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Alle Erlebnisse mit meinem besten Freund Hans wiederzugeben, würde eine Ewigkeit dauern. Doch diese Geschichte will ich unbedingt erzählen, denn unser Leben stand damals auf des Messers Schneide und viel hat nicht gefehlt, dass ... - Na ja.
Es war einer von diesen sonnigen, glühendheißen Sommertagen. Hans kam auf einem alten Damenfahrrad zwischen Büschen hindurch angefahren. Ich saß auf dem Gepäckträger und klammerte mich an ihm fest. Die Wege waren staubig und unser Ziel war der Kanal, hinter Schkeuditz. Da gab es eine Stelle, an der man ungestört baden konnte. In der Nähe führte eine Eisenbahnbrücke über den Kanal.
Hans rief: "Eigentlich hab ich Stubenarrest. Wenn meine Mutter wüsste, dass wir zum Baden fahren, könnte ich mich frisch machen. Aber deine Idee mit der Gruppenratsitzung war nicht schlecht."
"Ich glaube, deine Mutter hat es mir geglaubt, als ich dich abgeholt habe", antwortete ich.
Hans stoppte das Fahrrad, ich sprang ab und er schob es den Damm hinauf. Hinter einem Gebüsch ließ er das Rad fallen. "Nach dem Baden muss ich mich wieder dreckig machen. Sonst merkt sie's."
Wir zogen uns nackt aus und rannten zum Wasser. Schreiend stürzten wir uns in die kühlen Fluten und schwammen nebeneinander.
Hans schaute zu der Eisenbahnbrücke hinauf. Er spuckte Wasser aus dem Mund und sprach: "Ich wette, dass du dich nicht traust, von da oben runter zu springen."
Ich blickte ebenfalls hinauf. "Das sind bestimmt zwanzig Meter."
"Was ist, traust du dich?"
"Weiß nicht."
Hans schwamm zum Ufer und rief: "Los, komm schon, Angsthase!"
Was blieb mir übrig, um nicht als Angsthase hingestellt zu werden? Kurz darauf standen wir nebeneinander zitternd auf der Eisenbahnbrücke. Mir war kotz-übel! Vor mir der Abgrund, unten das Wasser und hinter mir das Geländer, an dem ich mich festklammerte.
"Ich habe Angst! Das ist mir zu hoch", flüsterte ich.
Aber Hans kannte keine Höhenangst. "Wenn du nicht springst, schuldest du mir fünfzig Pfennige."
"Fünfzig Pfennige? Bist du verrückt? Das ist ziemlich viel Geld. Aber ich springe da bestimmt nicht runter. Ich glaube, ich rühre mich hier gar nicht mehr weg."
Hans hörte gar nicht auf das, was ich sagte. "Da 'nen Köpper runter machen, das wäre genial. Man fliegt bestimmt ein ganzes Weilchen, bis man unten ist."
"Hör auf, Hans, du bist total verrückt!"
"Ich spring jetzt!", rief er lachend. "Auch wenn ich verrückt bin."
Ich flehte ihn an: "Mach das lieber nicht!"
Hans ließ das Geländer los. Schreiend: "Die Wette gilt!", stürzte er sich kopfüber hinunter. Ich sah, dass er mit Kopf und Rücken auf der Wasseroberfläche aufschlug. Kurz darauf floss das Wasser wieder ruhig dahin. Ich stand oben und schaute erschrocken hinunter. Hans tauchte nicht wieder auf!
"Hans? - Hans, mach keine Scheiße! Hans! - Mein Gott, Hans! Wo bist du? - Bitte tauch auf! - Verdammter Mist, Hans!", schrie ich völlig verzweifelt. Zudem näherte sich mit viel Krach auch noch ein Güterzug der Brücke.
Ich fasste einen Entschluss, den ich nie bereute: Ich ließ das Geländer los und fiel brüllend hinunter. Die Wasseroberfläche näherte sich mit rasanter Geschwindigkeit, ich streckte mich und tauchte mit den Fußspitzen in das Wasser. Etwas schlug mir zwischen die Beine, doch das schmerzhafte Gefühl beachtete ich nicht. Ich riss unter Wasser sofort die Augen auf und suchte tauchend in alle Richtungen. Eine gewaltige Kraft drückte mich an die Oberfläche. Ich tauchte kurz auf, holte tief Luft und schwamm mit kräftigen Zügen hinunter in die dunkle Tiefe. Unter Wasser suchte ich hektisch nach Hans. Plötzlich entdeckte ich ihn besinnungslos zwischen Algen schweben! Ich arbeitete mich zu ihm, umklammerte seinen Oberkörper und zog ihn hinauf zur Oberfläche. Dort schwamm ich auf dem Rücken und zog meinen Freund mit, bis ich nach schwerem Kampf das Ufer erreichte. Ich zog Hans aus dem Wasser und legte ihn am Ufer ab, dann fiel ich neben ihm in den Kies und atmete hektisch.
"So eine verdammte Scheiße, Hans! Wie kannst du mir das bloß antun?", fragte ich, obwohl Hans mich nicht hören konnte.
Ich kniete mich neben ihn, hob seinen Kopf etwas an und drückte seinen Oberkörper weit nach vorn. Er rührte sich nicht. Ich begann zu weinen.
"Hans, das kannst du nicht machen! - Verdammt noch mal, Hans, sag doch was!"
Ich beugte mich über ihn, holte tief Luft und versuchte die Luft in Hans' Mund zu pressen. Die Mund-zu-Mund-Beatmung dauerte ein paar Minuten. Dann kniete ich mich auf ihn und schlug ihm verzweifelt ein paarmal mit der flachen Hand ins Gesicht. Noch einmal pustete ich ihm Luft in den Mund, dann drückte ich mit aller Kraft auf die Stelle, wo ich sein Herz vermutete. Ein Zucken ging durch seinen Körper! Ich legte eine Hand auf sein Herz und atmete erleichtert auf!
"Dein Herz schlägt doch! Los, wach endlich auf, du Blödmann!"
Ich fiel kraftlos neben Hans in den Kies.
In diesem Moment schlug er die Augen auf, röchelte, brach Wasser und Frühstück aus und schaute mich merkwürdig an.
"Das war der genialste Flug meines Lebens", hörte ich ihn röcheln.
Ich warf mich auf Hans und umarmte ihn!
"Mein Gott Hans, ich dachte, du wärst abgekrebelt! Ich bin dir hinterher gesprungen, weil du nicht aufgetaucht bist. Du warst ohnmächtig. Weißt du, wie viel Glück dabei war, dass ich dich unter Wasser gefunden habe? Ich hab dich rausgezogen und dachte, du bist ertrunken."
"Du hast tatsächlich mein Leben gerettet?", fragte er benommen.
"Im Sani-Kurs haben wir über die Mund-zu-Mund-Beatmung gelacht", flüsterte ich. "Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal machen muss."
Hans wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. "Hast du mich etwa geküsst?"
"Quatsch mit Soße! Du wärst jetzt tot, wenn ich's nicht gemacht hätte!"
"Für die Lebensrettung gibt's 'ne Medaille."
"Meinste?"
"Dann erfährt meine Olle zwar, dass ich trotz Stubenarrest Baden war, ist mir aber egal."
Ich schaute in den Himmel. "Das heute bleibt unser Geheimnis", flüsterte ich.
"Du könntest zum Helden erkoren werden. Vergiss das nicht!"
"Ist mir wirklich egal", flunkerte ich.
Und dann beugte sich Hans über mich und meinte: "Stolle, du bist ein echter Freund."
Erst viel später erhoben wir uns und gingen zu dem Gebüsch, an dem das Fahrrad hätte stehen müssen.
Schon vorher rief Hans entsetzt: "Das Rad ist weg! Meine Schwester erschlägt mich!"
Wir suchten ein Weilchen, fanden das Rad aber nicht. Ich aber stellte noch etwas Entsetzlicheres fest: "Ich denke, wir haben ein ganz anderes Problem. Siehst du irgendwo unsere Sachen?"
Was soll ich sagen? Wir liefen nackt fast acht Kilometer über die Felder. Am Stadtrand klauten wir zwei alte Handtücher von einer Leine und banden sie uns um. Die verdeckten aber nicht gerade viel.
In Leipzig rannten wir von Hauseingang zu Hauseingang, hielten dabei die Handtücher fest, verstecken uns hinter Litfasssäulen und wurden trotzdem von kopfschüttelnden Leuten begafft.
Hans sagte immer wieder: "Verdammt, ist mir das peinlich."
Und ich meinte: "Hoffentlich ist Jürgen nicht da."
Endlich erreichten wir unseren Hauseingang und schlüpften in den Hausflur.
Jürgen war zum Glück nicht da. Oben gab ich Hans eine Hose und ein Hemd von mir.
"Bring die Sachen morgen in die Schule mit! Dann merkt's meine Mutter nicht."
"Hoffentlich sieht mich meine nicht, wenn ich mich reinschleiche."
"Mann, war das ein Tag!", sagte ich. Plötzlich musste ich Hans umarmen und um ein Haar hätte ich ihn noch mal geküsst. "Ich bin so froh, dass du mich nicht verlassen hast! Ich wäre kaputt gegangen, ohne dich."
"Ich werd doch meinen besten Freund nicht verlassen", erwiderte Hans lächelnd.

Ich hatte eine heimliche Liebe. Weißt du, wie sie hieß? - Musik. Meine heimliche Liebe war das Singen.
Die Kinder aus meiner Klasse saßen ruhig da - ich natürlich neben Hans und hinter mir saß Peter. Unsere Lehrerin, die Frau Schlüsselmann, war dreißig und zeichnete an der Tafel Noten und Notenschlüssel. Ich war bestimmt der einzige Junge, dessen Lieblingsfach nicht Sport war. Obwohl ich Sport auch gern mochte. Vielleicht lag es an unserer Lehrerin, die dieses Fach unterrichtete, vielleicht lag es auch - wie mir später bescheinigt wurde - an meiner Veranlagung. Das Fach hieß Musik und keiner meiner Freunde verstand, warum ich gerade dieses Fach so mochte.
"Heute behandeln wir die Tonleiter in C-Dur. Wer kann mir die Namen der Noten nennen?", fragte Frau Schlüsselmann.
Ich meldete mich und sie nickte mir zu.
"C - D - E - F und G - A - H - C", meinte ich.
"Das ist richtig, Henry - sehr gut! Kannst du die Töne auch singen?"
Mein Gesicht wurde rot, ich schaute kurz zu Hans, der grinsend auf seinem Platz saß und die Augen verdrehte. "Singen? Muss das sein?", fragte ich laut.
Die Klasse lachte.
"Sagen wir, die Bezeichnung der Noten war eine halbe Eins. Triffst du die Töne, dann ist es eine ganze", versuchte mich Frau Schlüsselmann zu überzeugen.
"Wie soll ich denn eine Tonleiter singen?"
"Ganz einfach", sagte sie. "Jeder Ton ist ein La. Wirklich ganz einfach."
Ich schwitzte und hustete, dann sang ich in den passenden Tönen mit klarer Stimme, die Lehrerin mit den Augen fixierend. "La, la, la, la ... la, la, la, la."
Ich spürte, sie war begeistert! "Das war eine Eins! Du hast einen angenehmen Knabensopran, Henry, mal sehen, was nach deinem Stimmbruch davon übrig ist. - Du kannst dich setzen!"
Das machte ich mit knallrotem Gesicht, lächelt jedoch ebenfalls.
Nach der Schule hüpfte ich neben Hans und Peter durch Leipzig.
"Du hast einen sehr angenehmen Knabensopran. - Ich glaube, die Schlüsselmann ist verknallt in dich", sagte Hans.
Peter lachte. Dann meinte er: "Ich glaube eher, der Stolle ist in die Schlüsselmann verknallt, so wie der sich bei ihr einschleimt."
"Na und?", sagte ich. "Es macht mir Spaß."
Peter wendet sich in eine Nebenstraße ab. "Tschüss bis morgen!"
"Tschüss!", rief Hans.
"Machs gut, Peter!", meinte ich.
"Machs besser, Stolle!", antwortete Peter.
Hans und ich gingen langsam weiter, bis Hans fragte: "Es macht dir Spaß, dass die Schlüsselmann in dich verknallt ist?"
"Quatsch mit Soße! Das Singen macht mir Spaß!"
"Mir wäre das peinlich. - Singen ..." Hans blieb an seiner Haustür stehen. "Treffen wir uns heute noch?"
"Weiß nicht. Jürgen ist zu Hause, um mich zu beschäftigen. Mama macht wieder Schule in Berlin."
"Na dann, mach's gut, Stolle."
"Machs besser, Hans." Er verschwand in dem Haus. Ich lief weiter und pfiff dabei die Tonleiter. Plötzlich hörte ich wie vom Himmel den Gesang eines Kinderchores. Ich blieb stehen und lauschte. Er kam aus einer riesigen Kirche, die ich noch nie betreten hatte. Ich näherte mich dem Portal, die große Tür stand offen. Also schlich ich in die dunkle Kirche. Vor der Empore standen ein paar Kinder. Ringsherum brannten große Kerzen. Ein Pfarrer, der im schwarzem Gewand dirigierte, stoppte den Gesang und gab Hinweise. Ich setzte mich auf eine Kirchenbank. Einige der Jungen vorn beobachten mich und lachten.
Der Pfarrer sah mich nun ebenfalls. "Sieh an, wir haben einen Gast. Komm doch zu uns!"
Ich erhob mich und lief zwischen den Kirchenbänken hindurch nach vorn.
Der Pfarrer lächelte und fragte: "Willst du nur hören oder möchtest du teilnehmen? - Und verrätst du mir deinen Namen?"
Ich holte tief Luft. "Henry Stollmann! Die meisten nennen mich Stolle. Darf ich denn?"
"So, so, Stolle", meinte er. "Mein Name ist Pfarrer Willing. - Was möchtest du dürfen - Stolle?"
"Teilnehmen möcht ich gern dürfen, Herr Willing."
"In der Kirche sagt man Herr Pfarrer. - Kannst du denn Noten lesen?" Er flüsterte weiter und zeigte auf die anderen Jungen im Chor. "Die meisten von denen können nur Noten raten."
"Vielleicht kann ich es ein bisschen, Herr Pfarrer. Vom Musikunterricht."
Er gab mir ein Notenblatt. "Wirklich? - Gut. Dann macht mal ein bisschen Platz, Jungs! Stolle will teilnehmen dürfen." Und zu mir meinte er: "Du gibst den ersten Ton an. Komm, komm, reih dich ein! Die dritte Seite ... Ja, die! Ein Lied von Ernst Gebhardt. Kommt, stimmed alle jubelnd ein ... "
Ich sah die erste Note und gab, wie im Musikunterricht, ein "Laaah" von mir.
Plötzlich begannen alle, zu singen. Pfarrer Willing dirigierte voller Freude und lächelte mich dabei an. Das Singen gefiel mir, es klang wunderschön, wenn sich die vielen einzelnen hohen Stimmen zu einem Chor vereinten. Den Text kann ich heute noch: "Kommt, stimmet alle jubelnd ein: / Gott hat uns lieb! / Freut euch in seinem Gnadenschein: / Gott hat uns lieb! / Die ihr in Sünden schlaft, erwacht! / Suchet, was euch nun selig macht! / Hin ist die bange Todesnacht! / Gott hat uns lieb! / Gott hat uns lieb! / Gott hat uns lieb! / Kommt, stimmet alle jubelnd ein: / Gott hat uns lieb! ..."
Nach der Probe brachte mich der Pfarrer zum Ausgang. Die anderen Jungen aus dem Chor gingen schnatternd vorüber, während er fragte: "Und du bist nicht getauft?"
"Nicht dass ich wüsste, Herr Pfarrer", antwortete ich. "Singt man denn besser, wenn man getauft ist?"
"Nein, man singt deswegen nicht besser. - Und du hast bisher nie in einem Chor gesungen?"
"Ganz bestimmt nicht, Herr Pfarrer. Es war das erste Mal heute."
"Wir proben jeden Mittwoch um diese Zeit. Ich würde mich sehr freuen, wenn du wiederkommst, Stolle. Du hast eine gute Singstimme." Er lächelte.
"Ich weiß, ich hab einen angenehmen Knabensopran. Und ich darf wieder herkommen, obwohl ich nicht getauft bin?"
"Notfalls kann ich die Taufe nachholen", erklärte er. "Das bleibt aber unser Geheimnis, verstanden?"
"Aber klar doch, Herr Pfarrer! Großes Pionierehrenwort!", rief ich, als ich davon hüpfte. Und auf dem Heimweg sang ich: "Kommt, stimmet alle jubelnd ein: Gott hat uns lieb!"

Einige Zeit darauf waren mir im Zuge einer nicht enden wollenden Pechsträhne meine Pfennige ausgegangen. Also brauchte ich eine besonders gute Wette, die ich natürlich auch gewinnen musste. Mein Freund Peter half mir dabei, die Einsätze hochzutreiben, denn die Wette, die er vorschlug, grenzte ans Unmögliche. Zudem geschah es unmittelbar vor einer Unterrichtsstunde bei Frau Schlüsselmann.
Peter sagte: "Ich wette mit euch, dass STOLLE es nicht schafft, der Schlüsselmann vor der ganzen Klasse einen Kuss zu geben!"
Hans und ich sahen Peter wenig begeistert an.
"Du wärst ja schön blöd, Stolle, wenn du das tun würdest", sagte Hans.
Ich dachte einen Moment lang nach und meinte dann: "Jürgen sagt immer: Als Held wird man nicht geboren. Um ein Held zu werden, muss man hart arbeiten. - Wohin müsste ich sie denn küssen?"
Peter zuckte mit den Schultern. "Ist mir völlig egal!"
"Na mindestens ins Gesicht", sagte Hans.
"Wohin denn sonst?", fragte ich. "Und wie hoch wäre euer Einsatz?"
Peter schlug vor: "Zehn ... zehn Pfennige?"
Ich tippte ihm gegen die Stirn. "Bist du blöd? Denkst du wirklich, ich riskiere mein Leben wegen zehn lächerlichen Pfennigen? Zu Hause werde ich in einem Kerker eingesperrt! Jürgen wird mich vierteilen und anschließend aufhängen und erschießen, wenn er davon erfährt!" Ich holte sehr tief Luft, um die Dramatik zu verstärken. "Ich schlage deshalb vor, wenn ich's in dieser Stunde schaffe, der Schlüsselmann einen Kuss zu geben, bekomm ich von jedem von euch fünfundzwanzig Pfennige. Schaff ich's nicht, kriegt jeder von euch zehn von mir. - Aber erst, wenn ich darüber verfüge!"
Hans schluckte. "Fünfundzwanzig? - Nee, vergiss es!"
"Mensch, Hans! Ich küss sie auf den Mund. Großes Pionierehrenwort! - Los, schlagt ein!" Ich hielt eine Hand hin. Zögernd schlugen die beiden Freunde ein.
Die Schulglocke läutete und Frau Schlüsselmann betrat das Klassenzimmer. Wir sahen alle drei zu ihr. Hans verdreht die Augen und deutet einen Kuss mit den Lippen an.
Peter flüsterte: "Die Wette gilt! Du hast fünfundvierzig Minuten. Das schaffst du nie im Leben!"
Ich kämmte mir eilig die Haare und steckte den Kamm zurück in die Gesäßtasche meiner Hose.
Hans zeigt mir einen Vogel. "Jetzt übertreibst du aber."
Ich griente ihn an. "Es soll ihr doch schließlich nicht unangenehm sein."
Hans verdeckte sein Gesicht mit den Händen und stöhnte.
In diesem Moment rief Frau Schlüsselmann: "Alle stehen an ihren Plätzen!"
Ein Mädchen ging nach vorn zur Lehrerin, während sich alle anderen Schüler neben ihre Plätze stellten. Als Ruhe eingekehrt war, drehte das Mädchen sich zur Lehrerin und rief: "Frau Schlüsselmann, ich melde, die Klasse Drei A ist zum Unterricht bereit."
Dann sagte unsere Lehrerin: "Seid bereit!"
Und alle aus der Klasse antworteten mit dem Pioniergruß: "Immer bereit!"
Jetzt durften wir uns endlich setzen.
So ganz bereit war ich aber noch nicht. Mir ging es durch und durch, als ich sie so betrachtete. Was würden die anderen denken, wenn ich ... Wie würde die Schlüsselmann reagieren, wenn ich ... Wie sollte ich überhaupt an sie rankommen? Ich schwitzte mächtig und beobachtete aufgeregt ihre roten Lippen, die ich auf den Punkt treffen musste. Einen Moment lang hatte ich den Wunsch, die Wette einfach sausen zu lassen, doch dann sah ich fünfzig silberne Pfennige vor mir, die mich zu einem der reichsten Jungen unserer Klasse machen würden. - Ich musste es tun! - Doch wie? - Während ich nach einer Lösung meines Problems suchte, kam mir der kleine Trompeter zu Hilfe.
"So, liebe Kinder, dann wollen wir mal sehen, wer das neue Stück ordentlich gelernt hat! Wer will freiwillig das ganze Lied 'Unser kleiner Trompeter' singen?", fragte die Lehrerin.
Wie immer meldete sich keiner freiwillig. Alle sahen Frau Schlüsselmann abwartend an.
"Gut, Hans, dann machst du den Anfang."
Hans stand errötend auf und ging nach vorn. Sofort begann er mit heiserer Stimme, fast ohne Ton und Melodie zu krächzen: "Von all unsern Kahameraden / war keiner so gut und so lieb ..."
Frau Schlüsselmann unterbrach Hans. "Gut, gut, gut, Hans, setz dich wieder! Du kannst singen, wenn deine Erkältung abgeklungen ist."
Hans ging grinsend zu seinem Platz und setzte sich. Die Lehrerin blickte in die Runde und mustert mich, worauf ich meinen Arm hob.
"Schön, wenigstens einer hat Mut. Dann macht Henry wie immer den Anfang. Aber keine Angst, ihr anderen seid alle noch dran. - Henry komm her!"
Ich schälte mich aus meiner Schulbank und ging nach vorn, wo ich mich neben den Lehrertisch mit dem Gesicht zur Klasse hinstellte. Mit drei Blicken betrachtete ich: die Lippen der Lehrerin, das grinsende Gesicht von Hans und den angespannten Peter, der an den Fingernägeln knabbert. Frau Schlüsselmann setzt sich wieder an den Lehrertisch, so dass sie mich von der Seite sehen konnte. Sie nickte mir zu. Ich begann zu singen und sang besonders ausdrucksstark. Ich beachtete all die Dinge, die mir Pfarrer Willing während meiner heimlichen Chorbesuche in der Kirche erklärt hatte. Ich machte aus dem Lied ein melodramatisches Ereignis, für meine Klasse und vor allem für meine Lehrerin. So wollte ich erreichen, dass sie nicht böse auf mich sein könnte, egal was ich anstellen würde. Inbrünstig sang ich: "Von all unsern Kameraden war keiner so lieb und so gut|: wie unser kleiner Trompeter, ein lustiges Rotgardistenblut, :| Wir saßen so fröhlich beisammen in einer gar stürmischen Nacht.|: Mit seinen Freiheitsliedern hat er uns glücklich gemacht.:| Da kam eine feindliche Kugel bei einem fröhlichen Spiel;|: mit einem seligen Lächeln unser kleiner Trompeter, er fiel.:| Da nahmen wir Hacke und Spaten und gruben ihm morgens ein Grab,|: und die ihn am liebsten hatten, sie senkten ihn stille hinab.:| ..." Während ich sang, beobachtete ich das Gesicht von Frau Schlüsselmann und sah, dass eine Träne aus ihrem rechten Auge trat. Und während ich die letzte Strophe voller Hingebung sang, lief diese Träne über ihre glatte, leicht gerötete Wange hinab, um schließlich an einer kontrastreich geschminkten Lippe auszuharren. "Schlaf wohl, du kleiner Trompeter, wir waren dir alle so gut!|: Schlaf wohl, du kleiner Trompeter, du lustiges Rotgardistenblut." Ich war am Ende des Liedes angekommen. Die Klasse schwieg.
Ich atmete tief ein und wieder aus. Jetzt oder nie! Ich drehte mich zu ihr, die kein Wort sagte, um, fand die wartende Träne an ihrer Lippe, beugte mich hinab und näherte mich ihrem Gesicht. Ein Hauch nur waren meine Worte, die ich mit einem aufmunternden Lächeln von mir gab: "Sie haben da eine Träne, Frau Schlüsselmann." Und dann küsste ich meiner Lehrerin die Lippen und damit die Träne weg. "Sehen Sie, jetzt ist sie verschwunden. - War ja gar nicht so schlimm, ist doch nur ein Lied gewesen", hauchte ich.
Mit weichen Knien ging ich zurück an meinen Platz, setzte mich und blickte sie zufrieden und erwartungsvoll an. Die ganze Klasse schwieg betroffen. Frau Schlüsselmann schaute mich ein Weilchen durchdringend an. Mir war, als wäre ein Engelschein durch ihr Gesicht gehuscht. Dann aber hüstelte sie, wischte sich flüchtig über den Mund, schlug das Klassenbuch auf und schrieb Zensuren ein. "Textbeherrschung - Eins. Melodie - Eins. Ausdruck - Eins. Betragen - Fünf. - Wer will als nächstes Singen?" Mehr sagte sie nicht.
Ich saß grinsend wie ein Honigkuchenpferd auf meinem Stuhl, während Hans das Gesicht in den Armen versteckte. Ich schwebte auf Wolke Sieben und darüber! Die Fünf in Betragen störte mich nicht im Geringsten! Ich hatte meine Wette gewonnen, mein Pionierehrenwort eingelöst und ihre roten Lippen auf den Punkt getroffen! Und ganz nebenbei: So schlecht war es nicht! Ich wurde ein Held, ein großer, über den man sprach, fast so heldenhaft, wie die Helden in den besten DEFA-Filmen!

Zwei Monate war Mama in Berlin. Ich möchte nicht darüber reden, was Jürgen in dieser Zeit mit mir anstellte, schließlich brachte ich an jedem zweiten Tag einen Eintrag mit nach Hause, den er unterschreiben musste.
Doch nun standen wir - Jürgen, Renate und ich - im Flur unserer Wohnung und warteten, dass Mama eintreten würde, die ein älterer Genosse mit dem Auto aus Berlin mitgebracht hatte.
Die Tür ging auf und Mama kam rein. "Da bin ich wieder! Hach, war das anstrengend, jeden Tag die Schule. - Na, nun bin ich endlich zu Hause. Und, meine Süße, war der Papi lieb mit dir?"
Renate nickte und sprang an Mama hinauf. "Ja, Mami."
Mama stellte Renate auf den Boden und küsste Jürgen lange.
Dann endlich begrüßt sie mich, da ich wartend herumstand. "Na, mein Großer, und was hast du so ausgefressen, als ich in Berlin war?"
Jürgen hob den Koffer hoch.
Ich lächelte und griff nach Mamas Hand. "Ich singe jetzt in einem Chor", sprach ich stolz.
"In der Schule? Das ist aber schön. Hat eure Pionierleiterin einen Chor gegründet?"
Ich druckste etwas herum. "Nein, Mami! Ich singe in einem Kirchenchor."
Mama lächelt plötzlich nicht mehr.
Jürgen ließ den Koffer fallen und fragte: "Wo - bitte schön - singst du?"
Ich hielt meine Arme schützend vor das Gesicht. "In einem Kirchenchor. Und der Pfarrer sagt, ich hab die beste Stimme!"
Jürgen holte mit der Hand aus, die Mama jedoch festhielt und schrie: "Das ist mir völlig egal, was der sagt! Umerziehen wollen die dich! - Ja bist du denn wahnsinnig? - Wenn das meine Parteileitung erfährt!"
"Aber ich ...", ... habe doch kein Verbrechen begangen - wollte ich sagen. Ich hätte nie gedacht, dass ihn das so aufregen würde. Ich sang doch nur in einem Chor!
"Das hat ein für alle Mal ein Ende!", brüllte Jürgen und Renate fing an zu weinen. "Das fehlte noch! Der Sohn des FDJ-Bezirkssekretärs singt in einem Kirchenchor! Bist du denn völlig verblödet? Willst du mich denen ans Messer liefern? Du sollst dein Gehirn einschalten!"
Ich ging sicherheitshalber einige Schritte zurück. "Was ist denn daran so schlimm? Wir singen doch bloß! Und es macht mir Spaß! Das kannst du mir nicht auch noch verbieten! - Das bitte nicht!" Ich rannte zur Tür meines Kinderzimmers, öffnete sie und schmiss sie dann mit voller Wucht zu.
Jürgen riss sie gleich wieder auf. "Und ob ich das kann! Ich will nie wieder hören, dass du dich irgendeiner Kirche auch nur näherst!" Dann warf er die arme Tür noch einmal derb zu.
Ich lag auf meinem Bett und weinte Krokodiltränen.
Und ob er das konnte ... Jürgen ließ mich nach der Schule beschatten und ich merkte nichts davon!
Mittwoch drauf wollte ich in die Kirche zu meinem Chor, da hielt mich der Abschnittsbevollmächtigte fest und sagte, ich dürfte die Kirche nicht betreten, sonst müsste er mich verhaften und meinem Vater übergeben. Rachegedanken durchfegten meinen Kopf. Doch gegen Jürgen hatte ich noch nicht die geringste Chance. Er war größer, stärker und wahrscheinlich auch noch etwas klüger als ich.
Ich weiß selbst, dass ich damals ein sehr - sagen wir - lebensfrohes Kerlchen war. In der Schule waren sie froh, wenn es zum letzten Mal geläutet hatte und die Lehrer mich nach Hause schicken konnte. Manchmal belasteten sie sich selbst, indem sie mich nachsitzen ließen.
Ich lernte die Hinterhöfe unseres Viertels kennen, wir spielten Fußball, ärgerten alte Leute und bettelten in den kleinen Läden um Süßigkeiten. Damit wir die Ladenbesitzer in Ruhe ließen, bekamen wir oft welche. Wir fragten nach Kuchenrändern und klauten Zigaretten und Zigarren, die wir heimlich und mit bleichen Gesichtern rauchten. Aber wir halfen auch, wenn Not am Mann war, beteiligten uns mit größtem Einsatz an Schrottsammelaktionen und anderen Pioniereinsätzen, die uns Spaß machten.
In der Stadt wurden die Häuser in Ordnung gebracht, wenigstens so, dass man darin wohnen konnte. Nach und nach verschwand ein Großteil der Kriegsruinen. Viele neue Häuser wurden gebaut.

Als ich etwa zehn war, dummerweise mitten im Winter, wetteten meine Kumpel mit mir, dass ich es nicht schaffen würde, fünf Haltestellen auf der letzten Kupplung einer Straßenbahn mitzufahren.
Die Bimmel wackelte schrecklich. Bereits im Depot setzte ich mich auf die Kupplung und versuchte mich an einem eiskalten Kabel festzuhalten. Die Zähne biss ich zusammen und machte mich ganz klein. Die Leute waren damit beschäftigt, nicht auf die Nasen zu fallen, denn es war ziemlich glatt. Ich kämpfte mit mir! Meine Freunde hatten sich entlang der Strecke verteilt und rannten immerzu neben der Bimmel her, bis sie auf dem Gehsteig ausrutschten oder das Tempo nicht halten konnten. Ich fror erbärmlich, meine Finger klebten an dem Kabel fest, denn Handschuhe hatte ich nicht an. Ich habe es vier und eine halbe Haltestelle geschafft, dann fuhr die Bimmel so blöd über eine Weiche, dass ich von der überfrorenen Kupplung rutschte, mit der Stirn auf das Kopfsteinpflaster fiel und anschließend von einer AWO angefahren wurde, deren Fahrer ebenfalls stürzte und mir noch ein paar weitere Schrammen zufügte. Er und sein Motorrad trugen zum Glück keine großen Schäden davon.
Da saß ich, zitternd und mit dickem Kopfverband im Büro der Volkspolizei, mir war schlecht und ich hatte Schmerzen.
"Hast du denn gar kein Gehirn im Kopf?", fragte mich ein Uniformierter und warf mir böse Blicke zu.
Ich schluckte. Wenn ich noch welches im Kopf hatte, dann war es durch den Sturz mächtig durcheinandergeraten. "Es war doch nur eine Wette ...", murmelte ich. "Sie müssen sich doch nicht aufregen, Sie haben sich ja nicht wehgetan.
"Eine Wette? Hast du gewettet, dass du dabei stirbst, Bengel? Du kannst dich bedanken, dass du diesen Vater hast. Sonst ..."
"Er ist nicht mein richtiger Vater!", schrie ich und hielt mir gleich den brummenden Kopf.
Jürgen nahm mich wie einen leblosen Gegenstand in Empfang, würdigte mich zunächst keines Blickes.
"Es wäre mir sehr angenehm, wenn die Sache nicht an die Öffentlichkeit gerät, Genossen", sprach er zu einem der Volkspolizisten. "Dann können Sie fest mit meiner Unterstützung rechnen, sollte es hier mal Probleme geben!"
"Wir werden schweigen, Genosse! Außerdem ist er ja nicht ihr richtiger Sohn ..."
Ich wurde Empfänger eines vernichtenden Blickes. Dann zog Jürgen mich an meinem Ohr mit sich, dass mein ganzer Kopf noch mehr schmerzte und ich das Gefühl hatte, das Ohr würde jeden Moment abreißen.
Die Prügelstrafe, die ich am gleichen Tag erhielt, ließ mich die Schmerzen der genähten Platzwunde meines Kopfes vergessen. Es waren Schläge, die ich ihm wirklich übelnahm. Ich fühlte mich nicht nur körperlich schwer verletzt. Vier und eine halbe Haltestelle! Das sollte er mir doch erst einmal nachmachen!

Ich bekam es nun häufig zu spüren, dass Jürgen eine sozialistische Persönlichkeit darstellte. Einige Leute schleimten mit mir herum, überhäuften mich mit gespielter Freundlichkeit und manchmal mit Geschenken, dass es mir unangenehm war. Andere Erwachsene ließen mich links liegen und verboten ihren Kindern, mit mir zu spielen.
Mich beschäftigten nach der Straßenbahnwette nur zwei Gedanken: Erstens, wie konnte ich mich so richtig dolle an Jürgen rächen, und zweitens, wie würde ich eine neue Wette finden, um den mir zustehenden Heldenplatz in unserer Gruppe wieder einzunehmen.
Die Gelegenheit sollte kommen.

Drei Monate später ging ich - wie es fast alle Söhne dieser Stadt mussten - mit meinem Stiefvater zur großen Maidemonstration am ersten Mai. Es passierte immer das Gleiche: Wir trafen uns in der Georg-Schumann-Straße mit den Leuten von der FDJ-Bezirksleitung.
Jürgen drückte mir ein Schild in die Hand, mit den Worten: "Trag es voller Stolz!" Ich wusste, dass ich wieder schwer daran zu tragen hatte, denn der Marsch war lang und die Erwachsenen nahmen sich viel Zeit.
In jenem Jahr trug ich ein Bild von Wilhelm Pieck, dem Staatspräsidenten der DDR. Ich hatte meine weiße Pionierbluse an und Mutti hatte mir das blaue Halstuch der Jungpioniere umgebunden. Jürgen lief ganz vorn, in der ersten Reihe, denn er trug ein großes Transparent. Dann stellten wir uns in der Georg-Schumann-Straße auf, viele, viele Menschen. Immer kamen viele Menschen zusammen, weil es Pflicht war, zu erscheinen. Auch die Schulen marschierten. Und auch die Betriebe.
Es war ein sehr warmer Maitag. Dieser Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse ...
Anfangs lief ich vorn mit, dann wurde mir Wilhelm Pieck zu schwer, ich ließ mich zurückfallen und zog das Schild auf dem Boden hinter mir her. Unser großer Präsident Wilhelm Pieck schleifte durch den Dreck, und niemand hatte es bemerkt!
Ich hob das Schild erst wieder hoch, als wir an der Tribüne mit den vielen alten Männern vorüberkamen. Die hatten alle rote Nelken und einer rief, als er meine noch weiße Pionierbluse leuchten sah, laut in ein Mikrofon: "Für Frieden und Sozialismus - seid bereit!"
Ich hatte keine Hand frei, um zurückzugrüßen. Deshalb murmelte ich lediglich ein "Immer bereit", das unmöglich jemand gehört haben konnte. Außerdem war ich in diesem Moment nicht immer bereit. Ich hatte Hunger, Durst und schwitzte schrecklich.
Irgendwann war die Schinderei vorbei. Die Schilder wurden wieder eingesammelt, für das nächste Jahr. Wir gingen nach Hause, um Mittag zu essen. Nachmittags durfte ich die Pionierbluse noch nicht ausziehen, auch wenn sie dann am Abend alles andere als weiß war.
Jürgen schleppte mich mit in den Gartenverein. Mama durfte da nicht mit, außerdem musste sie sich um meine Schwester kümmern. Vor die Vereinsklause hatten sie viele Stühle gestellt, es wurde auch Musik von einem Akkordeonspieler präsentiert, die im Laufe des Nachmittags immer seltener erklang, weil der Mann mit Biertrinken beschäftigt war.
Zwei Stunden später waren die meisten Erwachsenen besoffen, Jürgen schluckte immer ziemlich viel an diesem Tag.
Ich hatte natürlich meine Freunde dabei. Wir spielten zunächst Fußball auf einer nahegelegenen Wiese. Ich war der einzige in Pionierbluse, die schon ziemlich mitgenommen aussah. Mit dem blauen Halstuch wischte ich mir den Schweiß von der Stirn.
Irgendwann liefen wir zur Gartenklause zurück, denn dort gab es kalte rote Fassbrause, die nichts kostete. Und wir hatten großen Durst. Von den erwachsenen Männern konnte kaum noch einer gerade gehen und wir machten uns über sie lustig.
Die Sonne meinte es mit den Arbeitern wirklich gut. Sie schien ununterbrochen, als wäre am ersten Mai der Hochsommer angebrochen.
Nachdem wir unsere Fassbrause getrunken hatten, musste ich mal. Als ich dies feststellte, kam mir die geniale Idee. Die Zeit war gekommen, meine Wettschulden auszugleichen und Rache an Jürgen zu nehmen. Also rief ich meine Freunde zusammen.
Ich gruppierte sie um mich, als wollte ich eine Rede halten. "Leute, ich schlage euch eine Wette vor! Ihr müsst aber hoch und heilig versprechen, dass ihr absolut niemandem etwas verratet!"
"Und um was wollen wir wetten, Stolle?", fragte mein bester Kumpel Hans.
"Ich hab da schon 'ne Idee", grinste ich und sprach leise weiter. "Ich wette, dass wenn wir alle in ein Bierglas pinkeln und es meinem Vater vor die Nase stellen, dass der es austrinkt, ohne zu merken, was er trinkt!"
Die anderen Jungen riefen zunächst "Iihh!", doch dann waren sie plötzlich begeistert. "He, das ist die beste Wette, die wir bisher hatten!"
"Aber ...", meinte ich, "die ist nicht ungefährlich, wenn er es doch merkt, bin ich so was von fällig ..."
"Sag schon, Stolle!", forderte Hans.
"Also", legte ich fest, "wenn er unser Pipi trinkt, dann bekomme ich von jedem von euch zwanzig einzelne Pfennige! Trinkt er's nicht, kriegt jeder fünf von mir!", schlug ich vor.
Hans hielt mir sofort die Hand hin. Und die anderen taten es ihm gleich. "In Ordnung, Stolle! Er muss das Glas aber ganz leer trinken. Die Wette gilt." Alle schlugen ein.
Hans übernahm es, ein leeres Bierglas vom Tisch zu klauen, dann verzogen wir uns hinter eine Hecke. Wir waren fünf Jungen und hatten alle viel Fassbrause getrunken. Wir zielten genau und das Glas war blitzschnell voll.
"Los, stell es ihm hin, bevor der Schaum weg ist!", legte Hans fest.
Ich ergriff das Glas, versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, hielt es weit weg von meinem Körper und mischte mich unter die Leute, die nicht bemerkten, was ich vorhatte. Der Moment war günstig. Jürgen war gerade zum großen Komposthaufen geschwankt, um selbst zu pinkeln, ich stellte das Glas auf den Bierdeckel, nahm sein halbvolles Bierglas mit und verschwand unauffällig hinter der Hecke.
Meine Freunde saßen erwartungsvoll grinsend auf einem hölzernen Karussell, von hier konnten wir Jürgens Platz wunderbar einsehen. Ich setzte mich zu ihnen und wir tranken nacheinander das Bierglas leer und gafften gespannt.
Dann kam mein Stiefvater endlich zurück. Er musste sich an einem Geländer festhalten und an verschiedenen Klappstuhllehnen. Überall klopfte er den Leuten auf die Schultern, um zu zeigen, wie gut es ihm ging. Endlich saß er wieder auf seinem Platz. Vor sich das bewusste Glas.
Mein Herz klopfte, als wollte es zerspringen. "Hoffentlich ist es ihm nicht zu warm ...", raunte ich.
"Die Fassbrause war doch eiskalt", beruhigte mich Hans.
Ich nickte, meine Hände zitterten. Die Spannung war kaum zu überbieten.
Nun endlich griff mein Stiefvater nach dem Glas, nahm einen kräftigen Schluck. Als er das Glas wieder abstellte, war es zu einem Drittel geleert. Er schüttelte sich zwar ein wenig, doch dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Lippen, nahm eine Juwel aus der Zigarettenschachtel und rauchte in aller Ruhe.
In diesem Moment völlig überflüssig, kam der dicke Wirt der Vereinskantine heraus. Mein Stiefvater rief ihn lallend zu sich und zeigte auf das bewusste Bierglas. Wir hielten die Luft an, obwohl wir kein Wort verstehen konnten. Mein Herz wollte bereits zerspringen, meine Hände verkrampften sich an den Sitzholmen des Karussells. Ich sah meine Pfennige sich in Luft auflösen und wie Seifenblasen zerplatzen!
Gustav, der Wirt, stemmte das Glas kurz hoch, nahm einen kräftigen Schluck, ließ das, was er für Bier hielt, von einer Backe in die andere laufen und schluckte es hinunter. Wir verzogen grinsend unsere Gesichter und rümpften die Nasen.
Der dicke Wirt stellte das Glas auf den Pappdeckel zurück und machte mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand einen Kreis. Exzellent.
Jürgen winkte ab und wäre dabei fast rückwärts vom Stuhl gekippt. Er bestellte wahrscheinlich noch einen Braunen, dann setzte er das Bierglas erneut an die Lippen.
Ich ließ die angesammelte Luft raus.
Er trank und schluckte, schluckte und trank.
Hans saß mit offenem Mund da, ihm fiel das leere Bierglas aus der Hand, das wir meinem Stiefvater ersetzt hatten.
Zehn Minuten später bekam ich hinter dem Gebüsch jeweils zwanzig Pfennige von meinen Freunden.
Wir redeten noch lange darüber. Und die Jungs, die dabei waren, die grinsten Jürgen mächtig angeekelt an, wenn sie ihn trafen. Doch weder Hans noch Peter haben mich jemals verraten.
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