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Nun komm schon, mach keine Sperenzchen, Junge! Ein Mann ergriff Hugo und hielt ihn mit hartem Griff, drückte ihm fast die Luft am Hals ab. Hugo schlug in Panik um sich. Lass mich los! Die Wiese brennt! Bring mich nicht weg! Er erwachte vollends und sah die Mama durch eine Wand von Tränen, streckte seine Arme aus. Die wollen mich totmachen! Bitte Mama! Du darfst mich nicht weggeben! Hilf mir, Mama! Bitte! Hugos Stimme schallte im Treppenhaus. Unten stand der Luftschutzwart Heinz Buckow, der nun barsch von einem SS-Mann aufgefordert wurde, in seine Wohnung zu gehen. Geben Sie dem Jungen endlich eine Spritze!, rief der Pfleger aufgebracht, der Hugo noch immer im Würgegriff hatte. Hugo biss und kratzte. Eine Krankenschwester näherte sich, hielt Hugos Arm fest, suchte die richtige Stelle und stach dem Jungen derb in den Arm. Die brennende Flüssigkeit verteilte sich in Hugos Körper, dessen Bewegungen unkontrollierter wurden, dessen Augen sich verdrehten, der kurz darauf ohnmächtig zu Boden fiel. Hugo wurde grob eine Hose, ein Hemd und die alte Strickjacke übergezogen. Dann hob der Pfleger den Jungen auf, trug ihn halb über die Schulter gelegt die Treppe hinunter. Die Schwester nahm ein paar Unterlagen mit, grüßte Oda Hassel unsicher und lief dem Pfleger hinterher. Nun war Stille. Oda Hassel hatte die beiden Mädchen fortgeschickt. Den ganzen Samstag stand sie am Fenster und blickte auf die Straße, als hoffte sie, der graue Bus mit den lackierten Fenstern würde zurückkommen. Sie ahnte, dass dies nicht passieren würde. Immer wieder, vor allem in den Nächten, vernahm Oda Hassel die Worte des verstoßenen Sohnes. Die wollen mich totmachen! Bitte Mama! Du darfst mich nicht weggeben! Hilf mir, Mama! Am Montag darauf erhielt Oda Hassel einen Feldbrief. ... müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann, der Unteroffizier Adolf Hassel einem heimtückischen Brandanschlag rumänischer Banden zum Opfer fiel. Die Bestattung fand mit allen militärischen Ehren vor Ort statt. Sterbeurkunden erhalten Sie auf Ihrem Standesamt gegen Vorlage dieses Schreibens ... Heil Hitler! ... Hugo saß auf dem Hocker am Tisch. Die Haare waren geschoren, das Gesicht wirkte schmal und blass. Die Arme lagen auf dem Tisch, der Kopf auf den Armen. Er schaute zum Fenster, und träumte. Als man ihn geweckt hatte, fand er sich allein in einem kleinen, dunklen Zimmer der Leipziger Kinderpsychiatrie wieder. Hugo wagte es kaum noch, die Augen zum Schlafen zu schließen, denn tat er dies, wurde er sofort von quälenden Träumen heimgesucht. Die Zimmertür blieb stets sorgfältig verschlossen, draußen gab es einen Riegel. Friedrich Walter war nicht mehr in der Klinik. Sein Antrag, Hugo sofort wieder aus der Psychiatrie zu entlassen, wurde von Professor von Rasch strikt abgelehnt. Im gleichen Zuge ließ Rasch den jungen Kollegen zwangsversetzen. Drei Wochen waren vergangen, doch ein Gefühl für die Zeit besaß das regungslose Kind nicht mehr. Hugo schaute nicht zur Zimmertür. Ein Schlüssel klapperte, die Tür wurde geöffnet. Eine der Schwestern schaute kurz herein. Du hast Besuch, sagte sie laut und barsch. Der Junge blickte stur zum Fenster. Oda betrat das Zimmer und blieb unschlüssig neben der Tür stehen. In fünf Minuten lass ich Sie wieder raus, sagte die Schwester, verließ das Zimmer und verriegelte die Tür. Hugos Mama stand regungslos da. Sie betrachtete das Kind und rieb sich unruhig die Hände. Er sah sie kurz an, dann legte er den Kopf wieder auf die Arme und blickte erneut zum Fenster. Es war still im Raum. Und, Hugo, wie ergeht es dir hier?, flüsterte Oda. Hugo schwieg. Eine lange Pause entstand. Ich wurde herbestellt. Professor von Rasch will noch einmal mit mir reden. Über dich und deine Zukunft, Hugo. Der Junge rührte sich nicht, doch er flüsterte: Er will mich totmachen. Nun war es an Oda zu schweigen. Die Tür wurde geöffnet. Ihre fünf Minuten sind um, Frau Hassel. Ich bring Sie jetzt zum Herrn Professor. Auf Wiedersehen, Hugo, raunte Oda und wendete sich zögernd um. Nervös rieb sie dabei ihre Hände. Dann verließ sie ihren Sohn. Die Tür schlug derb zu, Hugo hörte den Schlüssel im Schloss und dann das Scharren des Riegels. Stille herrschte. Tränen liefen über Hugos Wangen. Es ist soweit, flüsterte Hugo. Ich wusste, dass es so kommen wird. Sie bringen mich um, Hugo. Nicht dich. Der von Rasch will uns beide, Fritz. Einer reicht ihm nicht. Fritz schwieg, und Hugo fühlte sich in seiner Annahme bestätigt. Der Junge schlief geräuschlos. Alles war dunkel und still. Ein Blick aus dem Fenster hätte Hugo die Ankunft eines Busses verraten. Der vollständig in grauen Farben lackierte Bus trug die Kennzeichen der Deutschen Reichspost. Er hielt am Straßenrand direkt am Eingang der Klinik. Zwei Pfleger und ein bewaffneter SS-Mann stiegen aus. Kurz darauf wurde die Tür zu Hugos Zimmer aufgerissen. Die beiden Pfleger kamen herein. Sie trugen schwarze Mäntel und Hüte. Einer hatte eine Kladde mit einer Liste bei sich, und brachte eine sehr alte, für Hugo zu große Strickjacke mit. Das Zimmerlicht wurde angeschaltet. Pfleger Räpke ging sofort zu Hugos Bett, rüttelt den Jungen unsanft und zog ihm die graue Decke weg. Aufwachen! Hugo blinzelt und rieb sich erschrocken die Augen. Was ist passiert? Du wirst verlegt. Der Junge sammelte seine Sinne und begriff allmählich. Verlegt? Wohin verlegen Sie mich? Nach Pirna? Die Pfleger sahen sich erstaunt an. Nein. Nach Waldheim, sagte Räpke. Und nun steh auf! Er half Hugo aus dem Bett und hielt ihn fest. Der andere Pfleger gab ihm die Strickjacke. Zieh die Jacke an! Meine Sachen sind aber im Keller. Zieh sofort die Jacke an!, rief Räpke unbeherrscht und riss Hugo herum. Wie ist sein Name?, fragte der zweite Mann. Hassel, Hugo Hassel. Ich find ihn nicht in der Liste. Pfleger Räpke ließ Hugo für einen Moment los, der gerade die Strickjacke über das Nachthemd zog, und zeigt in die Liste. Da steht er doch! Ganz oben! Muss ich denn alles allein machen? Im gleichen Moment rannte Hugo zwischen den beiden Pflegern hindurch zur Tür. Bleib stehen Junge!, brüllte Räpke, und lief ihm augenblicklich hinterher. Hugo rannte, so schnell er konnte durch den Flur, wollte das Treppenhaus erreichen. Doch an der Flügeltür, die ohnehin verschlossen war, lief er Professor von Rasch direkt in die Arme, der geahnt haben musste, was geschehen könnte, den Jungen mit einer Hand an der Jacke und mit der anderen derb am Genick haltend. Das könnte dir so passen, einfach wegzulaufen! Hugo wehrte sich so sehr er nur konnte. Der Griff im Genick wurde nur noch fester. Eine Schwester näherte sich. Sie trug eine weiße Kittelschürze und wirkte noch sehr jung und unbeholfen. Räpke traf nun ein, von Rasch und er nahmen den zappelnden und schreienden Hugo in die Zange. Der Professor hielt ihm den Mund zu und wurde sofort von Hugo in die Hand gebissen. Nun geben Sie endlich eine Spritze!, forderte von Rasch. Dieses tollwütige Balg beißt mich! Und Sie passen gefälligst besser auf! Die Schwester hantierte aufgeregt mit einer Spritze, der Pfleger zog Hugo die Strickjacke und das Nachthemd von der Schulter, kurz darauf spürte der Junge den Stich der Injektion. Seine Gegenwehr ließ sofort nach, die Beine versagten den Dienst, er rutsche auf den Boden und lag nun regungslos auf dem kalten Steinzeug. Von Rasch hielt sich die Hand. Bringen Sie ihn endlich raus! Räpke, Sie sollten sich bemühen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt! Entschuldigung, Herr Professor. Der Pfleger nahm den Körper des Kindes hoch und hob ihn auf seine Schulter. Hugos Arme und Beine hingen bewegungslos herab. Ich bring ihn gleich runter in den Bus. Auf den alten, zerschlissenen Sitzen des Busses hockten oder lagen um die sechzig Menschen. Einige von ihnen musste man für den Transport ruhig stellen, zwei Männer trugen Fesseln an Händen und Füßen. Im Fond des Busses saßen zwei bewaffnete Polizisten, zwischen den unfreiwilligen Fahrgästen hielten sich der Pfleger Hans Räpke und die junge Krankenschwester Jutta Anspach auf. Das Fahrzeug gehörte zum Eigentum der Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft GmbH Gekrat, einer Scheinfirma zum Transport der Todeskandidaten in die Vernichtungsanstalten, die der T4-Zentrale in Berlin gehörte. Im Bus war es dunkel und stickig, einige der Transportierten röchelten und husteten ununterbrochen. Der Bus sollte zunächst in Richtung Pirna fahren, wendete jedoch nach einem Zwischenaufenthalt in einer katholischen Anstalt, wo zwei weitere Fahrgäste abgeholt wurden, und fuhr nun in Richtung Waldheim. Wir müssen uns noch einen Tag gedulden, sprach der Pfleger Räpke im weißen Kittel. Es ist noch kein Platz auf Sonnenstein. Die Krankenschwester schüttelte den Kopf. Ihre Augen wanderten durch die Reihen der Fahrgäste. Sie haben wieder ein Kind dabei, flüsterte sie. Jutta Anspach war gerade dreißig. Sie hielt sich an den Griffen fest und setzte sich direkt neben Hans Räpke. Eine hat zu mir gesagt: Nicht wahr, wir fahren in den Himmel? Woher wusste sie das?, flüsterte die Schwester. Räpke zuckte mit den Schultern. Sie ahnen es vielleicht. Es sind Verrückte, man weiß nicht, was in ihren Köpfen vor sich geht. Jutta Anspach setzte sich auf ihren Platz zurück. Wieder stoppte der Bus für kurze Zeit. Nun ging die Schwester zu jenem Jungen, der regungslos in seinem Sitz hing, hob ihn ein wenig an und setzte sich daneben. Keine Nacht mehr konnte die junge Frau schlafen. Immer wieder wurde sie von diesen Menschen heimgesucht. Hugo träumte. Die Prinzessin! Er sah sie so deutlich, selbst den winzigen Leberfleck rechts neben ihrer Lippe. Er sah die schwarzen Wimpern und hörte ihr fröhliches Lachen. Ich kenne dich nicht, wer bist du?, flüsterte er und folgte ihrem Schatten. Der Adler war verschwunden, die Blumen zurückgekehrt. Sie lief sehr schnell, und er merkte nun erst, dass sie schwebte. Warte bitte! Sie trug ein rotes Kleid, das lustig über ihren Schritten flatterte. Der Abstand zu ihr wurde größer, ihr Lachen leiser. Hugo hörte ein gleichmäßiges Summen, das lauter wurde, in den Ohren dröhnte. Nun war es neben ihm, mit seinem Brummen und Schnaufen! Hände ergriffen Hugo, er verlor den Halt unter den Füßen, wurde in einen Bus hineingerissen. Durch die offene Tür sah er für einen Moment die Prinzessin, die am Horizont verschwand. Der graue Bus fuhr eine Schneise durch das Blumenbeet, die Bustür schloss sich, Hugo hörte das Brummen des Motors. Seine Augen öffneten sich für einen Moment. Es war dunkel, alles schien verschwommen. Mama saß neben ihm, einen Arm über ihn gelegt, so dass er nicht vom Sitz rutschen konnte. Hugo war froh, dass Mama bei ihm war. Vorsichtig ergriff er ihre Hand und schmuste sich in ihre Seite. Mama, flüsterte Hugo und lächelte im Schlaf. Für einen Moment sah Jutta Anspach die blauen Augen des Jungen, der ihre Hand ergriff und leise Mama sagte, um anschließend wieder einzuschlafen. Sie wagte es nicht, sich dem zärtlichen Halt zu entziehen. Was war nur mit diesem Kind? Es schien doch völlig normal! Es gibt Menschen, deren Leben für sie selbst eine Strafe ist. Die mit schwersten Leiden und Schmerzen dahinvegetieren. Kennen Sie solche Menschen? Jutta Anspach nickte. Es wird so sein, dass man nur Auserwählten hilft, sie gewissermaßen von ihrem Leid befreit. Sollte einer der Angehörigen ein Problem damit haben, so werden wir selbstverständlich von unserer Hilfe Abstand nehmen. Völlig selbstverständlich. Ich habe Sie für dieses äußerst menschenwürdige Unternehmen vorgesehen, Sie könnten weiterhin in Pirna wohnen. Allerdings, dies sei auch gesagt, ist das Unternehmen absolut vertraulich zu bewerten. Der Führer persönlich hat diesen Wunsch geäußert. Sie dürfen nie mit jemandem ein Wort darüber wechseln. Ihr Schweigen hat höchste Priorität, Fräulein Anspach. Die Schwester unterschrieb kurz darauf, sie stellte keine Fragen. Tage später bereute sie ihre Entscheidung. Doch es gab kein Zurück. Tatsächlich kamen Patienten, für die der Tod wahrscheinlich angenehmer war, als das Dahinsiechen zwischen Schmerz und Qualen. Doch mehrfach waren Kinder darunter, die laufen konnten, die ängstlich Fragen stellten. Einmal waren es mehrere Babys, deren Schreie durch die Gänge hallten. Und dann dieser Mann ... Sie brachten ihn mit einem Transport aus Dresden mit. Er griff nach ihrem Arm und sah sie flehend an. Helfen Sie mir!, forderte er. Ich bin nicht verrückt, ich pass nur nicht in ihr System! Der Chefdesinfektor Karl Böhm kam hinzu und brüllte: Schnauze halten! Er zog den jungen Mann mit sich, dessen Augen an der Schwester hafteten. Von diesem Tag an wusste die Krankenschwester Jutta Anspach, dass sich auf Sonnenstein auch anderer keineswegs nur geistig und körperlich Behinderter entledigt wurde. Der graue Bus fuhr auf den Innenhof der Psychiatrischen Anstalt Waldheim in Sachsen. Zunächst stieg Hans Räpke aus und klärte mit einem Arzt die kurzfristige Unterbringung. Räume waren knapp, die Betroffenen sollten gefälligst etwas zusammenrücken. Es wäre schließlich nur für eine Nacht. Die beiden SS-Leute stiegen aus dem Bus und beobachteten, wie sich Räpke bemühte, einen Fahrgast nach dem anderen in das große Bauwerk zu führen. Nun kamen zwei, drei Pfleger hinzu, die Räpke halfen. Jutta Anspach trug den blonden Jungen, der viel zu schwer für die zierliche Frau war. Hugo schien noch immer fest zu schlafen, daher setzte sie ihn auf einen Stuhl neben den Saal, aus dem man gerade andere Patienten ausquartierte. In diesem Saal standen achtzehn Betten, aus dem Bus aber stiegen über sechzig Menschen. So saßen nach einiger Zeit immer zwei oder drei der armen Kreaturen auf einem Bett, manche lagen. Die beiden Männer in Fesseln wurden neben der Tür von den schwarzgekleideten Polizisten bewacht, sie mussten mit dem Fußboden vorlieb nehmen. Schwester Jutta lief durch die Reihen der Kranken und versuchte, für Ruhe zu sorgen, denn alle waren aufgebracht, und einige quälten sich in schweren Anfällen. Man riss sie aus ihrer gewohnten Umgebung. Ein Mann im weißen Kittel lief in Gedanken versunken über den Gang. Laute Stimmen waren zu hören. Der Mann hielt Akten in den Händen. Plötzlich stolperte er über etwas, die Akten fielen zu Boden. Gott verdammt!, fluchte er vor sich hin. Was ist denn hier wieder los? Mitten im Gang lag ein Kind auf dem grauen Beton! Der Arzt bückte sich und sah nach dem Kind, das sich nicht bewegte. Ganz plötzlich wurde er unruhig, griff nach dem Jungen und hob ihn auf zwei der am Rande stehenden Stühle. Er sammelte eilig seine Akten zusammen und sah dann erneut nach dem neunjährigen Jungen. In diesem Moment öffnete sich die Saaltür, und eine junge Schwester kam heraus. Mein Gott! Ich hätte ihn fast vergessen. Was ist hier los?, sprach der Mann. Der Junge lag auf dem Fußboden! Mit geübten Fingern griff er an die Augen des Jungen und schob die Augenlider nach oben. Wer hat das getan? Dieses Kind ist fast hinüber ..., wahrscheinlich mit einer Überdosis Beruhigungsmittel vergiftet! Ich will jetzt wissen: Was ist mit diesem Jungen? Die Schwester, die die Injektion in Hugos Wohnung selbst gesetzt hatte, wurde unruhig. Wie meinen Sie ... Er gehört da hinein ... Sie zeigte zur Saaltür. Wohin gehört er? Dieser Saal war am Morgen noch fast leer! Und wohin gehören Sie? Entschuldigung, Schwester Jutta, wir bringen einen Transport nach D. D war das allgemein verwendete Pseudonym für Sonnenstein. Pirna! Soso. Also auf Sonnenstein? Es wird ja allerhand erzählt darüber ... Was soll der Junge dort? Wenn sich nicht bald jemand kümmert, dann wird er sterben, sehen Sie nur ... Wir haben keinen Arzt dabei, Entschuldigung, ich weiß nicht, warum gerade dieser Junge ... Hat er eine Akte?, fragte der junge Mann laut. Ich bin ein Arzt. Schnell! Antworten Sie! Jutta Anspach druckste herum. Haben Sie zu diesem Kind, das im Sterben liegt, eine Akte?, fragte der Doktor eindringlicher. Wenn ja, dann bringen Sie mir die Akte! Die Schwester rang mit ihren Händen. Dann drehte sie sich um und verschwand im Saal. Kurz darauf kam sie mit einer Karteimappe zurück. Da ist sie ... Ich darf aber nicht ... Geben Sie her! Der Mann riss ihr die Mappe aus der Hand, legte sie zu seinen anderen Akten. Ich bringe Ihnen das Kind zurück, wenn ich weiß, dass es einen weiteren Transport überleben wird! Und sehen Sie sich in Zukunft vor, was Sie den Menschen verabreichen, damit sie sich nicht wehren können! Das ist ein Kind und kein Erwachsener! Und es sind alles Menschen, keine Tiere! Schwester Jutta wurde bleich im Gesicht. Niemals durfte sich einer der Kranken vom Transport entfernen! Aber ausgerechnet dieses Kind, das ihr im Bus das Herz brach ... Wenn ihre Spritze schuld an dessen Tod ist ... So nickte sie hastig und verschwand im Saal. Hans Räpke hatte gerade andere Sorgen, als das Fehlen des Kindes zu bemerken. Die Kranken wurden von Durst und Hunger geplagt. Und nirgends konnte er in diesem Haus etwas beschaffen. Der fremde Mann im weißen Kittel steckte sich eilig die Akten unter den Arm, hob den Jungen auf und verschwand mit ihm. Erst am Abend, als Räpke rauchte und die SS-Männer mit sich selbst beschäftigt waren, wühlte Schwester Jutta in den Transportaufträgen, bis sie den von Hugo Hassel fand. Sie zerriss den Auftrag in viele kleine Teile und ließ die Papierschnipsel verschwinden. Aus der Transportliste strich sie einfach die Nummer des Jungen heraus. Der Arzt war nicht zurückgekehrt. Und ebenso wenig der Junge. Bereits am nächsten Mittag traf der Transport auf Sonnenstein an, wurde von der Wachmannschaft, die aus zwei Polizisten und 15 Hilfspolizisten bestand und von Paul Rost geleitet wurde, zur Einfahrt durchgewunken. Hinter einem hohen Bretterzaun stiegen die Insassen aus. Direkt neben der Vernichtungsanstalt befand sich eines der größten Dresdener Aussiedlerlager. Niemand schien zu bemerken, dass ununterbrochen graue, mit Menschen gefüllte Busse in die kleine Anstalt fuhren, um kurz darauf leer zu verschwinden. Die Kranken wurden in eines der drei Häuser gebracht und in einen kleinen Raum gezwängt. Im Nachbarzimmer saß derweil Dr. Horst Schumann mit seinem Gast Ludwig von Rasch und wartete bereits. Die Oberschwester Frieda Kuschka kam in den Nebenraum. Können wir mit der Abschlussuntersuchung beginnen, Herr Doktor?, fragte sie an der Tür. Ich bitte darum, antwortete Dr. Schumann lächelnd. Bringen Sie doch zuerst diesen Jungen, mischte sich der Professor aus Leipzig ein. Sein Name ist Hugo Hassel. Die Oberschwester sah fragend zum Leiter der Tötungsanstalt. Der nickte ihr zu. Eine Minute später kam Frieda Kuschka zurück. Da ist kein Junge mit diesem Namen ... Ludwig von Rasch erhob sich augenblicklich und stieß dabei den Stuhl um. Wie bitte? Es ist gar kein Junge dabei. Das kann nicht sein, wegen ihm habe ich die Strapazen einer langen Reise auf mich genommen! Zornesröte stand in seinem Gesicht. Ich war an seinem Abtransport zugegen! Die Transportpapiere und den verantwortlichen Pfleger! Sofort zu mir! Und die Schwester, die mit war! Dr. Schumann war sichtlich erbost. Sein Sonnenstein-Vorgänger, Professor Dr. Paul Nitsche, Obergutachter der RAG, mit bedeutendem Einfluss in Sachsen und Berlin, hatte persönlich um die exakte Durchführung des Projektes angehalten! Man richtete extra einen Raum für die sofortige Kraniotomie des Kindes ein! Ludwig von Rasch hatte die Zusage, die Schädeldecke des Kindes gleich nach dem Tod zu öffnen, um das Gehirn zu entnehmen! Man sprach von einem höchst wichtigen Tag für Medizin und Forschung. Und nun das! Ein Dilemma! Schwester Jutta und Hans Räpke betraten den Raum, die Oberschwester stand an der Seite, und neben ihr fand sich auch der Oberpfleger Heinrich Gley ein. Herr von Rasch blätterte unablässig in den Transportunterlagen. Ich kann ihn nicht finden! Er steht zwar auf der Liste, aber ... War bei dem Transport ein Junge dabei, direkt in Leipzig abgeholt? Neun Jahre, blond ... Hugo hieß er oder Fritz ... Nun reden Sie gefälligst! Auch Dr. Schumann erhob sich von seinem Platz. Reden Sie! Schwester Jutta schüttelte den Kopf, wagte den Leiter nicht anzusehen. Nein, Herr Dr. Schumann, sprach Räpke mit fester Stimme. Keinesfalls! Dafür hatten wir keinen Auftrag. Aber er stand doch in der Transportliste! Da stehen manchmal Namen drauf ..., äußerte sich Räpke leise. Der Herr von Rasch schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass alle im Raum zusammenzuckten. Meuterei ist das, eine grenzenlose Schlamperei! Werde mich bei Catel beschweren! Meine kostbare Zeit vergeudet! Und die Reisekosten erst! Wutentbrannt verließ Ludwig von Rasch den Raum, überprüfte selbst noch einmal die Personen, die der Transport brachte, ging in das vorbereitete Zimmer im Keller und holte seine Tasche. Noch auf dem Weg zu seinem Fahrzeug hörte man ihn fluchen. Kurz darauf verließ der Wanderer des Leipziger Universitätsprofessors Sonnenstein. Beginnen Sie mit der Vorführung, verlangte Dr. Schumann vom schweigenden Personal. Dr. Borm soll sie durchführen! Am Abend krochen vom Sonnenstein wieder unangenehme Brandgerüche hinunter nach Pirna. Es roch nach verbranntem Fleisch und Haaren. Die Bürger wunderten sich, fragten jedoch nicht nach den Ursachen, zumal einige ahnten, was in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt passierte. Schon einmal war die freiwillige Feuerwehr nach Sonnenstein hinaufgefahren, weil dort ein Schornstein brannte. Die Wachmannschaft hatte sie am Sonnensteintor abgewiesen. Die Anlage war nicht für die dauerhafte Verbrennung der Leichen ausgelegt. Das Reichsluftfahrtministerium ordnete Tage zuvor die einheitliche und allgemeine Verdunkelung für ganz Deutschland an. In Großbritannien wurde Winston Churchill neuer Ministerpräsident. Dessen erste Amtshandlung war es, die neue britische Regierung von der Bombardierung deutscher Städte zu überzeugen, was ihm am 11. Mai 1940 gelang. Holland kapitulierte, Frankreich war fast geschlagen. Hitler wies kurz darauf die Bombardements englischer Städte an. Ein beißender Geruch stieg in Hugos Sinne. Der Junge hustete und fühlte in diesem Augenblick, dass ihm jemand den Mund zuhielt. Es war sehr dunkel um Hugo, der endlich und mühsam die Augen öffnete. Du musst leise sein! Wem gehörte diese Stimme? Hugo nahm einen verschwommenen Schatten wahr. Die Stimme war ihm vertraut, er kannte sie. Wo bin ich?, flüsterte der Junge. Seine Hände griffen in die Luft, die Arme waren schwer wie Blei. Hugo lag auf dem Fußboden, eingewickelt in alte Decken. Du bist in Waldheim. Hugo wollte sich erheben. Friedrich Walter! Friedrich? Bist du das Friedrich? Ja, ja ..., flüsterte die Stimme des jungen Mannes. Sei bloß leise, wenn uns jemand erwischt, werden wir beide erschossen! Friedrich ... wie ... Hier, Hugo, trink was! Ich erzähl dir das später! Friedrich hob Hugos Oberkörper ein wenig an, so dass der Junge trinken konnte. Es war nur Wasser, doch es tat Hugo gut. Du hast lange geschlafen, Hugo. Sehr lange. Plötzlich beugte sich Hugo nach vorn und umarmte Friedrich Walter. Friedrich ..., flüsterte Hugo. Ich versteh das nicht ... Der Professor drückte Hugo ein wenig von sich. Du musst mir zuhören, Hugo, seine Stimme klang geheimnisvoll. Ganz genau zuhören! Verstehst du? Die Sinne des Jungen kehrten zurück. Er streckte sich, gähnte lang und kniete vor dem Professor. Noch immer konnte Hugo nicht erkennen, wo genau er sich befand. Wir sind hier in einer riesigen Anstalt. Du solltest nach Sonnenstein. Und du weißt, was dort ist? Ja. Als Hugo das Wort Sonnenstein vernahm, schreckte er unwillkürlich zusammen. Ich hab dich hier gefunden und dich versteckt. Das hier ist die Altkleiderkammer. Es kommen nicht viele hier herein. Niemand darf dich finden, verstehst du? Der von Rasch hat mich versetzt, weil ich deine Entlassung wollte. Also schickte man mich nach Waldheim. Es ist der blanke Graus hier, verstehst du? Man hat mich eingeteilt für die Kleiderkammer. Du musst dich gut verstecken. Niemand darf dich finden. Wenn du mal musst, dann such dir eine Ecke und leg Sachen drüber. Ich hab die Birnen locker geschraubt, sie werden denken, die Lampe ist kaputt. Egal, was passiert, versteck dich und lass dich nur sehen, wenn ich komme. Hast du das kapiert, Hugo? Ja, Friedrich. Was willst du tun? Ich suche einen Weg, dich aus der Anstalt rauszubringen. Hab zwar noch keine Ahnung wie, aber irgendwas wird mir schon einfallen. Komm her ... Friedrich zog Hugo hoch, dessen Muskeln unglaublich schmerzten, und nahm ihn an die Hand. Er führte Hugo in den hintersten Teil der Kammer, wo alte Spinde standen. Ich hab die Schränke so zurechtgerückt, dass du dahinter liegen kannst. Mach keinen Lärm, verlass niemals diesen Raum. Schau her, hier in diesem Schrank stehen Wasserflaschen, und da liegt etwas Brot! Hier ist es, ganz oben. Hugos Augen gewöhnten sich ein wenig an die Dunkelheit. Friedrich trug einen weißen Kittel. Hast du alles verstanden, Hugo? Ich muss jetzt meine Arbeit machen. Ich besuche dich später. Ich pfeife so ... Friedrich pfiff ganz leise eine Melodie. Dann weißt du, dass ich es bin. Du musst keine Angst haben! Noch einmal fuhr Friedrichs Hand über Hugos Kopf, dann verschwand der Professor in der Dunkelheit. Die Tür ging auf und wieder zu, ein Schlüssel knirschte im Schloss. Hugo spürte den Hunger. Er griff sich eines der Brote, kroch in seine Ecke, die mit unangenehm riechenden Kleidungsstücken gepolstert war. Dann lag er auf der Seite. Noch war die Angst groß, doch Hoffnung keimte auf, die das Herz des Jungen heilen ließ. Hugo trank etwas Wasser, legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte in die Dunkelheit. Ein leises Flüstern war zu hören. Wenn Friedrich nicht gewesen wär ... Was dann? Da bist du ja wieder, Fritz! Warum hast du mich alleingelassen? Ich hab dich nicht allein gelassen. Was denkst du, wer dich vom Stuhl gestoßen hat, als Friedrich den Gang entlanglief? Er ist über mich gestolpert? Er hätte dich sonst nie bemerkt. Wohin wird Friedrich uns bringen? Trotz des Brotes ging es Hugo schlecht. Sein Magen schmerzte, ihm war noch immer schwindlig. Erstmal müssen wir hier raus, verstehst du? Das ist wie ein Gefängnis hier, überall sind Wachen und Pfleger. Und wenn wir raus sind, was dann? Ich weiß es nicht. Vielleicht sollten wir zurück zu Mama, sie hat geweint, als wir fort mussten. Jetzt bist du aber wirklich wahnsinnig geworden! Was denkst du, wo sie uns zuerst suchen? Natürlich bei Mama. Und was dann? Jedenfalls können wir nicht zu Mama zurück. Wenn der von Rasch uns findet, sind wir verloren. Hugo drehte sich auf die Seite. Meinst du, sie hätten es wirklich getan? Eine Pause entstand. Meinst du, sie hätten es wirklich getan?, fragte Hugo noch einmal. Wenn Friedrich nicht gewesen wäre, dann ... Alles drehte sich um Hugo. Er konnte es gerade noch zurückhalten, fast hätte er sich übergeben. Mir ist so schlecht, flüsterte er. Hugo lag da und schlief wieder ein. Als er erwachte, hatte sich nichts geändert. Es war dunkel und ruhig. Nur hin und wieder schien es dem Jungen, als würde er Stimmen hören. Nun erhob sich Hugo, denn er musste mal dringend. Zunächst hielt er sich an der Wand fest, dann schob er seinen Körper durch eine Lücke zwischen den Schränken hindurch. Hugo tastete sich vorwärts, seine Knie waren weich. Der Raum war nicht sehr groß, und im vorderen Teil stapelten sich unzählige Kleidungsstücke oder Lumpen. Hugo kroch in eine Ecke hinter einen solchen Stapel, ließ die Hose herunter. Ein Plätschern war zu hören. Während Hugo damit beschäftigt war, hörte er ein Rumoren an der Tür, die sich kurz darauf öffnete und Licht in die Kleiderkammer brachte. Hugo atmete nicht mehr, wagte es nicht, sich zu bewegen und stoppte den Strahl. Er stand neben einem Kleiderstapel und zitterte. Jemand betätigte den Lichtschalter. Was ist denn nun wieder los?, schimpfte die Stimme einer älteren Schwester. Hugo stand lautlos wie ein Schatten vor der Wand. Nun fuhr die Schwester einen Wagen herein, warf von diesem weitere Sachen in Hugos Richtung. Sie stand keine drei Schritte von dem Jungen entfernt, der nicht atmete und sein bestes Teil mit verkrampften Fingern festhielt. Endlich verschwand die Frau wieder, die Tür wurde verschlossen. Hugo ließ den Rest heraus, zog hastig die Hose hoch, schlängelte sich zwischen den Kleiderstapeln hindurch und legte sich wieder hinter die Schränke. Sein Herz pochte wie wild. Er trank nun kaum noch Wasser. Er träumte vor sich hin. Immer wieder erinnerte er sich an jene Prinzessin, die neuerdings in seinen Träumen erschien. Woher nur wussten seine Träume von diesem Mädchen? Der Junge wurde unsanft geweckt. Schnell, Hugo wach auf! Es war Friedrichs Stimme, die redete, und es war dessen Hand, die Hugo schüttelte. Hast du mein Pfeifen nicht gehört? Komm vor, schnell! Hugo rieb sich die Augen, dann kroch er auf allen Vieren zwischen den Schränken hindurch. Hör zu, Hugo! Der Professor hielt den Jungen am Arm fest. Steig in diesen Blechtrog und rühr dich bloß nicht, egal was passiert! Schnell, Hugo! Er hob den Jungen hoch, und ehe sich Hugo versehen hatte, steckte er in einem stinkenden Blechfass, in dem man Küchenabfälle transportierte. Bis zum Hals versank das Kind in einer schleimigen, stinkenden Brühe. Du musst ganz still sein, Hugo, wenn sie dich finden, töten die dich. Ganz still, Hugo! Wenn jemand aufmacht, dann tauch in der Brühe unter! Friedrich drückte Hugo weit hinunter in den Trog, so dass nur noch das Gesicht aus der Suppe schaute, dann setzte er den Deckel auf und arretierte die verrosteten Schraubverschlüsse. Hugo bekam fast keine Luft. Er konnte sich nicht bewegen, selbst wenn er es gewollt hätte. Der Junge fühlte, dass der Trog unsanft angehoben wurde. Friedrich beeilte sich. Er zog den Trog auf den Gang, sah sich um. Niemand beobachtete ihn. Schnell schloss er die Tür zur Kleiderkammer, nahm die alte Sackkarre, die er bereitgestellt hatte, setzte den Trog auf die Gabeln und fuhr geschwind durch den Gang. Vor der Kantine verließ Friedrich Walter das Gebäude und beeilte sich, an die Rampe rückseitig des Versorgungstraktes zu kommen. Dort stand ein Wagen mit zwei alten Gäulen. Das Gefährt stank wie die Pest. Und alle machten einen Bogen darum. Ein alter Mann mit stoppeligem Bart und verfitzten Haaren sah den Professor kommen. Ist das DIE letzte?, fragte er. Ja! Das ist DIE letzte. Das Zeug sollte bald raus aus dem Fass! Ja, ja, antwortete der Mann. Hab schon verstanden. Er hob den Trog mit einem Ruck hinauf. Die Kräfte hätte man ihm nicht zugetraut. Nun kletterte der Mann selbst hinauf, rutschte den letzten Trog zwischen die anderen, kam wieder hinunter und legte hinten ein Brett davor, dass die Tröge nicht vom Wagen rutschen konnten. Friedrich Walter war längst wieder verschwunden. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein Polizist von der Wache warf wie immer einen Blick auf die Ladefläche und winkte dann eilig den Wagen durch. Nun hau schon ab, den Gestank kann ja kein Mensch ertragen! Hugo fühlte, dass er jeden Moment ersticken würde. Schwer ging sein Atem, er spürte das Wackeln und Stauchen und wusste, dass er weggefahren wurde. Endlich hielt der Wagen einen Moment an. Jemand machte sich an Hugos Trog zu schaffen, die Arretierungen wurden gelöst, blendendes Licht traf Hugo. Bleib bloß da drin und muckse dich nicht!, sagte eine Stimme. Der Junge spürte, die Fahrt ging weiter. Das Gefährt verließ Waldheim über eine Kopfsteinpflasterstraße und bog kurz darauf in einen Feldweg ein. Hugo legte seinen Kopf ins Genick. So konnte er ein wenig hinausschauen. Trotz der äußerst unbequemen Lage frohlockte sein Herz. Er sah die Wipfel hoher Bäume, sah den Maihimmel und hin und wieder eine strahlende Sonne! Der Wagen fuhr auf einen Bauernhof und hielt. Der alte Mann hievte sogleich den bewussten Trog vom Hänger und trug ihn in einen Stall. Komm jetzt raus da, Junge!, sagte die raue, brummige Stimme. Es ist vorbei mit der Gefahr. Eine kräftige Hand half Hugo aus dem Trog. Der Junge fand sich in einer Scheune wieder, vor ihm der alte Mann, dahinter viel Stroh. Ein paar Hühner schauten neugierig durch das halboffene Tor. Wo bin ich? Wer sind Sie? Wo ist Friedrich?, fragte der Junge, dem die Suppe vom Körper tropfte. Na, junger Mann, du scheinst ja sehr neugierig zu sein. Sag einfach Karl zu mir! Ich bin der Bruder vom Bauern, und du bist auf einem Hof, der zu Reinsdorf gehört. Bist du jetzt klüger? Erzähl mir doch erst, wie du heißt! Hugo ... Hugo Hassel! Ist hier in der Nähe die Mulde? Wie kommst du denn da drauf, Hugo? Nein, die Mulde ist mehr im Westen. Bei uns fließt die Zschopau, die geht zur Freiberger Mulde, und die fließt bei Colditz in die richtige Mulde. Ist es weit bis Leipzig, Herr Karl? Hugo sah an sich herunter. Er roch schrecklich und sah ebenso aus. Ich bin kein Herr. Karl ist mein Vorname. Nach Leipzig? Der Bauer nahm seinen Hut ab und wischte sich über die Stirn. Das kommt ganz drauf an. Nach Dresden ist es näher, aber auch nach Leipzig ist es nicht allzu weit. Allerdings ... würdest du loslaufen wollen, dann könnte man es durchaus als Weltreise bezeichnen. Aber was red ich da, komm mit und lauf bloß nicht weg! In meine Klasse geht auch ein Karl. Der Karl Schröder. Er ist mein Freund. In deine Klasse? Hugo schaute sich neugierig um. Ein Hund kam schwanzwedelnd angelaufen, zwei Katzenkinder balgten auf dem Hof, in einem Stall rumorte und grunzte es kräftig. Sie haben hier auch Schweine? Ja, die haben wir hier. Nun komm schon, du selbst siehst aus wie ein Schwein. Meine Trude wird wahrscheinlich sehr begeistert sein. Du hast die Schule besucht? In Leipzig? Ja, mein Lehrer ist der Herr Mengen. Der Mann legte seine Stirn in Falten. Und was, bitte schön, hast du dann in Waldheim gemacht? Das ist eine lange Geschichte, erwiderte Hugo. Eine sehr lange. Nun, wenn du nicht darüber reden willst, ich zwing dich nicht. Los ... geh da rein, Junge! Der Mann schob Hugo durch eine Tür. Richtig warm ist es heute geworden. Nicht mehr lange, dann haben wir einen heißen Sommer. Trudchen! Komm doch mal! Aus einem anderen Raum kam eine alte, ziemlich dicke Frau. Ihr Gesicht war rot, sie trug ein Kopftuch, und unter ihrer Schürze schauten zwei kräftige Beine mit vielen Krampfadern heraus. Mein Gott, wen hast du denn da angeschleppt, Karl? Und wie der Junge nur aussieht! Geh und hol Wasser, Karl! Der Mann brummelte etwas vor sich hin und verließ das Haus. Wie heißt du?, fragte die dicke Frau und zog Hugo die Strickjacke aus. Überall klebten Suppenreste. Hugo stand hilflos in der großen Küche, in der so ziemlich alles durcheinander lag. In einer Ecke schlief ein schwarzer Hund, der sich trotz Hugos Anwesenheit kaum gerührt hatte. Aus einem Topf qualmte es mächtig, es roch nach Fleisch und anderen Dingen. Hugo Hassel, antwortete der Junge. So, so, ein Hugo also. Hat dich der Alte aus der Anstalt mitgebracht? Siehst gar nicht so aus, wie die anderen dort. Na, soll mir egal sein! Sie öffnete eine große Truhe und warf dabei eine Katze herunter. Komm her, Junge! Siehst du, ich hab die Sachen meiner Söhne aufgehoben. Man weiß ja nie, wann man sie wieder gebrauchen kann. Ziemlich mager bist du ... Sie zog eine Hose hervor und hielt sie Hugo an. Mit Hosenträgern wird das gehen. Dann fand sie noch ein hellbraunes Hemd. Da wächst du rein, du scheinst ja gut zu wachsen, schau nur, das Zeug ist dir alles zu klein, zu eng und zu kurz. Sie zupfte an Hugos Sachen herum. Los, zieh dich aus! Hugo begann, sich zu entkleiden. Was ist mit Ihren Söhnen?, fragte er. Kaum hatte Hugo die Sachen ausgezogen, da nahm die Frau sie und warf sie kurzerhand in den Küchenofen, wo sie sogleich von den Flammen gefressen wurden. Die Strickjacke hatte Hugo lange begleitet. Alle drei mussten sie zur Wehrmacht. Alle drei auf einmal. Jetzt sind wir allein auf dem Hof. Früher waren wir fast zwanzig Mann. Wir hatten nie ein Mädchen. Wo bleibt der Kerl nur mit dem Wasser? Sie holte unter einem Tisch eine Holzwanne hervor. Hugo saß nackt auf der Truhe. In der Küche war es warm, im Herd flackerte das Feuer. Nun erhob sich der schwarze Hund und kam auf Hugo zu. Genüsslich leckte der Hugos Beine ab. Ihhh!, machte der Junge. Das kitzelt. Er begann, den Hund zu kraulen, der freudig mit dem Schwanz wedelte. Du scheinst ein guter Mensch zu sein, Hugo, stellte die Frau mit dem Namen Trude fest. Bello kann viele Leute nicht leiden. Dann macht er mächtigen Krach. Er heißt Bello? Bei uns heißen alle Hunde Bello und alle Katzen Minka. Das macht es einfacher, wenn wir sie rufen, erklärte die dicke Frau und betrachtete kopfschüttelnd das Kind. Hugo lachte, denn Bello schleckerte wieder an seinem Fuß. Wenn Karl nicht bald kommt, dann hat Bello dich gewaschen. Im gleichen Moment öffnete sich die Tür, und der Bauer kam mit zwei großen Kannen Wasser. Das ist aber ziemlich kalt, meinte er und goss die Kannen in der Wanne aus. Ich hab heißes auf dem Herd. Trude nahm sich ein paar Topflappen, hob einen großen Topf vom Herd und schüttete das qualmende Wasser in die Wanne. Heiß ist nur ein Weiberarsch, brummte Karl. Sei still, Karl! Los, probier, ob es so geht!, forderte die Bäuerin Hugo auf. Hugo stieg mit einem Fuß in die Wanne und rührte das Wasser um. Dann setzte er sich ganz hinein. Bis zum Kinn verschwand der Junge im Wasser. Weißt du noch, was hier los war, wenn wir unsre Jungs gewaschen haben? Trude lachte. Genau so schmächtig sahen sie aus. Und nun ... Sie schüttelte ihren Kopf. Wer weiß, ob wir sie jemals wiedersehen. Sie nahm eine Bürste, die an einem langen Stiel befestigt war, rieb die Borsten mit Kernseife ein und begann, die Haut des Jungen zu schrubben. Steh auf, Junge, sagte sie. Hugo erhob sich und ließ die Prozedur über sich ergehen. Anschließend durfte er noch ein Weilchen in der Wanne sitzen und versuchte, Seifenblasen einzufangen. Warum hast du ihn hergebracht?, fragte Trude und setzte sich schwerfällig auf einen Stuhl. Karl kontrollierte die Töpfe auf dem Herd. Der Friedrich kam plötzlich an und fragte, ob ich ihm helfen könnte. Was soll ich dir helfen?, hab ich ihn gefragt. Da ist so ein Junge, den wollen sie totmachen, hat Friedrich gesagt. Totmachen?, hab ich gefragt. Ja, totmachen, hat er gesagt. Was ist mit dem Jungen, hat er was verbrochen?, hab ich gefragt. Nein, hat Friedrich gesagt. Der soll als Versuchsobjekt herhalten. Und dann hab ich ihm geholfen. Versuchsobjekt?, fragte Trude. Der? Sie zeigte auf Hugo in der Wanne. Warum denn das? Wer kommt denn auf so was? Sind doch alle verrückt, diese Wissenschaftler. Schau dir den Jungen an, wär doch schade drum ... Trude nickte. Und was soll nun aus ihm werden? Der Friedrich holt den Jungen gleich ab, sobald er weiß, wohin damit. Nur jetzt weiß er es noch nicht, Trude. Hugo hörte aufmerksam zu. Komm raus jetzt aus der Brühe!, forderte Trude den Jungen auf und erhob sich. Sie nahm ein großes, graues Handtuch, hob Hugo mit Schwung aus der Wanne und begann ihn abzutrocknen. Woher kennen Sie Friedrich?, fragte der Junge, der die Arme nach oben hielt. Der hat ein Weilchen bei uns gewohnt. Jetzt hat er ein Zimmer in der Nähe der Anstalt. Er kommt trotzdem oft her. Der Bauernhof gehört Ihnen nicht?, wollte Hugo wissen, während Trude seine Beine umständlich abtrocknete. Er gehört meinem Bruder. Aber der lässt uns machen, meinte Karl und zündete sich eine Zigarre an. Hat sich lang nicht sehen lassen. Wo sind Ihre Jungs? Die Bäuerin fuhr Hugo mit dem groben Tuch durch die Haare. Irgendwo an der Westfront. Alle drei. Ich hoffe nur, sie bleiben zusammen. Dann wird ihnen nichts geschehen. Trude nahm die ausgewählten Sachen. Zuerst zog sie Hugo das Hemd über, das viel zu groß war. Doch geschickt rollte sie die Ärmel nach oben. Nun half sie ihm in die Kniehose. Halt fest!, sagte sie, kramte wieder in der Truhe und brachte einen Hosenträger ans Tageslicht. Sie knöpfte die Träger hinten fest und legte sie Hugo über Kreuz auf den Rücken, doch noch immer waren sie viel zu lang. Dort, wo sie die Träger vorn hätte einknöpfen müssen, war kein Schlitz im Riemen. Also nahm sie ein scharfes Messer, stach kurzerhand an den passenden Stellen durch die Riemen und schnitt den Rest ab. Hugo ließ die Hose los. Er konnte durch den Bund bis zu den Knien hindurchschauen, so weit war sie, aber das störte den Jungen nicht. Schau an, er sieht aus wie unser Rolf, meinte der Bauer und blies dicke Rauchschwaden in die Küche. Das ist unser Jüngster. Der hatte die Sachen zuletzt an. Ist jetzt gerade zwanzig, erklärte die Bäuerin. Bello freute sich noch mehr, denn Hugo strömte nun einen gut bekannten Geruch aus. So, sauber haben wir den Jungen. Nun müssen wir ihn noch satt bekommen. Setz dich dahin! Karl, bring die Wanne raus! Trude wusste alle gut zu beschäftigen. Nun fuhr sie mit einer Kelle durch einen der brodelnden Töpfe auf dem Herd, nahm einen alten Teller, an dessen Rand etwas Porzellan abgesplittert war, und gab Brühe und Fleisch darauf. Sie holte ein Ei aus dem Schrank, öffnete es geschickt und ließ den Inhalt in die Suppe fallen. Dann griff sie nach einem Brot, schnitt eine dicke Scheibe ab und legte sie zu Hugo auf den Tisch. Sie stellte den Teller hin, nahm einen Löffel zur Hand, streute mit den Fingern etwas Salz in die Suppe, kostete mit dem Löffel, rührte auf dem Teller herum, dass das Ei aufflockte und meinte: So, nun ist sie gut. Iss ruhig, Junge, du kannst das gebrauchen. Mit diesen Worten drückte sie Hugo den Löffel in die Hand. Hugo saugte zunächst den dampfenden Geruch der Hühnerbrühe in sich auf. Dann bröselte er das Brot hinein und ließ es sich schmecken. Ganz langsam schluckte er, genoss sein warmes Essen und lächelte immer wieder die Bäuerin an, die dabei Hugos kleines Grübchen unter der linken Wange entdeckte. Am Nachmittag fragte Karl, ob Hugo ihm helfen wollte, es müsste Stroh aus der Scheune in den Schweinestall geschafft werden. Hugo freute sich und gab sich alle Mühe, dem Bauer zur Hand zu gehen. Natürlich musste Hugo sich ununterbrochen um die Kätzchen und um den Hund kümmern. Außerdem waren auch Enten geschlüpft, die es jede einzeln vorsichtig zu streicheln galt. Der Tag verging sehr schnell. Am Abend gab es ein deftiges Essen und die Nacht verbrachte Hugo zwischen Trude und Karl, die beide so laut schnarchten, dass es Hugo erst nach einiger Zeit gelang, einzuschlafen. Das gleichzeitige Krähen mehrerer Hähne weckte Hugo. Es dauerte einige Momente, bis er sich erinnerte, wo er sich befand. Hugo lag allein in einem riesigen Bett. Er kroch hinaus und schaute aus dem Fenster, um das sich Efeu rankte. Nanu, dachte er sich, die Sonne schläft ja noch! Der Junge öffnete vorsichtig die Tür zur Küche. Schon wieder brodelte es auf dem Herd. Er zog sich rasch die weite Hose an, dann das Hemd, das er notdürftig in der Hose verstaute, und legte die Hosenträger über seine schmalen Schultern. Hugos Schuhe standen an der Küchentür, doch der Junge zog es vor, barfuß zu laufen. So trat er ins Freie. Der Hund kam angelaufen und wollte von ihm gestreichelt werden. So, jetzt ist aber gut. Hugo hob eines der kleinen schwarzen Kätzchen vom Boden auf, das kurz darauf inbrünstig schnurrte. Er hielt das Tier wie ein Baby in seinem Arm und lief zum Schweinestall. Dort fand er Karl, der aus den Trögen vom Krankenhaus eine merkwürdige Brühe in die Schweinetröge goss. Die grunzenden Schweine steckten sogleich ihre Rüssel in die Brühe und versuchten, sich gegenseitig wegzudrängen. Guten Morgen!, rief Hugo. Bist du schon wach, Junge?, fragte der Bauer und streckte sich. Sie sind doch auch schon wach, stellte Hugo fest. Sag Karl zu mir! Auf dem Hof muss man zeitig munter sein. Noch bevor der erste Hahn kräht, stehen wir auf. Sonst wird das nichts, Hugo. Wo ist denn die Trude?, wollte der Junge wissen und vergrub seine Hände ganz tief in den großen Hosentaschen. Die führt die Kühe raus. Wird bald zurück sein. Schau doch zu den Hühnern, Junge, und sammle die Eier ein. Hugo nickte begeistert. Da steht ein Korb, nimm den dazu. Sogleich griff Hugo Hassel nach dem Korb und flitzte hinaus. Er sprang mit einem Satz über den niedrigen Zaun am Entengehege, begrüßte die kleinen Entchen und betrat den Hühnerstall. Es dauerte ein Weilchen, bis Hugo die Verstecke der Hühner gefunden hatte. Ein weißes Huhn saß da und schaute Hugo merkwürdig an. In diesem Moment sah Hugo, wie ein Ei gelegt wurde. Er griff nach dem Ei, das noch ganz warm war. Danke, sagte er. Einige Minuten vergingen, und der Junge zählte acht Eier. Stolz ging er zum Haus und betrat die Küche. Die dicke Trude stand da und begrüßte Hugo lachend. Mein Gott, du schaust aus, wie unser Rolf! Bringst du mir die Eier? Fein, fein ... Guten Morgen! Haben Sie wirklich die Kühe auf die Weide gebracht? Ganz allein? Sag Trude zu mir, Hugo, und nicht Sie! Die Kühe kennen ihren Weg zur Weide. Man muss nicht viel tun, außer das Tor zu öffnen. Sie begutachtete den Eier-Korb. Nun nahm sie eines der Eier heraus und ließ es Hugo vor die Füße fallen. Der sprang erschrocken zurück. Doch siehe da, das Ei blieb heil! Das bring zurück zu den Hühnern, es ist aus Ton und soll die Hühner zum Legen bewegen! Und dann sag dem Karl, dass das Frühstück gleich fertig ist! Ja, Trude! Hugo hob das tönerne Ei auf und rannte hinaus. Kurze Zeit später saßen die drei zusammen am Frühstückstisch und genossen ein üppiges Mal. Vielleicht sollten wir ihn hier behalten, als Knecht würde er sich gut machen, meinte Karl, während er kaute. Was du sagst, Alter, erwiderte Trude. Als Knecht! Ist doch noch ein Kind, der Hugo. In die Schule muss er, dass er noch was lernt. Was willst du denn werden, Hugo, wenn du mal groß bist? Hugo dachte einen Moment lang nach. Ein Bauer, meinte er dann und trank seine Milch. Wie ihr. Karl lachte laut. Sieh an, der Kleine, Bauer will er werden, wie ich. Du hast uns noch nicht erzählt, was du getan hast. Wie bist du in die Anstalt geraten?, wollte die dicke Trude wissen. Hugo staunte darüber, was die Frau alles essen konnte. Das ist ... ... eine lange Geschichte, beendete Karl Hugos Satz. Lass doch den Jungen, wenn er nichts erzählen will! Vielleicht wollte er ja. Wann kommt denn Friedrich?, lenkte Hugo vom Thema ab. Darf ich den kleinen Katzen etwas Milch geben? Ja, ja, wenn wir fertig sind! Der Herr Professor kommt erst in vier Tagen. Er darf die Anstalt nur am Sonntag verlassen. Heute schlachten wir zwei Schweine. Willst du dabei sein? Ist das schlimm?, fragte Hugo. Was ist schlimm? Wenn sie sterben. Ich will nicht, dass die Schweine totgemacht werden! Ohne sie hätten wir und alle anderen Menschen kein Schweinefleisch zu essen, aus Schweinen wird Wurst gemacht und Speck und Schinken. Das isst du doch auch? Oder, Hugo? Tut es ihnen nicht weh? Nein, nein, das geht ganz schnell! Du musst ja nicht dabei sein. Aber wenn du Bauer werden möchtest, dann musst du auch Schweine schlachten können. Hugo sah sehr ernst aus. Vielleicht werde ich doch Lehrer und nicht Bauer. Lehrer?, fragte Trude, die noch immer aß. Da musst du aber viel lernen. Ach was, das meiste weiß ich schon, erklärte der Junge. Ich kann rechnen und schreiben. Darf ich jetzt aufstehen? Geh schon, Junge! Gib den Katzen Milch! Am Nachmittag rief Karl nach dem Jungen. Hugo, komm her! Hugo schaute vorsichtig in das kleine, gemauerte Häuschen, das neben den Ställen stand. Karl trug eine große, blutige Lederschürze und Stiefel. An geschwungenen Haken hingen vier halbe Schweine. Blut tropfte in große Schüsseln. Über einem merkwürdigen Ofen, der viel Hitze von sich gab, kochte in mehreren Schüsseln ein Sud. Hugo sah die Schweinehälften aus sicherer Entfernung an. Der Bauer nahm nun eine der mit Blut gefüllten Schüsseln und goss sie in eine der dampfenden. Dann begann er mit einem riesigen, scharfen Messer, Teile aus den Schweinen zu schneiden. Hugo hielt sich die Hand vor den Mund und rannte auf den Hof. Am Misthaufen übergab er sich. Er röchelte und spuckte. Trude stand grinsend an der Seite. Komm her, Hugo!, rief sie. Hugo schämte sich. Die Bäuerin wischte ihm mit einem nassen Lappen über das bleiche Gesicht. Dann hielt sie ihm ein kleines Gläschen hin. Trink das, Junge, dann geht es dir bald besser. Hugo setzte das Glas an und trank es vollständig aus. Etwas Brennendes lief in seinem Hals hinunter, der Junge röchelte und rang um Luft. Dann musste er kräftig husten. Die Bäuerin klopfte ihm sacht auf den Rücken. Das ging wohl bisher allen so. Mach dir nichts draus. Unser Rolf hat das Schlachthaus nie betreten. Der ist so sensibel. Ich weiß gar nicht, wie der den Krieg überstehen will. Möchtest du nun dem Karl beim Wurstmachen helfen oder nicht? Sie stopfte einen Korken in die Flasche. Die Augen des Kindes glänzten. Was war das? Endlich bekam er wieder Luft. Das war ein Schnaps. Ein Pflaumenschnaps, ein kräftiger. Hugo Hassel wischte sich über den Mund und lief zurück zum Schlachthaus. Warte, Junge, bind dir die Schürze um! Die dicke Trude legte Hugo eine schwere Lederschürze um, die fast die ganzen Beine des Jungen verdeckte. So betrat Hugo das Schlachthaus. Der Karl leierte gerade Fleisch durch einen Fleischwolf. Was dann klein herauskam, gab er in den Bottichsud mit warmem Blut. Was ist, hilfst du mir?, fragte er, ohne sich umzuwenden. Hugo nickte und bemühte sich, dass sein Blick nicht auf die Schweinehälften traf. Bald aber hatte er sich an den Anblick gewöhnt. Dann steig auf den Schemel und rühre kräftig um! Das hier wird die Blutwurst. Während der Junge emsig rührte und der Bauer verschiedene Gewürze in den dicken Brei tat, reinigte die Bäuerin draußen die Gedärme der Schweine. Außerdem brachte sie noch einige andere Därme. Mit geübten Griffen füllte Karl die Därme mit Wurst, band sie ab und hängte sie auf eine Leine. Hugo war in die Arbeit vertieft. Die Arme schmerzten, doch das störte ihn nicht. Später kostete auch er von der Wurst. Es war Leberwurst, und Karl fragte, ob sie so gut wäre, oder ob noch etwas fehlen würde. Hugo steckte seinen Finger einige Male in die warme Wurst und leckte daran. Vielleicht noch ein bisschen Salz? Karl gab eine Prise Salz dazu. Hugo rührte, dann kostete er erneut. Sind denn noch Zwiebeln da? Die geschnittenen Zwiebeln standen hinter Hugo. Er griff in die Schüssel und warf zwei Handvoll in die Wurst. Wieder rührte der Junge den zähen Brei. Nun war Hugo zufrieden. Zum letzten Mal kostete er ab, dann nickte er dem Bauern zu. Jetzt ist sie genau richtig. Komm runter, Junge! Karl nahm schon wieder eine Flasche zur Hand. Auch darin war der brennende Pflaumenschnaps. Erst nahm der Bauer einen kräftigen Schluck, dann bekam Hugo die Flasche und trank daraus. Der Hals brannte längst nicht mehr so schlimm beim Schlucken. Viele Stunden später wusch Hugo mit Karl die letzten Schüsseln sauber. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Von den Schweinen war nur noch wenig über. Dafür qualmte es nun auch noch aus dem Räucherofen. Dort hingen die Schinken und ein paar Würste. Hugo setzte sich auf seinen Schemel. Er konnte kaum die Augen offen halten. Geschafft! Karl nahm ihm die schwere Schürze ab und legte sie mit seiner in eine Ecke. Dann griff er nach der Hand des Jungen. Wortlos verließen beide das Schlachthaus. Hugo war erstaunt. Draußen war es längst dunkel. Die Tiere schliefen, der Himmel war sternenklar. Ein Halbmond leuchtete hell vom Firmament. Karl setzte sich auf die Bank vorm Haus. Hugos Blick war längst nicht mehr klar. Doch er setzte sich neben Karl, der eine Zigarre zur Hand nahm, die Spitze abbiss und die Zigarre mit Streichhölzern anzündete. Karl begann, genüsslich zu rauchen. Was für ein Abend, flüsterte der Bauer. Er streckte sich lang aus und fasste Hugo um die Hüfte, als wollte er ihn wecken. Früher, mit den Söhnen, da haben wir nach dem Schlachten hier gesessen. Wir haben ein Lagerfeuer angemacht und Lieder gesungen. ... Früher, sag ich. Dabei ist es gerade ein paar Jahre her. Hugo wurde an das Kartoffellager erinnert. Er riss die Augen weit auf, als er redete. Nicht bei allen Worten gehorchte die Zunge. Wir waren an der Mulde (hicks). Unser Lehrer und unsere Klasse. Vor einem Jahr, da haben wir ge ... (hicks) ... holfen, die Frühkartoffeln aufzu ... zu ... lesen. Das war die schönste Zeit in meinem Leben. (hicks) Wir ... wirklich ... Wir hatten auch ein Lagerfeuer und haben gesungen. Hugo gähnte herzhaft. Doch plötzlich sprang er auf, hob eines der Kätzchen hoch, setzte sich zurück auf die Bank, mit der kleinen Katze auf dem Schoß. Vielleicht ist das Dorfleben gut für dich. Karl blies Rauch in den Himmel. Hugo kam es gerade ein wenig hoch, er hielt sich die Hand vor den Mund. Nach wenigen Sekunden ging es wieder, und das Schwindelgefühl war erst einmal weg. Im Mund blieb ein bitterer Geschmack. Manchmal ist Fritz bei mir (hicks), flüsterte Hugo plötzlich. Nur ich allein kann ihn sehen. Er redet mit mir u ... hund (hicks) ich mit ihm. Wir helfen uns. Wir sind Brüder (hicks). Hugo machte eine lange Pause. Seine Finger fuhren der kleinen, schwarzen, schnurrenden Katze immer wieder zärtlich durch das Fell. Die (hicks) ... die haben mich untersucht. Der Junge schaute hinauf zu den Sternen. Und einer ... der will mich totmachen. Der will (hicks) meinen Kopf aufmachen, um nachzusehen, ob Fritz da drin ist. Deshalb war ... war ich in Waldheim (hicks). Die wollten mich eigentlich auf den Sonnenstein in Pirna bringen. Aus Hugos blauen Augen traten funkelnde Tränen, die ganz langsam über seine Wangen wanderten. Weißt du, dort (hicks) ist eine Gaskammer, da werden Menschen totgemacht. Wir haben es gesehen. In unseren (hicks) Träumen. Kinder und Erwachsene, Frauen u ... hund Männer. Hugo legte seinen Kopf an Karls Schulter. Nur (hicks) ... nur der Friedrich hat mich gerettet. Der Bauer legte wieder seinen Arm um Hugo und drückte den schmächtigen Körper an sich. Beide beobachteten die Sterne. Bis Hugo so wie das Kätzchen auf seinem Schoß fest eingeschlafen war. Ganz sachte trug Karl den Jungen hinein. Sein Trudchen schlief bereits, und er wollte sie nicht wecken, denn bald schon würde der erste Hahn krähen. Also legte er Hugo in das große Bett, zog ihm die Hosen aus und legte sich daneben. Karl beobachtete lang die Silhouette von Hugos Gesicht, die sich im Traum bewegte. Bevor der Bauer selbst einschlief, wischte er Hugo sanft mit dem Daumen zwei Tränen von den Wangen. So eine verdammte Welt, flüsterte Karl. So eine verdammte, verdammte Welt! Er hielt im Schlaf Hugos Hand, so, wie er es vor Jahren mit seinem Rolf tat, wenn der nachts ins Ehebett der Eltern gekrochen kam. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||