Hugo bekam beizeiten sein Brot und etwas Wurst, die der Bauer mitgebracht hatte. Er sollte sich mit den drei Kameraden der Mitternachtswache hinlegen, konnte aber nicht einschlafen. Das Heu krabbelte an den Beinen, Flöhe bissen, der Gesang der Jungen am Lagerfeuer war laut. Selbst das Knistern und Knacksen des brennenden Holzes störte den Jungen. Die Erlebnisse des Tages zogen an ihm vorüber.

»Was ist, Hugo, hast du Angst vor der Wache?«
»Nein, Fritz, ich hab doch keine Angst.«
»Meinst du, der Mengen wusste das?«
»Was soll der gewusst haben?«
»Dass ich den Schrader fertigmachen kann. Beim Boxen.«
»Vielleicht, Fritz. Ganz bestimmt wusste der das.«
»Hast du Angst vor der Wache?«
»Natürlich nicht, auch wenn ich noch nie allein nachts draußen war.«
»Ich glaube, du musst keine Angst haben. Höchstens vor wilden Tieren. Schweinen oder Rehen oder Schlangen ...«
»Hör auf, Fritz!«
»Na ja, vor allem vor den Wildschweinen. – Ob Mama uns vermisst?«
»Mama?«
»Ja, Mama.«
»Weiß nicht. Denke nicht. – Lass mich jetzt schlafen!«
»Meinst du, sie werfen uns aus der Klasse?«
»Warum sollten die denn?«
»Schrader hat gesagt, wir wären verrückt. Vielleicht hat er Recht.«
»Schrader ist blöd. Lass mich jetzt schlafen!«
»Bin ja schon weg.«

»Hugo, wach auf!«
Hugo reagierte nicht, er wollte nur schlafen.
»Hugo! Du musst aufwachen!«
»Lass mich in Ruhe, Fritz!«, schimpfte Hugo im Halbschlaf. Dann sah er erschrocken in die Augen seines Lehrers, rappelte sich hoch, gähnte und streckte sich lang.
»Hugo, du musst zur Wache, steh auf! Und zieh dir einen Pullover über.«
Mengen half ihm auf. »Komm jetzt! Wo ist dein Rucksack?«
Der Junge suchte den Rucksack und nahm die Strickjacke heraus, die Mama ihm zum Nikolaus geschenkt hatte. Müde schlüpfte er hinein. Draußen war es kühl. Die drei anderen Posten warteten bereits.
»Folgt mir, und denkt während der Wache daran, was ich euch gesagt habe! Nicht einschlafen, immer die Augen auf und bei Gefahr pfeifen und sofort zur Scheune kommen! – Verstanden?«
Wortlos folgten die Jungen durch das Unterholz. Bald trafen sie auf die erste Wache, es war der kleine Karl Schröder, der sich hinter einem Baum versteckt hielt. Der gab erleichtert die HJ-Trillerpfeife an den nächsten weiter und musste die ganze Runde mitgehen. Karl schlief fast im Gehen ein, Mengen führte ihn lieber an der Hand durch den dunklen Wald.
Die Gruppe näherte sich Hugos Postenbereich. Der erhielt eine Trillerpfeife, die er sich sofort um den Hals hängte.
»Alles klar, Hugo?« Der Lehrer klopfte dem Jungen auf die Schulter.
»Jawoll, Herr Mengen.«
»Gut. Dann pass schön auf!«
Die Schritte der Gruppe entfernten sich von Hugo. Hin und wieder hörte er ein Knacken im Unterholz.
Ängstlich sah sich Hugo um. Allmählich gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit. Ein Rascheln über dem Jungen ließ ihn aufschrecken, doch nur ein Vogel suchte das Weite.
Langsam lief Hugo durch das Unterholz, drehte sich immer und immer wieder um. Dann hörte er das Rauschen der Mulde. Er ging zum Ufer und beobachtete das Wasser. Überall gurgelte und gluckste es. Diese Geräusche waren ihm am Tag nie aufgefallen. Vom Wald her war etwas zu hören. Hugo ging in die Knie und beobachtete den Waldsaum. Nichts zu sehen! Nun schaute er hinauf zum Himmel und betrachtete träumend die Sterne. Nach einem Weilchen lief er in den Wald zurück, bis zu der Stelle, an der die Wachablösung stattgefunden hatte.
Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Er hatte keine Ahnung, wie lang diese Nacht werden konnte. Er setzte sich auf einen Baumstumpf und begann zu zählen, gähnte und erhob sich wieder. Am Baumstumpf war eine Spinnennetz, in dem eine dicke Spinne hing. Zunächst beobachtete er die Spinne, nahm dann einen Stock zur Hand und berührte das Netz, bis die Spinne verschwand und Hugo den Stock wieder ins Unterholz warf.
Nun lief er erneut zum Fluss. Wer wohl sollte ein Interesse daran haben, die Scheune zu überfallen? Der Junge glaubte nicht daran, dass eine Gefahr drohen konnte.
Am Fluss warf er eine Zeitlang Steinchen ins Wasser. Dann lief er zurück in den Wald. Es war kalt geworden, ihm froren die Beine, denn die Hose hörte über den Knien auf, und Strümpfe kannte er nur im Winter.
Tief im Wald hüpfte er schließlich wie ein Frosch, damit ihm warm werden sollte. Das gelang ihm auch.
Vorsichtig ließ sich der Junge auf einem Baumstumpf nieder, gähnte ausgiebig und stützte den Kopf mit den Händen ab. Jetzt herrschte eine Totenstille. – Was würden die anderen Wachen tun?
Nach vorn gebeugt saß Hugo verlassen im Wald. Die Augen schlossen sich allmählich, der Junge begann zu träumen.

»Was meinst du, Hugo, wollen wir diesen Tag zusammen verbringen?« Die Mutter lächelte herzlich.
Der Junge drückte sie an sich, sah zu ihrem Gesicht hinauf und strahlte voller Freude. »Oh, gern, Mama! Was wollen wir zusammen tun?«
»Was möchtest du denn gern tun?«, fragte Oda und streichelte Hugos Hinterkopf.
Hugo schmiegte das Gesicht an den Bauch der Mutter. »Das ist egal, Mama. Hauptsache, wir sind zusammen. Nur du und ich.«
»Ja, mein Junge«, flüsterte Oda, ließ sich in einen Sessel aus Daunen gleiten und nahm Hugo auf ihren Schoß. Dann küsste sie seine Stirn.
Der Junge hielt die Mutter fest umschlungen und genoss ihre Körperwärme.
Mit brachialer Gewalt öffnete sich eine Tür, und aus dem schwarzen Loch dahinter trat Adolf ins Licht, griff sofort nach dem Jungen und entriss ihn der Mutter, die ihre Arme zu Hugo ausstreckte.
»Mama!«, rief Hugo, während ihn der Vater entführte, die Eisentür eines Verlieses öffnete und den Jungen hineinstieß.
»Du bist ein Idiot! Du musst weggesperrt werden!« Höhnisch lachend warf Adolf die schwere Tür ins Schloss.
Hugo saß in einer Ecke der dunklen, kalten Zelle und zitterte. Er weinte heftig, bis ihn die Kräfte verließen.
Plötzlich lauschte er.
Eine Flüsterstimme hatte ihn geweckt!

Hugo erwachte und erhob sich augenblicklich. Seine Beine waren schrecklich kalt. Mit einer Hand wischte er Tränen aus dem Gesicht. Dann lief er einige Schritte, blickte sich im Wald um und begann, leise das Lieblingslied zu singen: »Es klappert die Mühle am rauschenden Bach – klipp, klapp ...« Noch einmal flüsterte er: »Klipp, klapp ...«
Eine Stimme! – Er lauschte in die Dunkelheit. – Nein, da war nichts.
Wieder sang er leise. »Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach, klipp, klapp.«
Hugo horchte auf. War das ein Lachen? Da war doch ein Lachen!
»Er mahlet das Korn zu dem kräftigen Brot, und haben wir dieses, so hat’s keine Not, klipp, klapp – klipp, klapp – klipp, klapp ...« Die letzten Worte flüsterte Hugo. – Ganz deutlich vernahm er die fremden Stimmen!
Vorsichtig schlich er zur Mulde. »Flink laufen die Räder und drehen den Stein – klipp, klapp! Und mahlen den Weizen zu Mehl uns so fein – klipp, klapp!«
Wieder stockte er, einen Fuß vor den anderen setzend. Da war ein Flüstern, unterbrochen von einem kurzen Lachen! Dem Lachen einer Frau!
»Wenn goldene Körner das Ackerfeld trägt – klipp, klapp! Die Mühle dann flink ihre Räder bewegt – klipp, klapp! Und schenkt uns der Himmel nur immer das Brot, so sind wir geborgen und leiden nicht Not – klipp, klapp – klipp, klapp – klipp, klapp ...« Mit den letzten Worten bewegte Hugo nur noch die Lippen.
Deutlich vernahm er zwei Flüsterstimmen. Der Junge kroch auf allen Vieren in die Richtung, aus der die Stimmen vom Ufer kamen. Er schaute vorsichtig durch ein Gebüsch.
Zwei Gestalten saßen am Ufer! Dunkle, große Gestalten! Gerade zehn Schritte von seinem Postenbereich entfernt.
Hugo griff sofort zur Trillerpfeife und nahm sie in den Mund. Er hatte bereits tief Luft geholt, da fiel ihm ein, dass die Pfeife nur benutzt werden durfte, wenn Gefahr drohte. Und eine unmittelbare Gefahr ging von den beiden am Ufer nicht aus. Also beschloss er, diese Nachträuber weiter zu beobachten. Er horchte und versuchte, dabei ein wenig zu atmen.
Es waren eine Frau und ein Mann, das konnte er jetzt erkennen. Der Mann hielt die Frau an der Schulter und krabbelte manchmal ihre Hüfte. Dann lachte sie auf.
»Es ist so herrlich hier«, hörte Hugo die Frauenstimme flüstern. »Macht es dir Spaß?«
»Was meinst du mit Spaß? Natürlich ist es schön, dass du hergekommen bist. – Doch meine Geister dürfen das nie erfahren«, flüsterte der Mann.
Hugo schluckte. Die Geister?! – Er begann zu zittern.
»Ach«, sagte die Frau, »du verstehst mich nicht. Ich will wissen, ob es dir mit den Geistern Spaß macht. Die schlafen doch hoffentlich«, raunte die Frauenstimme und beugte sich zu dem Mann.
Hugo hörte ein Weilchen nichts, die Köpfe der beiden berührten sich lange, Hugo streckte den Kopf nach oben, um mehr zu erkennen. Das brachte nichts, also kniete er sich wieder hin, doch mit dem Knie auf einen spitzen Stein. Er biss die Zähne zusammen und unterdrückte einen Schrei, der bereits in seiner Kehle steckte.
Jetzt umarmten sich die beiden auch noch!
»Hier?«, flüsterte der Mann. »Denk bitte an die Wachen, Schatz.«
Die Frau zog ihr Hemd aus, Hugo sah die nackten, weißen Schultern und ihre Brüste im Mondlicht glänzen. Seine Augen weiteten sich.
»Ja, hier. Es ist so romantisch«, flüsterte sie. »Und wenn ein paar Geister munter sind, dann werden sie sich verstecken, damit sie nicht von Ungeheuern im Wald gefressen werden.«
Erneut ging es Hugo durch und durch. Ungeheuer, hier im Wald!
Der Mann blickte beunruhigt in die Runde, zog sich dann im Liegen umständlich aus und kuschelte sich an die Frau. Hugo sah manchmal den Po des Mannes und hin und wieder den der Frau. Die beiden redeten nicht mehr, sie rangen miteinander. Der Mann gewann und lag bald auf der Frau. Sie quälten sich derb, denn sie stöhnten laut. Der Frau tat es wohl mehr weh, denn sie konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken, weil der Mann ihr mit den Lippen den Mund zuhielt.
Hugos Herz klopfte laut und verräterisch. So etwas Verrücktes hatte er noch nie gesehen!
Die beiden Großen beruhigten sich nach einer Weile und lagen lange Zeit nur aufeinander. Dann endlich erhob sich der Mann, und Hugo sah dessen ganze Pracht.
»Gehen wir uns abkühlen?«, fragte der Mann, ohne zu flüstern.
»Ja doch, Schatz«, antwortete die Frau und kniff ihm lachend in die Waden.
Hugo atmete auf, schluckte tief und staunte nicht schlecht. Die Stimme des einen Geisterbeschwörers kannte er sehr genau: Es war die des Lehrers Mengen!
Die Erwachsenen liefen nackt in den Fluss und bespritzten sich gegenseitig. Die Wolken gaben den Mond frei, es wurde ein wenig hell. Und Hugo lachte. Die Erwachsenen umarmten und küssten sich im Wasser. Er war erleichtert, dass sie wieder Freunde waren! Hugo erhob sich, ging zum Ufer und setzte sich zwischen die Sachen der beiden Erwachsenen, lächelte, ohne sie aus den Augen zu lassen.
Als diese lachend, die Hände haltend, aus dem Wasser springen wollten, blieben sie wie versteinert stehen, denn Hugo saß gleich einem kleinen Buddha zwischen ihren Kleidungsstücken und grinste.
»Dreh dich sofort um, Hugo!«, raunte Mengen und hielt sich die Hände schützend vor den Schambereich.
Hugo erhob sich und drehte sich zum Wald. »Ich hab ja doch schon alles gesehen«, murmelte er und wendete sich gleich wieder um.
Mengen zog sich hastig an, doch die Sachen rutschten schlecht über die nasse Haut, so dass er strauchelte und fast hingefallen wäre.
Die Frau hingegen kicherte. »Es sind tatsächlich kleine Geister. Und du hast sie nicht alle unter Kontrolle.« Dabei zog sie sich an, ohne Hugo aus den Augen zu lassen. »Einer ist aus dem Sack Flöhe entwichen!«
»Doch, das hab ich«, antwortete Mengen. »Nur den da nicht. Aus Hugo werde ich nicht schlau. Er macht mich noch wahnsinnig! – Was suchst du hier, Hugo?«
»Entschuldigung, Herr Mengen. Ich habe die Stimmen gehört. Zuerst wollte ich Alarm geben, aber dann ... Warum haben Sie sich wehgetan, und was ist romantisch?«, fragte Hugo.
Die Frau, die noch ziemlich jung war, hatte sich wieder angezogen und schlüpfte in die Schuhe. Dann setzte sie sich neben Hugo. »Du zitterst ja. – Komm, wärmen wir uns gegenseitig! Siehst du, ich friere auch.« Sie zeigte dem Jungen ihre Gänsehaut. Und schon zog sie Hugo an sich heran, der ihre Nähe genoss.
»Warum haben Sie sich wehgetan?«
»Wir haben uns nicht wehgetan«, sagte der Lehrer.
Hugo schaute das Mädchen fragend an, weil ihm die Antwort nicht ausreichte.
»Dein Name ist Hugo?« Die Frau lächelte. »Ich bin Anna, die Ehefrau deines Lehrers. – Weißt du, ich hatte keine Lust, die ganze Zeit allein zu Hause zu sein. Deshalb habe ich deinen Lehrer heute Nacht besucht.«
»Aber warum haben sie sich wehgetan?«
Anna fuhr Hugo über den Kopf. »Das willst du wirklich wissen?«
»Ja, das will ich.«
Mengen zündete sich mit einem goldenen Feuerzeug eine Zigarette an. Seine Hände zitterten. Hugo hatte den Lehrer bisher nie eine Zigarette rauchen sehen und staunte über ihn.
»Nun ..., wir haben uns geliebt.« Anna schaute Hugo in die Augen.
»Geliebt? Und das tut sooo weh?«
»Es tut nicht weh, es klingt nur so, als wenn es weh tut.«
»Ach, es klingt nur so? Und ich dachte, Sie hätten gekämpft und sich dabei wehgetan.« Hugo war erleichtert. »Und was ist romantisch?«
Mengen ließ sich auf der anderen Seite nieder. Hugo saß nun zwischen den Erwachsenen.
»Schau auf den Fluss, Hugo, und lausche«, flüsterte der Lehrer. »Da ist der Mond, der sich im Wasser spiegelt? Und nun leg dich hin und sieh in den Himmel. Zähl einfach die Sterne!«
Alle drei ließen sich nieder und blickten in den Sternenhimmel.
»Weißt du, Hugo, das alles zusammen ist romantisch. Und wenn es richtig romantisch ist, dann macht ein Mann mit einer Frau Liebe. Und dabei entstehen manchmal neue Kinder.« Sofort bereute Mengen die letzten Worte.
Hugo drehte den Kopf erstaunt zur Seite, um den Lehrer zu sehen. »Und wo ist es?«, hauchte er.
»Wo ist was?«
»Das neue Kind.«
Anna nahm lachend Hugos Hand und legte sie unter ihr Hemd auf den Bauch. »Vielleicht da drin.«
»Und wie ist es da reingekommen?«
»Das erfährst du noch früh genug, Hugo«, sagte Herr Mengen.
»Durch die Liebe, die wir gemacht haben«, meinte Anna.
Hugo setzte sich hin und beugte sich über Anna. »Warum bleibst du nicht bei uns? Du kannst für uns kochen.«
»Na, das fehlte mir noch!« Die Frau des Lehrers lachte. »Obwohl es mir hier draußen gefällt. Aber ich muss am Montag wieder zur Arbeit. Ich kann nicht bleiben.« Sie zog Hugo an sich heran, ließ ihn schmusen und kraulte mit einem Finger seinen Hals.
»Verrätst du mir etwas?«, flüsterte der Junge.
»Was denn, Hugo?«
Er kam nah an ihr Ohr und hauchte: »Was ist ein Kuckucksei?«
»Wie kommst du denn da drauf?«
»Ich möchte es gern wissen.«
»Ein Kuckuck legt sein Ei manchmal in das Nest anderer Vögel, damit er es nicht selbst ausbrüten muss. Das ist ein Kuckucksei.«
»Das verstehe ich nicht. Ich bin doch bestimmt nicht aus einem Ei geschlüpft.« Hugo dachte lange nach, warum Mama ihn als Kuckucksei bezeichnet hatte und ließ sich dabei von Annas sanften Fingern den Hals kraulen. Immer näher kuschelte er sich an sie heran.
Der Junge gähnte herzhaft und wäre fast eingeschlafen, wenn nicht der Lehrer in diesem Moment gesagt hätte: »Na, Hugo, das ist meine Frau. Außerdem hast du deinen Postenbereich verlassen. Los, hoch mit dir!« Herr Mengen stand ebenfalls auf.
Hugo riss die Augen auf und ärgerte sich, dass die Streicheleinheit vorbei war. Er erhob sich und lief zum Wald. Auf halbem Weg drehte sich der Junge um. »Muss ich denn noch lange?«
»Die Hälfte hast du schon geschafft, Hugo. – Pass schön auf!«
»Gibt es denn wirklich Geister und Ungeheuer?«, fragte Hugo.
»Geister gibt es hier, ich habe gerade einen gesehen. Hugo, den Waldschreck!«, rief der Lehrer. »Nein, Hugo, es gibt keine Geister und auch keine Ungeheuer. – Ach, und Hugo ...« Herr Mengen ging einige Schritte auf Hugo zu. Etwas leiser meinte er: »Hör zu, ich erzähle niemandem, dass du deinen Posten verlassen hast und ...«
»... ich erzähle niemandem, dass Sie mit Anna Liebe gemacht haben und was ich sonst noch gesehen habe. – Versprochen, Herr Mengen!« Dann winkte Hugo Anna zu, drehte sich um und stiefelte leise davon, bis seine Umrisse im Wald verschwunden waren.
Am Morgen kam der Lehrer mit den folgenden Posten zur Wachablösung. Hugo hörte die Gruppe schon beizeiten anrücken. Außerdem sah er sie, denn es war fast hell.
»Nun, Hugo, ist in der Nacht etwas passiert?«, fragte Herr Mengen.
»Nichts, von dem ich wüsste.« Hugo nahm die Trillerpfeife vom Hals. »Nein, Herr Mengen, wirklich nichts.«
Der Lehrer nickte.
»Wirklich gar nichts. – Bis auf ...«
Jetzt sah er Hugo erstaunt und abwartend an.
»... bis auf die Ungeheuer. Ich habe zwei gesehen.« Hugo stellte sich auf die Zehenspitzen und zeigte die Größe der Ungeheuer. »So groß waren die.« Hugo lachte laut, und der Lehrer schwieg.
Hugo und die anderen Jungen der Nachtwache bekamen warmen Tee und ein Marmeladenbrot in die Hand, kurz darauf ging es zum Kartoffelfeld.

An diesem Morgen schaffte Hugo gerade zwei Körbe voll Kartoffeln zum Wagen. Die Beine waren schwer, er fror, obwohl die Luft warm war. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, ständig gähnte er. Als der Junge mit der Hand in der staubigen Erde wühlte und nach Erdäpfeln suchte, sah er eine kleine, graue Feldmaus, die ein Stückchen lief und dann in der Furche sitzen blieb, Hugo anschaute und mit den kleinen rosa Pfötchen die Barthaare durcheinanderbrachte. Der Junge legte sich auf seinen Bauch und beobachtete das Tier aus nächster Nähe.
Dabei schlief er ein und spürte nicht, dass die Maus näher kam, an seiner Nase roch und dann das Weite suchte.
Herr Mengen fand Hugo Minuten später, trug ihn zum Kartoffelwagen und legte ihn ins weiche Gras, mitten in die Sonne, ohne dass Hugo aufwachte. Kurz darauf sammelte der Lehrer einen weiteren Jungen vom Feld. Auch der hatte in der Nacht Wache gestanden.

An diesem dritten Tag sollte es noch wärmer werden, und eine drückende Schwüle lag über dem Muldentaler Land. Herr Mengen beobachtete den Himmel, denn es war eine Frage der Zeit, dass ein schweres Gewitter aufziehen würde.
Plötzlich wies er die Jungen an, in die Scheune zu gehen und keinen Unsinn zu machen. Er wollte die Wachen heimholen, und es sollten auch keine neuen hinaus.
Es grollte in der Luft, von der Mulde her zog eine schwarze Wolkenwand heran. Die Kinder wurden unruhig und schauten besorgt zum Himmel.
Herr Mengen kam mit den vier Posten im Eilschritt zurückgelaufen.
Die Luft begann, sich zu bewegen, Staub wurde aufgewirbelt, Blätter von den Bäumen gerissen. Ein Krachen erschütterte die Umgebung. Alle Jungen saßen im Heu und harrten der Dinge, die passieren würden. Der Wind fauchte durch die Scheunenwände, das ganze Gerüst schien zu wackeln.
Der kleine Karl Schröder saß im Schneidersitz im Heu und betete, dann stand er auf und ließ sich neben dem Lehrer nieder. Hugos Müdigkeit verflog mit einem Schlag.
Zunächst fielen dicke Tropfen auf die Scheune, dass es merkwürdige Töne gab. Zwischendurch krachten die Donnerschläge, und es entlud sich ein unglaublicher Guss aus Hagel und Regen, begleitet von Blitzen und Donner.
Durch das angelehnte Tor sahen die Jungen, dass draußen die Nacht herrschte, obwohl es Mittagszeit war. Karl Schröder begann zu weinen, einige andere stimmten sofort mit ein. Herr Mengen setzte sich zwischen die Jungs, nahm Karl auf den Schoß und begann, ein Lied zu singen. Nach und nach stimmten die Jungen ein, sangen immer lauter, so dass sie vom Unwetter fast nichts mehr hörten. Vom Dach tropfte Wasser aus vielen undichten Stellen, und die kleinen Kerle rückten immer näher zusammen. Kaum wurde ein Lied beendet, stimmten sie das nächste an. Der andauernde Gesang vertrieb die Furcht allmählich aus ihren Gesichtern. Nach einer guten Stunde war das Unheil endlich vorbei.
Alle liefen hinaus. Überall lagen Äste und Hagelkörner auf dem Boden, das Feuer war aus, die Erde schlammig und voller Pfützen. Doch bald schon ließ sich die Sonne sehen, und am Abend war fast alles trocken.
Zum ersten Mal hatte Hugo im Gesicht seines Lehrers richtige Angst beobachten können.
An diesem Abend, als die Wachen wieder auf ihrem Posten waren, kam eine neue Plage hinzu: Unzählige Mücken fielen über die Jungen her, zerstachen erbarmungslos Waden, Arme und Gesichter.

Neun Tage vergingen. Bis auf das Unwetter und einen wolkigen Tag blieb das Wetter sommerlich schön. Der Lehrer genehmigte den Jungen viele Freiheiten. An den Nachmittagen durften sie im seichten Flussbett baden, und nachdem Herr Mengen erklärt hatte, wie eine Wasserleiche nach zwei Tagen im Wasser aussah, konnte sich der Lehrer darauf verlassen, dass keines der Kinder ein Risiko einging.
An einem Tag brachte der Bauer einen Sack mit Rüben und Kohlrabis. Daraus wurde eine leckere Suppe gekocht, und alle aßen reichlich davon. Ein paar Stunden später begann ein höllisches Pupskonzert, worüber die Jungs ausgiebig lachten. Zum Glück erging es dem Lehrer nicht besser.
Sie spielten Fußball und führten lange Schnitzeljagden durch. Hin und wieder liefen die Jungen im Laufschritt durch den Wald, und einmal besuchten sie den Bauernhof, wo der Bauer geduldig seine Tiere zeigte. Die Bäuerin ließ anschließend alle Jungs in die Küche und versorgte sie mit Milch und Kuchen. Erstaunlicherweise verhielten sich die Kinder wie Deckchen und zeigten sich so zahm wie die kleine Katze der Bäuerin, die herumgereicht wurde und schließlich das Weite suchte.

Am Morgen des zehnten Tages gingen die zwanzig Jungen ihrer Beschäftigung auf dem Feld nach. Unter den vier Wachposten, die an der Scheune aufpassten, war auch Hugo Hassel. Und in der Scheune lag der kleine Karl Schröder, der sich am Fluss einen Stein eingetreten hatte und deshalb nicht mehr laufen wollte.
Herr Mengen beobachtete die Jungen auf dem Feld. Sie bewegten sich freilich langsamer als am ersten Tage, doch noch immer waren sie ganz gut bei der Sache.
Plötzlich lauschte der Lehrer und erhob sich. Da, wieder! Es war ein Pfiff aus einer Trillerpfeife.
Er rief den dicken Franz Schrader zu sich, dessen Lippe fast verheilt war. »Franz, du übernimmst an meiner Stelle! Wenn der Wagen voll ist, lässt du zurückmarschieren! – Und dass ich keine Klagen höre, verstehst du? – Jemand hat die Alarmpfeife benutzt!«
Franz war sofort aufgeregt. »Jawoll, Herr Mengen, Sie können sich auf mich verlassen.«
Im gleichen Augenblick rannte der Lehrer los. Wenige Minuten später stand er am Scheunentor. Er schaute in die Scheune hinein. Die Rucksäcke waren verschwunden und mit ihnen Karl Schröder!
Ein gewaltiger Schreck durchfuhr den Lehrer.
»Hallo! Hört mich jemand!«, rief er laut und legte die Hände als Trichter an den Mund. Im gleichen Moment raschelte es im Heu, und ein kleiner Kopf tauchte auf.
»Karl! Da bist du ja!« Mengen zog den schmächtigen Jungen aus dem Heu und klopfte ihm das Gras von der Kleidung. »Was ist nur passiert?«
»Bitte nicht schimpfen, weil ich mich versteckt habe, Herr Mengen.«
»Nein, nein, Karl! Erzähl schnell, was geschehen ist!« Der Lehrer hockte sich zu Karl und hielt dessen zitternde Hände.
Dem kleinen Jungen liefen dicke Tränen über die Wangen, während er sprach. »Da waren Große. Ich habe mich gleich versteckt. Die kamen rein und haben unsere Rucksäcke geklaut. Und draußen haben die alles kaputtgemacht. Und dann kam Hugo und hat sie gesehen.« Der Junge schluchzte.
»Und dann? Was waren das für Große? Und wo ist Hugo?«
»Dann haben die den Hugo schrecklich verhau’n, und als die anderen von uns gekommen sind, haben die die auch verhau’n. Und dann haben die die gefesselt und mitgenommen und die Rucksäcke auch.« Er wischte sich Tränen und Rotz aus dem Gesicht.
»Und wo sind sie hin?«
Karl kratzte sich Heu vom Kopf und zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht, Herr Mengen, ich hab mich doch versteckt.«
»Und was hatten die an?«
»So Uniformen.«
»Und was für welche?«
Wieder zuckte Karl mit den Schultern.
Herr Mengen fand sich in einer unschönen Lage wieder. Er nahm den humpelnden Karl an die Hand und ging ins Freie.
Hoffentlich würden die Jungen bald vom Feld kommen. Nervös lief der Lehrer von einer Seite der Scheune auf die andere.

»Komm doch mit, Fritz!«, sagte Hugo. »Dann bin ich nicht allein, und es ist nicht langweilig.« Er überlegte einen Moment. »Vielleicht ist die Wache was Schöneres als Kartoffeln suchen. Gut, Hugo, ich bleibe bei dir«, antwortete Hugo sich selbst.
Dieses Mal kam Herr Mengen nicht mit zur Wachablösung. Alle kannten die Postenbereiche gut genug, als dass er es hätte tun müssen. Hugo bewachte wieder seinen Bereich zwischen Mulde und Wald.
»In der Nacht war das ganz anders hier«, flüsterte er und lief langsam zum Fluss. »So gruslig. Und als ich dann unseren Lehrer und seine Anna beobachtet habe ...« Es war noch früh am Morgen, und erst zum Mittag würde Hugo abgelöst werden. »Wir können baden gehen, Hugo«, sagte Hugo. »Spinnst du? Während der Wache?« »Du bist die Wache, ich bin nur mit, vergiss das nicht!« Hugo winkte ab. »Dann geh doch, Fritz, aber pass auf, dass du nicht ertrinkst.« Hugo watete mit den Schuhen im seichten Wasser. »Schade«, meinte er plötzlich, hob einen flachen Stein auf und versuchte, ihn auf dem Wasser springen zu lassen. »Was ist schade, Fritz?«, fragte Hugo. »Dass wir bald wieder nach Hause müssen. Mama wird mit uns nicht verreisen.« »Bestimmt nicht.« Hugo kam aus dem Wasser und zog die nassen Schuhe aus. Langsam lief er zurück zum Wald. Das machte er einige Male.
Als die Sonne höher stand, blieb Hugo stehen. Von der Scheune hörte er laute Stimmen, kurz darauf ein Krachen, als wenn jemand Holz zertreten würde.
»Karl ist allein in der Scheune!«, flüsterte Hugo. »Da sind Fremde!«
Hugo rannte los. Mit den Händen drückte er die Äste zur Seite.
Kurz vor der Scheune blieb er stehen und beobachtete ein paar große Hitlerjungen, die alle Rucksäcke wegtrugen! Ein anderer zertrat gerade das Gestell für den Kessel über der Feuerstelle.
Hugo griff sofort an seinen Hals, nahm die Trillerpfeife in den Mund und pustete, was das Zeug hergab. Dreimal, viermal, dann ergriffen ihn die Hitlerjungen. Einer der Großen, mit Abzeichen auf der Brust, schlug auf Hugo ein. Er traf ihn im Gesicht und riss Hugo die Pfeife aus dem Mund, so dass dem Jungen ein Zahn abbrach. Hugo sah eine Faust, die auf ihn zukam, wollte ausweichen, doch ein anderer hielt ihn fest, und die Faust traf mitten ins Gesicht. Er lag am Boden und fühlte, dass auf ihn eingetreten wurde. Es waren harte Stiefelsohlen, die den Jungen immer und immer wieder trafen.
Für einige Minuten sah Hugo nur noch Sterne und hustete, dem Ersticken nah. Dann tauchten die anderen von der Wache auf und wurden ebenfalls verprügelt. Die Hitlerjungen fesselten den knapp Siebenjährigen die Hände auf den Rücken, zogen sie hoch und nahmen alle mit.
Als Hugo wieder klar denken konnte, hatte sich die Gruppe weit von der Scheune entfernt. Es waren zehn Hitlerjungen, und sie waren mindestens sechzehn. Die Kleinen mussten rennen, und immer wieder schlugen die Hitlerjungen auf ihre Köpfe ein. Einer haute mit einem Koppel aus Leder auf deren Rücken.
»Was sollen wir tun?!«, rief Hugo, aus dessen Mund Blut tropfte. »Du musst aufpassen, Fritz, wo sie uns hinbringen, dann lauf zurück und hol den Lehrer!«, bekam er gerade noch heraus, da traf ihn wieder eine Faust.
Nach etlichen weiteren Schlägen erreichte die Gruppe ein Tal, in dem Zelte standen.
Die Hitlerjungen grölten, brachten die Kleinen in ein Zelt, fesselten sie aneinander, knebelten sie, so dass Hugo und seine Kameraden nicht schreien konnten. Sie warfen die Rucksäcke zwischen die Gefangenen. Dann verknoteten sie das Zelt von außen.

Endlich kamen die Jungen vom Feld. Auch sie waren gerannt, Mengen erkannte es am Schweiß in ihren Gesichtern.
Er sammelte seine Jungs um sich. Karl stand neben ihm und machte ein langes Gesicht, während der Lehrer erklärte, was passiert war.
»Wichtig ist, dass alle bei mir bleiben. Versteht ihr?« Die Jungs nickten ihm zu. »Wir müssen zusammenhalten.«
In diesem Moment kam das Fuhrwerk des Bauern angefahren, um Brot für seine Helfer zu bringen. Er war erstaunt über die Unruhe und die Angst, die aus den Gesichtern der Jungen sprach.
»Die haben welche von uns entführt und unsre Sachen geklaut!«, rief ihm Franz Schrader aufgeregt entgegen.
Der Bauer stieg vom Wagen, er hielt die Peitsche in der Hand. »Was denn, was denn, so was gibt’s doch gar nicht!«
Mengen ließ Karls Hand los. »Leider doch. Unsere Kleinen, die zur Wache hier blieben, wurden verprügelt und entführt.«
»Na, das ist ’n Ding!« Der Bauer warf die Peitsche auf seinen Bock. »Und nun?«
»Gibt es in der Nähe ein anderes Lager, von der HJ vielleicht?«, fragte der Lehrer.
Alle Jungen schauten zu dem Bauern. »Nicht, dass ich es wüsste. Vielleicht sollte ich die Polizei benachrichtigen?«
Gerade wollte der Lehrer antworten, da riefen einige der Jungen überrascht: »Da ist Hugo!«
Tatsächlich! Hugo schleppte sich den Weg hinauf zur Scheune. Sein Gesicht war blutig, die Wange zerschunden, die Sachen zerrissen und schmutzig. Seine linke Wade lief blau und rot an, jemand hatte ihn getreten.
»Hugo!« Herr Mengen lief zu dem Jungen, hob ihn auf und trug ihn zur Scheune. Dort setzte er ihn auf einem Stumpen ab. »Was ist passiert, Hugo? Mein Gott, was haben die mit dir gemacht?«
Hugo konnte noch nicht reden. Er atmete schwer und hielt sich das Bein.
Einer der Jungen brachte Wasser, und Hugo trank es gierig aus. »Hugo ist dort«, flüsterte der Verletzte schließlich, zeigte in die Richtung, aus der er gekommen war, und sah den Lehrer mit rotunterlaufenen Augen an. »Ich bin Fritz.«
Mengen griff Hugo unter das Kinn und hob den Kopf vorsichtig an. »Dir fehlt ja ein Zahn, Junge.«
»Sie müssen schnell hin ..., die Karte ...« Es klang, als würde Hugo lispeln.
»Franz, bring meine Karte!«, rief der Lehrer und breitete sie Sekunden später auf dem Baumtisch aus.
Hugos Finger fuhr blitzschnell über die Karte und hinterließ eine Spur aus Blut und Schmutz. »Genau hier sind sie. In einem Tal. Das sind welche von der Hitler-Jugend. Da stehen ihre zehn Zelte, in dem vierten, etwas weiter hinten am Rand, halten sie unsre Leute gefangen. Dort haben sie auch die ganzen Rucksäcke versteckt.«
Herr Mengen faltete die Karte zusammen. Der Bauer nickte ihm zu, ohne dass Mengen gefragt hatte.
»Bleiben Sie hier bei den Jungen!«
»Herr Mengen, wir sollten doch zusammenbleiben!«, rief Heiner Zulauf.
Wieder schaute der Lehrer zum Bauern. »Hugo und Karl, ihr bleibt hier! Alle anderen ... aufsitzen!«
Sofort kletterten die Jungen auf den Wagen, alle hielten sich irgendwo fest und schwatzten aufgeregt durcheinander.
Nun saß auch der Lehrer auf dem Gefährt, drehte sich noch einmal kontrollierend um, löste die Bremse und trieb das Pferd an.
Neunzehn Jungen hockten auf dem Wagen. Nur Hugo und Karl blieben zurück.
»Ihr müsst leise sein, damit sie uns nicht hören!«, rief Herr Mengen. Sogleich herrschte Ruhe.
Zehn Minuten später fuhr der Wagen in das beschriebene Tal. Der Lehrer ließ das Ross halten, band es an einem Baum fest und half den Jungen hinunter. Wieder drückte er seinen Finger auf die Lippen. Fast lautlos schlichen die Jungs in einer Reihe hinter ihrem Lehrer her. Als sie den Schutz der Bäume verließen, krochen sie durch das hohe Gras, immer am Rand der Wiese entlang. Herr Mengen hatte längst die Zelte entdeckt und das vierte ausgemacht, in dem sich angeblich die Entführten aufhielten. Dreißig Meter von den Zelten entfernt standen einige Jugendliche in HJ-Uniformen und trainierten Messerwerfen auf einen Baumstumpf. Dabei grölten und lachten sie laut und bemerkten nicht, dass sich die Zweitklässler näherten.
An dem besagten Zelt angekommen, hielt der Lehrer die Jungs an, in Deckung zu bleiben und keinen Mucks zu sagen. Er selbst kroch unter der Plane hindurch ins Zelt.
Mengen traute den eigenen Augen nicht. Die vier vermissten Jungen, einschließlich Hugo Hassel, saßen mit verquollenen Gesichtern, aneinandergeknotet im Zelt, in dem eine stickige Hitze herrschte. Zudem hatte man den Jungen die Münder mit altem Verbandsmaterial verbunden.
An den Augen der Jungs sah Mengen ihre Freude über sein Erscheinen. Augenblicklich löste er die Fesseln und flüsterte, dass die Jungen schweigen sollten. Als er Hugos Fesseln löste und den Knebel aus dem Mund nahm, sah er die Zahnlücke, Hugos Gesicht war blutig, die Wange zerkratzt, die Sachen zerrissen und schmutzig. Seine linke Wade lief blau und rot an. Herr Mengen blickte in die gleichen Augen wie vor wenigen Minuten an der Scheune!
Endlich fasste sich der Lehrer wieder. »Ganz leise!«, flüsterte er und schob einen Jungen nach dem anderen aus dem Zelt. Anschließend reichte er die Rucksäcke unter der Plane hindurch und kroch selbst hinaus.
Jeder Junge nahm sich einen Rucksack, ganz gleich, welchen, dann kroch die Gesellschaft zurück zum Wagen. Die Hitlerjungen bemerkten von dieser Aktion nichts.
Eilig ging es zurück zur Scheune. Herr Mengen trieb das Pferd erbarmungslos vorwärts. Dort angekommen wurden die Verletzten versorgt und im Heu gebettet.
Der Lehrer ging auf den Bauern zu. »Wo ist Fritz? – Der Junge, der uns gesagt hat, wo wir die Bande finden! Wo ist er?«
»Sie haben ihn doch gerade wieder mitgebracht, Herr Lehrer. Er rannte los, kaum dass sie mit dem Wagen um die Ecke waren. Ich frag mich, wie er mit den Verletzungen so schnell rennen konnte.«
Der Lehrer schaute den Bauern sprachlos an. Dann endlich meinte er: »Statten wir den Kerlen einen Besuch ab? Mit Hugo muss ich mich wohl später beschäftigen.«
Der Bauer ergriff seine Peitsche. »Aber gern, Herr Lehrer.«
Herr Mengen ging in die Scheune. »Wir sind gleich wieder da. Ich möchte, dass sich keiner unerlaubt entfernt. Ist das klar?«
Alle Jungs, die dazu in der Lage waren, nickten.
»Geben Sie denen richtig was auf die Fresse!«, rief der kleine Karl Schröder laut, kämpfte imaginär mit den Fäusten, und alle anderen jubelten.
Wieder fuhr das Gespann davon.
»Was wollen Sie tun, Herr Lehrer?«
»Lassen Sie mich nur machen.« Herr Mengen ging seinen Gedanken nach. »Fahren Sie langsam und ruhig in das Lager der Jugendlichen. Den Rest erledige ich!«
Der Bauer tat dies und ließ das Gespann gemächlich durch das Tal rollen. Er fuhr an den Zelten vorbei, genau dahin, wo die Hitlerjungen Messerwerfen übten.
Die Jugendlichen waren sprachlos. Besuch hatten sie nicht erwartet.
Herr Mengen sprang mit Schwung vom Wagen und stand plötzlich zwischen den Hitlerjungen, die tatsächlich fast achtzehn waren und bedeppert glotzten.
»Heil Hitler! – Wer ist hier der Anführer?!«, schrie der Lehrer aus heiterem Himmel. »Treten Sie gefälligst vernünftig an, wenn ein Vorgesetzter mit Ihnen redet!«
Als wäre es ihnen eingeimpft, bildeten die Jugendlichen eine Linie. Einer von ihnen trat nach vorn. »Kameradschaftsführer Beilschmidt!«, meldete er sich ordnungsgemäß.
»Können Sie auch grüßen?«, brüllte Mengen aus nächster Nähe. »Sie wissen wohl nicht, wen Sie vor sich haben?«
»Heil Hitler!«, grüßte Beilschmidt, sah zum Horizont und streckte die Hand vorbildlich zum Gruß aus. »Verzeihung, nein, das weiß ich nicht!«
»Mein Name ist Mengen, ich bin für dieses verseuchte Gebiet zuständig. Was tun Sie hier?«
Beilschmidt sah den Lehrer verdutzt an. Verseuchtes Gebiet?
»Wir ..., wir ...«
»Geben Sie mir eine verständliche Antwort, Kameradschaftsführer Beilschmidt!«, brüllte Mengen.
»Jawoll, Herr Mengen! Wir führen hier eine eigenständige Übung durch und verinnerlichen uns die wichtigsten Eigenschaften eines Luftwaffenhelfers!«
Mengen drehte sich um und sprach in die andere Richtung. »Wo ist ihr Bann untergebracht?«
»In Grimma.«
»... Herr Mengen heißt das immer noch!«, brüllte der Lehrer ungehalten.
»In Grimma, Herr Mengen!«
»Und Sie meinen, dass Sie sich mit Messerwerfen richtig auf die Luftwaffe vorbereiten, Kameradschaftsführer Beilschmidt? Wollen Sie die feindlichen Flieger mit Messern bekämpfen? Und Sie üben dazu in einem gesperrten, verseuchten Gebiet!«
»Ja, das heißt nein, Herr Mengen.«
»Kennen Sie nicht die vier Grundeigenschaften eines jeden Hitlerjungen, die Ihnen scheinbar allesamt fehlen?«
Beilschmidt wollte etwas sagen, doch der Lehrer wendete sich ruckartig nach ihm um und unterbrach den Hitlerjungen, dessen Schweißflecken auf dem Hemd größer wurden.
»Gehorsam, Opferbereitschaft, Disziplin und Pflichterfüllung! Vor allem Disziplin! – Wenn Sie Ihr Lager abgebaut haben, dann gehen Sie sofort nach Grimma und lassen sich bei einem Amtsarzt auf Maul- und Klauenseuche untersuchen! Tun Sie das nicht und haben Sie die Erreger bereits aufgenommen, können Sie davon ausgehen, dass Sie in drei Monaten impotent und blind sind! Eine Schutzimpfung werden Sie sich ja wohl vorher abgeholt haben, oder?«
Beilschmidt lief der Schweiß in Strömen über die Stirn. »Nein, Herr Mengen.« Seine Stimme war verdächtig leise.
»Ihr Problem, Herr Kameradschaftsführer Beilschmidt! Einzig und allein Ihr Problem.« Herr Mengen betonte jedes Wort. »Schade für Ihre Kameraden, dass sie von Ihnen in dieses Dilemma geführt wurden! Wirklich schade. – In zehn Minuten sind Sie verschwunden. Und es ist besser, wir begegnen uns nicht wieder, sonst endet Ihre Laufbahn in einem Gefängnis. Verstanden?!«
»Jawoll, Herr Mengen!«
Der Lehrer tat, als wollte er auf den Wagen steigen, der Bauer hatte mächtig zu tun, nicht zu grinsen. Nun sprang Mengen zurück ins Gras. »Ach, Kameradschaftsführer Beilschmidt, noch etwas ... Es sind vier kleine, wehrlose Jungen entführt worden. Wahrscheinlich von homosexuellen Verrückten. Sie haben diese Jungen nicht zufällig gesehen? Weit können sie nicht sein.«
Es kam eine mächtige Unruhe unter den Jugendlichen auf, was dem Lehrer nicht entging. Trotzdem klang Beilschmidts Stimme sicher. »Nein, Herr Mengen, haben wir nicht!«
»Na, wenn die Entführer erwischt werden, um die Todesstrafe kommen die nicht drumherum. Unser Führer hat schließlich ganz klar gesagt, dass für solcherlei Elemente kein Platz in unserem Reich ist.«
Wieder wollte Mengen aufsteigen. Beilschmidt atmete durch. Doch sprang der Lehrer abermals hinunter. »Kommen Sie doch mal her, Kameradschaftsführer Beilschmidt, und lassen Sie mich einen Blick in Ihre hübschen Zelte werfen!«
Der Kameradschaftsführer kam mit schweren Beinen angelaufen und folgte Mengen über die Wiese. Die anderen Hitlerjungen blieben lieber stehen, wo sie gerade waren.
»Da ist bestimmt nichts, was Sie interessiert, Herr Mengen ...«
»Zerbrechen Sie sich mal nicht meinen Kopf!« Natürlich schaute Mengen zunächst in die anderen Zelte, regte sich lautstark über die Unordnung auf und sagte, dass sein Bericht an den Gebietsführer nicht vorteilhaft ausfallen würde, bevor er mit einem Ruck das besagte vierte Zelt öffnete.
Beilschmidts Angst kannte keine Grenzen.
Mengen übersah selbstverständlich die Knebelverbände und Stricke, die auf dem Boden lagen.
»Da haben Sie noch mal Glück gehabt, Beilschmidt.« Der Lehrer sah den gleichgroßen Jugendlichen drei Sekunden in die Augen. »Das wäre sonst Ihr Ende gewesen. In fünf Minuten sind Sie mit der Kameradschaft verschwunden. Und denken Sie dran, sich bei Ihrem Amtsarzt zu melden. – Heil Hitler!«
Der folgende Gruß Beilschmidts klang deutlich zaghafter. »Heil Hitler!«
Noch während der Kartoffelwagen aus dem kleinen Tal rollte, rissen die Jugendlichen ihre Zelte ab und verschwanden aus der Gegend.

»Das haben Sie wirklich gut gemacht, Herr Lehrer! Der Anführer hätte sich fast die Hosen bepinkelt. Ich stell mir vor, wie die zum Amtsarzt gehen, der lacht sich doch tot. Die Maul- und Klauenseuche ..., nein, so etwas!«
»Sollen sich nur richtig blamieren. Hoffentlich lernen sie was draus. Man hätte ihnen den Arsch versohlen müssen, dafür, dass sie sich an meinen Kleinen vergriffen haben.«
»Dabei hätte ich Ihnen gern geholfen, Herr Lehrer. Wirklich gern.«
»Jetzt aber zurück, ich muss meine Jungs wieder motivieren und ein paar Dinge klären.«
Der Bauer ließ die Peitsche in der Luft knallen. »Lauf, du alte Mähre, lauf!« Der Wagen rollte zurück zur Scheune, vor der die Kinder aufgeregt warteten.
»Es ist geklärt, wir werden sie nicht wiedersehen!«, rief der Lehrer und lief an den Beifall klatschenden Jungen vorbei in die Scheune.
Hugo lag im Heu und träumte mit offenen Augen.
Der Lehrer setzte sich neben ihn und schwieg zunächst. Dann endlich beugte er sich über den Jungen und sah ihm lange in die Augen. »Wie geht es dir?«
»Alles tut weh«, flüsterte Hugo.
»Wer bist du?« Mengen wartete umsonst auf eine Antwort. – »Bist du Hugo oder Fritz? Was ist das für ein Spiel?«
Der Junge schluckte schwer.
»Wie hast du das gemacht?«
Hugo blinzelte mit den Augen.
»Du warst hier und hast erzählt, wohin die Hitlerjungen euch gebracht haben. Wir sind schnell mit der Kutsche gefahren. Und als ich in das Zelt kam, warst du dort. Wie hast du das gemacht?« Der Lehrer nahm Hugos Hand und drückte sie leicht.
»Fritz war hier«, flüsterte Hugo.
»Fritz?« Dem Lehrer stand Schweiß auf der Stirn. »Es gibt keinen Fritz! Es gibt nur dich! Dich, Hugo! Wo soll Fritz jetzt sein? Wo ist er, wenn es ihn gibt, dann muss ich ihn auch sehen können!« Die Stimme des Lehrers wurde ungewollt laut.
»Fritz ist hier bei mir.«
»Und ... und mit wem rede ich jetzt?« Der Lehrer kam ganz nah an Hugos Gesicht heran. »Wer bist du wirklich, sag es mir! Ich will das alles nicht glauben!«
»Ich bin Hugo.«
»Und wo ist Fritz?«
»Hier.«
Des Lehrers Hand fuhr über Hugos Kopf. »Wo genau?«
»Er liegt neben mir.«
»Nein Hugo, ich sehe nur dich. Da ist kein Fritz, da ist nichts.« Mengen schien der Verzweiflung nahe.
Hugo rollte sich langsam zur Seite, lag wieder auf dem Rücken, einen halben Schritt von seinem Lehrer entfernt. »Sehen Sie mich jetzt, Herr Mengen?«, flüsterte er. »Ich bin Fritz.«
»Und wo ist Hugo jetzt?«
Der Junge rollte sich zurück und lag wieder direkt unter dem Lehrer, starrte erneut vor sich hin. »Hier bin ich.«
Mengen rieb sich verzweifelt die Augen mit den Fingern. Dann fuhr seine Hand durch das eigene Gesicht, als wollte er einen bösen Traum wegwischen. »Was ist nur los mit dir, Hugo?«, fragte er schließlich, ohne eine Antwort zu erwarten.
»Es tut so weh«, flüsterte der Junge. »Das Bein tut so weh.«
Der Lehrer begann, vorsichtig das Bein abzutasten. »Du kannst alles bewegen? – Es ist nicht gebrochen. Es ist gequetscht, und das schmerzt. Wir werden einen kühlen Verband um dein Bein machen. Sie haben ihre Strafe erhalten, Hugo. – Was macht dein Zahn?«
»Nicht so schlimm.« Hugo zeigte mit dem Finger in den Mund. »Das ist mein vorletzter Milchzahn.«
Mengen rief einen der Jungen heran. »Hol kaltes Wasser und mein Sanitätspäckchen! Schnell!« Dann wandte er sich wieder Hugo zu. »Es geht dir bald besser, Hugo. Du wirst sehen.«
»Was haben wir denen getan«, fragte der Junge, »dass sie so böse auf uns waren?«
»Nichts«, antwortete der Lehrer. »Sie waren feige und übermütig. – Und ihr, ihr wart sehr tapfer, ihr habt das verteidigt, was den Jungs unserer Klasse gehört. Und ihr habt alles richtig gemacht. Ich bin sehr stolz auf euch!«
Wasser und Verbandsmaterial wurden gebracht. Mengen versorgte zunächst Hugo und dann die anderen drei Jungen der Wache, denen nicht ganz so arg zugesetzt worden war. Anschließend kümmerte er sich um eine Mahlzeit, denn alle hatten Hunger. Der Bauer half ihm dabei.
Hugo schlief ein. Und er schlief bis zum nächsten Morgen, an dem er, gegen den Willen des Lehrers, wieder mit zum Kartoffellesen ging.
Zwei Tage später hatte Hugo die Schmerzen vergessen. Nur die Zahnlücke begleitete ihn ein geraumes Weilchen und erinnerte an die abenteuerliche Entführung.

Hugo kämpfte gegen die Tränen. Die meisten Jungs aus seiner Klasse wurden am Nordbahnhof in Leipzig von ihren Eltern abgeholt. Alle waren glücklich. Nach einigen Minuten stand Hugo allein auf dem Bahnsteig, nur der Lehrer Mengen blickte sich unruhig um.
Doch bald war auch er gutgelaunt, denn seine Anna kam durch das Bahnhofsgebäude gelaufen, umhalste und küsste ihn. Hugo drehte sich weg, doch natürlich konnte Anna ihn erkennen.
»Na, wen haben wir denn da?«, fragte sie und griff ihm in die Haare. »Wenn das nicht mal der Hugo ist. – Du hast mich doch nicht etwa vergessen?«
Hugo schüttelte übertrieben seinen Kopf. »Iwo, nicht vergessen!«, sagte er.
»Was ist, wirst du etwa nicht abgeholt?«
Hugo machte große Augen und sah die Frau traurig an. Seine Schultern zuckten ein wenig. »Scheint so.«
»Es stand doch alles auf dem Zettel«, entgegnete Mengen ungehalten. »Und der Zug war pünktlich. Ausnahmsweise.«
»Mama wird den Zettel wieder nicht richtig gelesen haben«, murmelte Hugo traurig. »Sie vergisst mich dauernd.«
»Was machen wir jetzt mit ihm?«
»Ich geh schon allein, es ist ja nicht weit«, flüsterte Hugo.
Anna Mengen ging in die Hocke und nahm Hugos Hände. »Du wirst aber schön Obacht geben, dass dir nichts passiert, oder?«
Hugo nickte.
»Bestimmt sehen wir uns bald wieder, Hugo. Du schaust so traurig aus. Freust du dich nicht auf zu Hause?«
Hugo sah Anna lange in die Augen. Dann schüttelte er seinen Kopf.
»Ach, du kleiner Kerl ...« Sie umarmte den Jungen und drückte ihn an sich. »Leb wohl, mein Schatz.«
»Sie auch.«
Hugo ging zu seinem Lehrer und streckte ihm die rechte Hand entgegen. »Auf Wiedersehen, Herr Mengen. Und vielen Dank, dass Sie das mit uns gemacht haben!«
Der hob den Jungen hoch, und Hugo hielt sich an seinem Hals fest. »Also hat es dir gefallen, Hugo?«
»Ja, sehr.«
»Mir auch, Hugo. Mir auch. – Und tust du mir einen Gefallen?«
Hugo nickte übertrieben heftig.
Dann flüsterte der Lehrer dem Jungen ins Ohr: »Grüß Fritz von mir! Und sag ihm, er soll nie wieder mit dir reden, wenn es andere hören können!«
Hugo schaute den Lehrer mit großen Augen an. »Warum soll ich ihm das sagen?«
»Es sind noch fünf Tage Schule, dann beginnen die Sommerferien. Fragst du Fritz, ob er dich künftig allein in die Schule gehen lässt? Würdest du ihn fragen? Sag ihm, es ist nicht böse gemeint von mir. Aber in die Schule darf nur Hugo. Wenn Fritz mitkommt, dann kann es sein, dass Hugo großen Ärger bekommt. Nicht mit mir, wirklich nicht. Aber mit anderen Leuten, die Fritz nicht so gut kennen wie ich.« Er drückte Hugos Wange an seine kratzende und flüsterte: »Ich weiß, dass Fritz ein toller Kerl ist, so wie du, Hugo. Und ich mag ihn ebenso. Doch manchmal ist es besser, er zeigt sich den anderen nicht. Wenigstens in der Schule. – Sagst du ihm das, Hugo?«
Hugo musterte seinen Lehrer genau. Und er sah, dass Tränen in dessen Augen standen. »Sie weinen ja.« Der Junge wischte dem Mann mit dem Daumen eine Träne aus dem Gesicht.
»Bitte, Hugo! Redest du mit Fritz? So antworte doch!«
Hugo Hassel nickte. »Gut, ich rede mit Fritz. Versprochen. Ich denke aber ... Er wird bestimmt sehr traurig sein ...«
Der Lehrer drückte den Siebenjährigen noch einmal fest an sich, dann stellte er ihn auf den Boden zurück. »Besuch uns mal, Hugo, Anna freut sich, wenn du es tust! Nun lauf nach Hause, Hugo! Lauf schon!«
Der Schüler klemmte die Finger unter die Rucksackträger und lief erst einige Schritte rückwärts. Dann drehte er sich um und rannte los. Er flitzte den Weg an der Eisenbahnlinie entlang, über eine Kopfsteinpflasterstraße und durch den Gartenverein, bis er auf der Hauptstraße anlangte. Von dort waren es nur noch wenige Schritte zur Wohnung.

»Er hat das nicht verstanden.«
Hugo saß auf der ersten Stufe zu Onkel Mutzmanns mit Brettern vernageltem Laden. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und sein Kinn auf die Hände. »Ich hätte ihm nicht erzählen dürfen, wo das HJ-Lager war.«
»Nein, Fritz«, sagte Hugo, »das ist Quatsch! Niemand hätte uns gefunden, wenn du’s nicht getan hättest. Es ist was anderes.«
»Und was ist es dann?«
»Ich weiß nicht.«
Hugo saß schweigend auf der Stufe. Autos – und die Elektrische – fuhren vorbei. Oben war die Wohnung abgeschlossen, und Mama war nicht daheim.
Hugo lehnte sich an die kaputte Ladentür. »Wo wird Onkel Mutzmann jetzt sein, Hugo?«
»Bestimmt eingesperrt.«
Wieder beobachtete er die Leute auf der Straße.
»Vielleicht hat Schrader doch Recht?«
»Was meinst du, Fritz? Dass wir bekloppt sind? – Wir haben die besten Noten in der Klasse, wir sind die Besten im Turnen. Ist das bekloppt?«
»Nein, ich meine nicht bekloppt, ich meine ... dass wir eben anders sind. Die wollen keine Kinder, die anders sind. Die an der Schule nicht, und Mama will uns auch nicht. – Ich bleib zu Hause, Hugo«, flüsterte Hugo schließlich. »Du erzählst mir eben im Bett, was du gelernt hast.«
»Und wer rennt dann? Ich bin nicht so schnell.«
»Als wenn das Rennen alles wäre!«
»Du willst wirklich nicht mehr in die Schule mit?«
»Der Mengen meint es nicht böse. Er würde uns gern beide in der Schule haben. Aber der darf das nicht. Vielleicht wollen sie ihn rausschmeißen, wenn er’s weiter zulässt. Ich hab doch keinen Stempel bekommen.«
»Hast du gemerkt, er war auch traurig, dass die Erntehilfe schon vorbei ist«, sagte Hugo.
»Aber er hat sich gefreut. Immerhin ist er abgeholt worden. Von seiner Anna.«
»Wie findest du Anna?«
»Ich wünschte, die wäre unsre Mama!«
»Hm, Fritz.« Hugos Nase krabbelte, und er pulte darin. »Davon habe ich auch geträumt ... und er, unser Papa.«

»Na, Hugo, führst du wieder Selbstgespräche? – Hast wohl keinen Schlüssel?« Margaret stand plötzlich da, die Mappe auf dem Rücken und wackelte mit den Zöpfen. »Schön braun bist du geworden. – Und wie war’s bei der Ernte? Was ist mit deinem Zahn? Und dein Bein ist ganz blau ... Hör auf zu popeln!«
»Hol erst mal Luft, Margaret!«, Hugo stand auf und klopfte sich den Schmutz vom Hosenboden. An den Sachen gab es keine saubere Stelle mehr. »Schön war’s! Ein dolles Abenteuer war’s. – Und hier?«
Margaret zuckte mit den Schultern. »Blöd. Immer nur blöd. Die Schule ist fast leer. – Was ist, kommst du mit hoch?«
Hugo nahm den Rucksack und folgte der großen Schwester, die mit wehendem Kleid die Treppen hinaufsprang.
Die Wohnung kam Hugo eng und kalt vor. Als er seine Kammer sah, sehnte er sich sogleich nach der Scheune zurück. Erneut zogen die Abenteuer im Kartoffellager an ihm vorbei.
Mama kam spät am Abend. »Tag, Hugo. Schön braun bist du geworden«, sagte sie. Mehr nicht.
»Willst du nicht wissen, wie es war?«, wollte Hugo fragen, doch Mama machte die Tür zum Abstellraum zu.