Er war ein amerikanischer Soldat. Er dachte bestimmt, dass er für immer bleiben würde. Unser Dorf war sehr klein, so winzig, dass es später von der Kreisstadt geschluckt wurde. Heute kennt kein Mensch mehr seinen Namen. Damals hieß es Walddorf. Wahrscheinlich deshalb, weil es einst von traumhaften Mischwäldern umgeben war, die später der Industrieverschmutzung zum Opfer fielen oder einfach abgeholzt wurden.
Die Befreier marschierten ungeordnet in unser Dorf, langsam und gemächlich. Das war kein Triumphzug. Ihre Waffen hielten sie geschultert und nicht im Anschlag. Und fast alle Bauern versuchten, sie gnädig zu stimmen. Der Führer war tot, der Krieg verloren, die halbe Welt zerstört, die Fronten im eigenen Land. Und nun nahm der Gegner es in Besitz. Es war bestimmt ein frühlingshafter, hoffnungsvoller Tag, wenngleich die Angst vor der ungewissen Zukunft und diesen fremden Soldaten jede Hoffnung trübte.
Henry war der Chef der vierköpfigen Einheit, die in Walddorf zurückgelassen wurde. Das Dorf bestand aus fünf Höfen und zwei weiteren Wohnhäusern. Die Überbleibsel unseres Hofes wurden von meiner Großmutter und ihrer neunzehnjährigen Tochter Hanni versorgt. Die Amerikaner zogen zu uns, weil da der meiste Platz war -, und das schönste Mädchen. Oma hatte vor dem Krieg einen Mann, drei Söhne und eine Tochter.
Den jüngeren, gerade achtzehnjährigen Bruder sah Hanni noch einmal, als man ihn ohne Beine nach Hause brachte. Das war zu Beginn des Krieges, irgendwo in Polen passiert. Er hatte dann nur noch vier Tage zu leben.
Später kamen zwei Feldpostbriefe von unbekannten Soldaten, aus unbekannten russischen Städten. Sie gelangten fast gleichzeitig bei meiner Oma an. Darin wurde bekanntgegeben, dass die beiden anderen Söhne im Feindesland gefallen seien. Für Führer und Vaterland, heldenhaft und stolz. Irgendwo in der Fremde verscharrt. Welch ehrenhaften Tod sie erleben durften.
Fast gleichzeitig mit den Amerikanern erreichte wieder ein Feldbrief aus Russland unser Dorf. Hanni war glücklich und ihre Mutter überglücklich, denn wenigstens Hannis Vater hatte den Krieg überlebt und befand sich in russischer Gefangenschaft. Bald würde er zurück in die Heimat nach Walddorf kommen, hieß es in diesem Brief. Hanni wusste damals nicht, dass es kein "bald" geben würde. Kein Brief, keine Nachricht, erst fünfzehn Jahre später wurde der Vater offiziell für tot erklärt. Viele Soldaten, die erst im Krieg verheizt wurden, starben später in russischer Gefangenschaft, an Hunger, an Durst oder an Rache.
Die neuen amerikanischen Besatzer führten sich recht ordentlich auf. Sie wollten versorgt werden und packten manchmal mit an.
Hanni war in der großen Scheune, holte frisches Stroh für die letzte verbliebene Milchkuh. Sie hat es mir selbst erzählt, denn ich sollte über meinen richtigen Vater alles wissen.
In der Scheune war es immer dunkel. Die verbliebenen Hühner flatterten hinaus. Der Soldat Henry folgte meiner Mutter und stand plötzlich ganz nah vor ihr. Seine Finger glitten durch ihr Haar, er zog sie an sich heran und küsste ihre Lippen.
"Sorry, Miss", soll er dann gesagt haben. Doch Hannis Augen strahlten. Sie schmiegte sich an den jungen Mann und beide ließen sich ins Stroh fallen. Das Pieksen und Stechen störte sie nicht.
Hanni verliebte sich unsterblich in diesen Amerikaner.
Eines Tages kam der in die Küche, als Hanni gerade die Teller wusch. Tränen standen in seinen Augen, als er das eine Wort sagte: "Bye."
Hanni wusste bereits, dass sie mich in sich trug. Sie lief an diesem Tag weit hinaus, auf der Suche nach Antworten auf ungestellte Fragen.
Doch nichts konnte sie finden. Hanni war allein mit mir. Nur der Himmel und die Sonne nahmen Notiz von dem blonden Mädchen. Sie weinte ihm sehr lange nach.
Dann kamen die Russen, nahmen die letzte Milchkuh, schlachteten die Hühner und verschwanden wieder.

Großer Hunger kam, meine Mutter hatte Angst, ich würde in ihrem Bauch nicht überleben.
Im Dezember '45 ging Hanni schließlich nach Leipzig. Sie hatte sich mit ihrer Mutter verstritten.
Hochschwanger und allein fand sie sich in der kaputten Reichsmessestadt wieder. Die war zerstört, voller Flüchtlinge, Krankheiten und Hungernder. Dazu die Willkür der Kriegsgewinner. An einem eiskalten Tag gebar sie mich, in einer Kellerwohnung eines Eckhauses mit ausgebranntem Dachgeschoss, in der sie von nun an bei einer älteren Dame lebte.
Sie nannte mich einfach Henry. Und immer sagte sie: "Schatz, du siehst aus, wie dein Vater. Genau wie dein Vater."
Ich war ein stilles Baby, solange ich etwas im Bauch hatte. Deshalb schrie ich meistens. Mama bildete mit der älteren Dame eine Zweckgemeinschaft. Tante Ilse passte auf mich auf, während Mama loszog, zu arbeiten, zu wirtschaften, zu tauschen, zu besorgen und zu organisieren.
Sie wurde gefragt, ob sie in der Baumwollspinnerei helfen wollte. Zerstörtes aufbauen, für die Zukunft. Steine klopfen, Steine sortieren, kaputte Steine wegschaffen. Männerarbeit. Doch viele Männer gab's nicht im Land. Sie waren in Gefangenschaft oder der Krieg hatte sie heimgeholt.
Mama arrangierte sich mit der Idee des Sozialismus, die von den Russen dem Osten zum Heiligtum erklärt wurde. Während Tante Ilse mir gerade das Laufen beibrachte, fuhr Mama häufig nach Westberlin zum Handeln. "Man muss diesen Sozialismus nehmen, wie er ist", sprach Mama zu Tante Ilse, die immer Angst um Mama hatte.
"Hanni, denk an den Kleenen!"
Dummerweise lernte Mama eines Tages Jürgen kennen, der angeblich der Vater meiner Schwester Renate war, die Mama irgendwann zur Welt brachte. Ob Mama Jürgen wirklich liebte, weiß ich bis heute nicht, immerhin haben sie nie geheiratet. Vielleicht fand sie es praktisch, dass noch ein Mann im Haus war. Trotzdem musste ich weiterhin die Kohlen aus dem Keller holen. Überhaupt ließ er mich so ziemlich alle Arbeiten erledigen, die Mama einfielen.
Jürgen war jünger als Mama und irgendwas Politisches. Sie nannten ihn Antifaschist und er kam gut mit den Russen klar.
Als ich neun war, nahm er mich mit und die Russen machten viele Späße mit mir. Sie ließen mich Wodka trinken und singen, bis ich nicht mehr konnte.
Ich stand auf einer Bank und sang bruchstückhaft die DDR-Hymne, meine Augen waren gläsern, ich schwankte mächtig und lachte bestimmt übertrieben laut. Ich schlief meinen Rausch auf der hölzernen Bank aus, von der ich herunterfiel und mir einen Arm brach, während die Russen und Jürgen über die Zukunft der Stadt diskutierten. Später verbot Mama, dass Jürgen mich wieder mit zu den Russen nehmen durfte. Mein Knochen begann zu heilen und mit dem Gips war ich der Held unserer Klasse.
Ich war es aber nicht mehr, als Jürgen berichtet wurde, dass ich behauptet hätte, die Russen haben mir den Arm gebrochen. Das stimmt nicht. Ich erzählte in der Schule, dass ich mir bei den Russen den Arm gebrochen habe. Alles andere entstand wahrscheinlich aus lausigen Übersetzungsfehlern.
Er griff mich am Abend auf dem Korridor und zog mir schrecklich am Ohr, obwohl ich noch unter dem Gipsarm litt. Ich versuchte mich zu wehren und schrie wie am Spieß.
Er versuchte mich zu übertönen: "Wie konntest du nur behaupten, unsere sowjetischen Freunde hätten dir den Arm gebrochen? Was habe ich dir zum Thema LÜGEN oft genug gesagt!" Dann drosch er auf meinen Kopf ein. "Du sollst nicht immer lügen! Die Sowjetarmee hat uns vom Hitlerfaschismus und Krieg befreit. Du musst den Sowjetsoldaten dankbar sein und darfst sie nicht beleidigen!"
"Aua!", brüllte ich, denn es tat wirklich sehr weh, was er mit mir veranstaltete. "Ich hab sie nicht beleidigt! Es ist doch passiert, weil ich in der Kaserne Schnaps trinken sollte. Und in der Schule haben sie gefragt, wie ich mir den Arm gebrochen habe. Ich hab nur gesagt, dass es bei den Russen passiert ist!"
"Widersprich nicht! Du hast gelogen und die Sowjetarmee beleidigt!", dröhnte er zurück.
"Ich habe aber nicht gelogen!"
Jürgen stieß mich in das Schlafzimmer. Er griff nach einem hölzernen Schuhlöffel, der an einem kleinen Schuhregal hing. Ich stand zitternd zwischen Holzschemel und Ehebett, als er sich näherte, gleich einem zähnefletschenden Hund.
"Hose runter und über den Schemel legen! - Na warte, du Lausebengel! Ich werde dich schon noch erzogen bekommen!"
Während ich stammelte: "Entschuldigung! Nicht hauen! Nein, bitte! Aua, du brichst mir ja meinen Arm noch mal!", zerrte er mir die Hosen runter und legte mich über den Hocker. Kurz darauf begann er meinen entblößten Po derart zu bearbeiten, dass ich die Schmerzen in meinem gebrochenen Arm nicht mehr spürte.
"Denke daran", rechtfertigte er sich, "es ist nur zu deinem Besten, dass dich endlich jemand zur Wahrheit erzieht! Lügner hatte unser Land in der Vergangenheit genug! Ändere endlich dein Verhalten!"

Es gab Erlebnisse, die werde ich zeitlebens nicht vergessen. Ein unvergessliches Ereignis war eine Schrottsammlung, als mein Arm wieder geheilt und die Striemen auf meinem Po zu Narben geworden waren.
In der Schule rief man im Hochsommer zu einer Schrottsammlung auf. Das Geld sollte in der Klassenkasse für die Faschingsfeier gesammelt werden. Also borgte ich mir von nebenan einen Leiterwagen mit riesigen Rädern aus, der vollständig aus Holz bestand. An zwei Holmen wurde er geschoben und über den Holmen gab es eine riesige Ladefläche, allerdings ohne sichernde Umrandung.
Ich gelangte zu einer der Hausruinen, von denen es durch den Krieg noch genügend gab, deren Tor vernagelt war, und versuchte eines der Bretter abzureißen, was mir nicht gelang.
Ein Mann in Arbeitssachen näherte sich und fragte: "Was machst du da, Junge?"
"Schrott sammeln ... Das ... das ist ein Pionierauftrag."
"So, so, Pionierauftrag", meinte er. "Was denkst du, warum das Tor vernagelt ist?"
"Weil das Schloss kaputt ist?", fragte ich.
"Verarschen kann ich mich allein. Weil da eine verdammte Bombe reingekracht ist und das Haus jetzt einstürzen könnte. Und damit keine kleinen Kinder drin rumkriechen und sich das Genick brechen, darum wurde der Eingang verbrettert und vernagelt!", erklärte er.
Nun musste ich ihm entgegnen: "Ich bin aber kein kleines Kind mehr. Ich bin fast zehn und außerdem Pionier. - Gerade deshalb muss ich ja den Schrott rausholen, bevor er für immer verloren ist, wenn das Haus einstürzt. Aus dem Schrott soll schließlich unsere Republik aufgebaut werden und wir Pioniere helfen dabei."
"So, so, eine Schrottrepublik also. - Da kannst du jedenfalls nicht rein." Er blickte mich grinsend an.
Ich tat so, als müsste ich weinen.
"Was ist los?", fragte er.
Ich hörte sofort mit weinen auf und sprach: "So wird das nie was mit der DDR. Und außerdem fliege ich wahrscheinlich aus den Pionieren. Ich habe doch mein großes Pionierehrenwort gegeben, heute Abend mindestens 100 Kilo Schrott abzugeben."
Der Arbeiter wurde etwas unsicher. Mit der DDR wollte er es sich scheinbar nicht verderben. "Die werden dich schon nicht gleich rausschmeißen. Die sind doch froh über jeden Pionier, den sie bekommen, die Roten."
"Da bin ich mir nicht so sicher." Ich wischte noch ein paar imaginäre Tränen weg. Dann griff ich nach den Holmen und sagte: "Na dann such ich mal weiter ..." Ich schlug noch einmal die Hände zusammen und begann den Leiterwagen vorwärts zu schieben.
Nach einigen Metern rief der Mann mir nach: "He, Junge, warte mal."
Ich bremste den Leiterwagen und drehte mich um. "Was denn?"
"Wirklich einhundert Kilogramm?"
"Mindestens hundert."
"Auf dem Leiterwagen?"
"Klar doch."
"Das schaffst du nie! Die kriegst du nicht damit beweg."
Ich knickte meinen Arm und zeigte ihm meine Muskeln. "Schaff ich doch."
Er grinste noch mehr und meinte: "Dann komm mit!"
Ich schob mit viel Getöse den Leiterwagen hinter ihm her. Da war es wieder, das Gefühl in mir, endlich etwas Heldenhaftes vollbringen zu dürfen! Ein "Das schaffst du nie!" gab es im Leben eines echten Helden nicht!
Ich folgte dem Arbeiter auf einen Betriebshof, auf dem unter anderem viel Schrott herumlag. Andere Männer standen auf dem Hof herum.
"He, Leute!", rief der Mann, der mich beim Schrottklauen erwischt hatte. "Helft doch mal diesem Pionier, dass er sein großes Pionierehrenwort erfüllen kann. Er will den alten Motor auf den Schrottplatz bringen."
Die meisten Arbeiter lachten laut. Einer nahm mir den Leiterwagen ab und schob ihn unter die Seilwinde. Dabei sagte er: "Mal sehen, wer zuerst zusammenbricht, du oder der Wagen."
Als ich die Seilwinde krächzen hörte, mit der sie den alten Motor vom Boden anhoben, wurde mir ein wenig anders. Sie ließen ihn ganz langsam auf den Leiterwagen herab. Der Leiterwagen knirschte erbärmlich.
Ich gab mir keine Blöße. "Und ich kann mich darauf verlassen, dass das einhundert Kilo sind?", fragte ich altklug.
"Zweihundertneun Kilogramm und vierhundertsiebzig Gramm. Wurde erst kürzlich gewogen", meinte einer der Arbeiter und entfernte das Seil. Ich klopfte mir wieder die Hände, spuckte hinein und rieb die Handflächen aneinander. Lächelnd sagte ich: "Danke. Dann bring ich das mal weg."
Die ganzen Arbeiter standen grinsend an einer Rampe. Ich ergriff die Holme des Leiterwagens. Er bewegte sich ein paar Zentimeter vorwärts, dann blieb ein Rad an einem Steinchen hängen.
"Was ist Junge, ist es dir schon zu schwer?", fragten sie.
Ich biss die Zähne zusammen, dass sie fast abgebrochen wären, und betete, die Räder würden nicht zerbrechen. "Nein, nein! Da hab ich schon viel schwerere Dinger fahren müssen."
Ich kickte mit der Fußspitze den Stein aus dem Weg, ergriff erneut die Holme und schob den Leiterwagen Stück für Stück vorwärts. Ich quälte mich dabei und schwitzte wie in der Hölle. Zwischendurch lächelte ich die Arbeiter an. Als ich mühsam den Leiterwagen auf die Straße schob, schüttelten die Arbeiter ihre Köpfe.
Einen aber hörte ich sagen: "Immerhin. Ich hätte nicht gedacht, dass die beiden das aushalten."
Stundenlang schob ich den Wagen über Kopfsteinpflasterstraßen, erntete viele mitleidvolle Blicke fremder Menschen. Das Hemd hatte ich ausgezogen und auf den Leiterwagen geworfen. Es dunkelte bereits, als ich in die letzte Straße einbog, an deren Ende der Schrotthändler seinen Hof betrieb.
Die Straße war etwas abschüssig. Unten machte sie einen rechtwinkligen Bogen. Und genau im Bogen war das Tor zum Schrotthändler. Ich hatte das Ziel vor Augen!
Plötzlich begann der Leiterwagen, von allein zu rollen. Am Anfang war ich froh darüber, doch er wurde immer schneller. Ich versuchte ihn an den Holmen zu halten und abzubremsen, was mir nicht gelang. Deshalb schrie ich: "Halt an, du dummes Ding!" Aber der Leiterwagen hörte nicht auf mich. Er wurde immer schneller und lauter. Ich ließ die Holme los, rannte neben dem rasenden Leiterwagen, überholte ihn und versuchte ihn zu stoppen. Doch er überfuhr mich glatt mit lautem Getöse und ich stürzte auf das Straßenpflaster, machte mich ganz lang auf dem Boden, als der Leiterwagen über mich hinweg ratterte, ohne dass ich von ihm berührt wurde. Ich drehte mich auf den Bauch und schaute dem Leiterwagen nach. Dann schloss ich die Augen.
Der Leiterwagen zerbarst an einem Holztor, an dem ein Schild mit der Aufschrift hing:
"Balduin Hermanns Schrott-Handel"
Der Motor rutschte weiter, durchbrach das Tor mit lautem Krachen und blieb mitten auf dem Hof liegen. Stille kehrte ein, bis ich schrie: "Oh Scheiße, verdammte! So ein Mist!"
Ich rappelte mich auf und rannte humpelnd die Straße hinunter, auf den Hof des Schrotthändlers. Der alte Hermann, ein Mann in schmutziger Arbeitskleidung, trat auf den Hof und schüttelte den Kopf. In diesem Moment stand ich völlig außer Atem vor ihm. Ich bückte mich und klaubte die Fetzen meines Hemdes zusammen.
"Kannst du das Tor nicht aufmachen, bevor du reinkommst, Lümmel?", schimpfte der alte Hermann.
"Tut mir leid, Herr Hermann, tut mir wirklich leid", rechtfertigte ich mich. "Das sind immerhin zweihundertneun Kilogramm und vierhundertsiebzig Gramm Schrott. Und die waren plötzlich schneller hier als ich, als hätte ihr Schrottplatz den Motor magisch angezogen. Verstehen Sie? Die Bremse vom Leiterwagen hat versagt."
Er betrachtet ausgiebig den Motor. "Der Leiterwagen hat keene Bremse. Und nie und nimmer sind das vier Zentner. Die schafft ein Derrer wie du nicht, mit dem Leiterwagen zu bewegen."
Ich streckte mich stolz. "Doch, Herr Hermann, das Ding wurde noch mal gewogen, als ich es übernahm. Und so derre bin ich auch nicht. Schau'n Sie mal meine Muskeln an!" Ich winkelte wieder meinen Arm an und zeigte den kleinen Oberarmmuskel. Dabei sah ich, dass der Ellenbogen ohne Haut und dafür voller Blut war. "Wie viel gibt's denn dafür?"
Der alte Hermann betrachtete zum wiederholten Male den Motor und kratzte sich am Kopf. "Zwanzig", sagte er schließlich.
Meine Augen weiteten sich. "Zwanzig Mark? Wirklich?"
Er nahm Geld aus der Tasche und reichte mir einen Zehnmarkschein. Ich nahm den Schein und betrachtete ihn. "Das sind aber nur zehn", stellte ich fest.
"Glaubst du Dreikäsehoch, das Tor repariert sich von allein? Nimm die zehn Mark, bevor ich es mir anders überlege!" Er schien es ernst zu meinen und wendete sich ab. Ich blickte ihm einige Sekunden lang nach.
Er rief noch: "Und nimm deinen Leiterwagen mit!"
Heldenhaft verließ ich das Schrottschlachtfeld, in jeder Hand ein bisschen was von den Leiterwagenrädern. Dem Nachbarn musste ich einen neuen Leiterwagen besorgen. Einen solchen erstand ich für acht Mark. Summa summarum blieben mir zwei Mark Schrottgeld. Eine Mark gab ich am nächsten Tag in unsere Pionierkasse. Damit lag ich im Mittelfeld der Beiträge.
Mama machte mit Tränen in den Augen aus meinem Hemd Putzlappen und sagte, dass sie bald nicht mehr wüsste, was sie mir anziehen sollte. Erstens würde ich viel zu schnell wachsen und zweitens mach ich ja alles kaputt, was mir halbwegs passt. Irgendwie tat sie mir leid. Darum gab ich ihr wehmütig die letzte Mark.
Keiner meiner Freunde glaubte mir, dass ich zweihundertneun Kilogramm und vierhundertsiebzig Gramm Schrott - ganz allein, fünf Stunden lang - durch die Stadt geschoben habe.
Ein Held zu werden, musste ich wieder einmal feststellen, erwies sich als ein nicht gerade einfach zu bewerkstelligendes Vorhaben. Mama hatte es in dieser Hinsicht einfacher. Immerhin war sie eine Brigadierin und war damit viel näher am Heldentum. Auch wenn sie nur Held der Arbeiterklasse wurde.
Eines Tages kam sie nach Hause und holte ein Abzeichen aus der Handtasche. Sie lächelte mich an und sagte: "Schau mal, was sie mir verliehen haben - meinen ersten Ordnen! Henry, jetzt kannste stolz auf deine Mama sein!"
Da es kurz nach der Schrottsammlung geschah, dachte ich in anderen Werten: "Du bist stolz, wegen dem bisschen Blech, Mama?"
Sie fuhr mir durch die Haare. "Nee, Henry, nicht wegen des Bleches, sondern wegen der Prämie. Man muss den Kommunismus nehmen, wie er ist, dann zahlt es sich auch aus, verstehst du?"
"Du meinst: Man muss sich nehmen was man will?", verbesserte ich ihren Satz.
"Nein, nein, versteh mich bitte nicht falsch, Henry. Ich wollte damit sagen, dass man etwas für den Kommunismus tun muss, dann erhält man auch seinen Lohn."
"Und was meinst du, Mama, was sollte ich für den Kommunismus tun müssen können?"
"Du könntest hin und wieder auf das hören, was dein Vater sagt."
"Du meinst auf das, was Jürgen sagt?"
"Jürgen ist dein Vater. Er meint es außerdem nur gut mit dir und deiner Zukunft."
"Mami, wenn Jürgen es weiterhin so gut mit mir meint, dann werde ich in meiner Zukunft ein Krüppel sein", gab ich ihr zu verstehen.
Doch sie sagte nur: "So schlimm, wie du immer sagst, ist er doch nicht ..."
Ich schaute meine Mutter ein Weilchen lang schweigend an. Erwachsene denken nicht immer das Richtige. Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von uns Kindern. Und es war sehr, sehr schwer für einen Jungen wie mich, die Erwachsenen zum Freund zu haben. - Mit Kindern war das einfacher. Zum Beispiel Hans: Hans und Peter waren meine besten Freunde. Meistens wussten sie schon vorher, was ich denken würde, so gut verstanden wir uns.
Damals spielten wir ein Spiel, das nannte sich Pimpern. Man musste mit Pfennigen so nah wie möglich an eine Linie oder Kante werfen. Wer am nächsten und nicht drüber raus war, der durfte als erstes Pimpern. Beim Pimpern konnte man alles Geld, das auf dem Boden lag in einer Reihe auf die Handfläche legen, dann kurz nach oben werfen, mit dem Handrücken auffangen, wieder nach oben werfen und mit der Hand zuschnappen. Das, was man fing, durfte man behalten. Mit den Pfennigen, die runterfielen, durfte der nächstbeste Spieler pimpern.
Logisches Ergebnis der Pimpersucht war, dass Pfennige hochbegehrt und immer knapp waren, denn wer keine hatte, der durfte beim Pimpern nur zusehen. Also ließen wir uns ständig neue Wetten einfallen, um den anderen die Pfennige aus dem Kreuz zu leiern.
Wir standen nach der Schule auf dem Hof und überlegten, wie wir den Rest des Tages verbringen würden.
"Willste schon nach Hause, Stolle?", fragte Hans.
"Eigentlich will ich nicht. Jürgen ist da. - Ich wette, der knallt mir wieder den Tag voll dumme Aufgaben. Was willste denn machen?"
"Haste Lust 'ne Runde zu pimpern?", schlug er vor.
"Haste denn überhaupt Pfenge?"
Hans griff in die Hosentasche und hielt mir eine knappe Hand voller Pfennige hin. Ein wahrer Schatz!
"Mein Gott sind das ville!" Einen Teil davon musste ich ihm dringend abnehmen!
Hans grinste. "Hab 'ne Wette gewonnen!"
"Mann, sinn das ville!", wiederholte ich. "Ich hab nur fünf. - Hinterm Denkmal?"
"Klar, da ist der Dreck schön glatt."
Wir gingen quer über den Schulhof, wo zwischen zwei alten Kastanien das Stalin-Denkmal stand. Auf einer schulterhohen, weißen Mauer ruhte auf einer Platte eine Stalinbüste aus Keramik. Wir ließen die Ranzen in den Dreck fallen. Ich fegte mit den Händen das Laub am Fuße der Mauer weg.
Eines Tages bekam unsere Schule bei einem feierlichen, nervenraubenden, unendlichen Appell den Namen Josef-Wissarionowitsch-Stalin-Volksschule verliehen. Kein Mensch konnte das aussprechen! Und anstatt das Turnhallendach zu reparieren, wo es ständig reinschiffte, bauten sie Stalin auf dem Schulhof ein Denkmal, als der sich für immer verabschiedet hatte. Einen Vorteil hatte das Denkmal: Der glatte Sockel mit der Wand drauf, auf der die Büste stand, war zum Pimpern bestens geeignet.
"Okay, Hans! Dreimal werfen, wie immer!" Ich versuchte mich, bereits zu konzentrieren.
Hans zog mit der Hacke eine Linie. Ich betrachtete diese Linie kritisch.
"Nee, die ist viel zu nah!"
Ich stellte mich ans Denkmal und machte fünf große Schritte. Dabei zählte ich laut mit. Dann zog ich eine neue Linie und verwischte die von Hans.
"Die ist korrekt. Zahl fängt an."
Hans nickte und warf einen Pfennig in die Luft, fing ihn auf und hielt mir die flache Hand hin.
Ich blickte auf den Pfennig. "Zahl. Du darfst anfangen. Dreimal werfen!"
Nun wurde es ernst. Hans stellte sich an die Linie und warf den ersten Pfennig, der weit vor der Sockelmauer liegenblieb.
"Die Sonne hat geblendet", sagte Hans. Die Sonne war aber hinter uns. Und durch die Kastanien standen wir eh im Schatten.
Ich zielte lange, kniff ein Auge zu und warf. Mein Pfennig lag etwas näher an der Wand. Hans war wieder dran und kam nah an die Wand. Ich wurde unruhig, nahm mir beim Zielen viel Zeit. Mein Pfennig rollte direkt an der Zielkante. Ich hüpfte aufgeregt herum.
"Den schaffst du nicht!"
Wir warfen die letzten Pfennige, dann rannten wir beide vor. Ich sammelte die sechs Pfennige ein und stapelte sie übereinander. Dann legte ich sie in die Mitte meiner rechten Handfläche in eine Reihe. Der Rest ging ziemlich schnell. Man musste die Pfennige geschickt hochwerfen, kickte sie mit dem Handrücken an und schnappte dann mit der Hand zu.
"Ich hab sie alle!", rief ich. "Ich hab alle gewonnen! - Machen wir noch eins?" Jetzt besaß ich acht Pfennige.
"Klar doch! Noch mal hast du bestimmt nicht so viel Mehl", sagte er.
An dieser Stelle musste ich etwas richtig stellen: "Das ist kein Mehl, Hans, das ist Kunst, die man erlernen muss. Und dazu gehört verdammt viel Training. Du musst, statt strebsam deine Hausaufgaben zu machen, auch mal Pimpern üben. Glaub mir, dann wirst sogar du besser."
Wir liefen wieder zur Wurflinie.
"Und von wem willst du dann die Hausaufgaben abschreiben?", fragte er. - "Du musst anfangen!"
Ein größerer Junge näherte sich. Er hatte uns bereits seit einiger Zeit beobachtet.
"Was ist, kann ich noch einsteigen?", wollte er wissen.
Wir betrachteten den Jungen argwöhnisch.
"Wir haben schon zweimal. Später vielleicht", meinte ich.
"Ihr habt wohl Angst vor mir?", wollte er wissen.
"Angst?", fragte ich zurück. "Das Wort kennen wir nicht. Was bedeutet das?"
"Ich mach aber nur Zehner-Würfe mit, alles andre ist Kinderkram."
"Gut. - Dann fangen wir noch mal von vorn an. - Hans, borg mir mal zwei Pfenge." Hans reichte mir zwei Pfennige. Ich fühlte große Chancen, denn so geschickt sah der Dicke nicht aus.
"Hans fängt an", sprach ich.
"Ich werf' als letzter", meinte der Dicke.
Wir warfen jeder neun Pfennige nacheinander. Dann gingen wir zu Stalin und betrachteten ausgiebig das Trefferbild. Mein bester Pfennig und der beste von dem Dicken lagen gleichauf und ziemlich nah an der Mauer. Ein bisschen hatte ich ihn unterschätzt.
"Jetzt gilt's!", sagte ich und atmete tief durch.
Hans stellte sich an die Linie und warf erneut überhastet. Sein Pfennig blieb hinter den anderen zurück. Ich ging an die Wurflinie, lockerte noch einmal die Hand, legte den Pfennig in die Handfläche, kniff ein Auge zu und zielte sehr lange. Mein Pfennig landete genau an der kleinen Kante und blieb fast für hochkant stehen! Ein Jahrhundertwurf! - Ich riss die Augen auf und tanzte jubelnd. Der große Junge aber ging vor, nahm einfach meinen Pfennig aus dem Spiel und warf ihn hinter die anderen.
"Solche gelten nicht", legte er fest.
Zorn stieg in mir auf. "Spinnst du? - Das sind die allerbesten! Für solche trainiere ich immer!"
Der große Junge näherte sich und ergriff mein Kinn. "Bist du taub oder was? Solche gelten nicht!"
Ich schrie: "Lass mich bloß los, du Betrüger! Natürlich gelten solche!"
"Ach, der Kleene will Ärger? Den kann er gerne haben."
Er warf mich einfach in den Dreck. Wutentbrannt rappelte ich mich hoch und lief auf den großen Jungen zu. Der holte mit der Faust aus und schlug mir ins linke Auge. Ich taumelt, fing mich wieder und rannte erneut wie ein Stier auf den großen Jungen zu. Durch die Wucht des Aufpralls taumelte er rückwärts und knallte mit dem Rücken gegen die Stalinbüste, die vom Sockel fiel und auf dem Beton zerbarst. Wir standen regungslos da, wie Schneemänner, die auf den Frühling warteten.
Gerade als Hans "Ach du liebe Scheiße ...", sagte, tauchte eine vierte Person zwischen uns auf und zog bereits eines meiner ohnehin abstehenden Ohren, zwischen seinen Fingern eingeklemmt, zum Himmel. - Unser Herr Direktor!

Am Abend lag ich über dem Schemel im Schlafzimmer meiner Eltern und brüllte wie am Spieß. Jürgen schlug mit dem Holzschuhlöffel wie wild auf mich ein, so dass mir fast die Sinne vergingen.
Er brüllte, um mich zu übertönen: "Ich dachte erst, das blaue Auge wäre der Höhepunkt deiner Schandtaten, aber dass du den Genossen Stalin zerstört hast, das ist das Schlimmste, was du mir und deiner Schule antun kannst!"
Ich flehte: "Dir habe ich doch nichts getan! Bitte hör auf!"
Doch seine Schläge wurden nur noch heftiger und manchmal traf er auch meinen Rücken. "Du hast die Ehre deiner Familie verletzt! Dieses Land ermöglicht dir eine Schulbildung und du trittst es mit Füßen! Ich schäme mich, dass du zu unserer Familie gehörst!"
"Ich kann nichts dafür! Die haben den Stalin nicht richtig festgeschraubt. Ich war das nicht! Und das blaue Auge hab ich mir nicht selbst gehauen!"
Ich hing regungslos über dem Schemel und heulte wie ein Schlosshund. Auch noch, als er längst den Raum verlassen hatte.
Erst später folgte ich ihm, er stand noch auf dem Flur und atmete hektisch, während ich humpelte und weinte und die Hose festhielt. Das blaue Auge, das mir der Dicke verpasst hatte, war die bedeutungsloseste Wunde an meinem Körper.
Ganz plötzlich - als hätte ich noch nicht genug - hielt er mich wieder an einem Ohr fest. "Warum nur begreifst du nichts von dem, was ich dir sage?"
"Ich kann doch nichts dafür! Der andere Junge war schuld daran." Meine Stimme war voller Hass.
"Vor Stalin hast du Achtung zu haben! Wenigstens vor ihm! Er hat die glorreiche Sowjetarmee zum Sieg über Hitler geführt. Ohne Stalin wären wir jetzt alle tot! - Auch du!"
"Es tut mir ja Leid um den Genossen Stalin, aber ich kann doch wirklich nichts dafür ...", erklärte ich zum wiederholten Male.
Noch immer ließ er mich nicht los. "Du führst dich auf wie die Konterrevolutionären! Du schädigst unseren jungen Staat und jetzt heulst du wie die faschistischen Verbrecher vor dem Volkstribunal: Es tut mir leid. Es tut mir ja so leid! - Du bist fast zehn, du musst beginnen, dein Gehirn zu benutzen!"
"Es kommt nie wieder vor."
"Wie bitte?", fragte er.
"Es kommt nie wieder vor! Ich werde mich bessern!" Er sollte mich nur gehenlassen!
"Das würde mich sehr wundern." Endlich ließ er mein Ohr los. Ich lief in meine Kammer und warf mich auf das Bett. Solche Schmerzen hatte ich bis dahin noch nie aushalten müssen. Es war, als hätte mich jemand ins offene Feuer gesetzt.
Kurz darauf musste ich zum Abendessen in die Küche kommen. Mutter, Jürgen und meine kleine Schwester Renate saßen schon da. Ich stand die ganze Zeit am Tisch, ich zitterte und trank nur etwas Tee, während mir Tränen über die Wangen liefen.
"Warum setzt du dich nicht, Henry?", fragte Mama.
"Ich will mich nicht setzen", antwortete ich, und tat es nicht, weil die Schmerzen es nicht zuließen.
Jürgen sagte kauend, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen: "Sie wollen mich zum FDJ-Sekretär des Bezirkes machen."
Mama schmiegte sich an Jürgen und lächelte. "Da freu ich mich aber für dich!"
Ich stand die ganze Zeit und schluchzte immer wieder. Mama schaute hin und wieder zu mir. Und ich spürte, dass Blut an meinen Beinen hinunterlief.

Ein paar Jahre später machten die Kommunisten alle Stalindenkmäler kaputt und die Stalinschulen wurden wieder umbenannt. Welch Ironie des Schicksals, dass ich der Geschichte ein bisschen vorweg gegriffen hatte und dafür auch noch bestraft wurde.
Bis zu jenem Tag, an dem ich mir das blaue Auge und anschließend die fürchterlich aufplatzenden Striemen auf meinem Po einfing, konnte ich Jürgen lediglich nicht besonders gut leiden. Von da an aber hasste ich ihn von ganzem Herzen.
Ich habe Mama später erzählt, dass ich drei Tage auch in der Schule nicht sitzen konnte, und habe ihr die aufgeplatzte Haut auf meinem Po gezeigt. Aber sie sagte nur: Einer muss dich ja erziehen. Sie jedenfalls hätte zum Erziehen keine Zeit, sie müsse sich ständig um Renate und um ihre Arbeit kümmern.
In der Schule lernte ich, dass die Amerikaner böse Kapitalisten wie die Westdeutschen und damit unsere Feinde waren. Allmählich begriff ich, dass Jürgen wusste, wessen Kind ich wirklich war. Wie sehr Jürgen die Amerikaner hasste, bekam ich oft genug zu spüren. In meiner Pioniergruppe dagegen machte es keinem etwas aus, dass ich ein halber Klassenfeind war. Die wählten mich sogar zum Schriftführer.

Eines Tages kam Jürgen - im Gesicht blutend und mit einem blauen Auge - nach Hause in unsere neue Wohnung im Leipziger Norden. Er schimpfte auf die Idioten, die keine Ahnung hätten und auf die Kapitalistenschweine.
Von der Straße her hörte ich Krach und ich traf Jürgen und sein blaues Auge auf dem Flur.
"Diese Kapitalistenschweine!", fluchte er. "Wollen alles zerstören! Keine Ahnung haben die, was sie unserem Volk damit antun!"
Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen. "Ist das ein blaues Auge, das ich da sehe?"
"Machst du dich lustig über mich?"
"Nein bestimmt nicht! Ich mach mich nicht lustig. Ich weiß, wie blöd das ist, wenn man mit einem blauen Auge rumrennen muss. Vor allem, wenn man dafür noch vertrimmt wird."
Im gleichen Augenblick schlug mir Jürgen derb ins Gesicht, dass ich stürzte und mit dem Kopf gegen die Wand krachte.
"Als ich ein blaues Auge hatte, hast du mich dafür geschlagen! Ich hasse dich!", schrie ich.
"Du weißt genau, dass ich dich nicht wegen des blauen Auges erzogen habe!"
"Ja! Erzogen!" Ich ging in Deckung. "Auf deine Erziehung kann ich gern verzichten!" Ich kroch zur Wohnungstür, erhob mich, schlich hinaus und setzte mich im Treppenhaus auf die Stufen.
Später erfuhr ich, dass man Jürgens FDJ-Zentrale in der Innenstadt angegriffen hatte. Er sperrte mich drei Tage in meinem Zimmer ein. Ich saß oft am Fenster und hörte dem Lärm auf der Straße zu.
Mama hielt sich während dieser Zeit in Berlin versteckt, wo sie eigentlich noch mal in die Schule ging.
Die Unruhen wurden unterdrückt, unsere sowjetischen Freunde halfen der neuen Regierung dabei. Mein Stiefvater erholte sich erstaunlich schnell. Und für das blaue Auge am 17. Juni bekam er einen Orden und eine deftige Prämie, während meine Prämien immer nur aus Dresche bestanden. Mama hatte kaum noch Zeit für mich und Jürgen und das, was zwischen uns geschah. Sie musste nun häufig nach Ostberlin, nicht um Zeug zu tauschen, sondern um von der Partei zu lernen.

Im Sommer des gleichen Jahres - daran kann ich mich sehr gut erinnern - wurde ich ein paar Wochen nach Walddorf geschickt. Ich genoss das Dorfleben und schlief mit Freunden auf dem Heuboden einer Scheune. Oma lebte damals schon nicht mehr. Der Sozialismus hatte dafür Wilhelms Eltern Omas Hof geschenkt. Das fand ich gut so, denn Wilhelm war sehr in Ordnung und ich durfte manchmal in den Ferien bei ihm wohnen. Wilhelm mit den vielen Sommersprossen, der einen Fußball besaß, den nicht die Kommunisten gemacht hatten. Und er war stolz auf den Ball. Es gab einen kleinen Platz zwischen den Höfen, da spielten wir Fußball.
Einmal flog der Ball in das Entengehege von Bauer Großmann. Das war ein dicker, immerzu schlechtgelaunter Mann, um den wir stets einen großen Bogen machten. Er war so gemein, dass ihn selbst seine Bäuerin verlassen hatte.
Großmann hielt den Ball in den Händen und fluchte: "Ich hab euch Lümmeln tausendmal gesagt, hier wird nicht gebolzt! Ganz verrückt macht ihr meine Entlein! Jetzt ist Schluss damit!" Und er nahm ein spitzes Messer, mit dem er sonst den Enten den Kopf abschnitt, schlitzte Wilhelms Ball zur Hälfte auf und warf ihn zu uns zurück.
Ich sehe es genau vor mir. Wilhelm ging ganz langsam auf die Reste seines Fußballs zu, klaubte sie auf und hielt sie wie eine Reliquie vor sich hin. Dann schossen ihm Tränen in die Augen. Die liefen über schmutzige Wangen bis hinunter zum Kinn.
"Das wird er büßen!", flüsterte Wilhelm mit zitternden Händen. "Es wird ihm so was von leidtun, dass er das gemacht hat!"
Wir verkrochen uns auf der Scheune und schmiedeten Rachepläne. Zuerst wollte Wilhelm den ganzen Hof von Großmann abbrennen. Doch wir anderen Jungs konnten ihn davon gerade noch abhalten. Dann kam mir eine geniale Idee, mit der sich Wilhelm anzufreunden begann.
Am Sonntagvormittag trafen wir uns erneut in der Scheune. Wir hatten alles besorgt, was wir brauchten. Dachpappennägel, einen Sack und einen Hammer.
Als wir beobachtet hatten, dass Bauer Großmann dem sonntäglichen Frühschoppen frönte und dazu mit dem Fahrrad ins Nachbardorf fuhr, schlichen wir uns auf den verhassten Hof. Der Schäferhund, der an einer langen Kette lag, kannte uns gut und schaute nur müde zu.
Großmann hatte einen mächtigen Taubenschlag in der Mitte seines Hofes stehen, bestimmt zehn Meter hoch. Wir nahmen die lange Hühnerleiter, die hinter dem Haus hing, und stellten sie an den Taubenschlag. Wilhelm und ein anderer Junge kletterten hinauf auf das Dach des Taubenschlages und beide warteten in luftiger Höhe. Wilhelm hielt Hammer und Nägel bereit.
Ich hatte die Aufgabe, Enten zu fangen und in den Sack zu stecken. Unser vierter Kumpan brachte den zappelnden Sack hinauf zum Taubenschlag und musste aufpassen, nicht von der wackligen Leiter zu stürzen. Oben wurde der Sack in Empfang genommen, die Ente von einem Jungen festgehalten, während Wilhelm ihre Flossen mit den Dachpappennägeln am Rand des Taubenschlagdaches festnagelte.
Wir trieben dieses Spiel so lange, bis alle Großmannschen Enten ihren Platz in luftiger Höhe gefunden hatten. Sie machten nicht einmal viel Lärm dabei. Es tat ihnen auch nicht weh, ich glaube sie spürten die Nägel in den Flossen nicht.
Alle kletterten nach unten. Die Leiter brachten wir wieder an ihren Platz, dann versteckten wir uns in der Scheune und warteten.
Es war ein ergötzender Anblick! Fast zwanzig Enten harrten auf dem Taubenschlag aus, zappelten nur hin und wieder mit den Flügeln. Lediglich die Tauben flogen aufgebracht umher.
Dann wurden wir zum Essen gerufen. Wir waren sehr unruhig und beeilten uns, um gleich wieder auf die Scheune zu klettern.
Endlich kam Bauer Großmann in Schlängellinien - das Fahrrad neben sich herschiebend - ziemlich besoffen von seinem Frühschoppen zurück.
Wie er es bei gutem Wetter immer tat, schaffte er es gerade noch zur Bank vor seinem Stall und setzte sich darauf, um bald umzufallen und zu schlafen.
Nach einer guten Stunde wachte der Bauer auf und unsere Spannung stieg. Er lief zum Misthaufen und pinkelte. Von dort konnte er die Enten auf dem Taubenschlag nicht sehen. Jetzt schien er die Stille im Entengehege zu bemerken, er lief hin und hielt sich am Zaun fest. So stand er ein geraumes Weilchen. Ein paarmal schüttelte er seinen Kopf, dann schaute er sich um. Jetzt dachte sich sein Hund, er müsste die Enten mal anbellen. Kurz darauf gab eine der Enten auf dem Taubenschlag ein schnatterndes Geräusch von sich.
Ganz langsam hob sich Großmanns Kopf, bis er die Dinge begriff. Wie nur waren seine Enten da hinaufgeflogen? Die konnten unmöglich fliegen!
Der Bauer begann damit, die Enten zu locken. Die hätten bestimmt Appetit auf das frische Grünzeug gehabt, das er schwankend in die Höhe hielt, aber sie konnten sich nicht bewegen.
Im Laufe des Nachmittags holte Bauer Großmann Hilfe herbei. Natürlich mussten alle schrecklich lachen, als sie die Enten auf dem Taubenschlag erblickten. Der Bauer wurde einige Zeit zum Gespött der Leute.
Ob unsere tolle Aktion für meinen Freund Wilhelm schlimme Folgen hatte, kann ich nicht sagen, denn kurz darauf gingen die Ferien und damit mein Dorfleben leider wieder zu Ende.
Jedenfalls empfanden wir den Rachedurst als gestillt, wenngleich die armen Enten dafür herhalten mussten.
Ich liebte das Dorfleben. Doch ich hatte auch in der Stadt einige Freunde, so dass es mir nie schwerfiel, nach Hause zurückzukehren. In Leipzig bemerkte jedoch nur meine Mutter, dass ich wieder daheim war.

Alle Erlebnisse mit meinem besten Freund Hans wiederzugeben, würde eine Ewigkeit dauern. Doch diese Geschichte will ich unbedingt erzählen, denn unser Leben stand damals auf des Messers Schneide und viel hat nicht gefehlt, dass ... - Na ja.
Es war einer von diesen sonnigen, glühendheißen Sommertagen. Hans kam auf einem alten Damenfahrrad zwischen Büschen hindurch angefahren. Ich saß auf dem Gepäckträger und klammerte mich an ihm fest. Die Wege waren staubig und unser Ziel war der Kanal, hinter Schkeuditz. Da gab es eine Stelle, an der man ungestört baden konnte. In der Nähe führte eine Eisenbahnbrücke über den Kanal.
Hans rief: "Eigentlich hab ich Stubenarrest. Wenn meine Mutter wüsste, dass wir zum Baden fahren, könnte ich mich frisch machen. Aber deine Idee mit der Gruppenratsitzung war nicht schlecht."
"Ich glaube, deine Mutter hat es mir geglaubt, als ich dich abgeholt habe", antwortete ich.
Hans stoppte das Fahrrad, ich sprang ab und er schob es den Damm hinauf. Hinter einem Gebüsch ließ er das Rad fallen. "Nach dem Baden muss ich mich wieder dreckig machen. Sonst merkt sie's."
Wir zogen uns nackt aus und rannten zum Wasser. Schreiend stürzten wir uns in die kühlen Fluten und schwammen nebeneinander.
Hans schaute zu der Eisenbahnbrücke hinauf. Er spuckte Wasser aus dem Mund und sprach: "Ich wette, dass du dich nicht traust, von da oben runter zu springen."
Ich blickte ebenfalls hinauf. "Das sind bestimmt zwanzig Meter."
"Was ist, traust du dich?"
"Weiß nicht."
Hans schwamm zum Ufer und rief: "Los, komm schon, Angsthase!"
Was blieb mir übrig, um nicht als Angsthase hingestellt zu werden? Kurz darauf standen wir nebeneinander zitternd auf der Eisenbahnbrücke. Mir war kotz-übel! Vor mir der Abgrund, unten das Wasser und hinter mir das Geländer, an dem ich mich festklammerte.
"Ich habe Angst! Das ist mir zu hoch", flüsterte ich.
Aber Hans kannte keine Höhenangst. "Wenn du nicht springst, schuldest du mir fünfzig Pfennige."
"Fünfzig Pfennige? Bist du verrückt? Das ist ziemlich viel Geld. Aber ich springe da bestimmt nicht runter. Ich glaube, ich rühre mich hier gar nicht mehr weg."
Hans hörte gar nicht auf das, was ich sagte. "Da 'nen Köpper runter machen, das wäre genial. Man fliegt bestimmt ein ganzes Weilchen, bis man unten ist."
"Hör auf, Hans, du bist total verrückt!"
"Ich spring jetzt!", rief er lachend. "Auch wenn ich verrückt bin."
Ich flehte ihn an: "Mach das lieber nicht!"
Hans ließ das Geländer los. Schreiend: "Die Wette gilt!", stürzte er sich kopfüber hinunter. Ich sah, dass er mit Kopf und Rücken auf der Wasseroberfläche aufschlug. Kurz darauf floss das Wasser wieder ruhig dahin. Ich stand oben und schaute erschrocken hinunter. Hans tauchte nicht wieder auf!
"Hans? - Hans, mach keine Scheiße! Hans! - Mein Gott, Hans! Wo bist du? - Bitte tauch auf! - Verdammter Mist, Hans!", schrie ich völlig verzweifelt. Zudem näherte sich mit viel Krach auch noch ein Güterzug der Brücke.
Ich fasste einen Entschluss, den ich nie bereute: Ich ließ das Geländer los und fiel brüllend hinunter. Die Wasseroberfläche näherte sich mit rasanter Geschwindigkeit, ich streckte mich und tauchte mit den Fußspitzen in das Wasser. Etwas schlug mir zwischen die Beine, doch das schmerzhafte Gefühl beachtete ich nicht. Ich riss unter Wasser sofort die Augen auf und suchte tauchend in alle Richtungen. Eine gewaltige Kraft drückte mich an die Oberfläche. Ich tauchte kurz auf, holte tief Luft und schwamm mit kräftigen Zügen hinunter in die dunkle Tiefe. Unter Wasser suchte ich hektisch nach Hans. Plötzlich entdeckte ich ihn besinnungslos zwischen Algen schweben! Ich arbeitete mich zu ihm, umklammerte seinen Oberkörper und zog ihn hinauf zur Oberfläche. Dort schwamm ich auf dem Rücken und zog meinen Freund mit, bis ich nach schwerem Kampf das Ufer erreichte. Ich zog Hans aus dem Wasser und legte ihn am Ufer ab, dann fiel ich neben ihm in den Kies und atmete hektisch.
"So eine verdammte Scheiße, Hans! Wie kannst du mir das bloß antun?", fragte ich, obwohl Hans mich nicht hören konnte.
Ich kniete mich neben ihn, hob seinen Kopf etwas an und drückte seinen Oberkörper weit nach vorn. Er rührte sich nicht. Ich begann zu weinen.
"Hans, das kannst du nicht machen! - Verdammt noch mal, Hans, sag doch was!"
Ich beugte mich über ihn, holte tief Luft und versuchte die Luft in Hans' Mund zu pressen. Die Mund-zu-Mund-Beatmung dauerte ein paar Minuten. Dann kniete ich mich auf ihn und schlug ihm verzweifelt ein paarmal mit der flachen Hand ins Gesicht. Noch einmal pustete ich ihm Luft in den Mund, dann drückte ich mit aller Kraft auf die Stelle, wo ich sein Herz vermutete. Ein Zucken ging durch seinen Körper! Ich legte eine Hand auf sein Herz und atmete erleichtert auf!
"Dein Herz schlägt doch! Los, wach endlich auf, du Blödmann!"
Ich fiel kraftlos neben Hans in den Kies.
In diesem Moment schlug er die Augen auf, röchelte, brach Wasser und Frühstück aus und schaute mich merkwürdig an.
"Das war der genialste Flug meines Lebens", hörte ich ihn röcheln.
Ich warf mich auf Hans und umarmte ihn!
"Mein Gott Hans, ich dachte, du wärst abgekrebelt! Ich bin dir hinterher gesprungen, weil du nicht aufgetaucht bist. Du warst ohnmächtig. Weißt du, wie viel Glück dabei war, dass ich dich unter Wasser gefunden habe? Ich hab dich rausgezogen und dachte, du bist ertrunken."
"Du hast tatsächlich mein Leben gerettet?", fragte er benommen.
"Im Sani-Kurs haben wir über die Mund-zu-Mund-Beatmung gelacht", flüsterte ich. "Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal machen muss."
Hans wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. "Hast du mich etwa geküsst?"
"Quatsch mit Soße! Du wärst jetzt tot, wenn ich's nicht gemacht hätte!"
"Für die Lebensrettung gibt's 'ne Medaille."
"Meinste?"
"Dann erfährt meine Olle zwar, dass ich trotz Stubenarrest Baden war, ist mir aber egal."
Ich schaute in den Himmel. "Das heute bleibt unser Geheimnis", flüsterte ich.
"Du könntest zum Helden erkoren werden. Vergiss das nicht!"
"Ist mir wirklich egal", flunkerte ich.
Und dann beugte sich Hans über mich und meinte: "Stolle, du bist ein echter Freund."
Erst viel später erhoben wir uns und gingen zu dem Gebüsch, an dem das Fahrrad hätte stehen müssen.
Schon vorher rief Hans entsetzt: "Das Rad ist weg! Meine Schwester erschlägt mich!"
Wir suchten ein Weilchen, fanden das Rad aber nicht. Ich stellte jedoch etwas noch Entsetzlicheres fest: "Ich denke, wir haben ein ganz anderes Problem. Siehst du irgendwo unsere Sachen?"
Was soll ich sagen? Wir liefen nackt fast acht Kilometer über die Felder. Am Stadtrand klauten wir zwei alte Handtücher von einer Leine und banden sie uns um. Die verdeckten aber nicht gerade viel.
In Leipzig rannten wir von Hauseingang zu Hauseingang, hielten dabei die Handtücher fest, verstecken uns hinter Litfasssäulen und wurden trotzdem von kopfschüttelnden Leuten begafft.
Hans sagte immer wieder: "Verdammt, ist mir das peinlich."