliche Frage konnte doch unmöglich ernst gemeint sein? Welchen persönlichen Vorteil hätte er wohl, würde David den Namen jener Person wissen, die einen winzigen Einzeller entdeckt hatte? Keinen! David stellte sich Frau Veilchenblau als Einzeller vor. Das ergab in seinem Kopf das Abbild eines unförmigen, schlabberigen Eis mit langen Haaren, spitzer Nase und purpurrot geschminkten Lippen.
Davids Pupillen wanderten schnell zu Frage drei, um sie wenigstens gelesen zu haben. Die gab es schließlich auch noch. Da stand doch tatsächlich: »Wodurch unterscheiden sich Einzeller von Mehrzellern?« ›Logisch‹, dachte David. ›Einzeller bestehen aus einer Zelle. Mehrzeller bestehen aus mehr Zellen.‹ Diese Antwort jedenfalls schrieb er hastig unter die Frage drei. Wobei ihm die Antwort fast etwas zu einfach und zu logisch erschien. Antworten in Biotests waren realistisch gesehen niemals logisch oder einfach.
Was für ein Bockmist! Er stand in Bio auf Drei und hatte Mama versprechen müssen, dass am Jahresende eine Zwei im Zeugnis stehen würde. Gibt es heute eine Sechs, dann wären für David alle Messen gesungen, was auch immer die Erwachsenen mit gesungenen Messen meinten. David mochte sich nicht ausmalen, was dann passieren würde.
»Soooo. Alle legen ganz schnell die Stifte zur Seite!« Schrill und erbarmungslos zerriss die Gackerstimme von Frau Veilchenblau die nächtlich anmutende Ruhe im gedankenüberfluteten Klassenzimmer. Einige Kinder stöhnten.
Knirschkrach! Davids Füllfederhalter zerbarst zwischen den Zähnen. Blaue Tinte spritzte heraus und ergoss sich über Gesicht, Test, Hände, T-Shirt, den Tisch und färbte alles veilchenblau.
»Veilchenblau! So eine verpisste Scheiße!«, entfuhr es David, während die Mitschüler losprusteten.
Der dicke Timm aus der Bank vor David drehte sich im Zeitlupentempo um und grinste hämisch. »Na, was haben wir denn wieder falsch gemacht, Knackarsch?«
»Halt deine dumme Klappe, du aufgeblähter Trottel!«, entfuhr es dem wütenden David. »Und kümmere dich gefälligst um deinen eigenen Scheiß.« Oh. »Trottel« und »Scheiß«: Zu Hause hätte er für diese Schimpfwörter zwei mal fünfzig Cent in die Familienkinokasse einzahlen müssen. Hier war aber nicht zu Hause. Hier war unangenehme Schule, denn blaue Blubber-Plempe tröpfelte von Davids Gesicht.
Veronika Veilchenblau färbte sich allmählich erdbeerrot. Eilig sammelte sie die Kurzkontrollen ein und hastete regelrecht durch die Reihen kreischender Kinder. Davids tropfendes Tintenblatt nahm sie mit spitzen Fingern und dem begleitenden Ausruf: »Sofort bringst du das alles in Ordnung!«
Es dauerte zweiundsechzig Sekunden, bis David aus einem krampfähnlichen Zustand erwachte und die Ausmaße des schrecklichen Unfalls begriff. »Wie soll ich denn ...« Im Mund machte sich ein extravagant brutaler Tintengeschmack breit.
»Tintenfisch! Knackmann, Kackmann, Tintenfisch!«, rief Timm durch die Klasse.
Wieder lachten alle.
»Am liebsten würde ich dich in ein dickes, grunzendes Schwein verzaubern!«, brüllte David Timm an, wobei blauer Speichel aus seinem Mund spritzte. »Aber das bist du ja schon!«
David schmiss wütend das Wrack seines Füllfederhalters auf den Tisch und rannte aus dem Klassenzimmer. Eine blaue Tröpfchenspur folgte ihm in Richtung Jungentoilette.
Nachdem die Zimmertür hinter ihm ins Schloss gekracht und Davids Stuhl gänzlich umgekippt war, herrschte im Klassenzimmer die typische Unterrichtsstundenfriedhofstotenstille.
Der Schulflur wirkte ebenso öde: Geräuschlosigkeit, Staub und fader Toilettengeruch – nichts anderes gab es hier während einer laufenden Unterrichtsstunde. Oder doch? Immerhin, vor der Tür eines anderen Unterrichtsraumes hockte ein winziger Junge, der stammte ganz bestimmt aus der ersten Klasse. Er sah David mit fragendem Blick an, was vielleicht an dessen blauer Gesichts- und Oberkörperfärbung liegen konnte.
»Was glotzt du so?«, fragte David, noch immer wutgeladen.
»Ich habe noch nie so blaues Blut gesehen«, flüsterte der Kleine und erhob sich. Er trug ein altmodisches Hemd und eine noch altmodischere Hose, die an den Knien aufhörte. Seine Stimme klang hoch wie die eines Mädchens, das Gesicht war voller Sommersprossen und seine Haare leuchteten feuerrot. Dazu hatte er weit abstehende Ohren, die aussahen wie die Henkel einer Suppenterrine.
»Das ist kein blaues Blut«, sagte David und wollte schon weitergehen. Dann hielt er jedoch inne. »Was hast du Zwerg angestellt, dass du hier draußen stehen musst?«
»Ich bin kein Zwerg. Mein Name ist Mikkel. Mikkel Purz. Ich bin ein Mensch. Das solltest du doch sehen, David. Außerdem habe ich nichts angestellt. Ich stehe ganz freiwillig vor dieser Tür.« Er sprach wie ein Wasserfall und hatte mehr Zahnlücken als Zähne im Mund.
»Mikkel? Mikkel Purz? Was ist das für ein Name? Und woher weißt du, wie ich heiße?«
»Ich ... Ich ... Das ist eine ewig lange Geschichte.«
David wendete sich ab. »Ich muss mich irgendwie sauber kriegen. Ich habe jetzt keine Zeit für ewig lange Geschichten.«
»Du weißt doch aber, David: Gut Ding will Zeit haben.«
»Du meinst Weile?«
»Wie, wirklich Weile?«, fragte Mikkel erstaunt.
»Der Spruch heißt: Gut Ding will Weile haben.«
»Nein. Ich meinte die Zeit.« Mikkel kicherte. »Du wusstest sie wohl nicht?«
Noch einmal blieb David stehen. »Was wusste ich nicht?«
»Na, die drei Antworten.« Noch immer grinste Mikkel über das ganze Gesicht, sein Mund erstreckte sich fast vom linken bis zum rechten Ohransatz. »Erstens: Archaeen, Bacteria, Pilze und Protisten. Zweitens: Antoni van Leeuwenhoek. Und drittens: durch einen gemeinsamen Stoffwechsel des Zellverbands. – Und du wirst sehen, die Zeit heilt alle Farben.«
»Die Zeit heilt alle Wunden!« David sah sich, erschrocken von der Intensität der eigenen Stimme, um. »Nicht die Farben! Und weshalb hast du Zwerg Ahnung von Bio?«
»Was denn, hast du etwa eine Wunde?«, fragte Mikkel und rollte mit den Augen.
»Nein. Warum fragst du?«
»Bist du aber eventuell völlig voller Farbe?« Mikkel grinste.
»Natürlich bin ich das!«
»Warum sollte die Zeit dann Wunden heilen?«, fragte Mikkel altklug.
David betrachtete den Kleinen sprachlos. »Och, lass mich doch in Ruhe!«, schimpfte er schließlich, als wollte er aufgeben.
»Ich glaube fast, das geht nicht. Du wirst sehen: In der Not frisst der Teufel Gummibärchen.«
»Fliegen!«, verbesserte David.
Mikkel grinste wieder. »Kein Mensch frisst Fliegen. Und auch der Teufel nicht. Glaube mir, David Knackmann.«
David winkte ab, betrat etwas verwirrt den Vorraum der Jungentoilette und hielt inne. Vor Staunen riss er seine Augen weit auf und öffnete rasch wieder die Tür zum Flur. »Hast du gerade ›David Knackmann‹ gesagt?«, fragte er, erstaunt darüber, dass Mikkel sogar seinen Nachnamen kannte. Doch seine Frage ging ins Leere, denn genau dort, wo eben Mikkel Purz gestanden hatte, war jetzt nur noch ein öder, blöder, schnöder Schulflur zu sehen. Wahrscheinlich hatte die Lehrerin von Mikkels Klasse ihn wieder ins Zimmer geholt.
Mit wirren Gedanken im Kopf betrat David erneut die Jungentoilette, baute sich vor einem Waschbecken auf und blickte in den Spiegel, der darüber hing. Erst drei Minuten später realisierte er, was er dort sah: einen piekfeinen, sauberen und vor allem tintenlosen David in ebenso sauberen Klamotten. Einzig der ewig leuchtende Pubertätspickel – mitten auf seiner Nase – zerstörte ein klein wenig das ansonsten prächtige Antlitz des Jungen.
»Tatsächlich. Die Zeit heilt alle Farben.« David schüttelte sich und blickte erneut in den Spiegel, schließlich auf seine Hände, erst oben, dann darunter. Er drehte die Hände herum und wieder herum und wieder herum. Seine Haut war so sauber und faltig, als wäre er nach einem Vier-Stunden-Fichtennadel-schaumbad gerade der dampfenden Wanne entstiegen.
»Das gibt’s doch nicht!«, flüsterte David. »Erst dieser Zwerg, der von Bio mehr Ahnung hat als Frau Veilchenblau, die es eigentlich wissen müsste, und dann die Sache mit der Tinte.« Er schloss die Augen eine Minute lang und öffnete sie wieder.
Eine Klosettspüle rauschte und David drehte sich erschrocken um. Hatte ihn etwa jemand beim Selbstgespräch belauscht?
Herr Doktor Taubenei, der ekelerregende ururalte Geschichtslehrer, tauchte, von einer unangenehm stinkenden Giftgaswolke umgeben, in der Tür hinter David auf und knöpfte sich gerade noch den Hosenstall zu. Während sich der Lehrer die Hände akribisch schrubbte, sagte er: »Aha, der Herr Knackmann. Beeile dich, der Unterricht geht gleich los!«
Wie gelähmt starrte David Doktor Taubenei an.
»Ich hab’s nicht mehr geschafft bis zur Lehrertoilette«, entschuldigte der Geschichtslehrer seine Anwesenheit auf dem Schülerklo.
Noch immer stand David regungslos glotzend da, als hätte ihn der aufsteigende Gestank in eine immerwährende Ohnmacht versetzt. Doch der Geruch war keineswegs die Ursache für seinen sturen Blick. Es war etwas ganz anderes an seinem Glotzen schuld: Von Herrn Doktor Taubeneis spitzem Kinn tropfte veilchenblaue Tinte ins weiße Waschbecken. Auch seine Hände und sein stets strahlend weißes Hemd waren blau besprenkelt!
»Es ist doch aber schon lange Unterricht, Herr Doktor ...«, stammelte David, rannte hastig aus der Jungentoilette und stieß draußen mit Björn, dem muskelbepackten Neandertaler aus der Parallelklasse, zusammen. Dieser warf ihm sofort einen bösen Ich-töte-dich-jetzt-gleich-und-sofort-Blick zu.
Auf dem Flur herrschte unerwartet das blanke Pausenchaos. Gleichzeitig spielte die Schulglocke ihr ewiges Lied: »Ding-dong, ding-ding-dong!« Unterrichtsbeginn? Wie bei einem Crosslauf suchte sich David den kürzesten Weg zum Klassenzimmer. Es erstaunte ihn kaum noch, dass sein Platz sauber und der Füllfederhalter unversehrt war, es verwundete ihn auch nicht, dass Frau Veronika Veilchenblau gerade den Unterricht beginnen wollte. Und keinesfalls war David überrascht, dass die Biolehrerin die Stunde mit einer Kurzkontrolle zu beginnen gedachte.
Schon lagen die drei Fragen vor David. Er öffnete seinen Füllfederhalter, biss keineswegs hinein, sondern schrieb rasch hinter die erste Frage: »Archäen,



Bakteria, Pilze und Protisten«, hinter die zweite: »Antoni van Leuwenhöck« und hinter die dritte Frage: »Durch einen gemeinsamen Stoffwechsel des Zellverbands«, eben jene Antworten, die Mikkel Purz für ihn gewusst hatte. Dann verschloss er seinen Füllfederhalter, legte ihn in die Füllfederhaltermappe und meldete sich vorbildlich.
»David?«, fragte Frau Veilchenblau und kam an Davids Platz stolziert. »Was gibt es, Herr Knackmann?«, fragte sie.
»Bin fertig«, rief David stolz. Ein gewaltiges Staunen-Raunen der Mitschüler erfüllte das Klassenzimmer.
»Unmöglich! Schon fertig?« Die Lehrerin bewegte den Kopf auf ihrem dünnen Hals erst nach rechts und dann nach links, als wäre er ein Kompass und ihre lange, spitze Nase die Kompassnadel, die Norden suchte. Dann nahm sie Davids Zettel vom Tisch, überflog ihn und gackerte mit ihrer Suppenhühnerstimme los: »Das ist eine Eins plus, David Knackmann. Gratulation. Ich habe natürlich nichts anderes von dir erwartet.« Sie nahm einen roten Stift zur Hand, schrieb eine Eins mit Sternchen unter die Arbeit, unterstrich bei einigen Wörtern die Rechtschreibfehler und lächelte trotzdem noch.
Der beleibte, schwitzende Timm drehte sich neidisch zu Davids Bank um. David deckte sein Blatt, das jetzt wieder vor ihm lag, mit dem Arm zu, damit Timm nicht abschreiben konnte, hob die Nase ein wenig an und steckte dem dicken Mitschüler die Zunge raus. »Bio ist doch schweincheneinfach! Oder, Miss Piggi?«
»David«, sagte die Veilchenblau vornehm, »da du nun schon fertig bist, geh bitte ins Direktorat und melde dich bei unserer Schulleiterin Frau Napollon. Sie will dich nämlich dringend sprechen.«
Sogleich färbte sich Davids Gesicht puderrot. Hatte er sich verhört? Die Napollon? Zur Direktorin? Dringend? Die Napollon: zwei Meter hoch, zwei Meter breit. Von allen Schülern »General Napoleon« genannt, die unangefochtene Befehlshaberin der gesamten Gesamtschule! Er zu ihr? Sie wünschte eine Audienz mit David Knackmann? Das konnte nur zwei Dinge bedeuten: entweder etwas sehr, sehr Gutes oder eben etwas sehr, sehr Schlechtes. Und beides war ihm gegenüber seinen Mitschülern oberpeinlich.
»Ich bin ... ich will ... sie ist ... Ich bin schon unterwegs«, stammelte David und stürzte aus dem Klassenraum.
Unwillkürlich blickte er auf dem linken Flur zur Zimmertür der ersten Klasse. Gähnende Leere.
»Mikkel Purz«, flüsterte David und fühlte den Schweiß, der aus all seinen teenagerpubertätsgeplagten Poren trat. »Was hast du nur angestellt?« Davids Augen suchten den rechten Schulflur ab. Auf dem Boden entdeckten sie blaue Tintenkleckse, die eine deutliche Spur von der Jungentoilette zum Vorbereitungskabinett Geschichte zeichneten. »Hoffentlich ist es nicht wegen Taubeneis tintigem Mund, dass ich gerade jetzt zum General bestellt werde«, murmelte der Junge und schlich mit weichen Knien weiter.
Aus einer Türzarge warf das düstere Flurlicht einen bedrohlichen Schatten aufs Parkett. David stockte. Wieder stand ein Kind vor der Tür seines Unterrichtsraumes!
Der gigantische und muskelbepackte Leib von Björn löste sich von der Wand und versperrte dem gleichaltrigen, jedoch körperlich deutlich unterlegenen David Knackmann den Weg. Björn, der wahrscheinlich ein begnadeter Zehnkämpfer wäre, besäße er nur die Fähigkeit, weiter als bis zur Vier zu zählen! Wie nur sollte David an diesem Mauerkasten vorbeikommen, um seine Zwangsmission im Schulleiterzimmer zu erfüllen?
Björn grunzte, seine Mundwinkel zuckten. »Was glotzt du so?«, fragte er. In seinem Klassenzimmer wurde soeben ein fröhliches Lied angestimmt.
»Lass mich vorbei!«, forderte David und schlackerte einen Schritt auf den Neandertaler zu.
Der schien auszuweichen und wies David den Weg. »Bitteschön, geh nur!« Der Ausdruck in Björns Gesicht versprach nichts Gutes.
David Knackmann schlich weiter, der ungleich stärkere und ungehobelte Björn stellte David eines seiner stählernen Beine in den Weg und schubste David mit gewaltigen Kräften.
Taumeln, Stolpern, Fallen, Rutschen. Auf dem Boden liegend zischte David: »Eines Tages werd ich mich rächen! Feierlich versprochen!« Er rappelte sich auf und rannte, Staub und Ölspäne aus der Kleidung klopfend, den Flur entlang, im Rücken das Gelächter des Neandertalers.
Endlich erreichte er die Tür zum Vorraum des generalstabsmäßig abgesicherten Direktionszimmers. David atmete zwanzig Mal tief ein und aus, zog seine Kleidung zurecht, fuhr sich mit der Hand durch die blonde Lockenpracht und klopfte anschließend sanft an.



Der Auftrag des Generals

»Heeeeerein!«, brüllte die Stimme eines Tieres, einer Kreuzung aus Bär und Löwe. Und gleich noch einmal: »Was ist denn nun? Herein!« Es donnerte eine Stimme, die niemals Fräulein Borghild Bommelmops, der jungen, netten, hübschen, von so ziemlich allen Jungs der achten Klasse angeschmachteten und beträumten, mit einem zweispitzigen und geheimnisumworbenen Balkönchen bedachten Schulsekretärin zuzuordnen war, von der sich David seit seinem dreizehnten Geburtstag nicht mehr und nicht weniger als einen unfeuchten Mundkuss erträumte.
Die Tür riss sich schlagartig wie von selbst auf. Starker Kaffee- und moderiger Mundgeruch schlugen dem erstarrten David entgegen.
»Habe ich etwa zu leise ›Herein‹ gebrüllt?«, donnerte die Stimme erneut.
»Nein, ähm ...« Der Junge konnte noch nicht eintreten, denn die Direktorin füllte lückenlos den gesamten Türrahmen aus. »Entschuldigung, Frau Napoleon, ähm Napollon. Ich sollte, ich musste ... kommen, ähm ... zu Ihnen.«
»Was soll das Gestotter? Hat der Kleine etwa Angst vor mir?« Einer ihrer dicken Arme – die des Neandertalers Björn waren lächerlicher Schaumzucker dagegen – umgriff Davids Schultern und zog den widerstandslosen Jungen durch das Sekretariat in das theoretisch für Schüler nicht zu betretende Reich der Direktorin. Während im Vorzimmer die Tür ins berstende Schloss krachte, gab ihm seine Generalität einen liebevoll gemeinten knallharten Stoß, so dass David auf ein rotes ledernes Sofa fiel und wie ein Erstklässler hinauf zum Mount Everest blickte, dessen Mund sich öffnete und röhrte: »Da ist ja unser kleiner David Knackmann. – Möchte er vielleicht ein Kekschen essen?«
David nickte zurückhaltend, um die Umgangsformen der Höflichkeit zu wahren. Nach Kekschenessen war ihm jedoch gerade nicht.
General Napoleon beugte sich mit einem frostigen Lächeln im Gesicht zu ihm herunter und raunte: »Die Kekschen sind aber leider alle alle. Ich habe sie nämlich verspeist.« Sieben kurze, jedoch intensive Erdbeben folgten. »Aber vielleicht sind noch einige Gummibärchen da.« Sieben Schritte ging die Direktorin, dann stand sie an ihrem Schreibtisch und wühlte in einem riesigen Berg von Zetteln, bis sie schließlich einen herauszog und betrachtete. »Aha. Da ist er ja!«
›Was hat sie nun vor?‹, dachte der regungslos auf dem Sofa sitzende Junge. Unablässig ruhten Davids Augen auf dem Bärtchen zwischen Lippen und Nase der Direktorin.
»Was ist, David Knackmann, bist du etwa neidisch auf meinen Bart?« Das Gesicht des Generals transformierte zu einem grinsenden Fußball.
»Ja, das heißt nein, Frau Napollon. Der Bart, also das Bärtchen, so groß ist es ja nicht, wenigstens nicht so lang wie bei einem alten Mann zum Beispiel, also, es wirkt nur etwas ... etwas außergewöhnlich bei einer Frau, wie Sie ja wohl eine sein wollen.« David schwitzte, als hockte er ohne jeden Plan in einer völlig überhitzten Sauna und musste noch dazu eine Abschlussprüfung schreiben. »Sozusagen«, setzte er eilig und mildernd hinzu.
Einen kurzen Moment schaute sie ernst drein, um die Worte des Teenagers zu verdauen, dann lachte sie zu Davids Erstaunen auf und ließ sich rechts neben ihm auf dem Sofa nieder, dessen Substanz zum Glück und wider Davids Erwarten nicht nachgab. Ihre linke Hand landete mit einem zwirbelnden Klatschen auf Davids rechtem Oberschenkel. »Du bist immerhin der erste junge Mann deines Alters, der mich als außergewöhnliche Frau bezeichnet. Dieses Geschlei-me finde ich sehr löblich, Herr Knackmann.«
»Nicht Sie, sondern den Bart an Ihnen meinte ich«, stammelte David. »Ich wollte nicht, dass Sie denken würden oder glauben könnten, dass ich vielleicht in Sie ... Frau General, ähm ... Napollon, ich meinte das nicht so ... das heißt, ich ...«
Klatsch, klatsch. Noch zwei Mal tätschelte die ungebändigte Kraft der Hand der Direktorin Davids Schenkel. Der Junge biss die Zähne zusammen, um nicht aufzubrüllen.
»V N d v K!«, buchstabierte die Generalin heftig laut und ließ endlich von Davids Oberschenkel ab, der sich bestimmt grün und blau färben würde.
»VNdvK?«, fragte David verunsichert. Irgendwie, irgendwo, irgendwann hatte er schon mal davon gehört. »Was ist das?«
»Erinnere dich, David Knackmann! Vor vier Jahren durftest auch du an der VNdvK teilnehmen. Auch du wirst vor Angst geschlottert haben.« Verhöhnendes Gelächter erfüllte den Raum. Die Direktorin erhob sich, ging zu einem Schrank, nahm ein überdimensioniertes, mit knallbunten Gummibärchen gefülltes Bonbonglas heraus, klemmte es David zwischen die Beine und riss den Deckel vom Glas. »Bedien dich!« Erneut ließ sie sich neben dem Vierzehnjährigen nieder und griff sogleich in das Glas. Für den angehenden Teenager entstand eine unangenehme Ausnahmesituation.
»Danke«, sagte David, steckte eine Hand in das Gummibärchenglas und ließ sie darin, damit für die Hand der Direktorin kein Platz mehr war. »In der Not frisst der Teufel tatsächlich Gummibärchen«, flüsterte er.
»Der Teufel hat keine Not!« Die Generalin sprach mit vollem Mund und David glaubte fast, die Hilferufe unzähliger gequälter Gummibärchen zu hören: »Ein solch herausragendes Schulereignis darf man nicht vergessen! VNdvK. Die Vorlesenacht der vierten Klassen!«
»Die Vorlesenacht der vierten Klassen?«, wiederholte David. »Die im Schulkeller stattfindet? Bei der sich Herr Doktor Taubenei immer als widerliches Gespenst verkleidet, was alle – außer den Viertklässlern – abartig finden? Meinen Sie diese Vorlesenacht?« Unbewusst steckte sich David ein Gummibärchen in den Mund.
Direktorin Napollon nutzte die Gunst der Sekunde und grub ihre Hand in das Bonbonglas zwischen Davids Schenkeln. Dabei rutschte sie so aufdringlich nah an David heran, dass dessen schaudernd aufglühende rechte Wange fast den ausladenden, gigantischen Busen seiner Generalität berührt hätte. »Genau diese Vorlesenacht meine ich«, hauchte sie und ließ ein gutes Pfund wehrloser Gummibärchen in ihrem Rachen verschwinden.
»Daran kann ich mich noch genau erinnern«, wisperte David, dem Zerquetschungs- und Erstickungstod nahe. »Herr Doktor Taubenei hat aus einem angeblich gruseligen Kinderbuch vorgelesen. Und an der schlimmsten Stelle ging das Licht im Keller aus. Kurz danach kam ein Geist angehüpft und heulte schrecklich, dass wir schleunigst alle in unseren Schlafsäcken verschwinden sollten, was wir natürlich auch taten.«
»Doktor Taubenei ist eine wahre Genialität theatralischer Improvisation«, schwärmte die Direktorin. »Vor allem, wenn es um das Erschrecken solcher Firlefanze wie Viertklässler geht.«
»Sie meinen, Doktor Taubenei war der dämliche Geist? Dann möchte ich aber darauf hinweisen wollen, dass das Ganze schon ein bisschen an Kindesmisshandlung grenzte, Frau General, ähm ... Napollon.«
»Selbstverständlich wird in diesem Jahr wieder eine unvergessliche VNdvK stattfinden müssen. Sie ist für heute Abend geplant. Ich wiederhole: Heute! Abend! Es tritt dabei jedoch ein scheinbar unbedeutendes, für meine Gesamtplanung allerdings monströses Problem auf, David Knackmann.«
David starrte direkt auf den zuckenden napoleonischen Bart. Regungslos und fast zerdrückt fragte er: »Pro-Problem?«



»So ist es. Problem. Doktor Taubenei hat sich nämlich krankgemeldet. Er wird weder teilnehmen noch auf der Ersatzbank sitzen.«
»Er ist krank? Ich habe ihn doch aber heute noch ...«
Die Direktorin unterbrach den Jungen mit einem Aufschrei, bei dem sich drei Gummibärchen aus ihrem Mund zu befreien wussten: »Todsterbenskrank ist dein Geschichtslehrer. Mörderisch todsterbenskrank! In seiner Not musste er notdürftig mit dem Notdienst in die Notaufnahme gebracht werden. Und das ausgerechnet so kurz vor der Lesenacht der vierten Klassen!«
»Was hat er denn, der Herr Doktor?«
»Diagnose: hausgemachte Blutvergiftung! Zu viel Tinte geschluckt hat er! Oh ja! Du hast mich richtig verstanden! Ausgerechnet unser guter, lieber Doktor Taubenei, der von Kindheit an unter einer bösartigen Tintenallergie zu leiden hatte, hat Tinte geschluckt!«
»Sind Sie sich da ganz sicher?« Davids Wangen färbten sich rot. Kein Signalrot etwa, wie bei einer Fußgängerampel, eher ein laues verschämtes Schweinchenrosa. »Er hat – was? Er hat Tinte geschluckt? Das macht man doch aber nicht, oder?«, fragte er reuelos.
»Und wie sicher ich mir bin! Immerhin war er überall blau! Überall! Und weißt du was? Doktor Taubenei schwor, er hätte es nicht selbst getan. Er hauchte mir von der Trage der Schnellen Medizinischen Hilfe gerade noch so zu, dass es über ihn, nein: aus ihm gekommen sei! Tinte über Tinte! Und dann ...«
»Und dann?«
»Er meinte noch, gerade als die Fahrzeugtür des Krankenwagens zuschlug, dass du – David Knackmann – plötzlich aufgetaucht wärest, du! Auf dem Jungenklo! Eben im Moment der Tintensprudelei!«
»Aber ... Ich ...«, stotterte David. Der glühende Atem des Generals versengte ihm fast die Augenlider.
Ein »Huch!« und »Oh, Verzeihung« unterbrach den in großer Absurdität und äußerst laut geführten Dialog zwischen Direktorin und Schüler. Beide blickten überrascht und erstaunt zu jener Tür, die ins Vorzimmer führte. Immerhin, die Direktorin Napollon lag mit gefühlten 240 Kilogramm fast auf David drauf, ihre Hand steckte zudem tief im Bonbonglas zwischen Davids Beinen, die der Junge schmerzerfüllt zusammenkniff.
Und gerade in diesem Augenblick stand Fräulein Borghild Bommelmops, die angebetete Schulsekretärin, das leuchtende Elflein des Gesamtschullehrkörpers, staunend und überrascht im Raum, strich mit dem Zeigefinger der linken Hand ein Strähnchen blonden Haares aus der Stirn und holte tief Luft, als wollte es wenigstens 200 Meter weit tauchen.
»Es ist nicht das, wonach es aussieht, Fräulein Bommelmops«, erklärte die Direktorin nach einer Schrecksekunde in gewohnt militärisch-exaktem Ton, zog ihre Hand aus dem Bonbonglas und lutschte mit ihrer gewaltigen Zunge etwas schlabbernd die wehrlos an der Hand haftenden Gummibärchen ab, während sie David mit der anderen Hand die Kleidung zurechtrückte und ihm ein wenig Abstand einräumte.
Mit hochrotem Kopf lächelte David nun, da die Schmerzen nachließen, das Fräulein Borghild Bommelmops an. »Es ging doch nur um die ...« Er unterbrach sich jedoch selbst. »Wollen Sie vielleicht auch ein Gummibärchen, Fräulein Bommelmops?«, fragte er, anstatt den vorherigen Satz zu vervollständigen, und senkte den Blick zum Bonbonglas, dessen Öffnung auffallend dicht neben seinem Hosenstall zu sehen war. Ein kleines gelbes Gummibärchen klebte zudem direkt am Reißverschluss seiner Hose!
Die Schulsekretärin schüttelte angewidert den Kopf. »Eine so billige Anmache hätte ich von dir nicht erwartet, David. Noch dazu, nachdem ich dich mit Frau Direktorin – praktisch in flagranti – erwischt habe. Das ist doch alles nicht zu glauben!« Sie ließ ein paar Akten auf den Boden fallen und flüchtete. An der Tür drehte sie sich nochmals um, gaffte auf das gewisse gelbe Gummibärchen und wiederholte: »Nicht von dir, David!« Dann verschwand sie endgültig.
Traurig schaute David seiner fliehenden Rettung nach und flüsterte: »Ich glaube, ich habe es mir bis an mein Lebensende mit Fräulein Bommelmops versaut.« Seine Von-ihr-geküsst-werden-Träume würden sich wahrscheinlich niemals erfüllen.
»Ach was, die kriegt sich bald wieder ein. – Kommen wir zur Sache!« Direktorin Napollon wurde wieder zum General, baute sich direkt vor David auf, entriss ihm das Bonbonglas, stellte es in den Schrank zurück und hielt David den unlängst gefundenen Zettel unter die Nase.
Der Junge las das Wort, das ganz oben auf diesem Zettel stand: »Kontrakt. – Was ist ein Kontrakt?«
»Ein Kontrakt? Das ist eine Abmachung, ein Abkommen, eine Vereinbarung, eine Übereinkunft, ja ein Vertrag – oder aber ein Pakt!«
»Ein Pakt?«, fragte David erstaunt.
»Was denkst du, winzig kleiner David, welche Deutsch-Note dein Zeugnis zieren wird?«
Erstaunt blickte David die Direktorin an. Schon wieder zuckte ihr Damenbart! »Eine Zwei, denke ich.«
»Falsch gedacht!«, rief die Napollon. »Zwei Versuche hast du noch!«
»Ich stehe auf Zwei. Das weiß ich ganz genau!«
»Du?« Sie beugte sich herab und David schlug süßer Gummibärchenatem ins Gesicht. »Als wenn du irgendetwas wüsstest! – Rate!«
»Etwa eine Drei?«
»Nein!«, brüllte sie. »Wer wohl unterschreibt die Zeugnisse in letzter Instanz? Einen Versuch hast du noch!«
»Es kann keine Vier sein!«, winselte David zurück. »Das ist unmöglich!«
»In meiner Gesamtschule ist nichts unmöglich, Herr Knackmann! Wenigstens nicht, solange ich die Direktorin bin! Richtig! Eine Vier! – Und weißt du auch warum?«
»Das ist unfair!«
»Es gibt kein unfair, David Knackmann. Wenn beim Fußball der Schiedsrichter einen Elfer gegen dich gibt, obwohl sich dein Gegenspieler einfach nur theatralisch fallen ließ, was ist das?«
»Das ist genauso unfair.« David befand sich auf dem schmalen Grat zwischen Tränen und Wutanfall.
»Aber nein, mein kleines unwissendes Kindchen!« Sie lachte künstlich und ihr Damenbart zuckte dabei, als hätte er ein Eigenleben. »Es ist eine Tatsachenentscheidung. Eine, die du akzeptieren musst! Ich bin der Schiedsrichter unserer Schule. Ich kann die Noten festlegen, wie ich es will! So wie ein Schiedsrichter den Elfer.« Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: »Und außerdem: Wenn du protestierst, gibt’s den roten Karton. Dann fliegst du raus wie eine ... eine Fliege! – Jetzt bist du baff, oder?«
»Sie sind gemein!«
»Nein, bin ich nicht.«
»Doch! Das sind Sie! Ich werde mich beschweren! Bei meinen Eltern!«
»Nein, das wirst du nicht. Und außerdem ... Wem würden deine Eltern wohl eher glauben? Mir – der Herrscherin, der Fürstin, ja der Göttin dieser Gesamtschule? Oder etwa dir, einem pubertierenden, impertinenten, naseweisen, dreisten und vorwitzigen Rotzbengel?«
»Sie sind so fies!«
»Fies? Oh, danke für das ehrfürchtig angenehme Kompliment, Herr Knackmann.« Ihre Stimme wurde wieder etwas leiser und schleimiger. »Es muss aber nicht so weit kommen, mein lieber Herr Gesangsverein. Es gibt ja schließlich noch den Kontrakt.«
Dann ging alles ganz schnell. Die Direktorin hielt plötzlich einen Kugelschreiber in der Hand, zeigte auf einen Strich auf dem Kontrakt und sagte: »Du musst hier unterschreiben, dann könnte es sogar eine glatte Eins plus in Deutsch werden.«
»Eine Eins? Wirklich?«, fragte David erfreut. »Und Sie verscheißern mich auch ganz bestimmt nicht?«
»Die Direktorin einer Gesamtschule würde niemals jemanden verscheißern. Bestenfalls würde sie ihn zugrunde richten, erledigen und kaltmachen. Aber nicht verscheißern. Das gehört sich schließlich nicht.«
»Darf ich den Kontrakt wenigstens vorher lesen?«
Der Schnurrbart der Generalin zuckte. »Warum vorher lesen, wenn du ihn doch unterschreiben musst?«
Viereinhalb Sekunden starrte David der Direktorin in die funkelnden Augen. Dann erhob er sich, nahm Stift und Kontrakt, ging zum Schreibtisch und schrieb ein verwackeltes ›Knackmann‹ auf die dafür vorgesehene Linie. Kaum hatte er die Hand zur Seite genommen, da rauschte von oben krachend ein Stempel der Gesamtschule auf das Papier, die Napollon riss David den Kugelschreiber aus der Hand und kritzelte ihr Signum mitten in den Stempelabdruck hinein. Alsdann baute sie sich vor David auf und las laut und mit explodierender Stimme den Kontrakt vor, während der Junge Zentimeter für Zentimeter zurückwich.

»Kontrakt zwischen der allseits beliebten Direktorin der Gesamtschule Neustadt – im Weiteren kurz Direktorin genannt – und dem Schüler David Knackmann – im Weiteren kurz David Knackmann genannt: David Knackmann erklärt sich im vollen juristischen Umfang bereit, am Freitag, dem 13. Mai von 20:00 Uhr bis Samstag, dem 14. Mai, 9:00 Uhr im Kellergewölbe der Gesamtschule Neustadt allein und ohne fremde Hilfe die Vorlesenacht der vierten Klassen – im Weiteren kurz VNdvK genannt – durchzuführen. In diesem Zusammenhang wird David Knackmann darüber belehrt, dass er
1. den zehn ihm überlassenen Kindern der vierten Klasse auch wirklich etwas vorliest, woran sich die Kinder noch lange erinnern sollen, alternativ kann er auch eine geeignete Geschichte erzählen,
2. die volle Verantwortung für die Gesundheit der ihm überantworteten Kinder trägt,
3. dafür sorgt, dass die ihm überantworteten Kinder genügend Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen,
4. ebenso dafür Sorge trägt, dass die an der VNdvK teilnehmenden Kinder spätestens irgendwann einschlafen,
5. sich darum kümmert, dass die Schulordnung der Gesamtschule Neustadt zu jeder Zeit eingehalten wird und
6. während der Vorlesenacht 10 äußerst merkwürdige Aufgaben lösen muss, was er in seinem Interesse gefälligst auch tun sollte.
David Knackmann findet sich um 19:45 Uhr am Eingang der Gesamtschule Neustadt ein, nimmt dort den Generalschlüssel, für den er die volle Verantwortung trägt, und die an der VNdvK teilnehmenden Kinder in Empfang. Er kontrolliert, ob alle Kinder im Besitz eines Schlafsackes oder einer Decke sind.
David Knackmann wird am folgenden Morgen gegen 9:00 Uhr die an der VNdvK beteiligten Kinder glücklich, gesund und vor allem lebend am Schuleingang an die Erziehungsberechtigten übergeben und der Direktorin am darauf folgenden Montag – noch vor der ersten Unterrichtsstunde – detailliert Rapport erstatten.
Sollte David Knackmann die VNdvK zur Zufriedenheit aller Beteiligten und der Direktorin durchführen, so erhält er im Fach Deutsch die Abschlussnote Eins. Sollte sich aber herausstellen, dass einer der oben genannten Punkte nicht erfüllt wurde, verschlechtert sich David Knackmann im Zeugnis in allen Fächern um zwei Noten.
Unterschriften: die allseits beliebte Schulleiterin der Gesamtschule und David Knackmann.«

»Das ist so gemein von Ihnen«, flüsterte David superleise.
Direktorin Napollon legte eine Hand ans Ohr. »Wie bitte? Was hast du gesagt? Ich konnte dich gar nicht verstehen.«
David brüllte: »Das ist so gemein! Dass ich mich auf dem Zeugnis in allen Fächern um zwei Noten verschlechtere, wenn es mit der Vorlesenacht nicht ganz so gut klappt, davon haben Sie vorher nichts gesagt!«
»Dann sorge dafür, dass alles gut klappt, David! Und außerdem: Zuerst hättest du dir durchlesen sollen, was du da unterschrieben hast«, sprach die Herrscherin der Schule, stampfte quer durch das Zimmer, öffnete einen großen, schweren Tresor, legte den Kontrakt hinein, drückte die Tresortür zu, drehte einen langen, altmodischen Schlüssel sieben Mal um und ließ den Schlüssel vorn unter dem Ausschnitt in einer ihrer üppigen Brusthochgebirgsfalten unter dem Kleid verschwinden.
Ein Zittern machte sich in Davids Körper breit. Das Zittern versuchte jedoch lediglich, die in ihm aufsteigende Wut zu unterdrücken. »Sie geben mir also keine andere Chance?«
Ein Grinsen der Direktorin versprach nichts Gutes. Sie strich David – als wäre er ein winziges Baby – über die rechte Wange und kniff dann hinein. »Vielleicht gebe ich dir doch eine Chance. Wie ich annehme, bist du einer dieser beklagenswerten Fußballfanatiker?«
Der Junge atmete auf und nickte. Beim Fußball machte ihm nämlich niemand was vor.
»Okay, David Knackmann. Ich stelle dir eine Fußballfrage. Du hast eine Antwort und drei Sekunden Zeit. Ist die Antwort richtig, werde ich die Vorlesenacht der vierten Klassen völlig freiwillig selbst übernehmen. Bereit?«
Wieder nickte David.
»Also dann: Wie heißt der Papi von Deutschlands Fußball-Nationaltorhüter Olli Kahn?«
Davids Augen weiteten sich. Sie hatte ihn reingelegt! Das war eine niemals zu beantwortende Unfrage! Und mit Fußball hatte die rein gar nichts zu tun!
»Einundzwanzig ... zweiundzwanzig ... dreiundzwanzig!« Die Napollon kreischte wie ein brünstiges Nilpferd auf. »Aus und vorbei!«
»Das war ...«, stammelte der Junge.
»Einfach«, unterbrach sie David, der schon wieder am ganzen Körper zitterte. »Denn der Papi von Olli Kahn heißt ... Vati Kahn!« Wie der Vesuv brach es aus der Schulleiterin heraus und es dauerte ein geraumes Weilchen, bis die Direktorin all ihr Lava-Gelächter entleert hatte. »Vatikan!«
»Das ist kein bisschen lustig.« David war tatsächlich nicht zum Lachen zumute. Er ging zur Tür und zog ein grimmiges Gesicht. »Ich hätte das ja gewusst. Aber ich wollte es den armen Viertklässlern nicht antun, dass sie eine ganze Nacht mit Ihnen verbringen müssen, Frau Napoleon!« David verließ wütend das Zimmer. Bruch. Krach. Die Tür war jedenfalls zu.
Keuchend stand David im Vorzimmer der Direktorin. Wie so oft drückte er die Kuppe des Zeigefingers seiner linken Hand auf den Pickel auf seiner Nase, denn Fräulein Borghild Bommelmops, die Schulsekretärin, stand aufgeregt vor der Pinnwand mit den Vertretungs- und Ausfallstunden. »Oh David«, flüsterte sie. »Lass dich nicht mit ihr ein! Diese Frau ist der personifizierte Teufel.«
»Sagen Sie das bloß nicht dem Teufel, er wäre wahrscheinlich zutiefst beleidigt«, flüsterte David zurück und konnte wieder ein ganz klein wenig lächeln. Immerhin war sie wegen vorhin nicht böse oder gar eifersüchtig.
»Du solltest das Beste aus der Vorlesenacht machen. Vielleicht macht es dir ja Spaß. Und gegen Mitternacht komm ich vorbei und serviere Würstchen und warmen Tee.«
»Würstchen?«, stammelte der Achtklässler. »Sie ... kommen ... ganz ... persönlich ... selbst ... vorbei?« Wäre es dunkel gewesen, hätten Davids Wangen wie ein doppelter Vollmond das ganze Sekretariat ausgeleuchtet. »Wirklich?«
Fräulein Borghild Bommelmops entnahm einem dicken Ordner einen Zettel. »Das freut dich wohl, David? Du weißt aber, ich habe einen Verlobten.«
»Och, mir egal. Bringen Sie den bloß nicht mit heute Nacht. – Was ist das?« David betrachtete den Zettel, auf dem zehn Namen standen.
»Das sind die Viertklässler, die heute Nacht dabei sind. Zur Kontrolle, dass du auch keinen von ihnen am Schuleingang vergisst. Das Motto der diesjährigen Vorlesenacht lautet übrigens: ›Ein Esel lese nie‹.«
»Ein Esel lese nie? Wer hat sich bloß diesen Blödsinn ausgedacht?«, fragte David. »Würde es nicht besser heißen: ›Ein Esel liest nie‹?«
»Besser vielleicht. Das ist aber eben kein Palindrom.«
»Palindrom? Was ist das? Kann man das essen?« Der Junge nahm den Finger vom Pickel und las: »Hannah, Mikkel, Leonard, Fabian, Sophia, Moritz, Emilia, Hannes, Lotta, Anton. – Fabian? Das ist doch nicht etwa der Bruder vom dicken Timm?«
»Ist er. Aber Fabian ist absolut okay. – Du hast da übrigens einen Mitesser auf der Nase.«
»Wirklich?« Wieder glühte Davids Gesicht. Immerhin hatte sie nicht das erniedrigende Wort ›Pickel‹ ausgesprochen. »Ist mir noch nicht aufgefallen. Nein, so was, ein Mitesser ... Kein Wunder, dass ich nie satt werde. – Und Mikkel? Ist das nicht so ein Kleiner, Winziger, Zwergenhafter aus der Ersten? Heißt der Mikkel Purz?«
»Der geht in die Vierte. Ist etwas klein, zweifellos. Der geht trotzdem in die Vierte. Ein Neuzuzug.«
»Neuzuzuzuzuzug? Ah. – Jedenfalls ... Ich freue mich, wenn Sie vorbeikommen, heute Nacht, meine ich, Fräulein Bommel... ähm ...mops. Und bringen Sie dem Mitesser was zum Mitessen mit. Ich ...«
Davids Schleimerei wurde jäh unterbrochen, denn die Napollon hatte die Tür aufgerissen und sprengte fast ihre Stimmbänder: »Wird hier etwa unanständig über mich getuschelt?«
»Iwo, Frau Oberstgeneralin«, sagte David – lustig und doch etwas angewidert dreinschauend. »Ich habe Fräulein Bommelmops nur gesagt, dass Sie, liebste Frau Direktorin, ganz bestimmt die Antwort auf jede Tierfrage wüssten, die es gibt, weil Sie schon selbst ein bisschen Fell im Gesicht haben. Und außerdem sind Sie ja Direktorin einer Gesamtschule. Und die muss schließlich alles wissen.«
Die Direktorin knurrte zustimmend.
»Meine Frage ist also: Warum macht der Hahn beim Krähen die Augen zu?«
Die Napollon schaute Löcher in Davids Kopf, um die alles entscheidende Antwort zu finden. Sie fand aber nichts! Und das machte sie sehr wütend.
»Wissen Sie’s nicht? Warum wohl macht der Hahn beim Krähen die Augen zu?«, wiederholte David schnippisch die Frage. »Das ist aber gar nicht gut, wenn die Direktorin einer Gesamtschule Antworten auf allerallereinfachste Fragen nicht weiß.« Er stand grinsend vor der Sekretärin und säuselte ein wenig überheblich: »Auf Wiedersehen, Fräulein Bommelmops, wenigstens mit Ihnen war es mir ein Vergnügen. Bis Mitternacht!« Er drehte sich um und verschwand holterdipolter auf dem Schulflur.
Die Napollon baute sich vor ihrer zart besaiteten Sekretärin auf, die im Schatten der Direktorin gänzlich zu verschwinden schien. »Ich! Will! Die! Antwort! Wissen! Jetzt! Sofort!«
Fräulein Borghild Bommelmops hüstelte zunächst. Schließlich kicherte auch sie. »Das ist doch aber eine ururalte Kleinkinderbilligfangfrage, Frau Direktorin. Der Hahn macht beim Krähen die Augen zu, weil er den Text auswendig kennt«, flötete die Sekretärin aus dem Dunklen und kicherte noch heftiger.
Acht totenstille Sekunden vergingen. Dann hörte man ein Zehncentstück im robusten Getränkeautomatenkörper der Napollon fallen. »Wissen Sie was, Sie Fräulein Sekretärin? Ich dulde es nicht, dass Sie als Sekretärin so tun können, als würden Sie mehr wissen wollen als ich! Sofort schreiben Sie mir alle Kleinkinderbilligfangfragen auf, die Sie kennen! Und zwar mit sämtlichen Antworten, wenn ich bitten darf! Aber schnell!«

Die Kinder

Oh, David Knackmann. Da stand er nun am stählernen Schulhoftor. Hilflos, sich selbst überlassen, ein Junge im besten Alter, einer, der an diesem kühlen Abend viel lieber unauffällig den nächsten Level des Actiongames am heimischen Computer erreicht hätte. Die der allgemeinen Teenagermode angepasste schulterlange, blond gelockte Haarpracht Davids wehte im seichten Wind Neustadts. Das offen stehende verrostete Eisentor, das tagtäglich den schweren Weg in das verhasste Schulhaus säumte, bewegte sich von allein und gab ein feines Quietschen von sich, irgendwo fuhr heulend ein Polizei- oder Krankenwagen durch die Stadt, Blätter sprangen raschelnd über die Schulstraße, eine behutsam entsorgte Klassenarbeit wehte dicht an Davids Kopf vorüber und wickelte sich anschließend um eine Eisenstange des Schulhofzauns.
David hielt die Kladde mit der Teilnehmerliste der VNdvK in der einen und einen roten Stift in der anderen Hand. Er holte das Handy aus der Tasche – 19:34 Uhr – und packte es wieder weg.
Auf seinem Rücken drückte der Rucksack mit den wichtigsten Utensilien für eine Lesenacht: eine halbe Rolle Klopapier, zwei Packungen Kekse, ein Kinderbuch von Friedmann Sorglos über die Rolle der Zwerge im mittelsächsischen Bergbau mit dem spannenden Titel »Die Rolle der Zwerge im mittelsächsischen Bergbau«, des Weiteren eine Taschenlampe und ein Taschenmesser. Und unten am Rucksack hing der Schlafsack, der ihm irgendwann in nächtlicher Eiseskälte wohlig wonnige Wärme spenden sollte.
Geblendet hielt David die Kladde vor die Augen. Der Strahl von mindestens zehn Halogendioden zweier fremder Taschenlampen hatte für die vorübergehende Blindheit des Lesepaten gesorgt.
»Guten Tag«, quietschten zwei Stimmen in der Dunkelheit.
»Bist du der, der uns vorlesen will?«, fragte die eine Stimme.
»Schwesterchen, bist du doof! Der will nicht vorlesen, der muss!«, stellte die andere Stimme fest.
David ließ die Kladde sinken und orientierte sich. Ein Mädchen im rot leuchtenden und ein Junge im blauweißen Jogginganzug schälten sich aus der Verblendung. Hinter dem Mädchen gewahrte David einen schweigenden dicken Erziehungsberechtigten.
»Eure Namen?«, fragte David in einem Ton, in dem sonst nur Lehrer fragen würden.
»Ich bin Hannah«, sagte das Mädchen.
»Ich bin Hannes und Hannah ist doof«, sagte der Junge.
David setzte zwei Häkchen in die Liste. »Okay. Habt ihr alles mit, was ihr braucht?« Er betrachtete die beiden Kinder im Wechsel. Sie sahen sich verdammt ähnlich, beide waren gleich klein und dünn, hatten gleich langes blondes Haar und beide schauten David mit den gleichen großen blauen Augen an.
»Ich habe mein leuchtendes Kissen mit. Willst du es sehen?«, quietschte das Mädchen.
»Ich finde leuchtende Kissen doof«, sagte Hannes.
»Seid ihr etwa Zwillinge? – Ich brauche noch eine Telefonnummer für den Notfall.« Die letzte Bemerkung war an den dicken Erziehungsberechtigten der beiden Kinder gerichtet.
»Ähm ... Die Kinder wissen die Nummer. Kann ich jetzt gehen?«
»Sie müssten noch ...«
Der dicke Erziehungsberechtigte aber war bereits verschwunden und es war, als hätte David mit der bröselnden Mauer gesprochen, die den Schulhof umgab.
»War das etwa euer Vater?«, fragte David erstaunt.
»Quatsch mit doofer Soße«, sagte Hannes, während Hannah David das leuchtende Kissen unter die Nase hielt. »Das war der doofe Taxifahrer. Unsere doofen Eltern haben keine Zeit für uns. Wie immer.«
»Eltern sind doch tatsächlich äußerst merkwürdige Gestalten«, stellte David fest. »Baut euch jetzt hier in einer Reihe auf und lauft bloß nicht weg!«
Während sich die Zwillinge um den ersten Platz in der Zweimannreihe stritten, spürte David einen Schlag gegen den Hinterkopf. »Das will ich aber nicht gehört haben, junger Mann!« Ein alt wirkendes Frauengesicht einer besonders langen Frau starrte David an und fauchte: »Von wegen merkwürdige Gestalten! Bring meinem Kind bloß keinen Blödsinn bei! Es ist – im Gegenteil zu dir – nämlich gut erzogen!«
»Oh, Verzeihung, das war nicht so gemeint. Wo ist denn Ihr Kind?« David blickte sich um. Hinter Hannah und Hannes stand bereits ein Junge mit kurz geschorenen dunklen Haaren still und regungslos in der Reihe. Er war in dicke Sachen eingepackt und hatte neben sich eine kleine, alte Reisetasche abgestellt.
»Sein Name ist Moritz. Er ist etwas ...«
David hakte den Namen ab. »Geben Sie mir bitte noch Ihre Telefonnummer, falls es Probleme geben sollte?«
»Es wird keine Probleme geben, junger Mann. – Also dann – bis morgen früh!«
Die Frau winkte ihrem Sohn und rief: »Auf Wiedersehen, Moritz!« Sie zwang sich ein schnell sterbendes Lächeln ins Gesicht, denn Moritz nahm keine Notiz von seiner Mutter. Die drehte sich um zum Gehen und grüßte einen Herrn, der gerade allein den Schulhof betrat.
»Guten Abend«, sagte David zu diesem Mann. »Haben Sie etwa Ihr Kind vergessen?«
»Nein, nicht doch, wo ist sie denn schon wieder? – Lotta!«, rief der Mann in die Dunkelheit. »Sofort kommst du her, Lotta!«
»Ich habe Angst, Papa«, erklang die Piepselstimme eines Mädchens, das noch am Schultor stand.
»Du brauchst aber jetzt noch keine Angst zu haben«, sagte David. »Hier tut dir wahrscheinlich niemand was.«
Vorsichtig näherte sich das zierliche Mädchen Lotta. David sah, dass es zwei lange schwarze Zöpfe, ein etwas altmodisches Kleidchen und einen wahrscheinlich viel zu schweren Rucksack trug. Lotta betrachtete den Lesepaten argwöhnisch.
»Okay, du also bist Lotta.« Erneut machte David ein Häkchen.
»Sie ist etwas ängstlich. Du solltest stets in ihrer Nähe sein. Lotta versteckt sich mitunter, wenn sie Angst hat. Sie löst sich dann praktisch in Luft auf.«
»Geben Sie mir bitte noch Ihre Telefonnummer, falls etwas Unerwartetes geschieht oder Lotta sich nicht finden lässt?«
»Tut mir leid, wir haben kein Telefon. Aber ...«, der Mann klopfte David auf die rechte Schulter, »... es wird schon nichts passieren. – Viel Erfolg wünsche ich.« Dann beugte er sich hinunter zu Lotta und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Sei schön lieb, meine kleine Prinzessin. Papa geht jetzt nach Hause.«
»Nicht, Papa! Bitte bleib hier!«, kreischte das Mädchen.
»Das geht nicht, Lotta. Was sollen denn die anderen Kinderchen denken, mein Prinzesschen?«
David klemmte den roten Stift an die Kladde, nahm Lotta an die Hand, ging zu den drei wartenden Kindern und übergab die Hand von Lotta an die von Hannah. »Hannah, du passt auf Lotta auf. Du versprichst mir, dass du diese Hand niemals loslässt!«
»Willst du vielleicht mal mein leuchtendes Kissen sehen?«, fragte Hannah und Lotta nickte.
Währenddessen standen schon wieder Neuankömmlinge am Tor, denen sich David widmen musste.
»Du da! He, Junge!«, rief ein kräftiger Mann, der eine blaue Arbeitslatzhosenkombination und einen utopischen Schnurrbart trug. »Bist du David Knackmann?«
»Ja, bin ich. Aber Sie haben doch bestimmt Ihr Kind vergessen, oder?«, fragte der Lesepate.
Der Mann lachte. »Ich habe kein Kind – zum Glück! Nur einen Schlüssel.« Er zog ein Blatt Papier aus der Brusttasche und klatschte es auf Davids Kladde. »Hier unten auf dem SÜP-GS unterschreiben!«
»SÜP-GS? Was ist das?«, fragte David erstaunt.
»Das ist das vorgeschriebene Schlüsselübergabeprotokoll für Gesamtschulen des Schulministeriums.« Der Mann ließ einen goldenen Schlüssel vor Davids Augen zappeln, der an einem blauen Halsband hing. »Du solltest gut auf den Schlüssel aufpassen.« David unterschrieb, der Mann nahm den Zettel an sich und hängte David den Schlüssel wie eine Goldmedaille um den Hals. »Du bürgst mit deinem Leben für diesen Generalschlüssel. Verschwindet er, dann müssten einhundertvierunddreißig Schlösser ausgewechselt werden, praktisch jeder Schließzylinder dieser gesamten verdammten Gesamtschule. Und das kostet ...«
»Viele, viele Euros?« Davids Mund fühlte sich plötzlich unheimlich trocken an. »Ich pass schon darauf auf.«
»Das solltest du auch. Na dann ...« Der fremde Mann verschwand mir nichts, dir nichts in der Dunkelheit, als wäre er niemals auf dem Schulhof gewesen.
Ein älterer, einfacher Herr tauchte plötzlich vor David auf und lüftete kurz seinen altmodischen Hut. »Guten Abend, David«, sagte er. »Ich bin der Großvater von Anton und Emilia.« Seine Hände ruhten auf den Köpfen zweier Kinder.
David hakte Anton und Emilia auf seinem Erfassungsbogen ab. »Na so etwas«, sagte er schließlich und beugte sich zu den beiden Kindern. Beide lächelten ihn an. Beide trugen eine Drahtbrille. Und in beiden Mündern glitzerten bunte Zahnspangen. »Seid ihr etwa auch Zwillinge?«
Die beiden schüttelten gleichzeitig die Köpfe.
Der Großvater der beiden, der eine angenehm tiefe Stimme besaß, drückte die Kinder liebevoll an sich. »Ist das nicht rätselhaft? Anton und Emilia haben völlig verschiedene Eltern, sie wohnen in unterschiedlichen Stadtteilen und doch haben sie den gleichen Großvater.«
David stutzte. »Ja, geht denn das?«, fragte er erstaunt.
»Das ist ganz einfach«, erklärte Emilia und tippte auf Antons Brust. »Anton ist mein Cousin.«
»Genau. Ganz einfach ist das«, erklärte Anton und schob die Brille auf der Nase gerade. »Emilia ist meine Cousine.«
»Und Antons Mama ist meine Tante«, erklärte Emilia.
»Und Emilias Mama ist meine Tante«, erklärte Anton. »Sie sind nämlich Schwestern.«
»Und mein Opa ist der Papa von meiner Mama und von Antons Mama«, beendete Emilia den Vortrag. »Können wir endlich reingehen? Es wird allmählich kalt hier draußen.«
»Eure Väter sind aber nicht etwa Brüder?«, fragte David nach einer kurzen Denkpause.
Anton und Emilia blickten David traurig und kopfschüttelnd an.
»Vagabunden sind es«, flüsterte der Großvater in Davids Ohr. »Brüder waren es jedenfalls nicht. Fast gleichzeitig haben sie meine Töchter und meine Enkel sitzen lassen. Aber so ist es nun mal, das leidige Leben. – Na, David, ich geh dann mal, die Nächsten warten bereits.« Er drückte David Knackmann die rechte Hand und lächelte.
Der Lesepate schickte Anton und Emilia zu den anderen Kindern. »Wartet bitte hier, wir sind bestimmt gleich komplett.«
»Na, endlich bin ich dran.« Ein im Vergleich zu den anderen Kindern großer und recht kräftiger Junge stand vor David und musterte ihn. »Weißt du was? Ich habe ›Operation mass murder‹, das ungeschnittene Videospiel für Game control. Das ist ab achtzehn!«, prahlte er sogleich.
David blickte sich um. »Wo sind denn deine Eltern? Wissen die das? ›Operation mass murder‹ ist total abartig, ein sinnloses Abschlachtspiel. Und wie heißt du überhaupt?«
»Leonard. Und ich brauch meine Eltern nicht, nur weil es dunkel ist.«
Egal, wieder ein Häkchen. »Du also bist Leonard. Okay. Geh zu den anderen und warte dort.«
»Kindergarten.« Leonard stampfte zu den restlichen Kindern, die halbwegs in einer Reihe standen und zappelten. Er stieß Anton in den Rücken, so dass eine Welle die gesamte Kinderreihe ins Chaos stürzte.
»Leonard! Ich habe das gesehen! Noch so ein Ding und ich lass dich abholen!«, rief David.
»Geschieht dir recht, Kackmann«, brummte eine David wohlbekannte Stimme. »Hoffentlich machen dir die winzigen Schwächlinge die Nacht zur Hölle, Knackarsch!«
Davids Augen wurden zu Schlitzaugen, als wäre er ein Samuraikämpfer. Sie hatten den dicken Timm entdeckt!
»Pass du lieber auf, dass du dich auf dem Heimweg nicht verläufst, Blödmann!« David hakte Timms Bruder Fabian in der Liste ab.
Timm hielt seinen kleinen Bruder derb an den Haaren fest. »Keine Angst, Knackarsch, ich geh jetzt zu Mac Doof und mach mir einen echt vergnüglichen Abend.« Er gab dem schmächtigen Fabian einen Stoß, so dass der mitsamt seinem Rucksack auf dem Schulhof hinfiel. Timm lachte verächtlich. »Los, Schwächling! Verpiss dich zu den anderen Weicheiern.«
Sofort half David Timms Bruder auf und klopfte ihm Schmutz aus der Kleidung. »Ich komme gleich zu euch«, sagte David zu den wartenden Kindern und fuhr Fabian mit einer Hand über den Kopf. Dann wandte er sich um, ergriff blitzschnell die Schnurenden von Timms Jackenkapuze, zog Timm zu sich heran und sorgte damit dafür, dass sich die Schnur um Timms Hals festzog. Er flüsterte dem dicken Timm ins Ohr: »Wenn ich noch mal sehe, dass du so mit Fabian umspringst, dann wirst du bald keine Eier mehr haben. Versprochen! Weder weiche noch harte. Das heißt, falls du überhaupt welche hast.« Weil Timm bereits rot anlief und die Zunge aus dem Mund streckte, ließ David die Schnur etwas lockerer. Timm schnappte kurz nach Luft. Doch wieder zog David kräftig an der Schnur. »Und noch einen gut gemeinten Hinweis, Butterbacke: Ein Junge, der einen anderen Jungen als ›Knackarsch‹ bezeichnet, outet sich als schwul. Also überlass das den Mädchen! – Und nun verpiss dich und friss von mir aus bei Mac Doof, bis du platzt!«
Hechelnd stolperte Timm rückwärts vom Schulhof und grummelte, während die Viertklässler Beifall klatschten: »Das zahl ich dir heim, Kackmann! Verlass dich drauf!« Timm lief heulend vom Hof, mitten auf die Straße, und wäre um ein Haar von einem Auto angefahren worden, das unmittelbar vor dem Hoftor mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam.
Dem Straßenkreuzer entstieg zunächst ein uniformierter Mann, der hinten einer vornehm gekleideten Dame mit hochhackigen Schuhen die Tür öffnete, die wiederum noch eine Tür weiter hinten öffnete und ein ebenso vornehm gekleidetes Mädchen aussteigen ließ. »Schnell, schnell, Sophia, mein Baby, wir kommen sonst zu spät!«, vernahm David und hakte schon mal den vorletzten Namen ab.
Auch Sophia trug Schuhe mit hohen Absätzen und stolperte der Mutter, deren Absätze im weichen Schulhofschlamm versanken, hinterher.
Obwohl diese feine Dame direkt vor David zum Stehen kam, blickte sie über ihn hinweg und rief mit schriller Stimme: »Wer ist hier verantwortlich?«
David hob die Hand mit dem Stift vor die Augen dieser Frau. »Ich«, sagte er.
Sie senkte den Blick. Ihre Stimme war laut und schrill. »So, junger Mann. Ich übergebe Ihnen Sophia von Meisengrund, mein kleines, süßes Baby. Sie sollten sich bemühen, mir mein Kindchen unbeschadet zurückzugeben.« Was sie nun sagte, ließ Sophia erröten, denn alle, aber auch wirklich alle, selbst die Leute, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnten, konnten das hören: »Ich weise Sie darauf hin, dass meine Sophia nur einen kleinen Nachttrunk zu sich nehmen darf. Zudem muss sie um 23:00 Uhr und um 3:00 Uhr geweckt werden und die Toilette aufsuchen, da sie ansonsten das Bett benässt. Sie darf außerdem nicht zu kalt gebettet werden. Alles verstanden? Gute Nacht.« Sie streckte einen Arm zu Sophia aus, ohne sich auch nur ein wenig zu ihr hinunterzubeugen. »Gute Nacht, Kindchen. Und bleib trocken. Hihi.«
Der Uniformierte stellte wortlos eine Tasche neben David ab und ging zurück zum Auto.
Alsdann stolperte Frau von Meisengrund zurück zum Straßenkreuzer und ließ sich von ihrem Fahrer hineinhelfen. Kurz darauf verschwand die große Limousine mit quietschenden Reifen.
Davids Blicke trafen die von Sophia. »Alles okay?«, fragte er.
Zwei Tränen liefen über Sophias Gesicht. »Ich kann nichts dafür. Sie macht mich immer schlecht«, flüsterte das Mädchen.
»Ich hab nichts gehört«, sagte David. »Komm, geh jetzt zu den anderen.«
Sophia himmelte den Lesepaten mächtig an, mühte sich, die Tasche hochzuheben und lief zu den anderen Kindern.
David überflog die Liste. Nur ein einziger Haken fehlte noch. Und zwar der hinter dem Namen Mikkel Purz.
»Mikkel«, flüsterte David. »Wo bleibst du nur?« Er schaute zum Tor. Niemand war zu sehen.
»Können wir nicht endlich reingehen?«, rief Hannes. »Warten ist doof!«
»Ja, können wir nicht endlich reingehen?«, rief auch Hannah.
»Ich muss mal«, stellte Sophia zudem fest.
»Wir müssen noch auf Mikkel warten«, erklärte David laut und deutlich.
»Wieso warten?«, fragte eine Stimme und das dazugehörige Kind trat aus der Reihe.
David starrte Mikkel an. Der trug wieder das gleiche altmodische Hemd und die noch altmodischere Hose, die an den Knien aufhörte, wie am Morgen im Schulflur. Seine Stimme klang immer noch so hoch wie die eines Mädchens, dem Gesicht fehlte nicht eine einzige Sommersprosse, die Haare leuchteten feuerrot und verdeckten nichts von den extrem weit abstehenden Ohren ... Ja, das war Mikkel Purz.
»Woher kommst du so plötzlich, Mikkel?«
»Was heißt hier plötzlich? Du hast mich doch begrüßt, David. Ich kam nach Anton und vor Emilia. Aber wir wissen es ja beide: Aller Beginn ist schwer.« Mikkels breites Grinsen ließ David all die Zahnlücken sehen.
Und am liebsten hätte David nach einem der abstehenden Ohren gegriffen. »Anfang! Nicht Beginn!«, verbesserte David. »Verkauf mich nicht für blöd, Mikkel. Anton und Emilia sind zusammen gekommen, gleichzeitig mit ihrem Großvater. Und ich habe dich mit Sicherheit nicht zwischen den beiden begrüßt.«
»Oh, David Knackmann. Du hast, glaub mir, du hast! Du hast mich auch abgehakt. Mit zwei kurzen, zackigen Strichen.«
Wieder schaute David auf das Empfangsprotokoll. Schockschwerennot! Tatsächlich: Hinter Mikkels Namen war ein Haken!
Ein äußerst mulmiges Gefühl beschlich den Lesepaten. »Okay, gehen wir rein. – Aber seid leise und lasst uns alle dicht beieinanderbleiben.«

Ein Esel lese nie

Kurz darauf öffnete David mit dem goldenen Schlüssel die große, schwere Tür zum Schulhaus, die eigentlich nur von Fräulein Borghild Bommelmops, der Schulsekretärin, geöffnet werden durfte.
Obwohl sie das an jedem x-beliebigen Tag tun mussten, betrachteten die Teilnehmer der Lesenacht der vierten Klassen und ihr Lesepate David Knackmann ehrfurchtsvoll das düsterdunkle Schultreppenhaus.
Taschenlampen blitzten auf, Lichtkegel ließen Treppen, Türen, Geländer und Schatten erzittern.
Einzig und allein der kräftige Leonard spürte die ungewöhnliche Last der Stille nicht und grunzte: »Oh, wie ich diese Bude hasse!«
Bereits auf der dritten Stufe im Foyer stürzte Leonard und fiel der Länge nach hin. Alle anderen machten sich Mut und lachten, während sich der wohlbeleibte Junge die linke Kniescheibe zurechtrückte und stöhnte: »Ich sage euch, die verdammte Treppe hat sich bewegt!«
Wieder lachten alle und David meinte: »Klar doch. Die Treppe bewegt sich. – Los, kommt jetzt, sonst schaffen wir das nie mit dem Lesen.«
Der Schulflur wirkte viel länger, höher und größer als sonst. David lief vor bis an die Spitze der Gruppe und befahl den Kindern zu warten. »Sophia«, sagte er und zeigte auf eine Tür, »du gehst auf die Toilette. Und wer noch muss, geht jetzt am besten auch!«
Sophia von Meisengrund schaute David mit großen Augen an. »Da ist es bestimmt ganz dunkel drin.«
»Musst du nun oder nicht?«
»Eigentlich ...«
David wollte die Toilettentür öffnen, doch sie war abgesperrt. Er nahm den goldenen Generalschlüssel vom Hals und steckte ihn ins Schloss. Zum Glück passte er. Nun betrat David den Vorraum der Toiletten und betätigte den Lichtschalter. – Nichts geschah. Es blieb stockdunkelfinster. »Mist«, flüsterte er und sagte laut: »Okay, alle, die eine Taschenlampe haben, gehen mit rein und leuchten für Sophia. Ähm ... Alle Mädchen meine ich.«
Sofort flammten acht Taschenlampen auf. Die Jungs verschwanden rechts im Jungenklo, die Mädchen links. Nur Mikkel blieb neben David draußen auf dem Flur stehen.
»Hast du keine Taschenlampe oder musst du nicht?«
Mikkel verzog das Gesicht. »Beides ist richtig. Bin ich deshalb schlechter als die anderen?«
»Natürlich bist du das nicht, Mikkel.«
Ein kreischender Mädchenschrei zerriss die wunderbare Nachtstille.
»Unvermutet kommt oft«, flüsterte Mikkel, als der Schrei endlich aufhörte.
»Es heißt ›unverhofft‹ und nicht ›unvermutet‹«, schimpfte David und betrat den Vorraum der Toilette.
Mikkel folgte dem Lesepaten und rechtfertigte sich: »Ich persönlich finde, dass ›unverhofft‹ und ›unvermutet‹ die gleiche Bedeutung haben.«
»Haben sie ja auch. Es sind Synonyme. Und trotzdem heißt das Sprichwort ›Unverhofft kommt oft‹.«
Der Kopf mit den abstehenden Ohren schüttelte sich. »Früher hieß es ›unvermutet‹.«
David öffnete die Tür zu den Mädchentoiletten. »Was weißt du schon von früher.«
»Vielleicht mehr, als du denkst«, flüsterte Mikkel Purz.
Währenddessen wunderte sich David, dass ihn alle Kinder, auch die Jungen, anstarrten. »Was sucht ihr hier bei den Mädchen?«
Alle plapperten durcheinander.
»Wer hat geschrien?«, fragte David mit lauter Stimme.
Alle zeigten auf Lotta, die auf ihrem Rucksack saß und betrübt auf den grauen Fliesenboden blickte.
David ging in die Knie und hockte sich vor Lotta hin. »Was ist los, warum hast du so laut geschrien?«
»Da ... da ...«
Leonard stampfte auf eine der Klokabinentüren zu und öffnete sie. »Deswegen hat die Memme geschrien!«
David betrat vorsichtig die Mädchenklokabine. Nun wusste er, was Lotta einen so großen Schrecken eingejagt hatte: In der Tür steckte von innen