Ich fühlte es, ich war mir dessen sicher, niemand würde verstehen, welcher Schrecken in mich drang. Es war ein Zustand, als würde man mich ununterbrochen aus meinem Schlaf in den Nächten reißen, indem man mir die Kehle zudrückte, beim Erwachen losließ und mich anlachte. Die Sonne stürzte von ihrer Himmelsbahn. Sie traf mich mit ihrer glühenden Kraft, zerdrückte mich in einem Trauma, einer schrecklichen Phase der Krankheit, die mich befallen hatte, die ich niemals mehr von mir weisen konnte, solange ich jenes schreckliche Geheimnis nicht zu lösen vermochte. Wer kann die Angst vor dem Ungeheuer WAHRHEIT verstehen? Wer?
"Ich muss noch mal", antwortete ich KA8, dessen schmale Augen mich müde trafen, als ich mitternächtlich aus meinem Bett stieg. Ich musste nicht wirklich. Oftmals konnte ich abends nicht einschlafen, wenn sie das Licht gelöscht hatten und ich nicht mehr lesen konnte. Dann lag ich sinnierend in meinem Bett, dachte nicht direkt, sondern träumte. Ich war allein mit KA3 im Zimmer, Jimmy ging es nicht anders als mir, jedoch wollte ich ihn nicht damit ärgern, nachts im Zimmer zu rauchen. So träumte ich von vielen unbekannten Menschen, von lärmenden Straßen farbiger Vielfalt, einer traumhaften City, mitunter suchte ich die Erinnerung an Mama, jedoch ihr Bild tauchte in mir auf als eine wechselhafte, unbekannte Erscheinung. Ich kannte ihr Gesicht nicht mehr, manchmal erschien sie mir jung und schön, ein anderes Mal alt und ergraut, mitunter träumte ich, vor ihrem Grabstein zu verharren, auf dem in goldenen Lettern MAMA geschrieben stand. Dann verfluchte ich den Traum in die Endlosigkeit. Mitunter träumte ich auch von leuchtenden Reklamesprüchen, die mir gefielen und plötzlich weggerissen wurden, wogegen ich mich wehrlos winden wollte, stattdessen kletterte General hinauf und brachte eine riesige Leuchtschlange an, die sich so lange schlängelte, bis aus ihr die Worte AMERICAN WAY OF LIVE wurden ...
Und wenn ich so träumte und lag und lag und träumte, dann kam ich oft auf die Idee, das Klo aufzusuchen, um eine oder mehrere Zigaretten zu rauchen. Nachdem ich aus dem Bett geklettert war und Jimmy leise meine Erklärung abgegeben hatte, griff ich nach der Schachtel Zigaretten und dem Feuerzeug und schlich mich aus dem Zimmer. Jeden Gegenstand kannte ich in diesem Raum, jede Schrankkante, jeden Hocker, den ich umgehen musste, ich wusste genau, wo meine und Jimmys Schuhe standen, ich fand sofort den Türknauf, den ich vorsichtig bewegte, indem ich gegen die Tür drückte, die ich dann langsam öffnete, mich durch den schmalen Spalt schob, auf dem Gang stand, der schwach beleuchtet vor mir lag, um dann die Tür von Außen zuzudrücken. Für einen Moment verharrte ich und sah mich auf dem Gang um. Überall war es still. Eine unheimliche Stille, diese Stille barg die Gedanken der Männer in sich, es war eine bewegte Stille, denn Träume durchzuckten sie, machten sie so dynamisch, dass die Stille mich hin und her riss.
Endlich setzte ich einen Fuß vor den anderen, durchbrach die zerberstende Stille, lief langsam an das Ende des Flurs, atmete die stille, bewegte Luft ein, die noch ein bisschen nach Essen roch, das Danforth in gewohnter, ordentlicher Manier am Abend für uns zubereitet hatte. Dann öffnete ich vorsichtig die ein wenig schnarrende Tür zum Vorraum der Toilette, in dem zwei Waschbecken die Leere ein wenig verdrängten. Rechts der Halter für die Papierhandtuchrolle, direkt darunter ein Mülleimer für verbrauchte Papierhandtücher.
Die Tür zur eigentlichen Toilette stand wie immer angelehnt, ich kroch hindurch, links die Rinne, rechts vier Boxen, Kunststoffwände trennten sie artig ab. Alles sah noch neu aus, nur die Toilettenbecken rochen nach Benutzung. General legte, nach alter Offiziersmanier, sehr viel Wert auf Hygiene in den Sanitärräumen. Vielleicht war gerade dieser Umstand der Grund dafür, dass Pat noch am Leben war? Denn schließlich bekam er feierlich die Aufgabe der Reinigung solcher und ähnlicher Ortschaften in der obersten Etage KA-Citys übertragen.
Meistens setzte ich mich in die Box, die links von einer Wand begrenzt wurde. Ich nahm vorsichtig Platz, zündete mir eine Zigarette an und wartete. Auf was? Auf einen Gedanken, auf einen schönen Traum, auf ein erhebendes Gefühl? Ich wusste es nicht.
Plötzlich ... Es drang so leise in mich, nein, ich musste mich verhört haben! Begann ich zu phantasieren? Das war unmöglich, unglaublich ... Doch! Wieder! Ich zuckte zusammen. Woher kam das? Wurde nun auch ich wahnsinnig, so wie es der Colonel längst war? Das Geräusch wurde leiser, erstarb. Ich lauschte konzentriert.
Nein, nicht ganz. Ein Weinen? Ein Wimmern? Hatte sich gar eine Katze bei uns eingeschlichen, die mich ärgern und erschrecken wollte? - Nein, unmöglich konnte dies eine Katze sein, ganz abgesehen davon, wo sollte sie herkommen? Es klang wie das Heulen des Windes, und doch ...
Nur Kinder, ganz kleine Kinder brachten es fertig, auf eine solche Art zu weinen, Babys, die nach der Brust der Mutter riefen ...
Das Schreien ließ nicht nach, im Gegenteil, es nahm noch zu, an Lautstärke, an Vielfalt ... Nicht ein Baby schrie, nicht ein Baby schrie, nicht ein einziges ... Viel mehr waren es. Unzählige Kinder! ... Ich lauschte. War das ein Albtraum? Woher nahm ich nur diese Phantasie? -
Aber halt! Nicht Phantasie, nein, nein. Die reine Wahrheit. So glaubt mir doch, ihr dummen Gedanken! Glaubt mir! Ich träumte nicht, es schlug auf mich ein, ein Schwert, ein riesiges Schwert?
Tonbandaufnahmen? Nein, ich konnte nicht glauben, dass sich jemand einen solch dummen Scherz erlauben würde, nein, es war die Stimme der Wirklichkeit, die in mich drang. Es war Fakt.
Kinder schrien, kleine, winzige Babys weinten herzhaft. Irgendwo in diesem Bunker. Und die Rohranlagen des Abwassersystems trugen die unglaublichen Geräusche durch die unterirdische Burg. Ich wollte nicht wahnsinnig sein!

***

Zitternd rannte ich über den Flur, drang in mein Zimmer ein, wollte Jimmy anflehen, doch ich hielt plötzlich inne. Ein feines Atmen begegnete mir. Warum sollte ich ihn unsicher machen? Noch war nichts bewiesen.
Am Morgen traf mich ein kalter Schlag.
Diesmal saß ich begründet auf dem Klo. Und Winner hatte die Absicht gehabt, mit mir zu reden. Er folgte mir an diesen Ort, sprach mich sofort an.
"Ist dir etwas aufgefallen?", fragte er sogleich und unbeherrscht.
Ich stutzte. "Was soll mir aufgefallen sein, Winner?", fragte ich zurück.
Er antwortete auf seine eigene Frage. "Nachts durchdringen die Leitungsschächte merkwürdige Laute. Hast du nichts davon bemerkt?"
Ein eisiges Grabbeln kroch über meinen Rücken. "Es sind Babyschreie", flüsterte ich. "Babyschreie, Winner."
"Ja, Kleiner", sagte er nur. "Weinende Babys in KA-City. Fast jeder hat sie schon gehört. Auch Colonel. Am Morgen lief er über den Flur und sagte immer wieder: 'Was schreien sie so? Gebt ihnen was in ihre gefräßigen Mäuler, dann hören sie auf zu schreien.' Das hat er gesagt."
"Winner, was hat das zu bedeuten?", fragte ich ungehalten.
"Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass es nichts Gutes besagt."
Wir trennten uns. Von jenem Moment an erschlug mich diese Frage, die ich mir immer und immer wieder stellte.
Eine zerfressende Wut baute sich in mir auf, staute sich in mir. Warum nur wagte Resisto nicht, mir etwas mitzuteilen? Wenn er etwas mit Versuchen an Babys zu tun hatte, dann müsste dies Grund genug für ihn sein, Schluss zu machen mit seiner Forschung, Schluss zu machen mit General. Resisto war bewaffnet. Jeder wusste dies. Resisto musste handeln. Und stattdessen ...

***

Mister Resisto!
Bitte machen sie eine Aussage über ihre Arbeit! Wir hören alle die Schreie, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Warum machen Sie das? Die Jungen beginnen sie zu hassen. Ich bin einer der Jungen. Geben Sie sich und uns diese Chance. Für die Humanität. Sie haben eine Waffe, nutzen Sie diese und handeln Sie endlich! Im Namen der Menschheit!

Der Computer hatte diese Worte gespeichert. Er wartete nur darauf, dass ich sie Resisto zeigen konnte, doch Resisto mied uns, als wüsste er um seinen allmählichen Untergang. Er sank in unserer Achtung. Für einige war er immer ein unbekannter Punkt in der Entwicklung unserer Gemeinschaft, jetzt hatte er die Chance zu zeigen, dass seine Worte der Wirklichkeit entsprachen, dass er mich nicht belogen hatte, als er sagte, keinem Unrecht werde er sich fügen. Jetzt könnte sich der Sinn seines Namens bewahrheiten. Jetzt, und keinen Tag später. Doch er rührte sich nicht. Er fand nicht zu uns und nicht zu sich selbst. Was war mit ihm nur geschehen? Was nur? So konnte es nicht weitergehen, dessen war ich mir sicher. So nicht.
Immer war ich auf der Suche. Hielt mich mehr im Sektor VIER auf, als in den anderen Etagen. Stundenlang reinigte ich seine Räumlichkeiten, bis ich ihn endlich erwischte.
Ich stand in seinem Zimmer, wischte zum zwanzigsten Mal in einem Regal, in dem lediglich ein winziger Wecker stand, den nicht vorhandenen Staub weg, als sich die Tür öffnete und Resisto unerwartet vor mir stand.
Sofort sprach ich ihn an. "Sir, Sie müssen mir einen Gefallen tun. Ich habe ein Programm erarbeitet und komme nicht weiter. Bitte sehen Sie sich dieses Programm an, bitte."
Er stand aufgelöst vor mir, ich sah ihm an, dass er sehr fertig war, runter mit den Nerven, erschöpft von einer aufreibenden Arbeit. Sehr merkwürdig sah er mich an. "Du siehst, ich habe unheimlich viel Arbeit ..."
"Bitte, Professor ..." Ich musste es schaffen! Einen Moment überlegte er. "Es ist sehr wichtig, Professor. Sehr wichtig!" Ich sah in seine nimmermüden Augen.
"Nun gut." Er nickte kurz. "Einverstanden. Ich komme."
Wir liefen über den Korridor in die fünfte Etage. Sektor FÜNF wurde von General praktisch nie betreten, ihm reichten die Abhöranlagen. Von unserer Verständigung über den Computer hatte er absolut nichts mitbekommen. Dessen war ich mir sicher.
Lange stand Resisto vor dem Monitor, auf dem die wenigen Zeilen leuchteten. Mehrmals blickte er mich an, mir schien es, als würden seine Augen ein wenig tränen.
Er dachte lange über eine Antwort nach. Dann löschte er die Worte, verließ mich. Er ließ mich vor dem Computer stehen, gerade so, als ignorierte er mich. Ich verstand ihn nicht mehr. Was war mit diesem Menschen geschehen? Was nur?
Ich war sauer. Ich hatte schlagartig die Achtung vor einem Menschen verloren. Und ich hatte wohl auch Angst vor meiner eigenen Reaktion.
Zu allem Überfluss kam ein schreckliches Versagen, das sexuelle Versagen mit Generals Mädchen. Ich hatte es nicht geschafft, ich konnte ihr keine Liebe mehr entgegenbringen.
Doch ihr schien es nichts auszumachen. Ich hatte gedrängt, hatte es mit Macht versucht, sie ließ es mit sich tun, stöhnte nur leise und doch schaffte ich es nicht. General war außerhalb der unterirdischen Siedlung unterwegs. Wieder hatte er etwas mit den Militärs zu besprechen, was auch immer.
Langsam zog sie sich an, sah mich mitleidig an. Ich saß nackt auf dem Boden im Sanitärraum, auf einem Handtuch des Generals und schämte mich. Ich hatte versagt. Meine Gedanken waren nicht bei ihr, ständig schwirrten sie in meinem Gehirn umher, ruhelos. Entgegen allen Grundsätzen sprach sie: "Ich habe seiner automatischen Abhöranlage den Strom weggenommen. Wir können miteinander reden." Ich glaubte zu träumen. Es war das erste Mal, dass ich ihre Stimme hörte, eine liebliche und weiche Stimme, die ich genoss.
"Was macht er?"
"Er wird nicht vor dem Abend zurück sein", antwortete sie.
Warum fragte ich? "Liebst du ihn?"
"Ja. Ich liebe ihn. Er ist mein Vater. Warum fragst du?" Sie setzte sich auf meinen nackten Schoß und berührte mich sanft.
"Ich weiß es nicht."
"Was hältst du von dieser Insel?", fragte sie plötzlich und unerwartet.
Ich blickte sie erstaunt an. "Was ich von dieser Insel halte?", fragte ich zurück. "Es ist eine merkwürdige Insel geworden, seit wir hier sind. Zuvor war sie wahrscheinlich ein Paradies."
"Hast du von dem Kinderweinen gehört, von dem man ständig spricht?" Woher wusste sie es? Das konnte ihr nur General erzählt haben.
"Natürlich habe ich es gehört. Genauso, wie alle anderen, doch ich habe mit niemandem darüber geredet. Das Weinen wird seine Gründe haben, dessen bin ich mir sicher, also müssen wir damit leben." Ich sagte genau das Gegenteil meiner wahren Meinung, ich belog mich selbst und es fiel mir unheimlich schwer, diese Lüge aus mir hinauszupressen.
Vorsichtig schob ich sie von meinem Schoß. Ich fühlte, dass ich klüger wurde. Vielleicht hatte ich General überlistet, vielleicht aber würde es mir leid tun, so etwas Schlimmes gesagt zu haben. "Ich ziehe mich an", meinte ich.
"Weißt du, dass mein Vater längst nicht so schlimm ist, wie man es vielleicht von ihm behauptet?", meinte sie, als wollte sie das Gespräch verlängern.
"Wieso sollte er SCHLIMM sein?", fragte ich lächelnd.
"Er hält euch in diesem Bunker fest. Er hat dir das Band gezeigt. Er hat auch mir verboten, dass ich mit dir ...", antwortete sie sofort. "Er ist bei den Soldaten. Er sagt ihnen, dass sie damit rechnen sollen, dass unsere Leute auf der Oberfläche erscheinen. Er will euch Ausgang für Spaziergänge geben. Wie findest du das?" Sie stellte sich unheimlich nett. Zu nett.
"Das ist gut von ihm", antwortete mein anderes Ich. Mein Verdacht wurde immer begründeter. "Ich würde mich darüber freuen, mit meinem Freund Resisto über unsere schöne Insel zu wandern."
"Er ist dein Freund?", fragte sie erstaunt.
"Ja", antwortete ich, ständig darauf bedacht, die richtigen Worte zu wählen, die mir vielleicht von Nutzen sein könnten. "Doch von seiner Arbeit lässt er kein Sterbenswörtchen verlauten. Dabei würde ich ihm gern ein wenig mehr helfen. Na ja, wenn es eben geheim ist, dann kann man nichts machen."
Sie lächelte. "Vielleicht kann ich ein Wort für dich bei meinem Vater einlegen." Sie küsste mich, aufdringlich zart.
"Das wäre sehr lieb von dir. - Er hat dich nicht bestraft, weil du das mit mir ...?" Die Frage hatte sich in mir aufgestaut, ich musste sie loswerden.
"Und wenn ... Bestimmt hat er nichts dagegen. Es war nur ungewohnt für ihn, ich bin seine Tochter."
Ich verstand die Welt nicht mehr. Tolerierte General unsere körperliche Beziehung? Hatte er ihre Lust auf meinen Körper genutzt, sie unter Druck gesetzt, mich auszuhorchen?
Ich verließ sie, innerlich mehr zerbrochen, als erfreut. Jetzt hieß es aufpassen. Achtsam sein, vielleicht war auch Resisto mein Feind.
Nur einem der Männer, die mir gegenüber etwas zu sagen hatten, konnte ich grenzenlos vertrauen. Colonel.
Mein Tagebuch nahm konkretere Formen an. Die Aufzeichnungen versteckte ich auf einer Diskette, die ich sorgfältig in einer winzigen Umhängetasche aufbewahrte, die ich mir einst genäht hatte.

***

Er sagte: "Du kannst zu mir kommen, wann du willst, John." Er hatte mich beim Namen genannt, in aller Öffentlichkeit KA-Citys, ein erschreckender Verstoß gegen die ungeschriebenen Regeln. Er stank beängstigend nach Alkohol. Ich saß vor ihm und flehte diesen zerbrochenen Mann an.
"Colonel, ich höre es jede Nacht schreien. Was ist das, Colonel?" Er sah mich nicht. "Es klingt manchmal, als würden Kinder gequält. In den Nächten liege ich wach, endlos wandere ich durch KA-City, doch die Schreie verfolgen mich in jeden Winkel."
Warum fragte ich einen kranken Alkohol- und Nikotinabhängigen? Hatte ich erhofft, eine Antwort auf die quälendste Frage zu erhalten, auf die Frage, die mich seit vielen Tagen und Nächten, ununterbrochen beschäftigte? - Nein. Ich durfte diese Antwort nicht erwarten. Und doch stellte ich die Frage. Dachte ich niemals daran, dass ich ihn umbringen könnte, indem ich eine solche Frage stellte?
Mehr und mehr ging es abwärts mit ihm. Er versank in einem stinkenden Sumpf, der ihn hinabzog, er begann zu rutschen, konnte sich nirgends mehr halten, tat mir unendlich leid, denn er stürzte in ein bodenloses Tal. Er war nur noch ansprechbar, wenn er seine schrecklichen Magenschmerzen mit alkoholischen Narkotika unterdrückt hatte, wenn seine Pupillen verschwommen aus den Augen traten, wenn er sich schwankend über den Flur wandte.
Mitunter hörte ich seine Stimme schreien. "John!", brüllte er lang und ausdauernd. "Johnny, wo bist du, Junge?" Er schrie auch in den Nächten nach mir, in meinen ohnehin schlaflosen Nächten. Dann krallten sich meine Finger in die viel zu weiche Matratze, ich begann zu schwitzen, in meinem Schweiß zu baden und wartete ewig darauf, dass er einmal zu mir kommen würde. Ich hatte Angst vor ihm und wartete doch.
Es ging so weit, dass General ihm verbot, das Zimmer zu verlassen, mitunter schloss er Colonel in dessen Zimmer ein, anfangs stundenlang, später für Tage.
Wenn er fertig war, dann schrie Colonel nicht mehr. Wenn ich vor seiner Tür stand und lauschte, so hörte ich sein Weinen, das endlose Wimmern eines zerbrochenen Mannes.
General unterließ es jedoch nicht, Colonel weiterhin mit Whiskey und Zigaretten zu versorgen. Mehr tat er nicht für diesen völlig zerbrochenen Mann, der einst mit uns umging, als wäre er unseresgleichen.
An jenem Tag hatte ich diesem Mann versprochen zu erscheinen. Mit kindlicher Stimme fragte er mich: "Du kommst auch ganz bestimmt zu mir, John?" Und er versuchte zu lächeln, mit seinen schwimmenden Augen.
Er lag in einem Sessel, eine halbgeleerte Whiskeyflasche vor sich auf dem Tisch. Seine Haut faltig, sein Gesicht verbraucht, ununterbrochen zitterten die alten Hände, er wagte es nicht, mich anzusehen, er stank, als hätte sein Körper wochenlang kein Wasser gesehen. Und doch war ich zu ihm gekommen. Warum nur?
Hinter ihm saß ich, in seinem Rücken, er hatte nicht die Kraft, sich umzudrehen. Deshalb redete ich in die Luft und hoffte, er würde meine Worte in sich aufnehmen und vielleicht verarbeiten, eine Antwort formen, um mir diese zu übermitteln. Doch ich hoffte umsonst.
Pausenlos rauchte er die Zigaretten, immer bis zum Filter. Die angeschmorten Kippen hielt er in der Hand und warf sie erst, wenn er eine neue Zigarette entzündet hatte, in einen nach Jauche stinkenden Eimer, in den er wohl irgendwann einmal uriniert haben musste. Längst weichte der Zigarettenmüll auf, bildete eine dunkelbraune Masse. Bald würde der Eimer voll sein.
Meine Frage hing in der Luft. - Plötzlich lachte er. Ein unergründliches Lachen, völlig sinnlos und entfremdet, das mich zerfetzen wollte. Während er so lachte und den Kopf merkwürdig hin und her schwenkte, griff er zur Flasche, nahm einen kräftigen Schluck. Seine langen Haare fielen nach hinten.
Als er die Flasche krachend auf den Tisch stellte, schrie er plötzlich, jedes Lachen, das zuvor aus seinem Gesicht quoll, unterdrückend: "Kleine Kinder weinen nun mal!" Er rutschte mit seinem Oberkörper nach vorn und sein bärtiges Gesicht lag auf der Tischplatte.
Meine Augen weiteten sich. "Kleine Kinder?", fragte ich. Seine Arme baumelten wie leblos zwischen den ausgestreckten Beinen. "Kleine Kinder?", fragte ich erneut. Meine Stimme hatte wieder jenen befehlenden, fordernden Ton angenommen.
Er schüttelte wie verrückt seinen Kopf. Wieder begann er zu wimmern. "Babys ...", brachte er hervor, riss seinen Mund dabei weit auf. Immer wieder. "Babys!"
"Colonel!", schrie ich jetzt. "Was sind das für Kinder?"
Er lallte nur, ohne etwas zu sagen.
Ich erhob mich, überwand mich, ging zu ihm, hockte mich neben ihn. "Was sind das für Kinder, Colonel?" Ich schrie, verlor den Überblick über meine eigenen Handlungen und die Beherrschung, schlug ihm mit der flachen Hand ein paar Mal ins Gesicht.
Doch für Colonel existierte ich nicht mehr, seine Augen widerspiegelten eine unerreichbare Leere. Nur sein Mund murmelte noch etwas, es dauerte lange, schier unendlich lange, bis ich die sich ständig wiederholenden Wörter aufnahm. Er führte ein Gespräch mit sich selbst.
"General?", fragte er immer wieder. "General?" Und er beantwortete die merkwürdige, unverständliche Frage stets mit der gleichen verwirrenden Aussage. "Das ist ein Amerikaner! Ein richtiger Amerikaner! Würdig, Amerikaner zu sein!"
Warum nur redete er sich ein, dass General ein Amerikaner sei? Wir wussten das alle. Warum beschäftigte ihn so etwas? Lag es an seiner alkoholischen Ohnmacht?
Ich verließ ihn ein letztes Mal.
Am folgenden Tag verschloss General das Zimmer für immer und ewig.

***

Einen Sack mit den verkohlten Resten unseres Colonels, vergruben wir im DEADLY SILENCE FOREST. Niemand vergoss für den von uns gegangenen Colonel eine Träne. Niemand.
Nur Jonny begann am Abend zu weinen, leise und nur für sich und Colonel, am Abend jenes Tages, an dem er zeitig zu Bett ging, vor einer Nacht, die ihn immer wieder vor das Abbild dieses armen Mannes stellte. Ja, ich träumte von ihm, von dem großen Auto, vor dem er stand, mit der Frau und den Kindern, mit den glücklichen Gesichtern einer verlorenen Vergangenheit.
Ein LKW, auf der Ladefläche, versteckt und unsichtbar, zehn junge Soldaten, gerade erst zu Private first class geschlagen, und mit ihnen ein unbekannter Colonel. Diese Worte: 'SIE BRAUCHEN NICHTS ZU BEFÜRCHTEN. GEWISSERMASSEN DENKT JETZT DIE WELT, WIR WÜRDEN NICHT MEHR LEBEN. WIR SIND EIN WEILCHEN UNTERWEGS!'
Und ewig dachte ich an die einzigen Worte, die General aus sich herauspresste, als wir zurückkehrten, ohne den Sack mit der verkohlten Leiche.
"Er musste aber auch immer im Bett rauchen." Und dann sein hässlich übertriebenes und unpassendes Lächeln.
Colonel hatte es überstanden. Seine Einsamkeit? Seine Vergangenheit? War er einer sinnlosen Zukunft entronnen? Fand er nun seine Familie wieder? War das sein Ziel gewesen?
Vielleicht war gerade er der Klügste von uns allen, vielleicht. Doch ändern konnte sein Fortgehen nichts, wenngleich ich den Grund seines Todes zu kennen glaubte. Seine Überflüssigkeit in einer unscheinbaren Gesellschaft der ständigen Auseinandersetzung. Colonel fand keinen Zusammenhalt seiner Vergangenheit und seiner klar absehbaren Zukunft. Er würde nicht der Letzte sein, der von uns gehen musste. Jedoch schnitt sich sein Fortgehen tief in mein Gehirn ein, hinterließ eine spürbar schmerzende Narbe in mir, die einen langen Heilungsweg bedurfte. Letztendlich begriff ich, die Lebenden waren zwar nicht glücklicher, aber klüger als die Toten. Der Tod letztendlich vermochte nichts zu heilen.