Leseprobe Band 1

[...]
Prinzessin Röschen
David hob seinen Kopf ein wenig. Über den Füßen sah er zwei helle Waden. Und an den Knien darüber, erblickte er den Saum eines gelben Kleidchens und weiter oben zwei verschränkte Arme, dann einen Hals und dann ein argwöhnisch dreinblickendes Mädchengesicht, umgeben von langen, goldblonden, lockigen Haaren.
Der Junge erhob sich ganz vorsichtig. Das Mädchen hatte seine Größe und vielleicht auch sein Alter.
"Bist du ein Mensch?", fragte David leise, der mit den Schuhen im Wasser stand und überall tropfte.
"Ein Mensch?" Das Mädchen hob seine Nase etwas höher. "Seh' ich etwa aus, wie ein schnöder, gewöhnlicher Mensch?"
David nickte und zog mit den Hacken die Turnschuhe aus. "Du schaust aus, wie die eingebildeten Weiber aus meiner Klasse. Und die behaupten schließlich auch, Menschen zu sein."
"Ich", betonte das Mädchen und nahm das Näschen noch etwas höher, "bin die Prinzessin!" Dann ging das merkwürdige Mädchen vier Schritte rückwärts, einen nach links, zwei vorwärts und einen nach rechts. Grinsend leerte David seine Schuhe, zog nun auch die Strümpfe von den Füßen und wrang sie aus. Er stellte sich barfuß neben die Prinzessin und folgte zögernd ihren Schritten, wobei sie ein Stück des Gartens durchquerten. Und während sie tanzten, begann die Prinzessin zu trällern:
"Wunderschön und auch von Adel,
immer jung und ohne Tadel,
scheine heller als die Sonne,
und mein Antlitz ist die Wonne!
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Weil ich die Prinzessin bin!
Schnöde Weiber voller Neid,
greifen an mein Seidenkleid,
staunen über meine Beine,
keine Haut ist so wie meine!
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Weil ich die Prinzessin bin!
Nicht ein Böser wird es wagen,
mich zu jagen und zu schlagen!
Denn dann kommen die Soldaten,
die mich schützen und beraten.
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Weil ich die Prinzessin bin!
Ich bin traumhaft - klingelingeling.
Und eines Tages bin ich Königin."
David grinste das Mädchen an. Er riss sich los und hielt sich die Stirn. Dann ergriff er ´die zarten Hände der Prinzessin und begann, sich mit ihr im Kreis zu drehen. Dabei rief er laut:
"So ein Blödsinn, den ich höre!
Du bist auch nur eine Göre,
eingebildet und verzogen.
Das ist wirklich nicht gelogen.
Du bist traumhaft? Klingelingeling?
Du bist eine Angeberin!"
"Pah! Puh!" Die Prinzessin schubste David von sich, der auf den Rücken ins Gras fiel. "Wie sollst du meine Anwesenheit zu schätzen wissen? Du bist ja nur ein Mensch! Und noch dazu ein Junge und ein Kind. Ich aber bin eine Prinzessin!"
"Eine Prinzessin also!" David wischte sich mit dem Handrücken die Nase ab. "Eine ordentliche Prinzessin schubst einen wehrlosen Jungen aber nicht einfach so ins Gras. Du erinnerst mich eher an Nathalie aus meiner Klasse. Die sieht genauso eingebildet aus und strebt immerzu. Die Lehrer können sie gut leiden. Aber leider nur die Lehrer."
"Ich denke", sie hob das Näschen etwas höher, "deine Nathalie kann bestimmt nicht das!" Die Prinzessin hob eine Hand, und ehe David etwas dagegen tun konnte, zog sich seine Hose mit einem Ruck von allein aus und zappelte hoch oben in der Luft. Sogleich hielt er mit beiden Händen krampfhaft die Unterhose fest, während er aufstand und hüpfte, um die Hose zu erreichen.
Die Prinzessin lachte hinterhältig.
"Nicht die Unterhose! Nicht die Unterhose!" David flehte und trat einen Schritt zurück.
Die Prinzessin lachte noch mehr, hob wieder die Hand und Davids blaues T-Shirt zog sich ganz allein aus und tanzte gemeinsam mit seiner Hose weit über ihm.
Nun blieb dem Jungen nichts weiter übrig, als schnell das Weite zu suchen. Während er davon flitzte, hörte er ihr schallendes Lachen. Er rannte einmal um den See und lief letztendlich der Prinzessin, die plötzlich wieder vor ihm stand, genau in die Arme, worauf beide ins Gras fielen.
David drehte sich mit aller Kraft, so dass die angebliche Prinzessin nun unter ihm lag und nahm das Mädchen in die Zange. "Das war wirklich ganz, ganz gemein von dir", schimpfte der Junge. "Dass du mir die Hose weggenommen hast! Immerhin bin ich ein Junge und du ein Mädchen."
"Glaubst du nun, dass ich eine Prinzessin bin?", fragte das Mädchen, noch immer lachend, kroch unter David hervor und erhob sich wieder.
"Ich glaub's dir ja. Aber gib mir jetzt bitte, bitte meine Sachen wieder. - Und ... kannst du sie vielleicht vorher trocken zaubern?"
"Natürlich kann ich das", sprach das märchenhafte Geschöpf grinsend. Und bevor David einmal Luft holen konnte, hatte er seine trockenen Sachen wieder an, dazu die Strümpfe und die Schuhe.
"Das ist genial", staunte David. "Vielleicht bist du gar nicht so eingebildet wie Nathalie. Kannst du auch etwas zu Essen und zu Trinken zaubern? Kannst du mir das Zaubern vielleicht beibringen? Und kannst du ..."
"Das Essen brauche ich nicht zu zaubern, die Tafel ist bestimmt schon gedeckt. Und Zaubern lernt man ausschließlich in der Zauberschule."
"Etwa in Hogwarts?"
"Was soll denn ein Hogwarts sein? Du redest über merkwürdige Dinge, Mensch David. Nun komm schon mit, bevor ich es mir anders überlege und dich von den Nashornsoldaten in den Turm sperren lasse." Die Prinzessin nahm ihn einfach an die Hand und zog ihn mit sich. "Merkst du etwas?", fragte sie.
"Was soll ich denn merken?"
"Du bist in den See der Heilung gefallen. Dir kann jetzt nichts mehr wehtun."
Nun stellte auch David fest, dass ihm der Po nicht schmerzte.
"Was kannst du noch so?", fragte der Junge, während sie einen schmalen Weg entlang liefen, zu dessen Seiten sich hohe, bunte Blumenraine erhoben, in denen unzählige Schmetterlinge flatterten.



"Na ja, ich lerne noch!"
"Ist das so eine Art Schule?"
"Nein, das macht meine Mutter, die Gute Königin."
Sie kamen an ein Tor, vor dem ein aufrecht stehendes Nashorn Wache schob, das David mit untersuchenden Blicken musterte. Es hatte ein golden leuchtendes Horn auf der Nase, ansonsten sah es aus, wie die im Zoo.
"Er darf mit rein", meinte die Prinzessin. "Das ist ein guter Mensch!"
Das Soldaten-Nashorn grunzte, öffnete das Tor und schloss es sofort wieder, nachdem die beiden Kinder hindurchgegangen waren.
David blieb erstaunt stehen. Vor sich sah er nun ein riesiges, felsiges Schloss, das tatsächlich wie ein Vulkan aussah und oben etwas Feuer spie.
"Das Vulkanschloss", raunte er. "Ob Tabok schon hier angekommen ist?"
"Ja, ja! Der ist schon da! - Warte, David!"
"Du weißt meinen Namen?"
"Aber David, ich bin die Prinzessin. Ich habe schon über dich gelacht, als du mit dem Ug Spaß gemacht hast. Weißt du, ich habe sehr selten Spaß. Dreh dich um!" David drehte sich um. Dann fühlte er, wie sich etwas an seinem Hosenboden zu schaffen machte.
"Was ist das?"
"Die Hose wird geflickt. Halt still, sonst stechen dich die Nadeln!"


David kniff die Pobacken zusammen und wagte kaum zu atmen. Die Prinzessin setzte schon wieder ihr hinterhältiges Grinsen auf. Genau in diesem Moment piekste eine Nadel zu und David jaulte auf.
"Oh Entschuldigung, war aus Versehen! So, fertig!"
David griff an seine Hose, die Löcher und Risse waren tatsächlich verschwunden. "Meine Mami könnte dich bestimmt gut gebrauchen."
"Deine Mami?"
"Schon gut, Prinzessin. Und wie heißt du?"
"Ich bin die Gute Prinzessin."
"Gute Prinzessin?" David verzog sein Gesicht. "Das ist doch kein Name. Du hast bestimmt einen richtigen Namen. Oder?"
"Nein, habe ich nicht! Nur meine Mutter, die Gute Königin, ruft mich manchmal Röschen. Weil ich so schön, wie eine blühende Rose bin."
"Röschen?" Nun lachte David. "Du bist Röschen? Hast du irgendwann mal einhundert Jahre geschlafen?"
"Ich? Nein! So lange habe ich nie geschlafen. Warum sollte ich das?"
"Bei uns gibt es das Märchen von einem Dornröschen ..., hätte ja sein können, dass du das warst. - Röschen ... wie das klingt."
Die Prinzessin knuffte David in die Seite. "Los komm jetzt, die Königin wartet bestimmt schon!"
"Ich komm ja schon, Röschen!" David lachte wieder, dann folgte er der Prinzessin auf einem schmalen Weg, der sich aufteilte und in einer anderen Richtung zu einem hohen Turm führte.
Sie betraten das Schloss und das Menschenkind David blickte sich ehrfurchtsvoll um. Die Räume waren riesig, überall standen diese merkwürdigen Nashörner, Diener der Königin.
Beide rannten durch die langen Gänge und die Prinzessin lachte dabei. Bis sie in einen Raum kamen, der noch größer, schöner und prunkvoller war als die anderen Räume. Ein Saal mit gigantischen Ausmaßen, voller goldener Reliefs und Statuen. Und in der Mitte dieses Saals stand eine unglaublich lange Tafel. Und am Ende dieser unglaublich langen Tafel, saß die unglaublich schöne Gute Königin.
David näherte sich ihr und kam sich schäbig vor, in seiner schmutzigen Jeans und mit seinem ausgewaschenen T-Shirt.

Im Vulkanschloss
Die Gute Königin erhob sich. "Ich habe auf euch gewartet, Kinderchen!" Sie nahm ihre Prinzessinnentochter an die Hand. "Kindchen, du sollst deinen Gast nicht immerzu ärgern! Ihm die Sachen wegzuzaubern, gehört sich nicht!"
David wurde rot. Sie hatte es gesehen! "Och, das war nicht so schlimm", sagte er.
"Schlimm nicht, aber vielleicht peinlich. Komm her, Menschenkind!" Die Gute Königin streckte ihre Hand aus und ergriff die von David. "Wir hatten bisher nie einen Menschen zu Gast in unserem Schloss. Ich freue mich, David. Auch wenn du das Gleichgewicht gehörig durcheinander gebracht hast - willst du der Königin die Hand reichen, dann solltest du dich ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugen! Habt ihr Menschen das nicht gelernt?"
"Mami darf ich immer drücken, wenn wir uns sehen."
"So, so - Drücken! Und wie geht dieses Drücken?"
"Ganz einfach", meinte David. "Ich umarme Mami und sie umarmt mich. Und dann geben wir uns einen Kuss."
Die Königin ließ ihre Prinzessinnentochter los. "Zeig mir das Drücken, David!" David schaute der Guten Königin blinzelnd ins Gesicht. Nun erst bemerkte er, dass diese Königin seiner Mutter unglaublich ähnlich war. Deshalb zögerte er nicht lange, umarmte die Königin, drückte sie ganz fest an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
"Findest du das wirklich?", fragte die Königin.
"Was finde ich?"
"Dass ich deiner Mami ähnlich bin?"
David nickte. Die Gute Königin konnte seine Gedanken lesen!
"Ab sofort wird die Königin gedrückt und geküsst, wenn man sie begrüßt! Keine altmodischen Verbeugungen mehr!", befahl die Königin.
Der Nashornsolat grinste.
"Das gilt natürlich nicht für euch Soldaten!"
David warf einen Blick auf den leeren Tisch und rieb sich den Bauch. "Hab ich einen Hunger!"
"Oh", meinte die Königin verlegen, "wie vergesslich von mir!" Sie fuhr mit der Hand durch die Luft. Da funkelten ein paar Sterne durch den Saal und deckten den Tisch mit den leckersten Speisen.
David dachte gerade: Schade, dass kein rosa Wackelpudding mit Vanillesoße dabei ist, da erschien noch ein kleines Sternchen und stellte eine große silberne Schüssel mit rosa Wackelpudding und Vanillesoße auf den Tisch.
David setzte sich und begann unter den erstaunten Blicken der Königin, die leckeren Speisen in sich hineinzustopfen und alles mit Limonade herunterzuspülen. "Ganz lecker", meinte er mit vollem Mund und leuchtenden Augen. Es war ihm egal, dass er von der Königin und Prinzessin Röschen beobachtet wurde. "Mami sagt, ich bin in der Wachstumsphase. Da muss man viel essen", rechtfertigte sich der Junge mit vollem Mund.
Aber irgendwann war auch Davids Bauch voll und man setzte sich auf sehr bequeme Sessel vor einen dunklen Kamin. Die Prinzessin erhielt die Befugnis, das Feuer im Kamin anzufachen. So fuhr sie mit der Hand durch die Luft, entzündete jedoch zunächst den Schwanz eines ausgestopften Tieres, das auf dem Boden lag, was ihr sehr peinlich war. David fand es lustig. Beim zweiten Versuch entzündete sich endlich das Feuer im Kamin.
Tabok gesellte sich zu der Runde und nahm ehrfurchtsvoll Platz.
"Habt ihr diesen Plumbum gefangen?", war die erste Frage, die aus David heraussprudelte.
"Nein, Mensch David", erwiderte der Nebü Tabok, "kaum hatte er dich fallen lassen, da flüchtete er bereits durch die Luft! Selbst unsere besten Drachen waren nicht in der Lage, ihn aufzuhalten."
"Das waren Drachen?", fragte David erstaunt.
"Was dachtest du denn?"
"Dinosaurier! In einem Land vor unserer Zeit sahen die Dinosaurier genau so aus wie eure Drachen." Und weil alle fragend drein blickten, setzte er hinzu: "Das ist ein animierter Film."
"Ach, ein animierter Film!", rief Prinzessin Röschen. "Und, was ist das?"
"Das ist etwas, was man erst im Kino und später im Fernsehen anschauen kann. Oder auf DVD."
"Ach ein Film", meinte nun die Gute Königin, "natürlich - man kann ihn sich in der DVD anschauen!" Sie lachte gekünstelt.
David runzelte die Stirn, außerdem musste er gerade jetzt aufstoßen. Kein Wunder nach dem reichlichen Essen. Er entschuldigte sich ordentlich, errötete aber trotzdem. Prinzessin Röschen kicherte.
Nach einer kurzen Pause sagte Tabok: "Kinder, bitte nehmt die Sache ernst! Krator weiß wahrscheinlich darüber Bescheid, dass David den Kristall gebracht hat!"
Es entstand betretenes Schweigen, das von David nach einem Weilchen unterbrochen wurde. "Was ist dieser Krator für einer? Und was soll das mit dem Kristall?"
Alle schauten David an. "Stell dir das Hässlichste vor, was du dir vorstellen kannst, David", sagte die Prinzessin. David stellte sich den Mathematiklehrer Herrn Menge aus der Schule vor. Den konnte niemand leiden, weil er immer Unmengen von Hausaufgaben aufgab. Und schön sah der wirklich nicht aus. Eher alt und faltig.
"Ich sage dir, der böse König Krator ist noch viel, viel hässlicher."
"Noch hässlicher? Aber bestimmt nicht so gemein. Herr Menge hat mir eine Sechs gegeben, nur weil ich im Unterricht gepopelt habe. Und meine Nase hat wirklich schrecklich gekrabbelt."
"Wenn Krator dich beim Popeln erwischt, dann gibt er dir eine Sieben!", rief Prinzessin Röschen.
"Nein, eine Acht!", rief die Gute Königin.
"Ach was, eine Neun!", rief Tabok und schlug mit der Hand auf den Tisch.
"Oder eine Eins", brummelte das Nashorn an der Tür. Alle drehten sich zu ihm um und runzelten die Stirn.
Röschen fand die Sprache als erste wieder. "Immer, wenn Krator etwas Böses tut, dann wächst ihm ..."
" ... die Nase?", fragte David sogleich und alle lächelten verbissen.
"Wie kommst du auf die Nase?"
"Wie bei Pinocchio, wenn er gelogen hat. Was soll ihm denn sonst wachsen?" Er sah an sich hinab und wurde schon wieder rot.
Prinzessin Röschen schüttelte den Kopf. "Nicht, was du denkst. Immer, wenn Krator etwas Böses tut, dann wächst ihm ein Furunkel auf der Stirn."
"Und was ist mit dem Kristall", lenkte David mit einer Frage ab. "Was hat es damit auf sich?"
Die Königin griff zu einem Glas und trank.
Tabok schnäuzte sich kräftig die Nase.
Prinzessin Röschen fragte ablenkend: "David, willst du noch was Süßes naschen?"
Der Junge aber sprang von seinem Sessel hoch und schrie, dass es durch das ganze Schloss hallte: "ICH WILL JETZT WISSEN, WAS MIT DEM KRISTALL LOS IST!"

[...]



Leseprobe Band 2

[...]

Erste Zauberversuche
Sogleich versuchte er mit dem eisernen Nagel, einen der Steine zu lockern.
"Bin ich blöd", redete er mit sich selbst. "Papa hat Hammer und Meißel im Keller ..." Doch noch mal nach Neustadt, das wollte sich David nicht antun. Nach etlichen Versuchen, als ihm bereits der Schweiß über den Rücken lief, fand David an einem der Steine eine winzige Kante und konnte ihn ein wenig mit dem Nagel heraushebeln. Er gab sich größte Mühe, denn er fühlte sich vom Schreiber beobachtet. Endlich bekam er den Stein zu fassen und zog ihn vorsichtig aus der Wand. Polternd fiel der Stein auf den Boden. Nun konnte David in den Hohlraum hineingreifen und die restlichen Steine entfernen.
Schließlich lag das Zauberbuch vor David auf dem Fußboden! Er klappte es auf, da wo der Zauberer Rullie den kurzen Zauberstab dazwischen gelegt hatte. Seine Finger suchten in der alten Schrift. "Mauerwerk ...", flüsterte David. Darunter waren etliche Rubriken geschrieben. "Öffnen, Hindurchgehen, Drehen, Wenden, Zerbröseln ... In Haferbrei verwandeln?" David wunderte sich. "Was ist denn das für ein Quatsch? - Verschließen. Da ist es!" Der Junge las langsam den winzigen Text darunter. Die Dunkelheit machte ihm das Lesen doppelt schwer: "Uabreuam! - Vor dem Stein sei hinterm Stein, wie es war, so soll es sein!"
David nahm ehrfurchtsvoll den Zauberstab zur Hand, zeigte auf das Loch in der Mauer, legte die linke Hand auf das Zauberbuch und sprach beschwörend, nachdem er den Text noch einmal gelesen hatte: "Uabreuam! - Vor dem Stein sei hinterm Stein, wie es war, so soll es sein!"
Ein Rumoren erklang, Steine flogen durch die Luft, dann war wieder Stille. Erstaunt sah David, dass das Loch noch immer in der Wand war, nur die Steine, die er gerade herausgepult hatte, die waren verschwunden!
Er sah sich im Verlies um und erschrak zu Tode! Da, wo eben noch der Ausgang mit der verriegelten Tür war, erblickte er nun eine säuberlich eingebaute Mauer! "Ach du liebes Bisschen!" Er erhob sich und klopfte gegen die Mauer. Kein Ton war zu hören! "Susi", brüllte er. "Susi! Hörst du mich?"
Nichts. Nur Stille.
Der Junge verzweifelte fast. Das Zaubern schien nicht so einfach. Er kniete sich wieder neben das Zauberbuch und schlug die erste Seite auf. Dort und auf den folgenden Seiten, standen viele Paragrafen unter der Überschrift: "Was Jedermann sehr sorgsam beachten sollte:" David begann die Paragrafen zu lesen. So erfuhr er, dass das Zauberbuch nicht von Kindern unter zwölf Jahren benutzt werden durfte, dass man Zaubersprüche auf keinen Fall kombinieren sollte, dass man mit einem Zauberspruch einem Lebewesen keinen leiblichen Schaden zufügen oder es gar töten durfte, dass das Zauberbuch niemals gänzlich unter Wasser getaucht werden soll, und, und, und ... Nach 499 Paragrafen las David: "Zu Risiken und Nebenwirkungen berät Sie gern ein Zauberer ihres Vertrauens. Und beachten sie gefälligst auch die Hinweise am Ende des Buches!"
Der Junge schüttelte den Kopf, schlug das Buch zu und von hinten wieder auf. Dort las er die "Ratschläge zur Benutzung mit einem Zauberstab".
David flüsterte: "Die in diesem Buch enthaltenen Zaubersprüche werden nur wirksam, wenn man sie deutlich und nicht genuschelt ausspricht. Man kann sie auch rufen, nicht aber flüstern oder ängstlich hauchen - wobei tunlichst darauf zu achten ist, dass die betreffende Person mit dem Zauberstab auf das erwählte Objekt zeigt, das Buch berührt und gleichzeitig spricht. Die Person sollte ebenso darauf achten, den Zauberstab mit der Zeigespitze, meist gekennzeichnet mit einem 'V' wie vorn, auf das zu verzaubernde Zauberortobjekt zu richten und niemals das Zauberstabzeigeende, meist gekennzeichnet mit einem 'H' wie hinten. Ansonsten passiert, was bereits häufig passiert ist - nicht das Zauberortobjekt, sondern ein Nichtzauberortobjekt wird verzaubert." Danach war das Zauberbuch zu Ende.
Den letzten Abschnitt musste David viermal lesen, bis er ihn verstanden hatte. Er nahm den Zauberstab zur Hand und betrachtete und befühlte die beiden völlig gleich aussehenden Enden des Holzstabes. Und tatsächlich fand er an einem Ende ein winziges, kaum sichtbares eingraviertes "V" und am anderen Ende ein ebenso kleines "H".
Dummerweise hatte er wahrscheinlich den Zauberstab bei seinem allerersten Versuch genau verkehrt herum gehalten, so dass nicht die Wand vor, sondern die Tür hinter ihm verschlossen wurde. Da David keine Lust auf weitere Fehler hatte, nahm er einen Stein zur Hand und schlug eine kleine Kerbe in den Zauberstab, die er deutlich fühlen konnte. Und fühlte er fortan die Kerbe, dann hielt er den Stab auch richtig herum. Kurzerhand suchte David im Zauberbuch die Stelle "Türen". Auch da standen jede Menge Unterbegriffe. David entschied sich für "Tür in Mauer".
Er atmete noch einmal tief durch, berührte das Zauberbuch, richtete den Zauberstab dorthin, wo vorher die Tür mit den sieben Riegeln gewesen war und sprach laut und deutlich: "Gnaghcrud! - Durch die Mauer durch den Stein, weit geöffnet soll es sein!" Der Zauberstab vibrierte ein wenig, es krachte fürchterlich, und als sich der Staub gelegt hatte, sah David eine stinknormale Tür, die sich problemlos öffnen ließ und dabei nicht einmal quietschte! Stolz lächelnd trat David aus dem Verlies und stand nun auf der geschwungenen Steintreppe, die hinauf zu Susis Kerker führte!
"Susi!", rief er laut.
"David, ich mach mir wirklich gleich ein!", erhielt er als Antwort. Schnell ging der Junge zurück zum Zauberbuch, das noch auf dem Boden lag, denn er erinnerte sich an die Worte des Schreibers, nicht aber an den Zauberspruch, zu dem der ihm geraten hatte. David blätterte aufgeregt im Zauberbuch.
Was hatte er gesagt? David versuchte sich zu erinnern. Dringende Bedürfnisse, das war's! Unter "B" fand er "Bedürfnisse" - darunter, die Unterrubrik "menschliche" und darin, eine weitere Unterunterrubrik, mit der Bezeichnung "dringende" - wobei es da noch die Unterunterunterrubriken "große" und "kleine" gab! Eilig steckte er den Kopf zu seiner neuen Tür hinaus und rief: "Susi, musst du groß oder klein?"
"Klein!", rief Susi zurück. "Aber es ist schon fast zu spät!"
"Warte noch!", rief David hinauf und flitzte zurück zum Zauberbuch. "Weiber!"
In der Unterunterunterrubrik "kleine und dringende menschliche Bedürfnisse" konnte David schließlich lesen, wobei er mit dem Zauberstab hinaufzeigte und das Zauberbuch berührte: "Olkressaw - Klo, Klosa, Klosette - Klo, Klosa, Klo rette!" Wieder eilte er zur Tür und fragte hinauf: "Und, Susi - alles okay?"
"Nichts ist okay, Dave! Beeil dich bitte!"
Der Junge vertrete genervt die Augen, hob das Zauberbuch vom Fußboden auf, steckte sich den Zauberstab in die Gesäßtasche der Jeans und wollte gerade hinaufeilen, als ein Regentropfen seine Stirn traf. Erstaunt sah David auf. An der steinernen Decke des Verlieses war fein ordentlich ein Klosett befestigt, aus dem es unaufhörlich tropfte. "Vergiss es", raunte der Junge und rannte die steinerne Wendeltreppe zu Susi hoch. Oben angekommen, rief David: "Susi, geh schnell zur Seite!" Er zog den Zauberstab aus der Gesäßtasche, das Buch hatte er ja unter dem Arm, zeigte auf die Verliestür und sprach: "Gnaghcrud! - Durch die Mauer durch den Stein, weit geöffnet soll es sein!" Nach dem Vibrieren und Krachen, sah David die Tür und betrat Susis Gefängnis. Das Schwesterchen kniete auf dem Boden und hielt sich die Ohren zu. Als Susi ihren Bruder erblickte, erhob sie sich und umarmte ihn herzlich. Gleich darauf kniff sie die Beine zusammen. David zeigte mit dem Zauberstab in eine Ecke des Raumes und rief: "Olkressaw - Klo, Klosa, Klosette - Klo, Klosa, Klo rette! - Nun geh schon, Susi!" Das Mädchen setzte sich sofort auf die Brille des gerade erschienen Klobeckens und sah David mit großen Augen an.
"Was ist?", fragte er.
"Ich kann nicht, wenn du zuschaust."
"Wenn du eilig musst, dann ist das völlig egal." David drehte sich trotzdem um, hörte es plätschern und Susi fragen: "Wie hast du das gemacht, Dave?"
"Wie ich das gemacht habe? Ich kann jetzt zaubern. Und vergiss nicht zu ziehen!"
"Zauberst du meine Kuschel-Lotte-Puppe her und kannst du uns dann nach Hause zaubern?"
David verdrehte die Augen. "Du denkst wohl, Zaubern wäre einfach? - Los, komm jetzt!" Er steckte den Zauberstab wieder ein, ergriff Susis Hand und trug unter dem linken Arm das Zauberbuch, das nicht gerade leicht war.

Wein, Weib und Gesang
Susi hüpfte neben David die Stufen der Wendeltreppe hinunter. "Ich habe Hunger, Dave!", rief sie dabei.
"Nicht so laut, Susi! Wenn wir hier weg sind, besorg ich uns was."
Sie kamen an Davids Verlies an. Susi warf einen Blick hinein und fragte: "David, warum hast du ein Klo an der Decke?" Der Junge errötete etwas. "Halt die Klappe und komm! Jetzt holen wir deine doofe Puppe."
"Lotte ist nicht doof", verbesserte Susi energisch und hüpfte neben David hinunter. "Und Durst hab ich auch."
Endlich kamen sie am Gefängnis der Kuschel-Lotte-Puppe an. David schob Susi zur Seite und sprach: "Gnaghcrud! - Durch ..." Es krachte, bevor David den ganzen Zauberspruch aufsagen konnte, und die Tür war schon da.
"Klar doch", raunte er. "'Wurde ein Zauberspruch zweimal erfolgreich angewendet, so muss der Zauberbuchverwender nur noch das entsprechende Zauberspruchanfangswort klar und deutlich aussprechen, um den Zauber zu vollenden.' - So stand es unter irgendeinem Paragrafen bei 'Was Jedermann sehr sorgsam beachten sollte'. Das hatte ich fast schon wieder vergessen."
Susi hatte gar nicht zugehört, sie stürmte in das Verlies und rettete ihre Kuschel-Lotte-Puppe. Sie drückte die Puppe fest an sich und flüsterte: "Lotte hat auch Hunger und Durst. - Dave, was machen wir jetzt? Zauberst du uns bitte nach Hause? Bestimmt ist Mami schon da. Und Papi auch. Bestimmt wundern sie sich, weil wir nicht im Bett liegen und schlafen. Bestimmt ..."
David dachte angestrengt nach.
"Das geht nicht so einfach, Susi. Erstens ist Benny noch im Schloss und spinnt total. Zweitens ist hier alles durcheinander. Wir müssen Prinzessin Röschen finden und Taarasaaramaara."
"Taara ... was?"
"Das ist ein böser Zauberer. Er hat das Gutböse Reich überfallen und dafür gesorgt, dass das Böse an der Macht ist. Verstehst du?"
Susi schüttelte vorsichtig ihren Kopf.
"Egal! Lass mich nachdenken!" So sehr David aber auch nachdachte, ihm wollte nicht das Richtige einfallen. Deshalb suchte er im Zauberbuch zunächst unter der Rubrik "Essen und Trinken". Da gab es zum Glück nur drei Unterrubriken: "Am Morgen", "Am Mittag" und "Am Abend".
Mit dem Zauberstab auf den Boden zeigend, las er sogleich laut ab: "Nessedneba! - Essen, Trinken und Bestecke - reichlich sich der Tisch bedecke!"
Der Zauberstab vibrierte etwas stärker, dann krachte es oberfürchterlich, ein winziges Tischlein erschien, das ununterbrochen wuchs, die Wand zerstörte und schließlich weit aus dem Turm herausragte. David beeilte sich, ein Spanferkel, das auf einem silbernen Tablett serviert war, vor dem Absturz zu retten. Ein Teil des Tisches und ein paar Stühle stürzten in die Tiefe hinunter, doch ein großer Teil verblieb im Kerker.
Susi hatte Angst, der ganze Turm könnte zusammenbrechen, aber das passierte zum Glück nicht. Auf dem verbliebenen Tisch legte David das Zauberbuch und den Zauberstab ab, setzte sich auf einen der hochlehnigen, vornehmen Stühle, fegte ein paar Gesteinbrocken des Mauerwerks von seinem silbernen Teller und riss sich die Keule eines gebratenen Huhns ab. Er biss kräftig hinein und sagte mit vollem Mund: "Worauf wartest du noch, Susi? Das schmeckt lecker. Wenigstens können wir an der frischen Luft essen."
Zögernd setzte sich Susi, die das große Loch im Turm nicht aus den Augen lassen konnte. Mit der Zeit aber beruhigte sie sich und griff ebenfalls zu. Immerhin gab es richtig gute Speisen.
David roch an einem reich verzierten, goldenen Krug und goss sich einen ebenfalls goldenen Becher voll. "Lecker Traubensaft!", rief er und trank den Becher in einem Zug leer. Er goss sich und Susi nach. Die kostete erst und meinte: "Glaubst du wirklich, dass das Traubensaft ist?"
"Ganz sicher", erklärte David, der bereits den zweiten Becher geleert hatte und nun genüsslich an einem Stück vom Spanferkel kaute. Kurz darauf bekam er einen kräftigen Schluckauf und rülpste laut. David kicherte, wie ein kleines Kind, und Susi kicherte mit ihm. Beide lachten und sangen, riefen und rülpsten um die Wette, bis erst Susi und später David am Tisch einschliefen.
Der Wein hatte ganze Arbeit geleistet!
David lag mit dem Gesicht auf dem Zauberbuch und schnarchte und Susi hatte sich an David angekuschelte.

David schreckte plötzlich auf. An Händen und Füßen gefesselt lag er in der Dunkelheit und war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Zwei grüne Augen blinkten ihn an.
Allmählich schälte sich eine große Gestalt aus der Dunkelheit. Sie trug einen schwarzen Anzug und eine schwarze Maske und hielt das Zauberbuch und Davids Zauberstab in den Händen. "Ach wie gut, dass jeder weiß, dass ich Taarasaaramaara heiß!", brüllte die schwarze Gestalt. "Hast du wirklich geglaubt, du kannst dich mit meinen Kräften messen?" Taarasaaramaara lachte boshaft. "Du, ein kleiner, schwächlicher Menschenjunge, der in Sport auf Drei steht, weil er bei der Rolle rückwärts in den Handstand völlig versagt." David wollte sich aus der Fesselung herauswinden, doch außer einem Stöhnen gelang ihm nichts. Man hatte ihm zudem einen Apfel in den Mund gesteckt, so dass er nicht widersprechen konnte. An dem Tag, als die Leistungskontrolle mit der Rolle rückwärts in den Handstand war, hatte er einen verstauchten Arm vom Handball. Alle wussten es, nur der Sportlehrer nicht!
"Du konntest ja nicht einmal deine Schwester beschützen!" Taarasaaramaara zeigte in eine Ecke, in der ein Skelett lag. David zuckte zusammen. "Und erst recht nicht ihre Kuschel-Lotte-Puppe!" Der böse Zauberer warf die Puppe in die Luft, richtete den Zauberstab auf sie, es gab einen dumpfen Knall und dann rieselte feine Asche zu Boden - alles, was von der Kuschel-Lotte-Puppe übrig war!
In seiner Not versuchte der Junge mit den gefesselten Händen an die Hosentasche heranzukommen, in der er das Zeitkudrat fühlen konnte. Gerade, als Taarasaaramaara den Zauberstab auf ihn richtete, rief der böse Zauberer: "Und jetzt werde ich dich ein für alle Mal beseitigen!"
David berührte mit einem Finger das Zeitkudrat und wünschte sich zurück zum Essen. Es blitzte gleißend hell auf.


Flucht
Helles Licht blendete den Jungen.
David schaute auf und rieb sich die müden Augen. Sein Kopf schmerzte schrecklich, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. Im Raum war es hell, Susi lag auf seinem Schoß und schnarchte. Er war sich nicht sicher, ob er die Begegnung mit Taarasaaramaara nur geträumt hatte oder ob es tatsächlich passiert war. So rüttelte er an Susis Schulter und weckte die Schwester. "Schnell, Susi, werd munter!"
Das Mädchen verdrehte die Augen und blickte ihn müde an. "Mein Kopf tut weh", flüsterte sie.
"Meiner auch." David kroch zu dem Loch im Turm, durch das der Tisch hinausragte und sah in die Tiefe. Das waren gut und gern zwanzig Meter!
"Das ist nicht sehr hoch", versuchte er Susi von der Machbarkeit des Abstiegs zu überzeugen. Aber vor dem Turm stehen bestimmt die Wachen."
"Kannst du die nicht wegzaubern?"
"Nein! Das geht nicht", erwiderte David und erinnerte sich an die Paragrafen. "Wir werden uns abseilen müssen!" Susi war neben ihn gekrochen. "Bis ganz da runter willst du klettern? Lotte hat aber schrecklich große Angst davor."
"Das wird schon!" David setzte sich an den Tisch und begann im Zauberbuch zu suchen. Die Seile, die dort angeboten wurden, waren nur drei, fünf und zehn Meter lang. Es gab aber auch Strickleitern mit fünf, zehn und fünfzehn Metern Länge.
"Okay, Susi. Halt dich schön zurück, ich muss ein bisschen zaubern."
Susi sah gespannt zu, während ihr Bruder nacheinander zwei Strickleitern zauberte, diese aneinander knotete, im Verlies befestigte und schließlich hinunter warf. Unten verschwand das Ende der Strickleiter in der Krone eines Baumes. David zog noch einmal kräftig daran.
"Die ist fest", erklärte er, "da kann uns nichts passieren. Du kletterst auf meinen Rücken und hältst dich ganz toll an mir fest. Und mach die Augen dabei zu!" Dann verstaute er das schwere Zauberbuch unter seinem T-Shirt und stopfte das T-Shirt in die Hose, damit das Buch nicht hinausrutschen konnte. Der Zauberstab kam wieder in die Gesäßtasche. David hockte sich hin und Susi klammerte sich an seinem Rücken fest. Nun kroch David vorsichtig an den Rand, suchte mit den Füßen Halt in einer Sprosse der Strickleite, die mächtig wackelte.
Vorsichtig nahm er Sprosse um Sprosse hinunter. Susi zitterte am ganzen Körper, sagte aber keinen Ton. Irgendwann bemerkte David die roten Blätter des Baumes neben sich. Er sah sich um. Nur ein paar Schritte entfernt standen zwei Pampanen am Eingang zum Turm und glotzten zum Vulkanschloss hinüber. Er suchte mit dem Fuß, aber er fand keine neue Sprosse mehr! Der Junge blickte hinunter. Das waren höchstens noch zwei Meter bis zum Boden.
"Susi! Mach die Augen auf, aber sei leise", flüsterte David. "Und jetzt klettere an mir runter und halt dich an meinen Beinen fest. Wenn du ganz unten hängst, dann lässt du los!"
"Ich trau mich aber nicht! Und Lotte hat auch Angst", flüsterte Susi zurück.
"Du musst aber!", mahnte David mit leiser Stimme. "Sonst fangen die uns und fressen dich."
"Wie der Sandmann?"
"Ja, wie der Sandmann. Los jetzt!"
"Ich hab aber trotzdem Angst!" Susi ließ sich Millimeter für Millimeter hinunterrutschen und hielt sich an Davids Hosenbeinen fest. Plötzlich gab die Hose nach, weil sich ein Knopf löste. Susi rutschte mit der Hose hinunter, das Zauberbuch folgte ihr und auch David verlor den Halt. Er fiel auf die Schwester, die sich den Kopf hielt, weil ihr das Zauberbuch darauf gefallen war. Natürlich konnte Susi einen Schrei nicht unterdrücken! Die beiden Pampanen blickten sich verstört um und entdeckten die Strickleiter. Sie gaben sofort laute Trompetentöne von sich. David zog sich hastig die Hose hoch, hob das Zauberbuch auf, zerrte Susi vom Boden hoch und rannte los, einfach in den Wald hinein. Dann nahm er Susi schließlich huckepack, weil ihre Beine einfach nicht mithalten konnten. Erschwerend kam hinzu, dass ihm immer wieder die Hose rutschte.
Wie besessen lief David in den dunklen Wald hinein und irgendwann wieder aus dem Wald heraus. Letztendlich plumpste er schwer atmend in das blaue Gras einer Lichtung und lauschte angestrengt. Von den Pampanen war zum Glück nichts zu hören! Stattdessen lag Susi neben ihm und weinte herzerweichend.
"Was ist los?" fragte David besorgt. Er befürchtete, Susi hätte sich beim Sturz von der Drehleiter ernsthaft verletzt.

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